Wilhelm Genazino : Ein Regenschirm für diesen Tag

Ein Regenschirm für diesen Tag
Ein Regenschirm für diesen Tag Carl Hanser Verlag, München / Wien 2001
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 46-jährige Ich-Erzähler verdient ein wenig Geld, indem er Luxushalbschuhe zur Probe trägt, damit durch die Stadt flaniert und anschließend Gutachten darüber schreibt. Diese Tätigkeit kommt seinem Bedürfnis entgegen, das Leben aus der Distanz zu beobachten. Dabei nimmt er sich aber auch die Zeit, selbst bei alltäglichen Begebenheiten etwas länger hinzuschauen.
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Kritik

Wilhelm Genazino erzählt die Geschichte in der Ich-Form als flow of consciousness. Die Stimmung ist zugleich komisch und melancholisch, die Sprache ein feines Parlando, und die Komposition wirkt leicht und unverkrampft.
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Der namenlose Ich-Erzähler ist sechsundvierzig Jahre alt. Seine Lebensgefährtin Lisa hat ihn gerade verlassen und wohnt jetzt bei ihrer Freundin Renate, bis sie eine eigene Wohnung gefunden hat. Renate ist Lehrerin. Das war Lisa auch, bis sie davon ein Nervenleiden bekam.

Lisa hatte es nicht hinnehmen wollen, dass sie mit den Kampfkindern der Gegenwart nicht zurechtkam. Sie hatte geglaubt, sie könnte aus den schlagenden, beißenden und kratzenden Schülern Menschen machen, die ihr selber ähneln. Ein grausiger Irrtum! Ein schleichendes Nervenleiden hat sie nach zwölf Jahren Arbeit zur Berufsaufgabe gezwungen. Zuerst war sie freigestellt, dann beurlaubt, dann frühpensioniert. Lisa ist jetzt zweiundvierzig Jahre alt und bezieht eine Rente dafür, dass sie sich für ihre Ideale, für den Staat, für die Kinder oder für ihre Illusionen ruiniert hat. (Seite 38)

Ihr Bankkonto, für das der Erzähler eine Vollmacht besitzt, löst Lisa offenbar nicht auf; es treffen nur keine Gutschriften mehr ein. Lisa hat wohl einfach ein neues Konto für ihre Rentenzahlungen eröffnet und verzichtet auf ihr altes Guthaben, überlässt es ihm als eine Art Abfindung.

Seit sieben Jahren verdient er sich ein Taschengeld, indem er mit teuren Schuhen der Manufaktur Weisshuhn durch die Stadt flaniert und Testberichte darüber schreibt. Sein damaliger Freund Ipach, der eigentlich eine Karriere als Theaterregisseur angestrebt hatte, aber stattdessen Schuhvertreter geworden war, hatte ihm den Job verschafft.

Ich besitze nur ein Sakko, einen Anzug, zwei Hosen, vier Hemden und zwei Paar Schuhe. Ich lebte und lebe, rundheraus gesagt, von Lisas Rente. Meine eigenen Einkünfte sind, ebenfalls rundheraus gesagt, nicht der Rede wert. Es ist mir bis jetzt nicht gelungen, mir einen soliden finanziellen Hintergrund zu verschaffen […] Zum Glück leben meine Eltern nicht mehr. Sie würden mich kurzerhand als arbeitsscheu bezeichnen. Mein Vater war besonders stolz, dass er praktisch von seinem sechzehnten Lebensjahr bis zu seinem Tod gearbeitet hat. (Seite 41)

[…] ich bin gern in der Nähe von Verwirrten, Halbverrückten und Durchgedrehten. Ich stelle mir dann vor, dass ich bald zu ihnen gehören werde. Dann werde ich davon befreit sein, mir einen endgültigen und sicheren Beruf suchen und mein Leben so gestalten zu müssen, dass es zu diesem endgültigen und sicheren Beruf passt. (Seite 62f)

Bei seinen Streifzügen begegnet er immer wieder Bekannten, und das Unangenehme daran ist, dass sie ihn an frühere Zeiten erinnern. Beim Anblick Gunhilds denkt er beispielsweise an die langen Wimpern Dagmars, mit der er als Sechzehnjähriger im Freibad auf der Bügeldecke seiner Mutter lag. Vor einem kleinen Zoogeschäft mit schmutzigen Schaufensterscheiben, dessen Besitzer Heftchenromane liest, wird er von Doris angesprochen. Als Kind war sie wegen einer Herzoperation in den USA. Sie hatte ihm später die Narbe gezeigt. Ein anderes Mal sieht er seinen ehemaligen Klavierlehrer Scheuermann, bei dem er vor zweiundzwanzig Jahren eine einzige Klavierstunde hatte. Er war sich dabei selbst so peinlich, dass er gleich wieder damit aufhörte.

Dabei rede ich nicht mehr gerne über meine Kindheit. Das Umherschweifen in der Stadt geschieht oft nur deshalb, weil es mir während des Gehens leichter fällt, mich nicht zu erinnern. Ich möchte auch nicht erläutern müssen, warum ich mich nicht mehr gerne an die Kindheit erinnern […] (Seite 17f)

Er beobachtet, wie einer Frau ein Kaugummi aus dem Rucksack fällt. Einige Zeit überlegt er, mit welchen Worten und Gesten er sie darauf aufmerksam machen könnte, aber dann lässt er es sein.

[…] ich kann niemanden auf nichts aufmerksam machen. (Seite 13)

Es ist ihm zuwider, …

[…] dass das ganze Leben ein pausenloses gegenseitiges Sichaufdrängen ist. (Seite 133)

Er stellt an sich eine „Verschwindsucht“ (Seite 50) fest und macht sich Sorgen, weil er häufig das Bedürfnis zum Schweigen verspürt.

In Wahrheit überfällt mich immer öfter eine Schweigelust, die mir ein bisschen Angst macht, weil ich nicht weiß, ob soviel Schweigen, wie ich es zum Leben brauche, noch normal ist oder vielleicht der Beginn meiner inneren Krankheit, die mit Zerbröckelung oder Zerfaserung oder Ausfransung nur mangelhaft bezeichnet ist […] Genau wie eine Staubfluse bin auch ich halb durchsichtig, im Kern weich, äußerlich nachgiebig und übertrieben anhänglich und außerdem schweigsam. (Seite 44)

Zum Haareschneiden geht er in einen altmodischen, billigen Salon. Margot hat meistens nichts zu tun, wenn er eintritt. Beim ersten Mal löffelte sie gerade einen Teller Suppe, den sie in eines der drei Waschbecken gestellt hatte.

Margot erinnert mich an die Frauen, die ich vor Lisa kannte. Sie passten alle nicht zu mir. Damals gab ich die Vorstellung auf, es gebe irgendwo die „richtige“ Frau, und gewöhnte mich an den Schmerz über das dauerhafte Zusammensein mit einer unpassenden Frau. Kurz darauf lernte ich Lisa kennen. Jetzt ist Lisa weg, und ich überlege, ob ich mich nun wieder an Frauen gewöhnen muss, die nicht zu mir passen, mit denen ich aber doch zusammen bin, weil es keine anderen Frauen gibt. Dabei drängt es mich nicht zu einer neuen Liebesgeschichte, weder mit einer passenden noch mit einer unpassenden Frau, aber ich bin auch nicht ganz sicher. (Seite 52)

Ich glaube, ich kann die Sätze nicht mehr sagen und nicht mehr hören, die im Verlauf einer Liebesaffäre ausgesprochen werden müssen. (Seite 53)

Nachdem Margot ihm die Haare geschnitten hat, sperrt sie den Salon ab und nimmt ihn wie schon häufiger mit ins Hinterzimmer. Während er sich abmüht, sie zum Höhepunkt zu bringen, schweifen seine Gedanken immer wieder ab und es gelingt ihm nicht, sich auf den Akt zu konzentrieren.

Ruhelos stützt sie sich mal auf die Hände, dann wieder auf die Ellenbogen […] Plötzlich dreht sie ihr Gesicht nach hinten und schaut mich an. Ich nehme den Blick als Erlaubnis zum Abbruch des Beischlafs. (Seite 56)

Vor dem Verlassen des Friseursalons legte er 150 Mark auf die Theke, und Margot nimmt das Geld.

Als er einige Zeit später wieder zu Margot unterwegs ist, sieht er seinen früheren Freund Himmelsbach aus ihrem Friseursalon kommen. Himmelsbach lieh sich vor sieben Jahren 500 Mark von ihm und hat sie bis heute nicht zurückgezahlt. Vor längerer Zeit war er nach Paris gezogen, um dort eine Karriere als Fotograf zu machen, aber daraus wurde nichts. Treibt Himmelsbach es etwa auch mit Margot? Ist sie so etwas wie eine Gelegenheitsprostituierte? Der Erzähler verspürt ein wenig Eifersucht. Tatsächlich beobachtet er ein anderes Mal, wie Himmelsbach und Margot durch die Straße schlendern. Der Zweiundvierzigjährige hat den rechten Arm um Margots Schulter gelegt und lässt die Hand baumeln, sodass sie wie zufällig immer wieder auf Margots Brust tippt.

Regelmäßig fährt er zur Schuhmanufaktur Weisshuhn, um dem Disponenten Habedank seine Testschuhe und -berichte zu bringen. Bei einer dieser Zusammenkünfte eröffnet Habedank ihm, dass die Firma wegen des Kostendrucks und der Konkurrenz von nun an statt 200 nur noch 50 Mark pro Test bezahlen könne. Allerdings dürfe er die Schuhe behalten. Der Betroffene murrt zwar nicht, aber er beginnt, seine Testberichte zu erfinden, und die Schuhe verkauft er auf dem Flohmarkt.

Einmal setzt er sich in das altbackene Konditoreicafé Rosalia, um eine Kleinigkeit zu essen. Die Tischdecke ist an drei Stellen sorgfältig gestopft, „vermutlich von einer übriggebliebenen Oma“ (Seite 114). Am Tisch rechts von ihm sitzt ein älteres Ehepaar. Die Frau kritisiert ihren Mann, er solle nicht fortwährend auf seine kaputte Armbanduhr schauen. Links von ihm sitzen zwei ältere Frauen mit einem schätzungsweise neunjährigen Jungen. Eine von ihnen beklagt sich über die Größe der Erdbeeren auf ihrem Kuchen. Der Junge krabbelt unter den Tisch und legt sich auf den Rücken. Die andere der beiden Frauen schimpft: „Musst du mit deinem neuen Hemd den Boden aufwischen!“

Es werden schon lange keine Beweise mehr gebraucht, dass man es auf der Welt nicht aushalten kann, aber hier wird gerade wieder einer geliefert […] Ich versuche, dem Jungen unter dem Tisch zuzuzwinkern, aber es gelingt nicht. Die Frauen bemerken meine Solidarität mit dem Jungen und halten sie für problematisch beziehungsweise unangebracht. Sie rufen den Jungen hoch. Er sitzt jetzt ruhig zwischen den beiden Frauen. Sie schauen mich inzwischen an wie einen frisch entlarvten und gerade noch verhinderten Kinderverderber. (Seite 115)

Bei einem seiner Rundgänge trifft er Regine. Sie hatten zusammen als Interviewer gearbeitet, bis die Agentur die Langzeit-Interviews abschaffte und sie durch kurze Straßenbefragungen ersetzte. Ihre persönliche Beziehung endete, als Regine irritiert merkte, dass sich ihre Brustwarzen nicht mehr aufstellten.

Susanne Bleuler kennt er seit der Kindheit, und bei ihrem Anblick erinnert er sich, dass er beim Schlittenfahren stets hinter ihr saß, mit den Händen auf ihrer Brust, bis sie dreizehn wurde und seine Hände eines Tages lachend beiseite schob.

Die Geschichte, die es einmal zwischen uns gab, ist in hundert Unschlüssigkeiten zerfallen. (Seite 16)

Schon mit zwölf wollte Susanne Schauspielerin werden. Sie besuchte eine Schauspielschule und erhielt dann auch zwei oder drei kleine Engagements, aber das war vor fünfundzwanzig Jahren. Inzwischen verdient sie ihren Lebensunterhalt als Empfangsdame in einer Anwaltskanzlei und ist unzufrieden, weil sie nicht die berühmte Schauspielerin „Margerita Mendoza“ geworden ist.

Einige Tage nach der Begegnung ruft Susanne an: Sie hat einen achtzehn Jahre alten Brief von ihm gefunden und lädt ihn zusammen mit Himmelsbach und ein paar anderen Bekannte zum Essen ein. Susanne zuliebe macht er bei Tisch Konversation. Als Frau Balkhausen ihn nach seiner beruflichen Tätigkeit fragt, behauptet er, ein Institut für Gedächtnis- und Erlebniskunst zu leiten.

„Zu uns kommen Menschen, die das Gefühl haben, dass aus ihrem Leben nichts als ein langgezogener Regentag geworden ist und aus ihrem Körper nichts als der Regenschirm für diesen Tag.“ (Seite 105)

Himmelsbach bittet ihn unter vier Augen, beim Generalanzeiger ein gutes Wort für ihn einzulegen. Er habe doch früher für die Zeitung geschrieben. Widerstrebend ruft der Erzähler dort seinen damaligen Chef an. Messerschmidt freut sich, von ihm zu hören, will zwar nichts von dem ewigen Versager Himmelsbach wissen, drängt jedoch den Anrufer, endlich mal vorbeizuschauen, und als er es tut, schlägt Messerschmidt ihm vor, wieder Artikel für den Generalanzeiger zu schreiben. Der Erzähler denkt, das könne Susanne beeindrucken und nimmt das Angebot an.

Um das Ereignis zu feiern, geht er mit Susanne schön essen, doch als die Musikbeschallung eingeschaltet wird, drängt er sie, auf die Nachspeise zu verzichten.

Frau Balkhausen spricht ihn auf der Straße an: Sie ist sehr an den Kursen des Instituts für Gedächtnis- und Erlebniskunst interessiert. Um Zeit zu gewinnen, gibt er ihr seine Telefonnummer. Prompt ruft sie an, und er verabredet sich mit ihr am Flussufer zu einer zweistündigen „Erlebnisübung“ für 200 Mark. Sie klagt darüber, dass sie sich fortwährend langweilt und er geht wie ein Therapeut darauf ein. Ein paar Tage später ruft eine Frau Tschackert an: Frau Balkhausen habe ihr von der „Erlebnisübung“ erzählt, und sie wolle jetzt auch eine buchen.

Himmelsbach zieht ein Supermarkt-Wägelchen durch die Straßen und trägt Prospekte aus. Der Erzähler achtet darauf, dass Himmelsbach ihn nicht sieht, denn es wäre ihm peinlich, von seinem Besuch bei Messerschmidt berichten zu müssen.

Mit Susanne, die in Kürze bei ihm einziehen wird, besucht er eine Open-Air-Veranstaltung mit Laser-Show. Darüber soll er für den Generalanzeiger einen Artikel schreiben.

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„Ein Regenschirm für diesen Tag“ ist ein Roman über einen leisen, unauffälligen Sonderling, der sich, wenn er durch die Stadt (Frankfurt am Main) flaniert, die Zeit nimmt, auch bei alltäglichen Dingen länger hinzuschauen. Er wird nicht, wie die Menschen um ihn herum, von Geschäften getrieben, stellt keine großen Ansprüche, drängt sich nicht auf und lässt sich nicht vereinnahmen. Die schnelllebige Welt der Tüchtigen ist nicht die seine.

Wilhelm Genazino erzählt die Geschichte in der Ich-Form als flow of consciousness. Die Stimmung ist zugleich komisch und melancholisch, die Sprache ein feines Parlando, und die Komposition wirkt leicht und unverkrampft.

Lange Zeit war der in Mannheim geborene und aufgewachsene Schriftsteller Wilhelm Genazino (*1943) nur einer kleinen Lesergemeinde bekannt. Das änderte sich, als sein Roman „Ein Regenschirm für diesen Tag“ am 17. August 2001 von Iris Radisch in der ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ empfohlen wurde. 2004 erhielt Wilhelm Genazino den Georg-Büchner-Preis.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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