Sebastian Haffner : Geschichte eines Deutschen

Geschichte eines Deutschen

Sebastian Haffner

Geschichte eines Deutschen

Geschichte eines Deutschen Manuskript: 1939 Erstausgabe: Deutsche Verlags-Anstalt, München und Stuttgart 2000
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Sebastian Haffners Manuskript "Geschichte eines Deutschen" entstand 1939 im Exil. Obwohl zu diesem Zeitpunkt sowohl der deutsche Angriff auf die Sowjetunion als auch der Holocaust noch in der Zukunft lagen, ahnte er die Katastrophe voraus.
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Kritik

Der brillante Journalist und Historiker erzählt aus seinem Leben und setzt sich dabei klug und weitblickend mit der politischen Entwicklung in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen auseinander.

 

Sebastian Haffners bürgerlicher Name lautete Raimund Pretzel. Er wurde am 27. Dezember 1907 als Sohn eines aus Pommern stammenden Schulrektors in Berlin geboren. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er sechs Jahre alt. Später erinnert er sich, dass die Nachrichten über den Krieg für ihn damals so aufregend waren wie die Berichte über ein internationales Sportturnier. Anstelle von Fußballtoren wurden Gefallene gezählt. Ungeachtet des „Steckrübenwinters“ (1916/17), in dem es auch für ihn kaum noch etwas zu essen gab, fehlte dem Schuljungen das Bewusstsein für die Katastrophe.

Das Verständnis für politische Zusammenhänge entwickelte er erst während des Jurastudiums. Als Mitarbeiter der „Vossischen Zeitung“ warnte er bereits früh vor dem Nationalsozialismus. Seine ursprüngliche Absicht, Richter zu werden, wollte und konnte er nach 1933 nicht mehr verwirklichen. Weil er die Barbarisierung Deutschlands nicht länger ertragen konnte und seine jüdische Verlobte retten wollte, emigrierte er 1938 mit ihr nach London, legte sich dort das Pseudonym „Sebastian Haffner“ zu, um die in Deutschland zurückgebliebene Familie nicht zu gefährden und arbeitete als Journalist, bis er 1954 die Zeit für gekommen hielt, wieder nach Berlin zurückzukehren, zunächst als Auslandskorrespondent des „Observer“ (1954 – 1961), dann als politischer Kolumnist für die „Welt“ und ab 1963 für den „Stern“.

[…] Er schrieb für rechte und linke Blätter, für seriöse Zeitungen und Illustrierte […] Vom Kalten Krieger wurde er zum Vorkämpfer einer Entspannungspolitik. Wann immer es ihm richtig erschien, legte er das Ruder um 180 Grad herum und überraschte mit klugen Argumenten für das Gegenteil dessen, was er gestern noch ebenso klug verfochten hatte.
[…] Selten begnügte er sich mit einer Feststellung; er dramatisierte und pointierte. Er hatte den Mut zur These, zur kühnen Kombination auch auf die Gefahr des Irrtums […]
[…] Er sah ein Ereignis nie isoliert, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs, der ihn oft mehr interessierte als das Ereignis […]
Auch in dem Historiker Haffner steckte noch der Journalist, der Mann des blendenden Stils und der politischen Fantasie, aber die Schriften des Historikers blieben frei von den Übertreibungen und allzu gewagten Thesen des Stern-Kolumnisten […]
Er war ein großer Erzähler […] Auch wo er nicht erzählt, nimmt er den Leser durch die Anschaulichkeit seiner Argumentation gefangen […]
Wie jede Kunst, erklärte Haffner, bestehe Geschichtsschreibung „hauptsächlich im Weglassen“ […]
Er trieb nicht Wissenschaft, er schrieb Geschichte […]
(Peter Bender, Süddeutsche Zeitung, 27. Dezember 2007)

Sebastian Haffner starb am 2. Januar 1999.

Dass die meisten Deutschen damals, im Februar 1933, an die kommunistische Brandstiftung glaubten, kann man ihnen, scheint mir, nach alledem nicht übel nehmen. Was man ihnen übel nehmen kann, und worin sich zum ersten Mal in der Nazizeit ihre schreckliche kollektive Charakterschwäche zeigte, ist, dass damit die Angelegenheit für sie erledigt war. […] Wenn die Kommunisten den Reichstag angesteckt hatten, war es doch ganz in Ordnung, dass die Regierung „hart zupackte“! Am nächsten Morgen diskutierte ich diese Dinge mit ein paar Referendarkollegen. Alle waren sehr interessiert […] und mehr als einer äußerte seine augenzwinkernden Zweifel an der offiziellen Version. Aber keiner fand etwas Besonderes dabei, dass man in Zukunft seine Telefongespräche belauschen, seine Briefe öffnen und seinen Schreibtisch erbrechen durfte. „Ich empfinde es als persönliche Beleidigung“, sagte ich, „dass man mich verhindert, zu lesen welche Zeitung ich will – weil angeblich ein Kommunist den Reichstag angesteckt hat. Sie nicht?“ Einer antwortete fröhlich und harmlos: „Nein. Wieso? Lasen Sie denn etwa bis jetzt den ‚Vorwärts‘ und ‚Die Rote Fahne‘?“ (Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen)

Sebastian Haffners Manuskript „Geschichte eines Deutschen“ entstand 1939 im Exil. Obwohl zu diesem Zeitpunkt sowohl der deutsche Angriff auf die Sowjetunion als auch der Holocaust noch in der Zukunft lagen, ahnte er das Unheil voraus. Der brillante Denker erzählt aus seinem Leben und setzt sich dabei klug, pointiert und hellsichtig mit der politischen Entwicklung in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen auseinander, besonders mit der Frage, wie so viele Deutsche von den Nationalsozialisten verführt werden konnten und bereit waren, auf ihre individuelle Freiheit zu verzichten.

Weil Sebastian Haffner offenbar während des Schreibens davon abrückte, das Manuskript veröffentlichen zu wollen und es deshalb auch nicht für diesen Zweck überarbeitete, fehlt dem Text der Schliff etwa seines Buches „Anmerkungen zu Hitler“, aber nichtsdestotrotz ist die Lektüre der „Geschichte eines Deutschen“ ein Gewinn.

Das Manuskript wurde erst nach Haffners Tod von seinen Kindern entdeckt und veröffentlicht. So viel Weitblick ließ manche Kritiker daran zweifeln, ob Sebastian Haffner den Text bereits 1939 geschrieben hatte. Dieser Verdacht gilt inzwischen als widerlegt.

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Sebastian Haffner: Germany: Jekyll & Hyde
Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler
Sebastian Haffner: Von Bismarck zu Hitler
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Carsten Kluth - Wenn das Land still ist
Unter dem Titel "Wenn das Land still ist" hat Carsten Kluth eine Mischung aus Familienroman und gesellschaftskritischem Roman geschrieben. Das Thema ist brisant, aber die Darstellung wirkt verkopft.
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Carsten Kluth

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