Sebastian Haffner : Von Bismarck zu Hitler

Von Bismarck zu Hitler

Sebastian Haffner

Von Bismarck zu Hitler

Von Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick Erstausgabe: Kindler Verlag, München 1987
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Geschichte des "Dritten Reiches" auf ganzen 43 Seiten: Da kann man doch nur ein paar Zusammenhänge oberflächlich aufzeigen! Nicht so, wenn Sebastian Haffner schreibt. Dieser brillante Denker – ein zum Historiker mutierter Journalist –, meißelt die grundlegenden Entwicklungslinien heraus, und zwar für jeden verständlich und zugleich gespickt mit Fragen und Antworten aus ganz neuen Perspektiven.
Weiterlesen

Kritik

"Von Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick" enthält auf 300 Seiten weit mehr kluge und originelle Gedanken über die deutsche Geschichte zwischen 1871 und 1945 als der eine oder andere dicke Wälzer.
Weiterlesen

Der deutsche Nationalismus, der vor und in den Befreiungskriegen gegen Napoleon entstand, krankte schon zu Beginn an einer „ungeheuren Selbstüberhebung und Selbstanbetung“ und zugleich an dem furchtbaren Hass gegen die Franzosen, der zum Beispiel in einem Kleist-Zitat zum Ausdruck kommt: „Schlagt sie tot! Das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht.“ (Seite 25) Einerseits wollte man die verhasste Franzosenherrschaft abschütteln, andererseits wirkte Napoleons Stärke auch als Vorbild.

Das paradoxe Bündnis zwischen der von Bismarck, also einem Junker, geführten Regierung des feudalistischen Agrarstaates Preußen mit der linksliberalen Nationalbewegung führte 1871 zur Reichsgründung. Das Deutsche Reich ging aus einem Krieg hervor – bezeichnenderweise einem gegen Frankreich – und endete 1945 wieder mit einem Krieg. Es wurde nur so alt wie ein Mensch, aber in dieser kurzen Zeit änderte es zweimal – 1918 und 1933 – grundlegend seinen Charakter. In der Mitte des europäischen Kontinents gelegen, war es von Staaten umgeben, von denen zwar keiner stärker als das Deutsche Reich war. Fürchten musste das Deutsche Reich nur eine gegnerische Koalition.

Bismarck verzichtete in kluger Weise auf territoriale, expansionistische Ansprüche, entmutigte die Anschlusswünsche Deutscher im Ausland, beteiligte sich in der Regel nicht an der internationalen Kolonialpolitik und setzte sich zum Beispiel beim Berliner Kongress 1878 auch aktiv dafür ein, Kriege in Europa zu verhindern. Das änderte sich nach Bismarcks Entlassung durch Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1890. „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir wollen auch einen Platz an der Sonne“, hieß es da (Bernhard Heinrich Martin Fürst von Bülow, Seite 93).

Aber die Deutschen, methodisch, wie sie nun einmal sind, sagten sich, dass eine deutsche Weltmachtstellung mit dem Bau einer deutschen Flotte, mit deutscher „Seegeltung“ beginnen müsste. Was ja logisch schien. Wenn man eine Weltmacht werden wollte, wenn man bei dem kolonialen Wettlauf mithalten und vorankommen wollte, dann brauchte man zunächst einmal das Instrument dazu, nämlich eine bedeutende Flotte, die die Übersee-Erwerbungen erst ermöglichen und später verteidigen würde. Nicht weniger logisch war aber, dass man sich mit dieser Flottenpolitik unvermeidlich in eine neue Gegnerschaft zu England begab […] (Seite 93f)

Theobald von Bethmann Hollweg, der Fürst von Bülow 1909 als Reichskanzler ablöste, war überzeugt, dass ein Krieg unvermeidlich sein würde. Gewinnen ließe er sich seiner Meinung nach, wenn England neutral bliebe, Österreich an der Seite des Deutschen Reiches stünde und die Sozialdemokraten die Regierung unterstützen würden. Nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 glaubte er, die Situation sei günstig. Das provozierte Österreich könnte Serbien den Krieg erklären, dann würde Russland Serbien zu Hilfe kommen, und Deutschland müsste auf der Seite Österreichs eingreifen. Da englische Interessen nicht unmittelbar betroffen wären, hielte sich die Regierung in London vermutlich aus dem Krieg heraus. Einen Strich durch diese Rechnung machte der deutsche Generalstab, als er gleich zu Beginn des Krieges Frankreich angriff (Schlieffenplan): Das konnte England nicht hinnehmen.

Gegenüber der gegnerischen Kriegskoalition – die im Frühjahr 1918 auch noch durch US-Truppen verstärkt wurde – hatte das Deutsche Reich keine Chance. Um die Existenz der deutschen Armee zu retten, wollte General Erich Ludendorff – der heimliche Machthaber im Deutschen Reich – Ende September 1918 schleunigst einen Waffenstillstand herbeiführen, und um zugleich die Ehre der Armee zu retten, sollte das entsprechende Gesuch an die Alliierten nicht von der militärischen, sondern von der politischen Führung gestellt werden. Mit einer „Revolution von oben“ köderte er die Parteien, die im Reichstag die Mehrheit hatten – allen voran die Sozialdemokraten –, damit sie die ihnen zugedachte Rolle übernahmen. „Mitten im Siegen“ (Seite 155) erfuhren die Deutschen, dass der Krieg verloren sei.

Für die Masse der wenig informierten Deutschen stellten sich die Ereignisse aus dem rein zeitlichen Verlauf so dar: Wir standen im Begriff, den Krieg zu gewinnen, da kamen die Schlaumeier an die Regierung, die schon immer nur einen Verständigungsfrieden gewollt hatten, dann wurde das Handtuch geworfen, dann kam eine Revolution, und dann wurde ein Waffenstillstand abgeschlossen, der uns kampfunfähig machte. (Seite 167)

Die Sozialdemokraten waren nicht nur bereit „in die Bresche zu springen“ (Seite 206), sondern Friedrich Ebert versuchte im November 1918 sogar, ungeachtet des republikanischen Programms seiner Partei die Monarchie zu retten (Sebastian Haffner: Die deutsche Revolution 1918/19).

Als das misslang, wollten die Sozialdemokraten sozusagen die Monarchie als Republik weiterführen. (Seite 206)

Obwohl Friedrich Ebert das Deutsche Reich und die herrschenden Klassen vor der kommunistischen Revolution bewahrt hatte, erhielt er niemals die Unterstützung der Armee, der Beamten und der Wirtschaft.

Im Großen und Ganzen war es so, dass Weimar nur die Republik der Arbeiter war – soweit sie nicht Kommunisten wurden […] (Seite 208)

Adolf Hitler redete den gedemütigten und Not leidenden Deutschen schließlich ein, das Deutsche Reich wieder groß machen zu können. Reichspräsident Hindenburg ernannte ihn am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler, nicht zuletzt auf Anraten Franz von Papens, der das Amt des Vizekanzlers übernahm.

Papen sah Hitler aus der Herrenperspektive. Für ihn war Hitler ein begabter Plebejer, ein Aufsteiger, der froh sein würde, sozusagen als Hospitant zum „Kabinett der Barone“ zugelassen zu werden. Er hatte kein Verständnis für Hitlers sehr viel größere Pläne und seinen sehr viel höheren Ehrgeiz. (Seite 228)

Trotz all des Unrechts, das in diesen Zeiten schon geschah, trotz der Einrichtung der Konzentrationslager, trotz der willkürlichen Verhaftungen, auch trotz der ersten deutlichen Zeichen einer antisemitischen Politik bildete sich in weiten Kreisen der Bevölkerung eine Überzeugung, dies sei eine große Zeit, eine Zeit, in der die Nation sich wieder einte und endlich ihren Gottgesandten fand, einen aus der Mitte des Volkes erstandenen Führer, der für Zucht und Ordnung sorgen, die Kräfte der ganzen Nation zusammenfassen und das Deutsche Reich neuen, großen Zeiten entgegenführen würde. Es war diese Stimmung, die es Hitler ermöglichte, die ganze politische Szene praktisch widerstandslos abzuräumen und eine Situation herbeizuführen, in der niemand außerhalb seiner eigenen Reihen seinem Willen mehr Widerstand leisten oder seine Pläne vereiteln konnte. (Seite 238f)

Aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg hatte Hitler eine Lehre gezogen: Das Deutsche Reich konnte den Krieg im Osten gewinnen, musste im Westen jedoch ein Eingreifen Englands verhindern. Fortan klammerte er sich an die Hoffnung, England werde einen deutschen Sieg über das bolschewistische Russland nicht verhindern wollen – aber er schreckte auch vor einem Vabanquespiel nicht zurück (Seite 300).

Schon Ende 1941, als der Russlandfeldzug ins Stocken geriet, meinte Hitler:

„Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein Blut für die Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden. Ich werde dem deutschen Volk keine Träne nachweinen.“ (Seite 300)

Als die deutsche Niederlage nicht mehr zu verhindern war, radikalisierte er diese Auffassung noch weiter:

Wenn er Deutschland schon nicht nur Weltmacht, zu der Weltmacht ausbauen konnte, dann war er bereit, dafür wenigstens die größte Katastrophe der deutschen Geschichte angerichtet zu haben. (Seite 300)

nach oben

Die Geschichte des „Dritten Reiches“ auf ganzen 43 Seiten: Da kann man doch nur ein paar Zusammenhänge oberflächlich aufzeigen! Nicht so, wenn Sebastian Haffner schreibt. Dieser brillante Denker – ein zum Historiker mutierter Journalist –, meißelt die grundlegenden Entwicklungslinien heraus, und zwar für jeden verständlich und zugleich gespickt mit Fragen und Antworten aus ganz neuen Perspektiven. „Von Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick“ enthält auf 300 Seiten weit mehr kluge und originelle Gedanken über die deutsche Geschichte zwischen 1871 und 1945 als der eine oder andere dicke Wälzer.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002/2004
Textauszüge: © Kindler Verlag. – Die Seitenangaben beziehen sich
auf die Ausgabe von Knaur aus dem Jahr 1989.

Christoph Poschenrieder - Mauersegler
Christoph Poschenrieder beschäftigt sich in seinem Roman "Mauersegler" mit den Themen Altern, Pflege­bedürftig­keit, Sterbehilfe und Tod. Weil er es augenzwinkernd tut, handelt es sich keineswegs um eine erschütternde Lektüre.
Mauersegler

Christoph Poschenrieder

Mauersegler

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: