Petra Hammesfahr : Roberts Schwester

Roberts Schwester

Petra Hammesfahr

Roberts Schwester

Originalausgabe: Geschwisterbande Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1992 ISBN: 3-404-19572-8, 203 Seiten Roberts Schwester Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2002 Neuausgabe: Wunderlich Verlag, Reinbek 2005 ISBN 3-499-26521-4, 254 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Mias geliebter Stiefbruder Robert die erste Freundin mitbringt, erkrankt sie an Asthma und muss sich psychiatrisch behandeln lassen. Mit 24 heiratet Robert, aber bei einem Verkehrsunfall kommt seine Frau ums Leben, und Mia wird schwer verletzt. Vier Monate nach seiner zweiten Eheschließung findet man seine Leiche mit einem Kopfschuss. Mia verdächtigt ihre Schwägerin, aber sie kann nichts beweisen und gerät selbst unter Mordverdacht ...
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Kritik

"Roberts Schwester" ist ein spannender, psychologisch durchdachter Thriller von Petra Hammesfahr. Eine besondere Idee ist es, die Geschichte von einer paranoid wirkenden Frau erzählen zu lassen, die ihre Schwägerin hasst und des Mordes verdächtigt.
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Als Kind hatte Mia Bongartz ständig auf ihre kranke Mutter Rücksicht nehmen müssen. Ein Jahr nach dem Tod der Mutter heiratete Mias zu diesem Zeitpunkt neunundvierzig Jahre alter Vater die achtzehnjährige Spanierin Lucia, die ihm bald darauf einen Sohn gebar: Robert.

Die Eltern kümmerten sich liebevoll um den Jungen, und seine sieben Jahre ältere Stiefschwester Mia vergötterte ihn. Als Robert im Alter von zwanzig Jahren erstmals eine Freundin mitbrachte, glaubte Mia zu ersticken, bekam Asthmaanfälle und diffuse Beschwerden im Unterleib. Zwei Jahre lang war sie bei Dr. Harald Piel, einem Facharzt für Neurologie und Psychotherapie, in Behandlung. Er interpretierte ihre Gefühle für Robert als Hassliebe und behauptete, sie würde ihn um die Liebe seiner Mutter und die Aufmerksamkeit des Vaters beneiden.

Mia galt als geheilt, als Robert mit vierundzwanzig zum ersten Mal heiratete, und sie verstand sich gut mit ihrer Schwägerin Marlies. Aber das Glück währte nicht lang: Ein Jahr nach der Hochzeit übersah Robert bei einem Überholmanöver einen Lastwagen. Er selbst wurde bei dem Zusammenstoß nur leicht verletzt, aber Marlies kam dabei ums Leben, und Mia musste nach einem monatelangen Krankenhausaufenthalt ihre Karriere als Bildhauerin aufgeben, weil ihr rechtes Auge nicht zu retten war und ihr rechter Arm gelähmt blieb.

Der Steuerberater Olaf Wächter, mit dem sie ein Verhältnis hatte, trennte sich von ihr. Aber sie blieben Freunde, und er arbeitete weiterhin für sie und Robert.

Obwohl Robert an dem Unfall Schuld war, hielt Mia zu ihm.

Wegen der ständigen Schmerzen wurde sie von Medikamenten abhängig und alkoholkrank.

Wenn Mia danach ist, bezahlt sie Serge Heuser, den Geschäftsführer im „Cesanne“, für eine Stunde in seinem Bett. Sie hatte schon immer zahlreiche Affären; Dr. Piel meinte, es sei die Folge ihrer rastlosen Suche nach einem Ersatz für Robert.

Zehn Jahre nach dem Unfall heiratet Robert ein zweites Mal. Seine Braut Isabell Torhöven ist elf Jahre jünger als er. Mia kann sie von Anfang an nicht ausstehen. Isabell behauptet, ihre Mutter sei Hausfrau gewesen und ihr Vater habe am Bau gearbeitet. Nachdem sie beide zugleich an Lebensmittelvergiftung gestorben waren, musste Isabell sich allein durchschlagen. Ein Privatdetektiv findet für Mia heraus, dass Isabell zuletzt als Animierdame in einem Nachtklub beschäftigt war. Sie scheint einem Mann namens Horst Fechner regelrecht hörig gewesen zu sein, obwohl dieser sie dazu angehalten hatte, gegen Geld mit Gästen der Bar zu schlafen. Vor einem Jahr feierte Robert dort mit seinem Anlageberater Biller aus Frankfurt am Main den Abschluss eines guten Geschäfts. So lernten Robert und Isabell sich kennen. Die beiden wurden ein Paar, und Horst Fechner verschwand spurlos.

Kurz nach der Hochzeit ruft Isabells Bruder Jonas Torhöven aus Tunis an: Er hatte sich bei einem Entwicklungshilfeprojekt in der Wüste engagiert, war aber vor sieben Wochen bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden und ist jetzt querschnittsgelähmt. Robert ist sofort bereit, seinen einunddreißigjährigen Schwager bei sich aufzunehmen, damit Isabell sich um ihn kümmern kann.

Mia ist überzeugt, dass Isabell es nur auf Roberts Geld abgesehen hat. Sie schlägt ihrem Stiefbruder vor, detaillierte Telefonrechnungen zu beantragen, denn sie will beweisen, dass ihre Schwägerin noch immer Kontakt mit Fechner hat. Robert hält Mias Verdächtigungen jedoch für eine paranoide Einbildung aufgrund ihrer Eifersucht und will nichts davon wissen. Auch als Mia auffällt, dass Isabell viel ausgibt, obwohl sie vom Einkaufen immer nur mit Plunder nach Hause kommt, interessiert Robert sich nicht für die Frage, was seine Frau mit dem Geld macht. Deshalb behält Mia ihren Verdacht, dass Isabell mit ihrem eigenen Bruder schläft, lieber für sich.

Einige Wochen später stellt Isabell fest, dass sie in der neunten Woche schwanger ist. Mia glaubt keine Sekunde, dass Robert der Vater ist. Sie befürchtet, dass Isabell sich schwängern ließ und beabsichtigt, Robert aus dem Weg zu räumen, um bis zur Volljährigkeit über das Erbe des Kindes verfügen zu können.

Vier Monate nach der Hochzeit wird Roberts Leiche mit einer Einschussverletzung an der linken Schläfe in seinem Auto gefunden. Der Polizeibeamte Wolbert, der die Ermittlungen leitet, glaubt nicht an einen Suizid, sondern geht von einem Mord aus. Mia fühlt sich bestätigt, aber sie kann Isabell nichts anhaben, weil diese ein Alibi hat. Schlimmer: Mia kann ihre eigene Unschuld nicht beweisen, denn sie weiß nicht mehr, was sie zum Tatzeitpunkt machte. Sie hatte starke Schmerztabletten eingenommen, war dann ins „Cesanne“ gefahren und hatte sich von Serge sechs oder sieben „Spezialdrinks“ servieren lassen, bevor sie mit ihm ins Bett gegangen war. Wolbert erfährt von Serge, dass Mia in der Nacht von Robert mit dem Auto abgeholt wurde. Kurz darauf rief Isabell Dr. Piel an und drängte ihn, vorbeizukommen: Mia sei in einem schrecklichen Zustand und streite heftig mit Robert. Der Psychiater macht jedoch grundsätzlich keine Hausbesuche und riet ihr deshalb, die Polizei anzurufen, aber das wollte Isabell aus Rücksicht auf ihren Mann und ihre Schwägerin nicht tun.

Wolbert fährt mit Mia zum Parkplatz einer Raststätte und zeigt ihr die Stelle, an der Robert tot im Auto gefunden wurde. In der benachbarten Parkbucht schillert ein Ölfleck: Da muss ein Auto viel Öl verloren haben. Mia war erst kürzlich mit leuchtender Warnlampe für den Ölstand nach Hause gekommen. Es tropfte aus dem Ölfilter. Robert besorgte zwei Dosen Motorenöl, um den Wagen in die Werkstatt fahren zu können. Aber dazu kam er nicht mehr. – Mia hält nichts von Zufällen; sie bezweifelt nicht, dass ihr Auto neben dem von Robert stand. Aber wer fuhr es? Isabell?

Jonas erzählt Mia, er habe sie zur Tatzeit vom Fenster aus mit dem Wagen nach Hause kommen sehen. Unter der Bedingung, dass sie seine Schwester endlich in Ruhe lasse, werde er darüber schweigen.

Weil Mia sich seit Roberts zweiter Eheschließung mit Selbstmordgedanken trug, ließ sie sich von Serge einen kleinen Colt besorgen. Robert entdeckte und versteckte ihn. Als Mia jetzt nachsieht, findet sie zwar die Waffe vor, aber eine Patrone wurde abgefeuert.

Kann es sein, dass sie Robert folgte, nachdem dieser sie nach Hause gebracht hatte. Füllte sie die zwei Liter Öl ein, fuhr ihm nach und erschoss ihn? Immerhin hätte sie zumindest für Außenstehende ein Motiv gehabt: Von Olaf Wächter erfährt sie nämlich, dass Robert unmittelbar vor seinem Tod einen für Rollstühle geeigneten Bungalow in Frankfurt am Main gekauft hatte. Sie kann sich denken, dass Olaf annimmt, sie habe davon gewusst und durch den Mord verhindern wollen, dass ihr Bruder sie zusammen mit Isabell und Jonas verließ. Mia ahnte jedoch nichts und kann sich nur vorstellen, dass Robert seine Frau und deren Bruder abschieben wollte. Gewiss wäre Robert bei ihr geblieben.

Wolbert klärt Mia darüber auf, dass sie in der Mordnacht durchaus nicht so betäubt war, wie sie glaubt. Seit einiger Zeit gab Robert ihr statt des inzwischen verbotenen Schmerzmittels Cliradon harmlose Multivitaminkapseln. Damit sie es nicht merkte, hatte er eigens Aufkleber und Beipackzettel drucken lassen. Die „Spezialdrinks“, die Serge ihr anbot, waren alkoholfrei. Auch dafür hatte Robert gesorgt. Der Filmriss beruhte also auf einem Placebo-Effekt – oder auf einem Schock. Wolbert weiß inzwischen auch, wieso Mias Wagen Öl verlor: Robert hatte ein Loch in den Ölfilter geschlagen, um das Fahrzeug stillzulegen, damit sie nicht weiterhin im verstörten Zustand Auto fahren konnte.

Mia glaubt, sich zu erinnern, dass sie in der Mordnacht auf der Couch in ihrem nicht mehr benützten Atelier kurz zu sich kam und hörte, wie Isabell zu jemand sagte: „Bist du verrückt? Willst du sie aufwecken?“ Ein Mann antwortete: „Keine Sorge. So schnell wacht sie nicht auf, nicht in dem Zustand. Von dem, was sie getankt hat, könnten wir beide eine ganze Woche feiern.“ (Seite 29) Die beiden wussten also nicht, dass sie nur Vitamine und alkoholfreie Drinks zu sich genommen hatte.

Von sich aus sucht Mia Dr. Piel auf und lässt sich von ihm in der Hoffnung hypnotisieren, dass sie sich wieder an die Vorgänge in der Mordnacht erinnern kann.

Nachdem Robert sie bei Serge abgeholt und nach Hause gebracht hatte, ging sie in die Garage, füllte die zwei Dosen Motorenöl ein und folgte ihm mit ihrem Wagen. Sie fand ihn mit einem Loch in der Stirn auf dem Parkplatz und in seiner Hand einen computergeschriebenen, nicht unterzeichneten Abschiedsbrief:

Ich liebe Isa, und ich liebe dich, Mia. und ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll. Ich stehe so tief in deiner Schuld, dass ich nicht einfach sagen kann, ich gehe jetzt. Aber bleiben kann ich auch nicht. Nicht einen Tag länger, weil du mich jeden Tag erneut unter Druck setzen würdest, dass ich Isa verlassen soll, dass ich sie fortschicken muss. Ich kann das nicht, ich liebe sie zu sehr […] Ich habe alles Notwendige veranlasst, damit [Isa und Jonas] für sich sind und du zur Ruhe kommst. Lass sie in Frieden gehen. Tu es mir zuliebe. Wie ich dir zuliebe gegangen bin. (Seite 223)

Unter Hypnose fällt Mia wieder ein, wie sie das Blatt Papier zerriss und fortwarf.

Lucia kommt mit einer Privatmaschine aus Spanien, um an der Beerdigung ihres Sohnes teilzunehmen. (Der Vater starb vor einiger Zeit.) Mia berichtet ihrer Stiefmutter von dem Mordverdacht, aber Lucia hält sie für paranoid. Zornig beobachtet Mia, wie sie sich mit Isabell und Jonas auf Anhieb gut versteht und ihr dagegen aus dem Weg geht.

Horst Fechner soll vor vier Monaten in Südamerika gestorben sein. Als Mia erfährt, dass diese Information von der Polizei nicht weiter überprüft wurde, dreht sie durch. Wolbert ruft Dr. Piel, der ihr eine starke Beruhigungsspritze gibt und sie in eine Klinik einweisen lässt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Als Mia entlassen wird und nach Hause zurückkehrt, ist Lucia nicht mehr da. Mia glaubt zunächst, sie sei abgereist, aber dann erfährt sie, dass ihre Stiefmutter sich bei einem Sturz auf der Treppe das Genick brach. Das war kein Unfall, denkt Mia, sondern ein weiterer Mord. Sie holt den Colt, der bei der polizeilichen Hausdurchsuchung nicht entdeckt wurde, aus dem Versteck und reißt die Tür von Jonas‘ Zimmer auf. Erschrocken tritt Isabell hinter den Rollstuhl. Der angeblich Gelähmte springt auf und geht auf Mia zu, um ihr die Waffe wegzunehmen. Mia drückt dreimal ab und beobachtet, wie der Getroffene sie ungläubig anschaut, sich an die Brust fasst und dann tot zusammenbricht, während Isabell hysterisch schreit: „Ich hab dir gesagt, wir müssen hier weg. Ich hab dir gesagt, sie bringt uns alle um. Ich hab es dir gesagt.“ (Seite 246)

Kurz darauf trifft Wolbert mit einem Haftbefehl ein: Er wollte Horst Fechner alias Jonas Torhöven wegen Mordes an Jonas Torhöven festnehmen.

Durch einen Anruf Billers erfuhr Wolbert, dass Horst Fechner vor fünf Monaten nach Tunis geflogen war und dort seinen Schwager einige Tage lang beobachtet hatte. Dann arrangierte er einen Verkehrsunfall, bei dem Jonas getötet wurde und nahm dessen Identität an. Robert fing an, den Verdächtigungen seiner Schwester zu glauben, als er in Jonas‘ Zimmer Schritte hörte. Deshalb bat er Biller, nach Tunis zu fliegen und Erkundigungen über den Verkehrsunfall einzuholen, bei dem sein Schwager angeblich ums Leben gekommen war.

Wolbert hält Mias Schüsse auf Horst Fechner für eine Reflexhandlung, aber sie sagt vor Gericht aus, sie habe den Mann erschießen wollen.

Ich denke, ich werde bei meiner Aussage bleiben. Ich habe nicht in Notwehr und nicht aus einem Reflex geschossen. Ich habe geschossen, weil ich Isabell nicht lassen konnte, was ich selbst nicht mehr hatte, den Mann, der alles war. (Seite 253)

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Petra Hammesfahr veröffentlichte diesen Thriller 1992 unter dem Titel „Geschwisterbande“. Seit einer Neubearbeitung durch die Autorin im Jahr 2002 heißt er „Roberts Schwester“.

Sie fragten mich, ob Robert Feinde hatte.
Nein!
Sie sagten, jeder Mensch hat Feinde. Und es müsse doch zumindest einer da gewesen sein, der Grund genug hatte, ihm eine Kugel in den Kopf zu schießen.
Robert ist tot. Er war mein Bruder. Er war alles, was ich hatte, der einzige Mensch in meinem Leben, der mir wirklich wichtig war. Ein Geschäftsreisender entdeckte ihn am Freitagmorgen auf einem Rastplatz in seinem Wagen. Ein paar Stunden später kamen zwei Beamte der Mordkommission ins Haus. (Seite 5)

So beginnt Petra Hammesfahr ihren Roman. Durch geschickt eingebaute Rückblenden erfahren wir nach und nach, was vor dem Mord geschah. Das Buch besticht durch eine durchdachte und differenziert dargestellte psychologische Entwicklung. Dass Petra Hammesfahr die Geschichte von „Roberts Schwester“ Mia in der Ich-Form erzählen lässt, ist ein vorzüglich gelungener Kunstgriff, denn auf diese Weise sind wir beim Lesen niemals sicher, ob es sich um die Wahnvorstellungen einer Paranoikerin handelt, die ihren Bruder über alles liebte und aus Eifersucht ihre Schwägerin Isabell beschuldigt, ihn ermordet zu haben, oder ob der Verdacht vielleicht doch berechtigt ist. „Roberts Bruder“ ist ein gekonnt aufgebauter, mitreißender und spannender Psychothriller.

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Inhaltsangabe und Rezensin: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Rowohlt

Petra Hammesfahr: Bibliografie

Petra Hammesfahr: Das Geheimnis der Puppe
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Petra Hammesfahr: Die Lüge
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