Petra Hammesfahr : Als Luca verschwand

Als Luca verschwand
Als Luca verschwand Originalausgabe: Diana Verlag, München 2018 ISBN: 978-3-453-29209-3, 495 Seiten ISBN: 978-3-641-22234-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während Mel Martell in einem Drogeriemarkt einen Lippenstift aussucht, wird ihr neun Monate alter Sohn Luca aus dem Kinderwagen entführt. Arno Klinkhammer, der Leiter des zuständigen Kommissariats, kennt die Familie seit langem. Weil er weiß, dass Mel jeden Kontakt ihrer Schwiegermutter mit Luca verhindert, kann er sich vorstellen, dass die erfolgreiche Schriftstellerin ihren Enkel aus Rache mitnahm. Aber vielleicht täuscht Mel selbst eine Entführung vor …
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Kritik

Petra Hammesfahr entwickelt den Kriminalroman "Als Luca verschwand" im ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und Perspektiven. Sie bringt eine ganze Reihe möglicher Täter und Motive ins Spiel. Damit schafft sie ein spannendes Rätsel. Allerdings konfrontiert sie die Leserinnen und Leser mit zu vielen Figuren.
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Gabi, Mel und Martin, Alina und Joris

Gabriele („Gabi“) Lutz lebte acht Jahre lang mit dem 16 Jahre älteren, mit einer anderen Frau verheirateten Taxifahrer Martin Schneider zusammen – bis ihm ein Fahrgast im November 1983 die Kehle durchschnitt. Das grausige Ereignis brachte die damals 24 Jahre alte, ebenfalls Taxi fahrende Gabi dazu, nachts mit Schreiben anzufangen, und weil ihre unter dem Pseudonym Martina Schneider veröffentlichten Bücher hohe Auflagen erreichten, konnte sie schließlich davon leben. Als ihr Sohn Martin, um den sich meistens Martin Schneiders Cousine Käthe Wilmers gekümmert hatte, 13 Jahre alt war, kaufte Gabi ein Haus in Elsdorf-Niederembt und zog mit ihm von Köln in die Kleinstadt.

Im Alter von 16 Jahren freundete sich Martin Lutz mit seiner Mitschülerin Alina an. Aber er heiratete nicht sie, sondern Melisande („Mel“) Martell. Die Erzieherin trägt den Namen ihrer unverheirateten Mutter Esther Martell, die ihren Stammbaum angeblich bis zu Karl Martell zurückführen kann und das Kind deshalb nach einer Urenkelin des fränkischen Hausmeiers – einer Tochter Karls des Großen – benannt hatte. Bei ihrer Hochzeit vor dreieinhalb Jahren behielt Mel den Familiennamen, und Martin nahm ihren an.

Mit Alina ist Martin inzwischen nicht nur weiterhin befreundet, sondern auch verwandt, denn sie heiratete Mels Bruder Joris Martell.

Während Alina nach dem Abitur Wirtschaftsrecht in Köln studierte und dann die Verwaltung von etwa 500 ihrem Großvater gehörenden Wohnungen im Raum Aachen-Jülich übernahm, scheiterte Martin mit dem Schulabschluss. Sein Onkel Wolfgang, der in Köln ein Tonstudio betrieb, stellte ihn zu einem Hungerlohn ein. Seit zwei Jahren arbeitet Martin Martell für einen Immobilienmakler. Mel und er haben zwei Söhne: Maximilian („Max“) ist drei Jahre alt, Luca noch ein Baby.

Alinas Großvater kam im Oktober 2017 ums Leben. Der 86-Jährige wurde von einem Auto angefahren und hätte wahrscheinlich überlebt, wenn sich der Unfallverursacher um ihn gekümmert hätte statt Fahrerflucht zu begehen. Der Schwerverletzte lag bis zum nächsten Morgen auf einem für Kraftfahrzeuge gesperrten Waldweg, bis ihn jemand fand. Eigentlich hätte Alina ihn beerben sollen, weil ihr Vater mit Comics genug Geld verdiente und sich als Künstler ohnehin nicht mit der Wohnungsverwaltung beschäftigen wollte. In Ermangelung eines Testaments erbte der einzige Sohn des Toten alles. Während sich Alina weiterhin um die Mietwohnungen kümmert, verwaltet ihr Ehemann Joris die beiden ebenfalls zur Erbmasse gehörenden Hochhäuser in Köln-Weiden.

Als Luca verschwand

Anfang Januar 2018 verbringt Mel Martell einige Zeit in einem Drogeriemarkt in Bedburg damit, einen Lippenstift auszusuchen. Max hält sich bei seiner Mutter im Laden auf. Es macht ihm Spaß, durch die automatische Tür ins Freie und zurück zu laufen. Draußen schenkt ihm eine ältere Frau einen Lolli. Auch seinem kleinen Bruder legt sie einen in den Kinderwagen.

Als Mel den Laden verlässt, schreit sie auf und fordert die Angestellten auf, die Polizei zu alarmieren: Der neun Monate alte Luca liegt nicht mehr im Kinderwagen!

Arno Klinkhammer, der Chef des zuständigen KK11 in Hürth, fand 1983 den ermordeten Taxifahrer Martin Schneider und kennt deshalb nicht nur Gabi Lutz, sondern auch Mel und Martin Martell. Außerdem betreut seine Frau Ines die Schriftstellerin als Lektorin. Er weiß, dass Gabi den kleineren der beiden Enkel nur von Fotos kennt, weil ihr Mel jeden Kontakt verweigert. Könnte Gabi aus Rache das Kind entführt haben? Arno Klinkhammer hält es aber auch für möglich, dass Mel eine Entführung Lucas vortäuscht. Sie könnte herausgefunden haben, dass Martin und Alina noch immer ein mehr als freundschaftliches bzw. verwandtschaftliches Verhältnis haben. Vielleicht tötete sie das Baby stellvertretend für ihren Mann. Luca könnte auch bei einem Unfall ums Leben gekommen sein, den Mel nun zu vertuschen versucht. Wegen seiner Befangenheit beteiligt Arno Klinkhammer sich nur als Privatmann an den Ermittlungen und überlässt diese offiziell seinen Mitarbeitern Rita Voss, Thomas Scholl und Jochen Becker.

Dass Mel den Kinderwagen mit dem Baby trotz der Kälte vor dem Laden im Freien stehen ließ, erklärt sie mit der stickigen Luft im Drogeriemarkt. Luca sei endlich eingeschlafen, und sie habe ihn nicht aufwecken wollen, was jedoch geschehen wäre, wenn sie ihm nach dem Betreten des Geschäfts die warmen Sachen ausgezogen hätte.

In der Bäckerei, in der Mel zuvor einkaufte, achtete sie darauf, dass niemand in den Kinderwagen sehen konnte. Das habe sie getan, um zu verhindern, dass Luca von Fremden mit möglicherweise keimverseuchten Händen betatscht wurde, behauptet Mel. Aber auch keiner der Kunden des Drogeriemarkts, die an dem draußen stehenden Kinderwagen vorbeikamen und befragt werden, kann sagen, ob er leer war oder nicht.

Dass Lucas Großmutter Gabi nicht erreichbar ist, verstärkt den Verdacht gegen sie.

Erpresser-Anruf

Während Rita Voss und Arno Klinkhammer bei den Martells sind, nimmt Martin einen Anruf entgegen und erklärt dann, er müsse weg, ein Kumpel habe einen Unfall gehabt und benötige seine Hilfe.

In Wirklichkeit handelte es sich um den Anruf eines Erpressers, der mit technisch verstellter Stimme eine Viertelmillion Euro Lösegeld für Luca verlangte. Martin sieht nur eine Möglichkeit, sich so eine Summe zu beschaffen: Er muss seine Mutter darum bitten. Von den Menschen, die er fragen kann, verfügt niemand außer der erfolgreichen Schriftstellerin über so viel Geld.

Er fährt zu ihr, aber sie ist nicht da, und nachdem sie seinen Anruf auf dem Handy weggedrückt hat, schaltet sie das Gerät aus.

Gabi

Von Reinhard Treber, dessen Ehefrau Hilde, dem Sohn Olaf und der Schwiegertochter Elke erfährt Arno Klinkhammer, dass dessen Schwester Gabi angekündigt habe, sie werde mit einer Facebook-Bekanntschaft namens Sascha Ferien auf einer Berghütte in den Alpen machen.

Gabis junger Nachbar Jan Velbecker, der ihre zwei Facebook-Seiten eingerichtet hat und über Administratoren-Rechte verfügt, stößt auf einen Mann namens Sascha Pleiß, der ein Jahr nach dem Tod seiner Ehefrau Silvia Kontakt mit Gabi aufnahm. Silvia Pleiß hatte zu den ersten Fans von Gabis Autorenseite gezählt. Sie und die Tochter kamen bei einem unverschuldeten Autounfall ums Leben. Der Osteopath Sascha Pleiß lebt in Braunschweig und betreibt dort eine eigene Praxis.

Gabi ist mit dem zwölf Jahre jüngeren Mann verabredet, allerdings nicht in den Bergen, wie sie ihrer Lektorin Ines Klinkhammer, ihrem Neffen Olaf Treber und ihrer Nachbarin Lin Velbecker erzählte, sondern in einem Bungalowpark an der Nordseite des Grevelinger Meeres.

Als die Polizei das herausfindet, wird vermutet, dass Luca in Gabis Auftrag von Sascha Pleiß entführt wurde. In Braunschweig scheint er nicht mehr zu sein, aber auf dem niederländischen Bungalowpark ist er auch noch nicht eingetroffen.

Anni Erzig

Außer Lucas Großmutter zählt die alte Frau, die Max einen Lolly schenkte, zu den Verdächtigen. Die Polizei findet heraus, dass sie Anni Erzig heißt. Leute, die sie kennen, halten sie für ein wenig verrückt, aber harmlos.

In ihrer Wohnung ist sie nicht. Am Fenster zum Hof hängt eine Strickleiter. Augenscheinlich ist sie geflohen.

Anni Erzigs Ehemann starb 2002 an myeloischer Leukämie. Da war sie 25 Jahre alt. Der Sohn wurde 2003 eingeschult, erkrankte kurz darauf an der gleichen Krankheit und folgte dem Vater ins Grab.

2015 zog das Ehepaar Diego und Elena Rodriguez mit der sechsjährigen Tochter Estelle und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Arturo in das Mietshaus in Bedburg−Blerichen, in dem Anni Erzig wohnte, und sie kümmerte sich um die Kinder, wenn die berufstätigen Eltern keine Zeit hatten, bis die Familie nach Kirdorf zog.

Ende 2016 glaubte Anni Erzig, bei einem bestimmten Neugeborenen handele es sich um ihren wiedergekehrten Sohn. Sie machte sich an Maja heran, die Schwester des Säuglings. Aber der Vater, Janosch Parlow, schlug Anni Erzig und verbot ihr den Umgang mit seinen Kindern. Das Baby starb an Mukoviszidose. Weil Anni Erzig befürchtete, Majas gewalttätiger Vater könne in ihre Wohnung eindringen und sie im Schlaf überraschen, bereitete sie ihre Flucht vor, besorgte sich eine Strickleiter und legte in einer Laube Vorräte an.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Spoiler 1

Im Januar 2018 sah sie Luca im Kinderwagen, während Mel in der Bäckerei einkaufte. Der Anblick des schlafenden Babys überzeugte Anni Erzig sofort, dass ihr Sohn erneut wiedergeboren wurde, und sie folgte der Mutter mit den beiden Kindern zum Drogeriemarkt. Dort schenkte sie Max einen Lolly und legte einen weiteren in den Kinderwagen. Sie erschrak, als Janosch Parlow aus dem Laden kam und beobachtete dann, wie er sich zu einem anderen Mann ins Auto setzte. Der stieg kurz darauf aus, ging zum Kinderwagen und hob das Baby heraus. „Achten Sie gut auf ihn“, sagte Anni Erzig.

„Das mache ich“, erwiderte er. „Deshalb nehme ich ihn jetzt mit. Das wird seiner Mutter, der Schlampe, eine Lehre sein, meinen Sie nicht? Was denkt sie sich, ihn alleine draußen in der Kälte stehen zu lassen? Da kann doch Gott weiß was passieren.“

Anni Erzig wunderte sich allerdings darüber, dass der Fremde das Kind in den Kofferraum seines Sportwagens legte, bevor er losfuhr.

Während die Polizei nach Anni Erzig fahndet, klingelt Lucas Entführer bei der Wohnung der Familie Parlow, gibt sich der Frau gegenüber als Kriminalkommissar in Zivil aus und bringt die zehnjährige Tochter Maja dazu, ihm den Weg zur Laube der alten Frau zu zeigen, mit der sie viel Zeit verbracht hatte, bis ihr Vater es ihr verbot.

Spoiler 2

Mit Hilfe von Olaf Treber wird Gabi Lutz aufgespürt. Arno Klinkhammer fährt hin und trifft eine halbe Stunde nach Sascha Pleiß in dem Ferienbungalowpark am Grevelinger Meer ein.

Erst vom Kommissar erfährt Gabi, dass ihr Enkel entführt wurde.

Gabi schaute ihn an, als hätte sie kein Wort verstanden, wiederholte tonlos: „Ein Entführer. Und was wollte der?“
„Eine Viertelmillion.“

Arno Klinkhammer berichtet weiter: Mel gab zu, dass ihr Bruder Joris sie zu der fingierten Entführung Lucas angestiftet habe, um eine Viertelmillion Euro Lösegeld zu erpressen. Sie wussten beide, dass Martin nicht selbst über so viel Geld verfügte, die Summe aber von seiner Mutter bekommen könnte. Der Plan ging schief, als sich herausstellte, dass Gabi verreist und nicht erreichbar war.

Spoiler 3

Am Rasthof Frechen entdecken Streifenbeamte die Leiche eines Mannes. Es handelt sich um Janosch Parlow. Er starb durch einen Kopfschuss.

Spoiler 4

Joris Martell dringt in die Laube ein, in der sich Anni Erzig vor Janosch Parlow versteckt hat. Nachdem er die in einem Sessel sitzende Frau dazu gebracht hat, eine Tasse besonders bitteren Kaffees auszutrinken, legt er ihr den schlafenden Luca in den Schoß.

Einige Stunden später findet Thomas Scholl die Tote und rettet das unterkühlte, dehydrierte, mit Alkohol ruhiggestellte Baby. Er bringt es in die Kinderklinik nach Düren. Luca überlebt.

Es sollte wohl so aussehen, als habe die verrückte Alte Luca entführt und sich dann in der Laube mit Pentobarbital vergiftet.

Joris Martell wird festgenommen. Die Ermittler werden noch eine Weile brauchen, bis sie ihm die Entführung ebenso wie die Ermordung von Janosch Parlow und Anni Erzig nachweisen können. Spuren unter dem linken Kotflügel von Janosch Parlows Auto beweisen, dass Alinas Großvater mit diesem Wagen totgefahren wurde. Wahrscheinlich hatte Janosch Parlow den Auftrag für den Mord von Joris Martell bekommen, der davon ausgegangen war, dass seine Frau Alina den Toten beerben würde. Vermutlich ist Joris Martell auch für den Tod eines alten Ehepaares in Köln-Weiden vor drei Jahren verantwortlich. Er wollte die Wohnung in dem von ihm verwalteten Hochhaus für seine Schwester Mel freikriegen. Aber das wird man ihm wohl nicht mehr nachweisen können.

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Der Kriminalroman „Als Luca verschwand“ beginnt mit der Entführung des neun Monate alten Luca. Petra Hammesfahr schildert diese Szene aus dem Blickwinkel von Jutta Meuser, einer der Angestellten in dem Drogeriemarkt, in dem Lucas Mutter Mel Martell zur Tatzeit einen Lippenstift aussucht.

Im weiteren Verlauf wechselt Petra Hammesfahr immer wieder zwischen den Handlungssträngen bzw. Perspektiven und sorgt dafür, dass wir als Leserinnen und Leser einen Wissensvorsprung gegenüber den Ermittlern bekommen. Das erhöht die Spannung.

Allerdings wird man beim Lesen von „Als Luca verschwand“ mit zu vielen Romanfiguren, Beziehungen und Verwandtschaftsverhältnissen konfrontiert. (In der Inhaltsangabe wurde eine ganze Reihe von ihnen weggelassen. Es gäbe zum Beispiel noch die Rossmann-Angestellten Helene Matthies, Ilonka Koskolviak und Helene Matthies, die Oberstaatsanwältin Carmen Rohdecker, die Polizistin Anja Kummert, Elke Trebers Tochter Nina und Anni Erzigs Nachbarin Roswita Werner.) Ein Personenverzeichnis wäre nützlich. Dass die Charaktere bei der Vielzahl schablonenhaft bleiben, ist nicht verwunderlich.

Zu den Pluspunkten von „Als Luca verschwand“ gehört, dass Petra Hammesfahr eine ganze Reihe möglicher Täter und Motive ins Spiel bringt. Damit schafft sie ein Rätsel, das nach und nach gelöst wird, bis wir am Ende durchschauen, was wirklich geschah.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Diana Verlag

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