Siri Hustvedt : Was ich liebte

Was ich liebte
Originalausgabe: What I Loved Henry Holt, New York 2003 Was ich liebte Übersetzung: Uli Aumüller, Erica Fischer, Grete Osterwald Rowohlt Verlag, Reinbek 2003 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2004 ISBN 3-499-23309-6, 477 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1975 lernen sich der Kunsthistoriker Leo Hertzberg und der Künstler Bill Wechsler in New York kennen. Die beiden Männer und ihre Ehefrauen Erica und Lucille werden enge Freunde. Ihre Söhne Matt und Mark kommen 1977 zur Welt. Einige Zeit später trennen Bill und Lucille sich. Mit Bills zweiter Ehefrau Violet versteht Mark sich zunächst gar nicht. Als Matt mit 11 ums Leben kommt, zerbricht die Ehe seiner Eltern. Leo wendet sich nun Mark stärker zu, aber nach ein paar Jahren stellt er fest, dass der Junge nicht nur lügt, sondern auch stiehlt ...
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Kritik

"Was ich liebte" ist eine vielschichtige Mischung aus Künstlerroman, Familiengeschichte und Thriller. Mit großer Wissbegier und sehr viel Einfühlungsvermögen spürt Siri Hustvedt der psychologischen Entwicklung der Figuren nach.
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Der in New York lebende, fünfundvierzig Jahre alte Kunsthistoriker Leo Hertzberg erwirbt 1975 für seine Wohnung in SoHo ein Gemälde, dessen Rätselhaftigkeit ihn fasziniert:

Ein großes Format, eins achtzig mal zwei fünfzig. Mit einer auf dem Boden eines leeren Raumes liegenden jungen Frau. Sie stützte sich auf einen Ellbogen und schien etwas außerhalb des Bildes zu betrachten […]
Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst wurde, dass sich in Wirklichkeit drei Personen auf dem Bild befanden. Ganz weit rechts, wo die Leinwand dunkel war, bemerkte ich eine aus dem Gemälde heraustretende Frau. Innerhalb des Rahmens waren nur ihr Fuß und ihr Knöchel zu sehen […] Die dritte Person war nur ein Schatten. Einen Augenblick hielt ich diesen Schatten für meinen eigenen, doch dann begriff ich, dass der Künstler ihn hineingemalt hatte. Die schöne Frau, die nur ein Männer-T-Shirt trug, wurde von jemandem außerhalb des Bildes angesehen, einem Betrachter, der genau dort zu stehen schien, wo ich stand, als ich das Dunkel bemerkte, das über ihren Bauch und ihre Schenkel fiel.
Rechts von dem Gemälde las ich auf dem kleinen getippten Pappschild: Selbstporträt von William Wechsler. (Seite 10)

Kurz darauf lernt Leo Hertzberg den vierzehn Jahre jüngeren Künstler kennen. William („Bill“) Wechsler und er werden Freunde.

Leo wurde am 19. Februar 1930 in Berlin geboren. Am 13. August 1935 setzten sich seine jüdischen Eltern mit ihm nach Paris ab, und von dort aus emigrierten sie über London nach New York. Die in Deutschland zurückgebliebenen Verwandten wurden 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Leos Vater starb 1947 im Alter von dreiundvierzig Jahren; seine Mutter lebte noch bis 1973. Ein Jahr nach ihrem Tod verheiratete sich Leo, der seit 1963 Kunstgeschichte an der Columbia University lehrt, und zwar mit Erica Stein, einer elf Jahre jüngeren Englisch-Dozentin der Rutgers University. Auch bei Ericas Eltern handelte es sich um deutsche Juden. Sie hatten Berlin 1933 verlassen und waren in die USA ausgewandert, wo der Vater Psychoanalytiker wurde und die Mutter Sprecherzieherin. Sie starben beide kurz nacheinander im Jahr 1973.

Bill wuchs in New Jersey auf. Sein Vater Sy – dessen Eltern als Kinder aus Russland in die USA gekommen waren – handelte mit Pappkartons, seine Mutter Regina engagierte sich ehrenamtlich bei jüdischen Wohlfahrtsvereinen und verdiente Geld als Immobilienmaklerin. Bill studierte in Yale Malerei, Kunstgeschichte und Literatur. Seit drei Jahren ist er mit der Gedichte schreibenden und als Lektorin arbeitenden Juristentochter Lucille Alcott verheiratet.

Im August 1977 ziehen Bill und Lucille in den Loft über dem Apartment in SoHo, in dem Leo und Erica seit zwei Jahren wohnen. Am 12. August wird Erica Hertzberg von einem Sohn entbunden, der den Namen Matthew („Matt“) erhält. Fünfzehn Tage später kommt Lucille ebenfalls mit einem Jungen nieder, und sie nennt ihn Mark.

Einige Zeit nach Marks Geburt trennen sich Bill und Lucille. Während Lucille zunächst in dem Loft in SoHo bleibt, kehrt Bill in seine vorherige Wohnung in der Bowery zurück. Das Kind verbringt eine Hälfte der Woche bei der Mutter und die andere beim Vater.

1981 kommt Violet Blom aus Paris zurück. Die jetzt Siebenundzwanzigjährige, die gerade an der Sorbonne über berühmte Hysterikerinnen promovierte, war Bills Modell gewesen, unter anderem für das „Selbstporträt“, das inzwischen in der Wohnung von Leo und Erica hängt. Sie wird Bills Lebensgefährtin, zieht zu ihm und ersetzt Lucille im Kreis der beiden eng befreundeten Familien. Als Bill den Eindruck hat, dass Mark unter der Trennung seiner Eltern leidet, will er es noch einmal mit Lucille versuchen, hält es jedoch nur fünf Tage lang mit ihr aus und geht dann zum Scheidungsanwalt. Fünf Tage nach der Scheidung von Lucille vermählt Bill sich mit Violet.

Zwei Monate später zieht Lucille mit Mark nach Houston und fängt an der Rice University als Dozentin für Creative Writing an. Nach wenigen Wochen schickt sie Mark zu seinem Vater zurück. Der Junge verträgt sich jedoch nicht mit seiner Stiefmutter: er schreit sie an und prügelt auf sie ein. Notgedrungen ersucht Bill seine Exfrau, den Sohn wieder zu sich zu nehmen. Violet kann es kaum glauben, als Lucille ihr am Telefon berichtet, dass Mark sich bei ihr gehorsam und vorbildlich verhält.

Statt das Angebot einer Vertragsverlängerung anzunehmen, zieht Lucille ein Jahr später mit Mark wieder nach New York.

Seit 1984 verbringen Bill, Violet und Mark, Leo, Erica und Matt jedes Jahr ein paar Ferienwochen in Vermont. 1988 nehmen die beiden elfjährigen Jungen stattdessen an einem Ferienlager in Pennsylvania teil. Dort verunglückt Matt bei einer Kanufahrt auf dem Delaware tödlich.

Leo kommt über den Verlust seines Sohnes nicht hinweg. Wenn er vor seinen Studenten steht und doziert, fühlt er sich wie ein Schauspieler:

Ich kannte den Leo Hertzberg gut, der vor Matthews Tod im Fachbereich Kunstgeschichte gelehrt hatte, und konnte ihn mühelos darstellen. (Seite 185)

Bisher fand Erica, die schon immer etwas nervös war, bei Leo Ruhe und Ausgeglichenheit, aber nach Matts Tod ist seine Gelassenheit in Erstarrung umgeschlagen, und keiner der beiden ist in der Lage, dem anderen in der Trauer zu helfen.

In manchen Nächten packte sie [Erica] mich und küsste meine Hände, mein Gesicht, meine Brust, in anderen bearbeitete sie meine Arme und meinen Körper mit Fäusten. In manchen Nächten flehte sie mich an, sie festzuhalten, und wenn ich sie dann in den Armen hielt, stieß sie mich zurück. Nach einer Weile merkte ich, dass ich wie ein Roboter auf sie reagierte. Ich tat meine Pflicht, hielt sie fest, und wenn sie mich nicht in der Nähe haben wollte, saß ich still in einem Sessel ein paar Meter von ihr entfernt […] (Seite 185f)

Weil Erica das Zusammenleben mit Leo nicht mehr erträgt, nimmt sie eine Lehrtätigkeit in Berkeley an, und ihr Ehemann bleibt in New York zurück. Bill und Violet, die inzwischen in dem Loft in SoHo wohnen, kümmern sich um ihn. Leo wendet sich verstärkt Mark zu. Der Junge, der ihn Onkel nennt, scheint ihn zu lieben und tut alles, um ihm zu gefallen. Als Mark fünfzehn ist und sich mit Collagen versucht, stellt Leo ihm mit Zustimmung von Bill und Violet Matts früheres Zimmer zur Verfügung, gewissermaßen als Atelier.

Einmal wacht Leo um 4.15 Uhr auf und hört Geräusche an der Wohnungstür. Er sieht nach. Mark wollte gerade aufschließen, obwohl er das Zimmer nur tagsüber benutzen darf. Er hat seine offensichtlich unter Drogen stehende Freundin Teenie Gold bei sich, einen lateinamerikanischen Jungen und Teddy Giles (eigentlich: Allan Johnson), einen zehn Jahre älteren Exzentriker, der in der New Yorker Kunstszene wegen seiner brutalen Installationen und Performances berüchtigt ist.

Die Ausstellung [von Teddy Giles] ähnelte dem Schauplatz eines Massakers. Neun Leichen aus Polyesterharz und Glasfaser lagen auf dem Boden der Galerie, entleibt, die Glieder abgehackt, geköpft. Auf dem Boden Flecken wie von getrocknetem Blut. (Seite 261)

Ich verstand, warum die Leute von Giles fasziniert waren. Seine unersättliche Gier nach Aufmerksamkeit zwang ihn, sich regelmäßig neu zu erfinden. Veränderung hat Nachrichtenwert […] (Seite 312)

Besorgt wendet Leo sich am nächsten Morgen an seinen Freund. Bill nahm an, Mark sei bei Lucille, und ein Anruf bei ihr ergibt, dass sie glaubte, er würde bei einem Schulfreund übernachten. Bill hätte gern einen Sohn wie Matt gehabt und macht sich zugleich Vorwürfe wegen dieses Wunsches. Er besorgt Mark einen Ferienjob bei dem befreundeten Künstler Harry Freund, doch einige Zeit später erfährt er zufällig, dass Mark nur eine Woche lang dort war.

Als Leo einmal um 5 Uhr morgens aufschreckt, steht Mark an seinem Bett. Nachdem der Sechzehnjährige das Schlafzimmer verlassen hat, entdeckt Leo an einem Arm den Abdruck von Zähnen. Hat Mark ihn gebissen?

Kurz darauf vermisst er seine Scheckkarte und stellt fest, dass 7000 Dollar auf seinem Konto fehlen. Mark leugnet zunächst alles; dann gesteht er, die Scheckkarte an sich genommen zu haben, beteuert jedoch, kein Geld abgehoben zu haben. Am Ende muss er auch das zugeben. Bill fragt sich, wie es so weit kommen konnte. Eine Antwort findet er nicht, aber er kümmert sich inzwischen um seinen Sohn wie um ein behindertes Kind.

Eines Tages liegt Bill tot in seinem Atelier. Offenbar erlag er einer Herzattacke.

Violet ist nun mit Mark allein. Als er wieder einmal für einige Zeit verschwunden ist, findet sie bei seinen Sachen ein Schweizer Messer mit Matt Hertzbergs Initialen, ein Geschenk von Leo, über dessen Verlust der elfjährige Matt untröstlich war. Violet erinnert sich, wie mitfühlend Mark sich damals gab. Dabei hatte er das Messer offenbar selbst seinem Freund gestohlen!

Wie eine Maschine, die alle Vorgänge perfekt wiederholt, stand Mark unter dem Zwang, wieder zu tun, was er vorher getan hatte: lügen, stehlen, verschwinden, wieder auftauchen, um sich am Ende, nach heftigen gegenseitigen Beschuldigungen, Wut und Tränen, mit seiner Stiefmutter zu versöhnen. (Seite 346)

Auf der Suche nach Mark fährt Leo einmal zu Teddy Giles. Der behauptet, Marks Aufenthaltsort nicht zu kennen, aber Leo findet den Jungen halbtot am Boden im Bad und lässt ihn ins New York Hospital bringen. Beinahe wäre Mark an einem Drogencocktail gestorben. Drei Tage nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus fliegt Violet mit ihm für zwei Monate nach Minneapolis, Minnesota, wo sie in einer Rehaklinik für Suchtkranke einen Platz für ihn bekommen hat.

Zurück in New York, verschwindet Mark 1996 erneut. Nach einiger Zeit ruft der Neunzehnjährige seine Stiefmutter an und erzählt ihr, er befinde sich mit Teddy Giles in Minneapolis. Statt ihm, wie gewünscht, Geld zu schicken, bietet Violet ihm ein Flugticket an, aber er behauptet, sich nicht einmal die Fahrt zum Flughafen leisten zu können. Als Leo das hört, fliegt er nach Minneapolis, um Mark persönlich abzuholen. In dem am Telefon genannten Hotel kennt man zwar keinen Mark Wechsler, aber ein Ehepaar Mr und Mrs Theodore Giles. Leo sieht den Künstler in Begleitung eines Transvestiten, den er erst nach einer Weile erkennt: Es handelt sich um Mark. Bevor Leo sich dem Paar nähert, steigt es in ein Taxi. Kurz darauf ruft Teddy Giles vom Flughafen aus im Hotel an: Leo soll nach Iowa City kommen. Dort haben sich die beiden als „William und Mark Wechsler“ eingetragen. Von Iowa City lotsen sie Leo nach Nashville, wo er endlich an sie herankommt. In seiner Erregung presst Leo die Arme von Mark so, dass dem Sechsundsechzigjährigen der Schmerz in den Rücken schießt und er sich kaum noch bewegen kann. Scheinbar fürsorglich begleiten Mark und Teddy Giles ihn nach oben. Als Leo sich sträubt, das vermüllte, stinkende Zimmer der beiden jungen Männer zu betreten, schlägt Teddy Giles ihm den Kopf gegen den Wand. Zum Glück tauchen in diesem Augenblick zwei andere Hotelgäste auf, die Leo zu seinem eigenen Zimmer bringen.

Allein kehrt Leo nach New York zurück.

Inzwischen hat man einen Koffer aus dem Hudson River gefischt, in dem sich die verwesten Überreste der zerstückelten Leiche des mexikanischen Jungen Rafael Hernandez befanden.

Als Mark bei Violet auftaucht und erfährt, dass zwei Kriminalbeamte im Zusammenhang mit den Ermittlungen in dem Mordfall nach ihm fragten, lässt er sich dazu überreden, mit dem Rechtsanwalt Arthur Geller zur Polizei zu gehen. Er sagt aus, er sei in der Mordnacht zu Teddy Giles gegangen und habe in dessen Apartment die blutüberströmte Leiche des Jungen am Boden liegen sehen. Daraufhin wird Teddy Giles festgenommen und auch nicht bis zur Verhandlung gegen eine Kaution freigelassen. Die Ermittlungen ziehen sich monatelang hin, weil der Beschuldigte behauptet, bei der vermeintlichen Leiche habe es sich um eine Nachbildung im Rahmen einer Performance gehandelt. Der Staatsanwalt glaubt ihm zwar nicht, kann aber das Gegenteil nicht beweisen und beginnt, Mark als Komplizen zu verdächtigen – bis sich der siebzehnjährige Junkie Nathan Furbank alias Indigo West als Augenzeuge meldet. Er war offenbar einer von vielen, die Schlüssel zu Teddy Giles‘ Wohnung besaßen. Als er zur Tatzeit aus einem der Zimmer kam, sah er Rafael gefesselt und mit zugeklebtem Mund auf einer blutigen Plastikplane am Boden liegen. Einen Arm hatte ihm Teddy Giles, der sich über ihn beugte und eine Axt in der Hand hielt, bereits abgehackt. Ohne von dem Mörder bemerkt zu werden, zog Indigo West sich in das Zimmer zurück, versteckte sich unter einem Bett und übergab sich. Dann hörte er, wie Mark kam. Mit dieser Aussage konfrontiert, nimmt Teddy Giles einen Deal an: Fünfzehn Jahre Haft wegen Totschlags statt einer Mordanklage.

Leo und Violet überlegen, was mit Mark geschehen war. Als Bill und Violet ihn damals zu Lucille abgeschoben hatten, begriff er vermutlich, wie er sich gegenüber seiner Mutter verhalten musste, um nicht von ihr ebenfalls abgewiesen zu werden: Er begann den folgsamen Sohn zu spielen und geriet immer tiefer in eine Welt voller Lügen und falscher Identitäten. Violet vergleicht das mit den von Jean Martin Charcot untersuchten Hysterikerinnen:

„Charcot wollte, dass die Frauen Vorstellungen gaben, und sie taten es. Wir wollen, dass Mark Rücksicht auf andere nimmt, dass er auf uns eingeht, wenn er mit uns zusammen ist, und genau das scheint er zu tun. Er führt für uns das Theater auf, das wir, wie er glaubt, sehen wollen.“ (Seite 355f)

Mark immatrikuliert sich an der School for Visual Arts und scheint gute Fortschritte zu machen, doch als Lucille in der Schule anruft, erfährt sie, dass Mark gar nicht studiert: Die Zeugnisse, die er ihr zeigte, waren alle gefälscht.

Violet nimmt ein Stellenangebot der American University in Paris an. Leo bleibt allein in New York zurück. Im Jahr darauf konsultiert er einen Augenarzt, weil seine Sehfähigkeit stark nachgelassen hat. Er leidet unter einer Makuladegeneration. Allmählich bleibt ihm nur noch die Erinnerung.

In Büchern aus Bills Nachlass findet er alte Briefe von Violet. Da beschließt er, sich in einem Buch mit der Frage zu beschäftigen, was in den letzten fünfundzwanzig Jahren mit ihm, Erica, Lucille, Bill, Violet und Mark geschah. Am 30. August 2000 beendet er das Manuskript für das vorliegende Buch mit dem Titel „Was ich liebte“.

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„Was ich liebte“ ist eine Mischung aus Künstlerroman, Familiengeschichte und Thriller. Der erste Teil handelt von der 1975 beginnenden Freundschaft zwischen zwei Künstler- bzw. Intellektuellen-Familien in New York. Im zweiten Teil erleben wir, wie die Ehe eines der beiden Paare nach dem Unfalltod des elfjährigen Sohnes zerbricht. Im Fokus des dritten Teils steht der Sohn des anderen Paares, der lügt und stiehlt, drogensüchtig wird, keine eigene Identität entwickelt, mitunter Frauenkleidung trägt und durch die Bindung an einen egomanischen Exzentriker in einen Mord verwickelt wird. Der Roman beginnt und endet im Jahr 2000, als einer der Protagonisten zu verstehen versucht, was in den letzten fünfundzwanzig Jahren mit ihm und den Freunden geschehen ist.

Als Ich-Erzähler hat Siri Hustvedt einen Mann ausgesucht – den Kunsthistoriker Leo Hertzberg –, und es ist erstaunlich, wie überzeugend sie die männliche Perspektive beibehält. Die in die Rolle eines Mannes geschlüpfte Autorin lässt Leos Freund ein Selbstporträt malen, bei dem es sich um das Bild einer Frau handelt, auf dem aber auch der Fuß einer zweiten Frau zu sehen ist und ein männlicher Betrachter aufgrund eines Schattens erahnt werden kann.

In „Was ich liebte“ geht es um Liebe und Sexualität, Tod und Trennung, Lüge und Verrat, Identitätssuche, Einsamkeit, Kunst und eine New Yorker Subkultur. Bestimmt ist es kein Zufall, dass der Künstler Bill Wechsler „hinter dem Nichtsichtbaren im Sichtbaren“ her ist (Seite 21) und der Kunsthistoriker Leo Hertzberg, der „Eine kurze Geschichte des Sehens in der abendländischen Malerei“ geschrieben hat, nahezu erblindet.

Siri Hustvedt hat mit „Was ich liebte“ einen vielschichtigen, detailreichen und nachdenklichen Roman geschrieben. Mit großer Wissbegier und sehr viel Einfühlungsvermögen spürt sie der psychologischen Entwicklung der Figuren nach und stellt diese stringent dar. Auch die Form des Romans beweist die Intelligenz der Autorin, denn sie versteht sich auf Spiegelungen und dramaturgische Steigerungen. Die Sprache ist unsentimental, und Siri Hustvedt kommt ohne satirische, zynische oder maliziöse Schnörkel aus.

Siri Hustvedt wurde am 19. Februar 1955 in Northfield, Minnesota, als Tochter einer Norwegerin und eines Norwegischprofessors geboren. Sie wuchs zweisprachig auf. 1981 lernte sie den acht Jahre älteren amerikanischen Schriftsteller Paul Auster kennen. Die beiden heirateten im Jahr darauf. Paul Auster brachte den Sohn Daniel aus seiner ersten Ehe mit der Schriftstellerin Lydia Davis mit, und Siri Hustvedt gebar 1987 die Tochter Sophie.

In dem Roman „Was ich liebte“ gerät ein Halbwüchsiger unter den Einfluss eines Mörders. Ähnliches erlebte Siri Hustvedt mit ihrem Stiefsohn Daniel Auster: Gegen ihn wurde im Zusammenhang mit einem Mordfall ermittelt, und ein Gericht verurteilte ihn 1998 zu einer fünfjährigen Bewährungsstrafe, weil er dem Opfer 3000 Dollar gestohlen hatte.

„Was ich liebte“ ist der dritte Roman von Siri Hustvedt, der ins Deutsche übersetzt wurde. Inzwischen liegen in deutscher Sprache folgende Werke von Siri Hustvedt vor (alle von Uli Aumüller übersetzt und vom Rowohlt Verlag veröffentlicht):

  • Die unsichtbare Frau (1993; The Blindfold, 1992 – Roman)
  • Die Verzauberung der Lily Dahl (1997; The Enchantment of Lily Dahl, 1996 – Roman)
  • Nicht hier, nicht dort (2000; Yonder, 1998 – Essays)
  • Was ich liebte (2003; What I Loved, 2003 – Roman)
  • Being a Man (2006; A Plea for Eros, 2006 – Essays)
  • Sorrows of an American (2008; Die Leiden eines Amerikaners – Roman)
  • The Shaking Woman or A History of My Nerves (2010; Die zitternde Frau – Sachbuch)
  • The Summer Without Men (2011; Der Sommer ohne Männer – Roman)

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007 / 2009
Textauszüge: © Rowohlt

Siri Hustvedt: Die zitternde Frau
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Siri Hustvedt: Die gleißende Welt

Ben Roeg - Verwandtschaften
In drei polyphonen "Real-Fiktionen" prangert Ben Roeg in­humane Auswirkungen von Ideo­lo­gien, Gesetzen und Institu­tio­nen an. Die Texte bewegen sich zwischen Sachbuch und Belle­tristik, denn fiktive Figuren konkretisieren historische Fakten.
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