Siri Hustvedt : Die zitternde Frau

Die zitternde Frau

Siri Hustvedt

Die zitternde Frau

Originalausgabe: The Shaking Woman or A History of My Nerves Henry Holt & Co, New York 2010 Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven Übersetzung: Uli Aumüller, Grete Osterwald Rowohlt Verlag, Reinbek 2010 ISBN: 978-3-498-03002-5, 236 Seiten, 18.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bei der Gedenkrede, die sie 2006 für ihren Vater hielt, konnte sich die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt eines heftigen Zitterns nicht erwehren. Es tritt seither immer wieder bei öffentlichen Reden auf. Sie versucht, das Zittern zu verstehen. Bei dieser Selbsterkundung kommt der klugen Frau das umfangreiche Wissen auf den Gebieten Medizingeschichte, Hirnforschung und Psychologie zugute, das sie sich angeeignet hat.
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Kritik

"Die zitternde Frau" ist kein Roman, sondern ein Sachbuch von Siri Hustvedt. Es ist der Versuch einer Selbsterkundung. Dabei streift sie im Plauderton durch die Geschichte der Medizin und der Psychologie.
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Lloyd Hustvedt stirbt am 2. Februar 2004 im Alter von einundachtzig Jahren in einem Pflegeheim in Northfield, Minnesota, an einem Lungenemphysem. Die Schriftstellerin Siri Hustvedt (* 1955), eine seiner vier Töchter, hält mit fester Stimme die Trauerrede.

Als das St. Olaf College in Northfield zweieinhalb Jahre später zum Gedenken an Professor Hustvedt, der fast vierzig Jahre lang die Norwegische Abteilung geleitet hatte, eine Nordische Fichte pflanzt, wird Siri Hustvedt eingeladen, erneut über ihren Vater zu sprechen.

Selbstsicher und mit Karteikarten versehen, blickte ich über die etwa fünfzig Freunde und Kollegen, die sich rund um die Fichte versammelt hatten, öffnete den Mund zu meinem ersten Satz und begann vom Hals an abwärts zu zittern. Meine Arme zuckten. Die Knie knickten ein. Ich zitterte so stark, als hätte ich einen Krampfanfall. Komischerweise war meine Stimme nicht betroffen. Sie veränderte sich überhaupt nicht. Verblüfft von dem, was mir geschah, und in Angst und Schrecken, ich könnte umkippen, gelang es mir, das Gleichgewicht zu wahren und weiterzureden, obwohl die Karten, die ich in der Hand hielt, vor mir hin und her wackelten. Als die Rede zu Ende war, hörte das Zittern auf. Ich sah auf meine Beine hinunter. Sie waren dunkelrot angelaufen und schimmerten bläulich. (Seite 9)

Das Erlebnis verstört Siri Hustvedt. Im Mittelalter hätte man das Zittern durch Besessenheit erklärt. Glücklicherweise muss sie nicht mehr befürchten, als Hexe verbrannt zu werden. Sie beginnt darüber nachzudenken, woher das Zittern kommen konnte. Dabei greift sie auf das umfangreiche Wissen auf den Gebieten Psychologie und Hirnforschung zurück, das sie sich bereits angelesen hat.

Ihre Identifikation mit dem Vater war intensiv. Einmal bildete sie sich ein, er zu sein und seine Schmerzen zu spüren. Seit längerer Zeit schreibt sie an einem Buch, dem die Memoiren ihres Vaters zugrunde liegen. Ihr fällt auf, dass das Zittern auf einem Terrain erfolgte, das ihr vertraut war: dem Campus des St. Olaf College. Hier hatte sie als Kind mit ihrer Familie gewohnt.

Hat die Tatsache, dass ich auf diesem vertrauten Terrain stand, die Realität des Todes für mich freigesetzt – die Präsenz eines unaussprechlichen Es? Schließlich wohnte ich in New York und sah meinen Vater nicht täglich. In New York war es normal, dass er in meinem Leben fehlte. (Seite 110)

Als Säugling bekam Siri Hustvedt hin und wieder Fieberkrämpfe. Mit elf oder zwölf Jahren hörte sie manchmal Stimmen.

Sie kamen, wenn ich allein war, und sprachen mechanisch im Chor immer dieselben Sätze, wodurch ich das Gefühl bekam, sie wollten mich in ihren pochenden, bedrohlichen Rhythmus hineinziehen, von mir Besitz ergreifen. (Seite 187)

Und sie erinnert sich, im Sommer 1982 in einer Galerie in Paris einmal das Gefühl gehabt zu haben, von einer höheren Macht gepackt zu werden. Ihr linker Arm zuckte plötzlich so heftig nach oben, dass sie rückwärts gegen die Wand taumelte. Danach fühlte sie sich euphorisch, aber es war der Beginn eines nahezu ein Jahr lang anhaltenden Migräneanfalls. Unter Migräne leidet sie schon seit ihrer Kindheit (vaskuläres Migränesyndrom). Mit dreißig kribbelte es sie in Armen und Beinen („electric body“, periphere Neuropathie).

Ist das Zittern durch Hysterie zu erklären, also durch eine Konversionsstörung, die Umsetzung psychischer Erregung in körperliche Symptome? Siri Hustvedt fällt auf, dass psychische Erkrankungen in der Regel mit der Person gleichgesetzt werden. Man hat Grippe oder Krebs, aber man ist schizophren oder Epileptiker.

Die zitternde Frau fühlte sich wie ich an und zugleich nicht wie ich. Vom Kinn an aufwärts war ich mein vertrautes Selbst. Vom Hals an abwärts war ich eine geschüttelte Fremde. (Seite 13)

Ende 2006 hält Siri Hustvedt im Rahmen eines Programms der Columbia University über Narrative Medizin einen Vortrag am Presbyterian Hospital in New York. Sie schildert ihren Anfall bei der Gedenkrede für ihren Vater vor einem halben Jahr und veranschaulicht verschiedene Deutungsmöglichkeiten durch die Argumente von drei fiktiven Figuren: eines Psychiaters, eines Psychoanalytikers und eines Neurologen.

Einige Monate später soll sie den gleichen Vortrag in gekürzter Form bei einem Literaturseminar in Key West, Florida, halten. Am Rednerpult zittert sie erneut, diesmal so heftig, dass das Publikum beunruhigt reagiert. Siri Hustvedt lässt sich allerdings nicht aus dem Konzept bringen; Kopf und Stimme sind nicht beeinträchtigt. Während sie redet, ebbt das Zittern allmählich ab.

Ganz gegen meinen Willen hatte ich genau den pathologischen Zustand vorgeführt, den ich beschrieb. (Seite 37)

Ein Psychiater verschreibt ihr ein Benzodiazepin (Lorazepam).

Ich zitterte weiter. Ich zitterte auch mit Lorazepam, aber nicht bei jedem öffentlichen Auftritt, nur bei manchen. (Seite 47)

Ein Betablocker wirkt noch besser. Während einer Lesereise durch Deutschland und die Schweiz nimmt Siri Hustvedt regelmäßig Propranolol ein.

In der letzten Stadt, in Zürich, nahm ich die Tablette ein und las, ohne zu zittern, aber ich fühlte das Beben während der ganzen Veranstaltung, ein elektrisches Schwirren, das durch meine Glieder strömte. Es war wie zittern, ohne zu zittern. (Seite 48)

Siri Hustvedt erlebt die zitternde Frau als etwas von ihrer bisherigen Persönlichkeit Unterscheidbares.

Das Befremdende einer Dualität in mir bleibt, ein starkes Gefühl von einem „Ich“ und einem unkontrollierbaren Anderen. Die zitternde Frau ist natürlich nicht jemand mit einem Namen. Sie ist eine Fremde ohne Sprache, die nur während meiner Reden auftaucht. (Seite 55)

Am 23. Juni 2008 wandert Siri Hustvedt mit ihrem Ehemann Paul Auster und einem gemeinsamen Freund in den Pyrenäen. Sie will den beiden Männern imponieren und geht voran – bis ihr plötzlich die Luft wegbleibt.

Atemlos setze ich mich auf einen Felsbrocken und spüre, wie mein ganzer Körper von heftigen Krämpfen geschüttelt wird, die bald wieder abklingen. Das hat keine emotionalen Gründe, denke ich mir. Das hat nichts mit dem Tod meines Vaters zu tun. Das ist keine Konversionsstörung. (Seite 166f)

Bisher hat sie geglaubt, das Zittern stehe im Zusammenhang mit der Migräne bzw. einer Konversionsstörung. Das Erlebnis beim Bergwandern verunsichert sie in ihrer Selbstdiagnose.

Vermutlich würde es sie erleichtern, wenn die Ärzte, Psychiater oder Psychologen ihr Zittern klassifizieren, also einer bekannten Krankheit zuordnen könnten und eine Bezeichnung dafür hätten. Sie sucht zunächst eine Psychiaterin und Psychoanalytikerin auf. Die schickt sie zu einer Neurologin. Die MRT ist ohne Befund.

Die Geschichte der zitternden Frau ist die Erzählung von einem sich wiederholenden Ereignis, das im Lauf der Zeit, aus immer anderen Perspektiven gesehen, vielfältige Bedeutungen gewonnen hat. Was zuerst als ein Ausreißer erschien, wurde nach seiner Wiederkehr beängstigend und emotionsbeladen. Können wir sagen, meine veränderten Reaktionen im Lauf der Jahre seien psychisch und nicht neutral bedingt? (Seite 200)

Aus der Literatur kennt Siri Hustvedt einige Fälle, in denen Patienten die wegtherapierten Symptome vermissten, so zum Beispiel der von Oliver Sacks beschriebene Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Ob das auch bei ihr so wäre, weiß sie nicht.

Die Kopfschmerzen sind ich, und das zu begreifen, war meine Rettung. Vielleicht besteht der nächste Trick darin, auch die zitternde Frau zu integrieren, mir einzugestehen, dass auch sie Teil meiner selbst ist. (Seite 191)

Ich jage ihr mit Worten nach, obwohl sie sich nicht fangen lässt, und hin und wieder bilde ich mir ein, ich sei ganz nahe dran. Im Mai 2006 stand ich unter einem wolkenlosen blauen Himmel und begann, von meinem Vater zu sprechen, der seit über zwei Jahren tot war. Sobald ich den Mund öffnete, fing ich heftig an zu zittern. Ich zitterte an jenem Tag, und an anderen Tagen zittere ich wieder. Ich bin die zitternde Frau. (Seite 218)

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Das Sachbuch „Die zitternde Frau“ trägt zwar den Untertitel „Eine Geschichte meiner Nerven“, aber die mit Paul Auster verheiratete amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt erzählt nur wenig von sich selbst. Sie versucht, das heftige Zittern, das sie seit 2006 bei öffentlichen Reden befällt, zu verstehen. Bei dieser Selbsterkundung kommt der klugen Frau das umfangreiche Wissen auf den Gebieten Medizingeschichte, Hirnforschung und Psychologie zugute, das sie sich angeeignet hat.

Wer sind wir überhaupt? Was weiß ich wirklich über mich? Mein Symptom hat mich von den alten Griechen bis zum heutigen Tag geführt, in Theorien und Gedanken hineinschnuppern lassen, denen vielfältige Weltanschauungen zugrunde liegen. Was ist Körper, und was ist Geist? Ist jeder von uns ein singulares oder ein plurales Wesen? Wie erinnern wir Dinge, und wie vergessen wir sie? Meine Pathologie aufzuspüren erweist sich als ein Abenteuer in der Geschichte der Erfahrung und der Wahrnehmung. Wie lesen wir ein Symptom oder eine Krankheit? Wie ordnen wir ein, was wir beobachten? (Seite 78)

In „Die zitternde Frau“ gibt es viele lesenswerte Passagen, aber als Ganzes ist das Buch nicht überzeugend. Nicht, weil Siri Hustvedt mit dem Versuch scheitert, die Ursachen des Zitterns herauszufinden, sondern weil ihre im Plauderton vorgetragenen Überlegungen über die Geschichte der Medizin und Psychologie weder stringent noch systematisch sind, sondern „irrlichtern“ (Kristina Maidt-Zinke, Süddeutsche Zeitung, 27. Januar 2010).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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