Rita Indiana : Tentakel

Tentakel
Originalausgabe: La mucama de Omicunlé Editorial Periféricam, Cáceres 2015 Tentakel Übersetzung: Angelica Ammar Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018 ISBN: 978-3-8031-3293-2, 154 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Tsunami verwüstet Hispaniola 2024, und die Karibik wird durch ins Meer gespülte Biowaffen verseucht. Drei Jahre später vermittelt ein Freier der 16-jährigen Acilde Figueroa eine Anstellung als Dienst­mädchen bei der mit dem Staatspräsidenten befreundeten Santera Esther Escudero, die überzeugt ist, dass Acilde auserwählt ist, die Umweltkatastrophe des Jahres 2024 zu verhindern. Acilde, die davon zunächst nichts ahnt, wäre lieber ein Mann. Sie träumt von einer Geschlechtsumwandlung und einem eigenen Restaurant ...
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Kritik

Der Roman "Tentakel" – eine un­kon­ven­tio­nelle Mischung aus Science Fiction und magischem Realismus – dreht sich um die Bedrohung der maritimen Welt im Allgemeinen und der Korallenriffe im Besonderen. Rita Indiana erzählt die 2027 bis 2037, 2001 und im 17. Jahrhundert spielende Geschichte rückwärts.
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Acilde Figueroa (1)

Santo Domingo, 2027. Hispaniola hat sich von dem Tsunami im Jahr 2024 noch nicht erholt. Die Strände sind verwüstet, und die Karibik ist auf Jahrzehnte verseucht, weil Said Bona, der Präsident der Dominikanischen Republik, Biowaffen aus Venezuela in Ocoa versteckte und das Lager durch das Seebeben zerstört wurde. Die Dominikanische Republik stellte Haiti unter Quarantäne. Niemand darf von dort die Grenze zum Nachbarland passieren.

Die 16-jährige Hausangestellte Acilde Figueroa beobachtet auf dem Bildschirm der Überwachungskamera, wie Roboter auf der Straße Jagd auf Kranke, Obdachlose, Prostituierte und Haitianer machen.

Acildes Mutter Jennifer war heroinsüchtig. Nach sechs Abtreibungen bekam sie 2008 doch noch ein Kind. Allerdings wuchs Acilde bei den Großeltern auf. Nachdem der Großvater sie von einem Nachbarjungen hatte vergewaltigen lassen, floh Acilde und prostituierte sich im Parque Mirador. Nicht als Mädchen, sondern als vermeintlicher Junge bot sie Blow Jobs an. Dabei traf sie auf den pädophilen Arzt Eric Vitier. Der verschaffte ihr dann die Anstellung als Dienstmädchen bei Esther Escudero, einer 50 Jahre alten Santera, die mit dem domenikanischen Präsidenten Said Bona befreundet ist, der Voodoo zur Staatsreligion gemacht hat.

Acilde wäre lieber ein Mann; sie träumt von einer Ausbildung zum Koch und einem eigenen Restaurant. Als sie herausfindet, dass Esther Escudero in einem Behälter ihres Altars für die Meeresgöttin Yemayá eine lebende Seeanemone besitzt, spricht sie mit ihrem Freund Morla darüber. Der will ihr helfen, das seit der Zerstörung der Korallenriffe wertvolle Blumentier zu rauben. Von dem Geld, das sie dafür bekämen, könnte Acilde die Geschlechtsumwandlung bezahlen, für die keine Operationen mehr erforderlich sind, sondern nur noch eine Injektion mit „Rainbow Bright“. Aber der Jurastudent Morla handelt auf eigene Faust, überfällt Acilde in der Wohnung und erschießt Esther Escudero. Acilde schlägt ihn jedoch nieder und flieht mit der Seeanemone.

Zuflucht sucht sie bei dem Drogendealer Joel und seiner schwangeren Schwester Samantha. Konspirativ nimmt sie Kontakt mit Eric Vitier auf. Der weiß von Esther Escudero, dass Alcide auserwählt ist, das Meer vor der Verseuchung und die Korallen vor der Zerstörung zu bewahren. Deshalb erfüllt er Alcides Wunsch und injiziert ihr Rainbow Bright. Während sich das auf dem Bett festgeschnallte nackte Mädchen vor ihm in einen jungen Mann verwandelt, kollabiert der Arzt und stirbt.

Ein Sondereinsatzkommando der Polizei spürt die beiden auf, nimmt Acilde fest und sorgt dafür, dass die Seeanemone in Pflege kommt. Weil Alcide für Esther Escuderos Mörderin gehalten wird, Präsident Said Bona jedoch von Alcides Rolle als Heilsbringer weiß, lässt er ihn ins Gefängnis in La Victoria bringen und sorgt für möglichst angenehme Haftbedingungen.

In der Zelle beobachtet Acilde sein zweites Ich.

Giorgio Menicucci (1)

Ein von einer Seeanemone ausgebrüteter, aus dem Meer geborgener nackter junger Mann wird von dem Gärtner Nenuco und dessen Ehefrau Anani in ein Becken mit Kokosmilch gelegt. Nenuco bringt den Auserwählten schließlich zu einem Fälscher, der ihm Papiere auf den Namen Giorgio Menicucci ausstellt.

Später, nachdem Giorgio es zum Küchenchef gebracht und eine eigene Pizzeria eröffnet hat, heißt es, er sei 1991 aus der italienischen Schweiz in die Dominikanische Republik gekommen.

Er verliebt sich in die Meeresbiologin Linda Goldman. Sie stammt aus einer 1939 vor den Nationalsozialisten aus Österreich geflohenen jüdischen Familie, die in dem Dorf Sosúa an der Nordküste der Insel Hispaniola eine Molkerei gründete. Nach der Eheschließung erwirbt Giorgio ein Stück Land an der Steilküste von Sosúa, zu dem der Sandstrand Playa Bo gehört. Dort will er ein Meeres­laboratorium für Linda bauen, denn ihr größter Wunsch ist es, zum Erhalt des Korallenriffs beizutragen.

Das dafür erforderliche Kapital will er mit Kunstwerken verdienen. Deshalb eröffnet er eine Galerie und lädt 2001 einige Künstler zur Teilnahme an einem Halbjahres-Projekt an der Playa Bo ein.

Argenis Luna

Giorgio Menicucci gewinnt den kubanischen Kurator Iván de la Barra, die Videokünstlerin Elizabeth Méndez, den Performance-Künstler Malagueta Walcott und einen jungen Mann namens Argenis Luna für das Projekt.

Argenis schloss 1997 sein Studium an der Kunstakademie ab. Danach heiratete er die Bankangestellte Mirta, die ihn zunächst aushielt, damit er sich als Künstler etablieren konnte. Als ihre Hoffnung auf eine erfolgreiche Karriere ihres Mannes zerstoben, warf sie ihn hinaus, reichte die Scheidung ein und ließ das von ihm gezeugte Kind abtreiben. Als Giorgio Menicucci ihn an die Playa Bo einlud, war Argenis gerade von dem Call Center, wo er zuletzt gearbeitet hatte, entlassen worden.

Beim Tauchen an der Playa Bo gerät Argenis an die Tentakel einer Seeanemone. Das Gift deformiert seinen Körper vorübergehend, und er fiebert tagelang. In dieser Phase beginnt er, sein Alter Ego in einer Parallelwelt zu erleben.

Er sieht sich im 17. Jahrhundert. Bukanier ziehen ihn vor der Küste der Insel Hispaniola aus dem Meer. Der Anführer der von der Jagd auf wilde Stiere lebenden Gruppe heißt Roque. Die Männer bringen ihm bei, wie man Rinder häutet.

In seiner Freizeit fertigt Argenis Holzschnitte an. Für die Drucke verwendet er Rinderblut.

Die von Fleisch und Fell befreiten Tierhäute gewinnen in dem mit Alaun und Salz versetzten Wasser nach und nach ihre endgültige Farbe und Konsistenz. Der Franzose zieht eine Erdnuss aus der Hosentasche und steckt sie mitsamt Schale in den Mund. Seine von der Arbeit und mangelnden Hygiene schwarzen Hände wirken wesentlich realer als Iváns Bemühungen, Barneys Filme als geniale Meisterwerke darzustellen. Am Ende des Seminars begleitete Argenis Malagueta, der in Giorgios und Lindas Bibliothek, einem drei Meter hohen Bücherregal im Wohnraum des Hauses, ein Buch über Cremaster 2 holen wollte. Während Malagueta auf einen Stuhl stieg, um das Buch herauszunehmen, überflog Argenis die anderen Titel und stellte zu seiner Überraschung fest, dass eine Sektion etliche Bücher über Bukanier, Schmuggler, Piraten und Verwüstungen in der Karibik enthielt. Es musste einen Namen für diese Art von Zufall geben. Immer wenn er einen bestimmten Begriff zum ersten Mal hörte, tauchte gewissermaßen aus dem Nichts eine Flut von damit zusammenhängenden Hinweisen, Informationen und Erwähnungen auf, als stelle das Universum die Werkzeuge des Lernens bereit oder als befürworte es einen bestimmten Pfad der Erkenntnis.[…]
Er schloss die Tür, schaute auf die Uhr, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich Zeit fürs Mittagessen war, und warf sich aufs Bett, wo er sofort erschöpft einschlief. Seines Schlafes ungeachtet, fahren die Bukanier mit ihrem Tagwerk fort. Nachdem das Leder ausgebreitet und gewalkt ist, taucht Roque, der fast den ganzen Tag verschwunden gewesen ist, mit dem Einhändigen aus dem nördlichen Dickicht auf und verkündet, eine englische Galeone liege vor der Küste, am nächsten Tag erwarte man sie dort, um ein Geschäft auszuhandeln. […]

Eines Tages macht Roque in der Ferne einen Trupp spanischer Soldaten aus. Die Bukanier fliehen. Schließlich leben nur noch Roque, ein Heißsporn namens Engombe und Argenis. Engombe will Argenis erschießen, aber Roque hält ihn davon ab, eine Patrone zu vergeuden und schlägt Argenis mit seinem Gewehr nieder. Dazu zischt er: „Das ist für Billy, du Dreckskerl.“

Billy hieß Lindas 2001 von Argenis vergifteter Hund.

Kurz bevor Argenis von dem Kunstprojekt hinausgeworfen und von Malagueta Walcott zum Busbahnhof gebracht wird, sieht er noch, wie von Giorgio Menicucci beauftragte Arbeiter die Eichentruhe ausgraben, in der sich die Holzschnitte aus dem 17. Jahrhundert befinden.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Acilde Figueroa (2)

Nach zehn Jahren verliert Staatspräsident Said Bona die Geduld mit dem angeblichen Erlöser. Er kann ja nichts von dessen zweitem Ich Giorgio Menicucci ahnen, der 2001 beabsichtigt, Forschungen für den Erhalt der Korallen zu finanzieren und dessen Mission es ist, die Verseuchung des Meeres zu verhindern. Bona kündigt 2037 die Entlassung Acildes aus der Haft an, obwohl dieser das Gefängnis gar nicht verlassen möchte.

Acilde hat sich inzwischen mit Iván de la Barra angefreundet, dem früheren Kurator der Biennale von Havanna, einem Spezialisten für den afrokubanischen Kult des Olokun, der gefälschte Manuskripte verkauft hatte und deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Giorgio Menicucci (2)

Der Archäologe und Restaurator Orlando Kunhardt begutachtet die ausgegrabene Eichentruhe und die mehr als 300 Jahre alten Holzschnitte. Er kommt zu dem Schluss, dass die Fundstücke echt sind und spricht begeistert von dem genialen Künstler, der die Holzschnitte gestaltete. Mit dem Erlös wird Giorgio Menicucci das Forschungsprojekt seiner Frau finanzieren können.

Anlässlich der Grundsteinlegung für das Meereslaboratorium an der Playa Bo wird 2001 ein Fest gefeiert. Unter den Gästen ist Said Bona. Giorgio weiß, dass es dieser Mann später zum Präsidenten der Republik bringen wird. Die Aufgabe, für die er auserwählt wurde, besteht darin, Said Bona die Zusammenhänge zu erklären und ihn davon abzuhalten, als Präsident biologische Waffen aus Venezuela zu lagern. Er überlegt, was geschähe, wenn der Tsunami im Jahr 2024 das Meer nicht verseuchen würde. Würde Eric Vitier ihn dennoch mit Esther Escudero zusammenbringen? Wahrscheinlich käme ohne die Umweltkatastrophe alles ganz anders. Weil Giorgio aber sein Leben als Mann, Galerist, Restaurant­besitzer und Ehemann der schönen Linda nicht aufgeben möchte, schweigt er.

Er sieht nicht nur, wie Acilde in der Gefängniszelle eine Überdosis Schlaftabletten schluckt und sich auf die Pritsche legt, sondern auch wie Roque und Engombe von den Spaniern eingeholt werden. Um nicht gefangen genommen zu werden, reißt Roque seine Hakenbüchse hoch und provoziert die Soldaten, ihn auf der Stelle zu erschießen. Giorgio will seine beiden anderen Ichs nun möglichst rasch vergessen.

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Der Roman „Tentakel“ dreht sich um die Bedrohung der maritimen Welt im Allgemeinen und der Korallenriffe im Besonderen. Es gilt, Verseuchung und Zerstörung zu verhindern. Rita Indiana tangiert außerdem Themen wie Transsexualität und Kunstbetrieb. Man kann „Tentakel“ zugleich als Spiel mit Identitäten verstehen.

Rita Indiana beginnt „Tentakel“ im Jahr 2027, also in naher Zukunft. Dieser Handlungsteil endet im Jahr 2037. Ein zentraler Teil des Geschehens spielt sich 2001 an der Nordküste der Dominikanischen Republik ab. Und zwischendurch beobachten wir Bukanier im 17. Jahrhundert. Nach dem Vorbild des bzw. der Olokun, der Gottheit der Tiefen des Ozeans, die sich rückwärts durch die Zeit bewegt, entwickelt sich „Tentakel“ von der Gegenwart in die Vergangenheit. Zwischen den durch die Mehrfachidentitäten der beiden Hauptfiguren verknüpften Handlungsteilen wechselt Rita Indiana von Kapitel zu Kapitel, aber auch innerhalb der Abschnitte. Verblüffenderweise wählt sie für die im 17. Jahrhundert spielende Geschichte das Präsens, für die späteren Geschehnisse dagegen das Präteritum.

„Tentakel“ ist eine unkonventionelle Mischung aus Science Fiction und magischem Realismus.

Rita Indiana wurde am 11. Juni 1977 in Santo Domingo geboren. Sie ist eine Nachfahrin des Dichters Manuel Rodríguez Objío (1838 – 1871) und eine Großnichte der dominikanischen Sopranistin Ivonne Haza del Castillo (* 1938). Nachdem sie bereits Kurzgeschichten und einen Debütroman veröffentlicht hatte, begann sie, sich neben dem Schreiben mit Musik zu beschäftigen und erfand den traditionellen Merengue neu. Sie engagiert sich gegen Korruption und Homophobie.

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