Franz Kafka : Der Heizer

Der Heizer
Der Heizer Erstveröffentlichung: 1913 Als Kapitel im Roman "Amerika": Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 1956
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 16-jährige Karl Roßmann wird von seinen Eltern nach Amerika geschickt, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte. Auf der Suche nach seinem vergessenen Regenschirm verirrt er sich nach dem Anlegen in New York in die Kabine des Heizers, der ihn mit zur Kapitänskajüte nimmt, wo Karl auf einen vor Jahren ausgewanderten Onkel trifft, der es zum Senator gebracht hat.
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Kritik

Karl Roßmann lässt einiges mit sich geschehen. Aktiv agiert er nur, als er von sich aus Partei für den Schiffsheizer ergreift, der sich von seinem Vorgesetzten ungerecht behandelt fühlt. Karls Gerechtigkeitsempfinden ist jedoch naiv und unkritisch.
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Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickt er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte. (Seite 5)

So beginnt Franz Kafka seine Erzählung „Der Heizer“. Johanna Brummer, ein etwa fünfunddreißigjähriges Dienstmädchen, hatte den verwirrten Sechzehnjährigen in ihr Zimmer gezerrt und neun Monate später einen gesunden Jungen geboren, dem sie den Namen Jakob gab.

Würgend umarmte sie seinen Hals, und während sie ihn bat, sie zu entkleiden, entkleidete sie in Wirklichkeit ihn und legte ihn in ihr Bett […] Dann legte sie sich auch zu ihm und wollte irgendwelche Geheimnisse von ihm erfahren, aber er konnte ihr keine sagen, und sie ärgerte sich im Scherz oder Ernst, schüttelte ihn, horchte sein Herz ab, bot ihre Brust zum gleichen Abhorchen hin, wozu sie Karl aber nicht bringen konnte, drückte ihren nackten Bauch an seinen Leib, suchte mit der Hand, so widerlich, dass Karl Kopf und Hals aus dem Kissen herausschüttelte, zwischen seinen Beinen, stieß dann den Bauch einige Male gegen ihn – ihm war, als sei sie ein Teil seiner selbst, und vielleicht aus diesem Grunde hatte ihn eine entsetzliche Hilfsbedürfigkeit ergriffen. Weinend kam er endlich nach vielen Wiedersehenswünschen ihrerseits in sein Bett. (Seite 24)

Wegen des Skandals und um ihn vor Alimente-Forderungen in Sicherheit zu bringen, schickten die Eltern Karl Roßmann von Prag nach New York. Bei der Ankunft, schon halb auf der Gangway, fällt ihm ein, dass er seinen Regenschirm auf dem Zwischendeck liegen ließ. Er bittet seinen Mitreisenden Franz Butterbaum, auf seinen Koffer aufzupassen und kehrt zurück, verläuft sich jedoch und landet in der winzigen Kabine des Heizers, der schließlich mit ihm zur Kapitänskajüte geht, um sich über seinen ungerechten Vorgesetzten, den Obermaschinisten Schubal, zu beschweren und abzumustern.

Seinen Koffer hat Karl inzwischen aufgegeben. Es tut ihm Leid, dass er die frischen Sachen aus dem Koffer nicht doch während der Überfahrt angezogen hat, denn jetzt muss er in New York erst einmal mit dem schmutzigen Hemd, das er am Leib trägt, vorliebnehmen.

In der Kapitänskajüte sind gerade Schiffsoffiziere und Beamte der Hafenbehörde mit den Formalitäten beschäftigt. Der ebenfalls anwesende Kassierer bezeichnet den Heizer als notorischen Querulanten und will ihn durch den Diener hinauswerfen lassen, aber der Kapitän ist bereit, ihn anzuhören, und Karl ergreift Partei für den Heizer, der sich gleich ereifert.

Schubal, der von einem Küchenmädchen erfuhr, dass der Heizer zum Kapitän ging, tritt ein, um sich gegen dessen Vorwürfe zu verteidigen und hat auch Zeugen mitgebracht, die zunächst vor der Tür warten.

Einer der anwesenden Herren – der Senator Edward Jakob – fragt Karl nach seinem Namen und gibt sich dann als dessen Onkel Jakob zu erkennen. Karl ist zunächst misstrauisch, weil der Geburtsname seiner Mutter Bendelmayer lautet, aber ihr Bruder, der schon viele Jahre in den USA lebt, hat den komplizierten Nachnamen gegen das einfachere „Jakob“ vertauscht. Vor zwei Tagen erhielt er einen Brief von Johanna Brummer, in dem sie ihm berichtete, was zwischen ihr und Karl vorgefallen war. Daher wusste er, mit welchem Schiff Karl reiste und wie er aussehen würde.

Der Senator fordert seinen Neffen auf, die Angelegenheit des Heizers – bei der es nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um Disziplin gehe – dem Kapitän zu überlassen und geht mit ihm von Bord.

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Der sechzehn Jahre alte Karl Roßmann wird von einem Dienstmädchen verführt, von seinen Eltern verstoßen und in New York von einem Onkel aufgenommen – aktiv agiert er nur, als er von sich aus Partei für den Schiffsheizer ergreift, der sich von seinem Vorgesetzten ungerecht behandelt fühlt. Karls Gerechtigkeitsempfinden ist jedoch naiv und unkritisch, denn obwohl ihm die Umstände unvertraut sind, zweifelt er keine Sekunde an der Berechtigung der Beschwerden des Heizers, den er erst seit wenigen Minuten kennt. Euphorisch glaubt er, dass er sich gegenüber dem Kapitän wirksam für den Heizer einsetzt.

Wenn ihn doch seine Eltern sehen könnten, wie er in fremden Land vor angesehenen Persönlichkeiten das Gute verfocht und, wenn er es auch noch nicht zum Siege gebracht hatte, so doch zur letzten Eroberung sich vollkommen bereitstellte! (Seite 19)

Am Ende geht er mit seinem Onkel von Bord, ohne die Entscheidung des Kapitäns abzuwarten.

„Der Heizer“ ist einer der wenigen Texte, die Franz Kafka veröffentlichen ließ. Die Erzählung erschien im Mai 1913. Sie ist auch Bestandteil seines unvollendeten Romans „Amerika“, den sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod 1927 gegen Kafkas testamentarisch bekundeten Willen als Buch drucken ließ.

Eine von Peter Simonischek gelesene Aufnahme des Senders Freies Berlin (SFB) brachte der Berliner Hörbuchverlag Solo 1995 heraus (73 Minuten, ISBN 3-929079-17-8).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Schocken Books Inc., New York. – Die Seitenangaben beziehen sich
auf die Fischer-Taschenbuchausgabe des Romans „Amerika“ von 1956 (235 Seiten).

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