A. L. Kennedy : Was wird

Was wird

A. L. Kennedy

Was wird

Originalausgabe: What Becomes Jonathan Cape, London 2009 Was wird Übersetzung: Ingo Herzke Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009 ISBN: 978-3-8031-3223-9, 224 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Erzählungen: Was wird – Wespen – Edinburgh – Samstags spätnachmittags – Konditorgold – Ganze Familie mit kleinen Kindern am Boden zerstört – Wie Gott uns schuf – Ehe – Meine Geschichte – Mit GefühlEin Anderer – Verschwinden
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Kritik

Schroff und zynisch erzählt A. L. Kennedy in "Was wird" von kurzen Abschnitten im Leben von Menschen, die aufgrund einer Lebenskrise verstört sind.
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Was wird

Wie an jedem Freitagabend kocht Frank Gemüsesuppe für sich und seine Ehefrau.

Er tat es für sie. Er betrachtete es im Stillen als eine Art Opfergabe – hier bin ich, das ist von mir, ein Beweis meiner selbst, ein Zeichen meiner verlässlichen Liebe. (Seite 11)

Als er sich dabei in den Finger schneidet, schaut er zu, wie das Blut auf den Boden tropft und schleudert es dann auch gegen das Glas der Terrassentüre.

Er war in der Küche gewesen und hatte Suppe gekocht […]
Er war in der Küche gewesen und hatte geschnitten […]
Er war in der Küche gewesen, allein […] Komisch, dass er den Schmerz erst spürte, als er die Wunde sah. Erstes Glied, linker Ringfinger, eine Kerbe fast bis auf den Knochen. Blut.
Er war in der Küche gewesen, hatte die Hand gehoben, Beobachtungen angestellt, sein Blut betrachtet. Es lief rasch zum Handgelenk, sammelte sich und fiel dann unten auf die Steinfliesen, wo es große, symmetrisch gerundete Tropfen hinterließ […]
Er war in der Küche gewesen, mit dem Blut […]
Er war in der Küche gewesen und hatte eine Spur bis zur Terrassentür gelegt […]
Er war in der Küche gewesen, vor der Glastür, hatte das Spiegelbild mit Blut markiert. Dann hatte er ein paar Milliliter innegehalten, ehe er den ganzen Arm hin- und herschwenken musste, sodass Blut in punktierten Kurven auf das dunkle Glas der Türen traf, die Tropfen Beine nach unten streckten, ehe sie trockneten, verzerrt von Bewegung, Richtung, Schwerkraft […]
Er war in der Küche gewesen, und sie war hereingekommen […]
„Herrgott, Frank. Was hast du denn gemacht. Verdammt, was machst du denn da?“
Er hatte sich zu ihr umgedreht und gelächelt, weil er sich freute, sie zu sehen. „Tut mir leid, die Suppe ist noch nicht fertig […] Möchtest du was trinken?“ (Seite 10ff)

Franks Frau ist entsetzt, als sie nach Hause kommt und das Blut sieht. Sie wirft einen Thymiantopf nach ihm und ohrfeigt ihn auf beide Wangen. Dann geht sie ins Bad. Frank klebt ein Pflaster auf die Wunde und kocht weiter. Als er merkt, dass seine Frau nicht mehr herunterkommt, sondern vom Bad ins Schlafzimmer gegangen ist, kippt er die fertige Suppe in den Mülleimer und putzt bis 2 Uhr nachts die Küche. Anschließend geht er ins Schlafzimmer. Sie fragt ihn, was er gemacht habe, und dann weinen sie beide. Er versucht, sie zu küssen, aber sie erlaubt es ihm nicht. Daraufhin nimmt er seine Reisetasche und verlässt „sein Leben“.

Er nimmt sich ein Hotelzimmer und geht ins Kino. Dort ist er der einzige Besucher. Als der Film mit einiger Verspätung anläuft, gibt es keinen Ton. Frank sagt dem Kartenabreißer Bescheid, der sucht den Vorführer, damit dieser den Ton einschaltet.

Hinter Frank stotterte und surrte der Projektor, das Licht sprang auf die Leinwand, und der Ton mit ihm. Er nestelte in der Hosentasche nach dem Handy, fand es und stellte es aus. So würde er nicht merken, wenn es nicht klingelte, immer weiter nicht klingelte. (Seite 27)


Konditorgold

Toms Augen sind rosarot und gereizt. Sie weiß nicht genau, wie lange schon. Er hat nicht geweint, nicht heute – nicht, dass sie wüsste –, aber er sieht schlimm aus, ausgelaugt, und sie ist ein schlechter Mensch, weil sie sich nicht bemüht, ihn zu unterstützen. Eine schlechte Ehefrau. Und er ist ein schlechter Ehemann, weil er sie zu dem Schluss zwingt, eine schlechte Ehefrau zu sein.
Aber er ist kein schlechter Mensch. Es war nicht seine Schuld, dass er den Job verloren hat – nicht sein Fehler. Das ist ja ein großer Teil des Problems, sie haben kaum einen Fehler gemacht: bloß winzig kleine Fehleinschätzungen: dennoch sind sie jetzt ruiniert. Sie hätten ebenso gut fahrlässig sein können. (Seite 84f)

Ach so. Die Regierung hat die Banken rausgehauen, aber nicht uns. Ach so. Zuletzt geheuert, zuerst gefeuert, riesige Hypothek im Kreuz und nicht mal die Staatsbürgerschaft. Ach so, ach so, ach Scheiße. (Seite 93)

In der Wirtschaftskrise hat Tom nicht nur seinen Dozenten-Job, sondern auch sein Vermögen verloren. Rechnungen bezahlt seine Frau Elaine seit einem halben Jahr mit Schecks, auf denen sie anders als gewohnt unterschreibt, damit sich die Abbuchung wegen der erforderlichen Nachforschungen verzögert. Das Paar wird bei Elaines Eltern in Edgbaston unterkommen müssen.

Positiv denken. Wir werden nicht auf der Straße leben.
Wir werden in Edgbaston leben. (Seite 93)

Seit zwei Tagen irren Tom und Elaine durch die Straßen. Trotz der Schulden genießen sie noch einmal das Essen in einem teuren japanischen Restaurant. Zum Nachtisch gibt es Schokolade mit einem Pinselstrich Blattgold obendrauf.

„Konditorgold. Gibt es so was?“ […]
„Wenn es das gibt, dann haben wir es gekriegt.“ […]
Tom räuspert sich, macht Zeigefinger und Daumen bereit, streckt sie, greift die weiche Schokolade damit und steckt sie auf einmal in den Mund, lässt sie warm werden, schmelzen, kleben. Er kaut nicht, schluckt nur, sodass er morgen zum Teil aus Gold bestehen wird. Er wird es sich einverleiben, es nie wieder loslassen.
Sonst ist das hier bloß Verschwendung. Unverzeihliche Verschwendung. (Seite 94)


Wie Gott uns schuf

Kriegsveteranen, die sich im Lazarett kennenlernten, treffen sich seither einmal im Monat. Am Vormittag gehen sie in ein Hallenbad, nach dem Mittagessen beginnen sie zu saufen. Anfangs besuchten sie abends noch Striplokale oder Bordelle, aber das unterlassen sie inzwischen.

Dieses Mal fungiert Gobbler als Gastgeber. Sein linkes Bein wurde über dem Knie abgeschnitten. Das nennt man Transfemoral-Amputation.

Heute sind sie zu sechst: Gobbler, Petey, Fezman, Jason, Frank und Dan. Macht zwei Oberschenkelamputationen – eine mit Unterschenkel gegenüber –, eine Ellbogenexartikulation, eine Unterarm-, eine doppelte Handgelenksexartikulation – Frank musste danach leider das Stricken aufgeben – und dann noch Dan: rechter Fuß am Gelenk des rechten Fußes und Transhumeral-Amputation am rechten Oberarm – ungefähr in der Mitte zwischen Ellbogen und Schulter – der Schulter, die noch da ist, und dem Ellbogen, der nicht mehr da ist – den Dan aber immer noch spürt – der häufig nass ist: warm und nass, wie das letzte Mal, als er ihn gesehen hat. (Seite 121f)

Als die Männer aus den Umkleidekabinen in die Schwimmhalle stolpern, lärmt dort eine Schulklasse. Die Lehrerin, eine Frau Anfang vierzig, spricht die Männer an:

„Es geht um die Kinder – ich weiß, Sie können nichts dafür – aber die Kinder verstört es.“ […]
„Ich habe ihnen gesagt, Sie seien so, wie Gott sie schuf.“ (Seite 127)

„Es muss doch Orte geben, wo Sie es angenehmer hätten.“ (Seite 127)


Mit Gefühl

Ein Mann und eine Frau begegnen sich in der Bar ihres Hotels. Sie nimmt ihn mit auf ihr Zimmer. Es ist klar, dass sie Sex miteinander haben werden, aber ihre Namen wollen sie sich nicht verraten.

Zwischendurch erzählt er dann doch, dass er geschieden sei und eine vierzehnjährige Tochter habe. Er übernachtet hier nach einem Bewerbungsgespräch. Sie reiste an, um ihre verstorbene Mutter einäschern und bestatten zu lassen. Weil sie noch die Wohnung der Toten ausräumen muss, wird sie einige Tage hier bleiben.

Mehrmals fordert er sie auf, lockerer zu sein. Sie mache sich zu viele Gedanken, meint er, und komme deshalb nicht richtig zum Höhepunkt. Er wechselt die Praktiken und fordert sie immer wieder auf, sich gehen zu lassen. Sie weint und kommt, weint und kommt.

Als er merkt, dass es bereits hell wird, sucht er seine Armbanduhr. 5.30 Uhr!

Scheiße.
„Aber du hast doch noch Zeit … halb sechs ist doch noch früh. Wir haben noch Zeit, alles … zu regeln. Zum Beispiel … wenn du wissen wolltest, wie ich heiße und ich –“
Scheiße. Entschuldige, was hast du gerade gesagt, Liebes? Ich versuche mir gerade zu überlegen, wie ich fahren muss. Wenn ich es vor dem Berufsverkehr aus der Stadt schaffe …“
„Ich will ja nicht bedürftig wirken.“
„Bedürftig? Aber nein, Liebes – ich kenne keinen weniger bedürftigen Menschen als dich. Ganz ehrlich.“
„Wo wir schon so weit gekommen … da könnten wir doch …“
„Ich weiß. Wir könnten … Muss meine Sachen zusammensuchen …“ (Seite 177)

Während er sich rasch anzieht, fragt er sie:

„Bist du ein bisschen wund? Von mir?“
„Ja. Bin ich.“
„Und das wolltest du ja auch, weißt du noch? Wenn ich dann weg bin, kannst du mich immer noch spüren – an allen möglichen Stellen.“
„Das geht jetzt ein bisschen schnell. Oder?“
„Ich weiß, und es tut mir sehr leid.“ (Seite 178)



Ein Anderer

Der zweiundvierzigjährige Schauspieler und Schriftsteller Barry Westcott stirbt ganz plötzlich. Der populäre Schöpfer und Sprecher von „Onkel Shaun“, der Hauptfigur einer Buchreihe und Radiosendung, saß in seinem Auto und wollte offenbar gerade losfahren, als in seinem Kopf ein Blutgefäß platzte.

Lynne, die Witwe, nimmt zur Kenntnis, dass ein neuer Sprecher für Onkel Shaun gesucht wird und unternimmt auch nichts gegen den Plan einer Fernsehserie, obwohl sie weiß, dass Barry aus Onkel Shaun keine Filmfigur machen wollte. Sie benötigt die Einnahmen, um davon den Lebensunterhalt für sich und ihre inzwischen acht Jahre Tochter Angela zu bestreiten.

Barry hatte ihr als Ausgleich für seine Unfähigkeit, sie zu lieben, ein Kind geboten […] Um etwas zu stützen, das von allein nicht stehen konnte, hatten sie einen Menschen gemacht: einen vollständigen, lebenden Menschen. Eine leichtsinnige Zutat – schwer zu sagen, was sie sich dabei gedacht hatten – ob sie überhaupt gedacht hatten.
Lynne allerdings hatte sich etwas gedacht: sonst hätte sie ihren Mann nicht so angestarrt, als er seine Tochter zum ersten Mal hochnahm […] sie hatte gedacht: Hab ich dich. Am Arsch. Komm damit klar.
Das hatte sie überrascht – dass sie einen anderen Menschen bloß existieren ließ, um ihrem Ehemann eine Niederlage zu bereiten. Dann vergaß sie es wieder. (Seite 190f)

Unter den Bewerbern für die Rolle des Onkel Shaun ist Richard Norland. Die Produktionsgesellschaft schickt Lynne Aufnahmen von ihm. Er hört sich an wie Barry Westcott. Sie erklärt sich bereit, ihn zu treffen, und er bekommt die Rolle.

Richard war auch an einigen Abenden erschienen, um über die Arbeit zu sprechen, über die Fernsehserie, und vielleicht zum Abendessen zu bleiben. Irgendwann besorgte er auch das Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte, überwachte das Zähneputzen, bekam einen Kuss auf die Wange, ehe er sich von Angelas Bett erhob und das Licht ausknipste. (Seite 185)

Ganz langsam lassen Lynne und Richard sich auf eine persönliche Beziehung ein. Erst nach einem Jahr schlafen sie zum ersten Mal miteinander.

Sie hatten an das Kind gedacht und sich unauffällig verhalten. Um ihretwillen waren sie still verliebt gewesen. Angela hatte ihren Vater verloren und war erst acht, sie brauchte Stabilität, und sollte eine Weile das Gefühl haben, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Das hatte Lynne von Anfang an deutlich gemacht – dass ihre Tochter Zeit brauchte, damit fertig zu werden.
Mein Gott, sie mussten alle erst damit fertig werden. (Seite 181)

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In den unter dem Titel „Was wird“ zusammengefassten Erzählungen von Alison Louise Kennedy geht es um kurze Abschnitte im Leben von Menschen, die aufgrund einer Lebenskrise – zum Beispiel einer scheiternden bzw. gescheiterten Beziehung – verstört sind. Am Schicksal eines bankrotten Ehepaars thematisiert A. L. Kennedy die im Herbst 2008 ausgelöste Weltwirtschaftskrise („Konditorgold“). Und beim Lesen von „Wie Gott uns schuf“ denkt man an den Irakkrieg: Eine Lehrerin befürchtet, ihren Schülern den Anblick arm- bzw. beinamputierter Kriegsveteranen nicht zumuten zu können.

Schroff und zynisch erzählt A. L. Kennedy von Enttäuschung, Angst und Depression, Verlust, Desorientierung und der Sehnsucht nach einer neuen Chance.

Mit all seinen Variationen über Lebens- und Beziehungstragödien liefert „Was wird“ keine bloße Nummernrevue des Unglücks, sondern brillante Etüden über die Raffiniertheit und Hartnäckigkeit, mit der es Menschen befällt. (Ulrich Baron, Süddeutsche Zeitung, 7. Januar 2010)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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