A. L. Kennedy : Als lebten wir in einem barmherzigen Land

Als lebten wir in einem barmherzigen Land
Alive in a Merciful Country noch unveröffentlicht (2023) Als lebten wir in einem barmherzigen Land Übersetzung: Ingo Herzke, Susanne Höbel Carl Hanser Verlag, München 2023 ISBN 978-3-446-27624-6, 462 Seiten ISBN 978-3-446-27695-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Studentin engagierte sich Anna in einer oppositionellen Gruppe, in die sich 1984 ein V-Mann der Polizei einschlich: Buster. Der verschwand nach seiner Enttarnung, aber 2019 entdeckt Anna ihn wieder. Bald darauf schickt er ihr seine Lebensbeichte und sie erfährt, dass er damals den Polizeidienst quittierte und es sich zur Lebensaufgabe machte, wirklich böse Menschen zu töten, um die Welt besser zu machen.
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Kritik

A. L. Kennedy zeigt, dass es zwischen Gut und Böse eine breite Grauzone gibt. Sie lässt beide Hauptfiguren abwechselnd in der Ich-Form auftreten. "Als lebten wir in einem barmherzigen Land" ist keine mitreißende Lektüre, denn A. L. Kennedy inszeniert nichts. Stattdessen lässt sie Anna und Buster breit, detailreich und langatmig erzählen.
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Anna

Die Grundschullehrerin Anna Louisa McCormick wohnt mit ihrem Sohn Paul seit 2002 in einem eigenen Haus auf einem gepachteten Grundstück in London. Wer Pauls Vater ist, erfahren wir nicht. An Weihnachten 2017 lernt Anna den Webdesigner Francis W. Lewis kennen. Die beiden beabsichtigen, zu heiraten und auf die schottische Insel Colonsay zu ziehen. Dort möchte Francis sich 2020 nach einem Haus umschauen – und wird vom Corona-Lockdown überrascht, der seine Rückkehr nach London erst einmal verhindert.

Der Verrat

Als Studentin engagierte sich Anna unter dem Namen Annanka Ladystrong in einer Gruppe von Straßenkünstlern, die Demonstrierende und Streikposten durch anarchische Auftritte motivierte: das „UnRule OrkestrA“. 1984 in Edinburgh schloss sich ihnen ein Mann an, der sich „Baron Suday“ nannte. Anna, die sich auf eine Liebschaft mit ihm einließ, nannte ihn allerdings nach dem niemals lachenden oder auch nur schmunzelnden Filmkomiker Buster Keaton. Buster spornte die Gruppe zu radikaleren Taten an – bis sich herausstellte, dass er sich als V-Mann der Londoner Metropolitan Police ins „UnRule OrkestrA“ eingeschlichen hatte. Daraufhin verschwand er spurlos.

Das Wiedersehen

Im November 2019 erkennt Anna den Verräter von damals bei einer Gerichtsverhandlung im Old Bailey wieder und verfolgt ihn dann durch London. Sie holt ihn vor St. Pauls ein, aber er rennt weiter. Erst auf einem umgebauten Lastkahn kann sie ihn später stellen. Eigentlich wollte sie ihn aus Rache töten, aber nun schreckt sie davor zurück.

Buster

Eine Woche nach dem Beginn des Lockdowns findet Anna vor ihrer Haustür einen Umschlag mit Busters Lebensbeichte.

Als ich bei der Polizei eintrat wollte ich nichts anderes sein als ein gutgutguter Polizist. Das hat mich sofort als Außenseiter identifiziert, mit Verdacht auf schwul kleinpimmelig kommunistisch absonderlich. Ich strebte danach, meine vorgeschriebenen Pflichten gut auszuführen, und hielt viel auf meine Ausbildung an der Hendon-Polizeischule.

Nach seiner Enttarnung beim „UnRule OrKestrA“ quittierte er den Polizeidienst. Er bereute den Verrat, ließ sich nach einer Phase des Alkohol- und Drogenmissbrauchs zum Killer ausbilden und machte es sich zur Lebensaufgabe, wirklich böse Menschen zu liquidieren, um die Welt besser zu machen, so zum Beispiel einen Kinderschänder, der in seinem Haus ein zehnjähriges Mädchen gefangen hielt oder eine Mitarbeiterin des Passamts in Glasgow, die Pässe auf dem Schwarzmarkt verkaufte. Zuletzt spürte er Anfang 2020 seinen früheren Ausbilder in Berlin auf und tötete den über 80 Jahre alten Mann in dessen Wohnung.

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In ihrem Roman „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ erzählt Alison Louise Kennedy von einer idealistischen Grundschullehrerin und einem V-Mann der Polizei, der sich nach seiner Enttarnung zum Killer ausbilden lässt und es sich zur Lebensaufgabe macht, böse Menschen zu liquidieren. Dabei wird deutlich, dass zwischen Gut und Böse keine scharf gezogene Grenze verläuft. Die Grauzone ist breit.

A. L. Kennedy entwickelt die Geschichte aus zwei Perspektiven und lässt sowohl Anna als auch „Buster“ in der Ich-Form auftreten. Anna ist die Hauptfigur. Sie schildert, was aktuell geschieht und erinnert sich an die früheren Ereignisse. Busters Text ist in Form einer mehrteiligen Lebensbeichte eingefügt, die er aufschreibt und Anna zuspielt.

„Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ ist keine mitreißende Lektüre, denn A. L. Kennedy inszeniert nichts. Sie lässt Anna und Buster breit, detailreich und langatmig erzählen und betont das auch noch mehrmals:

Und ja, ich wechsele das Thema und zögere es hinaus, aber ich bin Buster so leid. Ich habe es so satt, dass er Platz in meinem Leben einnimmt. Ich will ihn nicht auch noch hier haben.

Bemerkenswert ist der Hinweis auf ein Experiment, bei dem Mäuse kurz vor dem Ertrinken aus dem Wasser gefischt werden. Nach dieser Erfahrung kämpfen sie bei weiten Versuchs-Durchgängen deutlich länger ums Überleben – vermutlich weil sie mit ihrer Rettung rechnen.

A. L. Kennedy bzw. ihre Ich-Erzählerin Anna bringt die Enttarnung des V-Manns mit dem Märchen „Rumpelstilzchen“ der Brüder Grimm in Verbindung.

Und sie erzählt ein Märchen über Barmherzigkeit: Ein 99-facher Mörder tötet einen Weisen, der ihm erklärt, er werde nicht in den Himmel kommen. Nach diesem 100. Mord fragt er einen anderen Weisen: „Ist es möglich, dass mir vergeben werden kann und ich in den Himmel komme?“ Der Weise antwortet, das sei nur in einem barmherzigen Land möglich und rät ihm, es zu suchen. Genau an der Grenze des barmherzigen Landes stirbt der Böse – und Gott dreht die Welt unter der Leiche, bis diese sich ganz im barmherzigen Land befindet.

Selbst einem Mann, der hundert Menschen getötet hat, kann vergeben werden.

Es muss neben der Barmherzigkeit auch Hoffnung geben.

Bei der Romanfigur Buster in „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ dachte A. L. Kennedy wohl an Mark Kennedy (*1969), einen Polizisten der National Public Order Intelligence Unit der London Metropolitan Police, der sich ab 2003 unter dem Decknamen Mark Stone in zahlreiche linksgerichtete Demonstranten-Gruppen einschlich und dabei auch Affären mit Frauen nutzte, bis er im Oktober 2010 enttarnt wurde.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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