Primo Levi : Wann, wenn nicht jetzt?

Wann, wenn nicht jetzt?

Primo Levi

Wann, wenn nicht jetzt?

Originalausgabe: Se non ora, quando?, Turin 1982 Wann, wenn nicht jetzt? Übersetzung: Barbara Kleiner Carl Hanser Verlag, München / Wien 1986
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges schließen sich einige versprengte jüdische Russen Partisanengruppen an und schlagen sich auf einer 2000 km langen Wanderung nach Mailand durch. Sie wollen weiter nach Palästina, um dort eine neue Heimat zu finden: "Wann, wenn nicht jetzt?"
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Kritik

Indem Primo Levi historische Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg an fiktiven Romanfiguren festmacht, ermöglicht er es den Leserinnen und Lesern, das tatsächliche Schicksal von Juden in Russland beispielhaft nachzuvollziehen.
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In den Wäldern von Brjansk in Weißrussland begegnen sich im Juli 1943 zwei Versprengte: der 28-jährige Uhrmacher Mendel Ben Nachman und der neun Jahre jüngere Buchhalter Leonid. Mendel kommt aus Strelka, einem Dorf, das die Deutschen dem Erdboden gleichmachten. Eine Hälfte der Einwohner floh, die andere ist tot – darunter auch Mendels Ehefrau.

Als die beiden Männer durch Zufall von einem Hirtenmädchen entdeckt werden, verlassen sie ihre im Wald versteckte Unterkunft und ziehen weiter. Zwei Nächte verbringen sie im Wrack eines abgestürzten deutschen Jagdbombers, in dem sich ein anderer Versprengter eingerichtet hat. Sie folgen der Partisanengruppe von Wenjamin und es gelingt ihnen, sie einzuholen, aber Juden sind dort nicht willkommen.

Im Partisanenlager von Nowoselki, das sie als nächstes aufsuchen, hausen nicht nur schutzsuchende Bauern, sondern auch Juden, die den Massakern der Nationalsozialisten entkamen. Sie beteiligen sich an Sabotageakten, lassen einen Zug entgleisen, bringen sich durch ein Täuschungsmanöver in den Besitz von Lebensmitteln, die von deutschen Flugzeugen abgeworfen werden, und verüben einen Anschlag auf eine Jagdgesellschaft des Grafen Daraganow, eines enteigneten, aber mit den Deutschen zurückgekehrten Großgrundbesitzers.

Acht Männer und zwei Frauen, die die Kämpfe überlebt haben – Mendel, Leonid, der Lagerchef Dov, Pavel, Line und Sissl – schließen sich im Winter 1943/44 der Partisanengruppe von Ulybin im Lager von Turow an.

Unter der Führung des 27-jährigen Gedele bilden die Juden eine eigene Gruppe. Dazu gehört auch der knapp 17 Jahre alte Isidor, der, bevor er zu Gedele stieß, vier Jahre mit den Eltern und seiner jüngerer Schwester versteckt gelebt hatte. Einmal waren sie bei einem Bauern in einem Loch unter dem Stallboden untergekommen. Der hatte ihnen dafür alles Geld und alle Wertsachen abverlangt und sie trotzdem der polnischen Polizei verraten. Isidor war gerade von einem Rundgang im Wald zurückgekehrt, als junge SS-Männer seine Familienangehörigen erschlagen hatten.

Im Mai 1944 überschreitet Gedeles etwa vierzig Menschen umfassende Gruppe die polnische Grenze. Sie wollen nach Westen, zu den Amerikanern, und weiter nach Palästina, um dort eine neue Heimat zu finden. In einem polnischen Dorf helfen sie im Frühsommer bei der Feldarbeit, aber als die Bewohner merken, dass es sich um Juden handelt, müssen sie weiterziehen.

Sie erfahren von einem deutschen Lager in Chmielnik und beschließen, die 120 dort gefangenen Juden zu befreien. Aber sie kommen zu spät. Der aus dem Lager aufsteigende Rauch riecht nach verbranntem Fleisch. Leonid wird bei dem Angriff auf das Wachpersonal erschossen. Nur zehn überlebende Häftlinge kann Gedeles Gruppe retten.

Nachdem sie einen im Bahnhof von Tunel abgestellten Waggon mit Lebensmittel erbeuteten, werden sie von hundert Männern der Armia Krajowa, der polnischen Partisanenarmee, aufgegriffen. Sie dürfen zwar weiterziehen, aber die Beute müssen sie den Polen überlassen.

Anfang 1945 geraten sie in schweren Artilleriebeschuss: Die Russen drängen die Deutschen zurück, und die Front zieht über Gedeles Gruppe hinweg. Ein 36-jähriger Versprengter namens Schmulek führt sie in Höhlen, wo sie vor den Explosionen sicher sind.

Mit einem gestohlenen Lastwagen fahren sie weiter nach Westen, bis sie aufgegriffen und in ein Lager der Roten Armee bei Glogau gebracht werden. Hauptmann Smirnov, der Lagerkommandant, möchte die Erlebnisse der Gruppe aufschreiben, aber bevor er ihr Misstrauen überwinden kann, ist er im Mai 1945 mit seinen Soldaten über Nacht verschwunden.

Als Gedeles Leute Ende Mai in der Nähe von Dresden in einer Stadt einkaufen wollen, hört eine dicke Frau, wie sie sich jiddisch unterhalten. Da wendet sie sich an ihren Begleiter: „Da sind sie schon wieder, frecher denn je.“ Jemand schießt aus dem Hinterhalt. Ein 20-jähriges Mädchen aus Gedeles Gruppe wird in die Stirn getroffen und stirbt. Aus Rache überfallen die Männer am späten Abend das Rathaus und töten zehn Deutsche.

Von Plauen aus fahren sie am 20. Juli 1945 mit dem Zug nach Süden. Nach fünf Tagen Fahrt treffen sie am Brenner ein. Dort werden sie von einer zur englischen Armee gehörenden palästinensischen Brigade entwaffnet.

In Mailand melden sie sich bei einer Hilfsorganisation und werden behelfsmäßig auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt untergebracht. Rokhele, die unterwegs von Mendel in einer Nottrauung mit Isidor vermählt wurde, bringt in einem Mailänder Krankenhaus ein Kind zur Welt.

Mendel bemerkt die Parallele zur eigenen Geschichte:

Geboren, ausgestoßen. Russland hat uns empfangen, hat uns genährt und in einem Dunkel wachsen lassen wie in einem Mutterleib. Dann haben die Wehen eingesetzt, der Leib hat sich in Krämpfen zusammengezogen und uns ausgestoßen, und jetzt sind wir hier, nackt und frisch wie neugeborene Kinder.

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„Wann, wenn nicht jetzt?“, Primo Levis einziger Roman, beruht nicht auf eigenen Erlebnissen, sondern auf mündlichen Erzählungen von Emilio Vita Finzi, der 1945 als Angestellter in einem Mailänder Hilfsbüro für Displaced Persons Menschen wie Mendel Ben Nachman kennen gelernt hatte.

Es war nicht meine Absicht, eine wahre Geschichte zu erzählen, vielmehr wollte ich in plausibler, aber doch fiktiver Form den Weg rekonstruieren, den eine solche Bande möglicherweise hätte zurücklegen können. Die beschriebenen Ereignisse sind zum größten Teil wirklich geschehen, wenn auch nicht zu dem Zeitpunkt oder an dem Ort, den ich angebe.

Indem Primo Levi historische Ereignisse an (bis auf die junge Partisanenpilotin Polina Michajlowna) fiktiven Romanfiguren festmacht, ermöglicht er es den Leserinnen und Lesern, das tatsächliche Schicksal von Juden in Russland beispielhaft nachzuvollziehen. Die Handlung erzählt er konservativ und chronologisch, realistisch und unpathetisch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Primo Levi: Das periodische System

Daniel Glattauer - Alle sieben Wellen
Daniel Glattauer komponiert in "Alle sieben Wellen" mit viel Sprachwitz einen romantischen und unterhaltsamen Briefroman ausschließlich aus E-Mails. Das Konzept ist allerdings nicht mehr neu; wir kennen es aus "Gut gegen Nordwind".
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