Tessa de Loo : Die Zwillinge

Die Zwillinge
Originalausgabe: De Tweeling Uitgeverij De Arbeiderspers, Amsterdam 1993 Die Zwillinge Übersetzung: Waltraud Hüsmeri C. Bertelsmann Verlag, München 1995 btb, München 1997 ISBN: 3-442-72161-X, 479 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Zwillinge Anna und Lotte, die 1922 im Alter von sechs Jahren in ihrer Geburtsstadt Köln getrennt worden waren, treffen sich 1990 unerwartet wieder, als sie zufällig beide wegen arthritischer Beschwerden in Spa zur Kur sind. Lotte, die seit 68 Jahren in Holland lebt, wird ungern an ihre Herkunft erinnert, aber Anna drängt sich ihr auf und berichtet, was sie vor und während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland erlebte ...
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Kritik

Tessa de Loo stellt in "Die Zwillinge" die gesellschaftlichen Rückwirkungen der politischen Ereignisse von 1922 bis 1945 abwechselnd aus zwei konträren Blickwinkeln dar: Die eine Erzählerin erlebte die Zeit in Deutschland, die andere in Holland.
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Die Zwillinge Anna und Lotte, die 1922 im Alter von sechs Jahren in ihrer Geburtsstadt Köln getrennt worden waren, treffen sich 1990 unerwartet wieder, als sie zufällig beide wegen arthritischer Beschwerden in Spa zur Kur sind. Lotte, die sich als „Holländerin in einem deutschen Körper“ (Seite 64) fühlt, wird ungern an ihre Herkunft erinnert, aber die extravertierte, korpulente Anna drängt sich ihr auf.

Anna weiß noch, wie sie als Kind bei einer Theateraufführung auf der Bühne stand und ihre Schwester im Publikum sitzen sah. Damals wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass sie zwei eigenständige Individuen mit verschiedenen Perspektiven waren. Das erschreckte sie.

Als ihre Mutter Anneliese Bamberg an Brustkrebs starb, lag der Vater mit Tuberkulose im Krankenhaus, und Tante Käthe kümmerte sich um die Zwillinge. Einige Zeit später kam Johann Bamberg wieder nach Hause, aber wegen der Ansteckungsgefahr hielt er die Töchter auf Distanz. Er leitete eine sozialistische Einrichtung im ehemaligen Kasino in Köln. Um Käthe das Recht zu verschaffen, nach seinem Tod weiterhin für die Zwillinge zu sorgen, heiratete er sie kurz vor seinem Tod, aber beim Begräbnis konnte sie nicht verhindern, dass Johanns Vater die robuste Anna auf seinen Bauernhof im Teutoburger Wald bringen ließ, während die kränkliche Lotte zu Verwandten nach Holland kam. Warum der Großvater Anna damals an sich gerissen habe, fragt Lotte, und Anna antwortet:

„Weil es ein Racheakt war. Und es hatte noch den willkommenen Nebeneffekt, dass sie eine zusätzliche Arbeitskraft für den Bauernhof bekamen. In dem Dorf lebten nur stockkonservative, katholische Bauern – so war das damals. Vater war mit neunzehn aus diesem Milieu geflohen. Er ging nach Köln und wurde Sozialist. Das hat der kurzsichtige Alte nie verwinden können, verstehst du. Und darum hat er uns gleich nach dem Tod seines abtrünnigen Sohnes aus dieser Brutstätte des Heidentums und Sozialismus gerettet. Eine Blitzaktion, weil er nicht wollte, dass Tante Käthe uns behielt.“ (Seite 37)

Warum er nicht auch Lotte mitgenommen habe?

„Es gefiel ihm nicht, dass du krank warst. Ein gesundes Kind ist eine gute Investition, aber ein krankes … Ärzte, Medikamente, ein Sanatorium, eine Beerdigung. Das hätte nur Geld gekostet. Deshalb war es ihm ganz recht, als seine Schwester Elisabeth anbot, dich mitzunehmen – auch wenn er sie überhaupt nicht leiden konnte und ihr in ihrer mondänen Trauerkleidung nur misstraute. Sie hatte ihm erzählt, ihr Sohn wohne in einer trockenen, waldreichen Gegend unweit von Amsterdam, wo das Klima heilsam sei für Tbc-Kranke, in der Nähe sei sogar ein Sanatorium […] Opa war nichts mehr an dir gelegen, auch nicht, als du wieder gesund warst. Eine Katze, die als junges Tier kränkelt, wird nie richtig gesund und stark, das war sein Standpunkt.“ (Seite 38)

Der dem verwitweten Großvater gehörende Bauernhof aus dem Jahr 1779 wurde von seinem jüngsten Sohn Heinrich bewirtschaftet, der eigentlich lieber Bücher gelesen hätte als um 5 Uhr früh Kühe zu melken. Bei Annas Ankunft 1922 war Heinrich achtzehn. In der Schule des Dorfes an der Lippe galt Anna wegen ihrer städtischen Umfangsformen als Außenseiterin, und dass sie Klassenbeste war, machte sie auch nicht gerade beliebter.

Nach dem Tod seines Vaters vermählte sich Heinrich Bamberg mit Martha Höhnekopp, dem ältesten von vierzehn Kindern eines schlecht beleumundeten Kneipenbesitzers. Martha schlief jeden Tag bis neun Uhr und arbeitete so wenig wie möglich. Sie kriegte nur jedes Jahr ein Kind. Um so mehr musste Anna leisten. Weder der Lehrer noch der Pfarrer konnten Heinrich und Martha dazu überreden, der herausragenden Schülerin den Wechsel aufs Gymnasium zu erlauben, denn ihre Arbeitskraft war auf dem Hof unentbehrlich.

Einmal sah eine Nachbarin, wie Anna von dem SA-Mann Bernd Möller umarmt wurde. Daraufhin schlug Heinrich seine Nichte so, dass sie tagelang nicht mehr aufstehen konnte. Als sie über ein Stechen im Unterleib klagte, erschrak er, „denn die Fortpflanzungsorgane waren heilig“ (Seite 85). Nachdem Martha ihr eingeschärft hatte, dass sie ihre Hämatome nicht herzeigen dürfe, ging sie mit ihr zu einem Gynäkologen, der versuchte, den verdrehten Uterus wieder an die richtige Stelle zu rücken und Anna dabei deflorierte.

Bald darauf wandte sie sich Hilfe suchend an den Dorfpfarrer Alois Jacobsmeyer, der daraufhin die Kinderfürsorge einschaltete. Man brachte Anna Anfang 1933 in ein Klarissenkloster, und erst als sie sich von ihrer Tbc erholt hatte, kam sie wieder nach Hause.

Widerwillig ließ Martha zu, dass Anna im Winter 1936/37 durch den Erzbischof von Paderborn einen Ausbildungsplatz in einer Hauswirtschaftsschule in Köln bekam. Während der Ausbildung wohnte sie bei Heinrichs Vetter Franz und dessen Frau Vicki.

Nach dem Abschluss der Schule wurde Anna von der Familie Stolz eingestellt, die in einem Villenviertel nördlich von Köln wohnte. Herr Stolz war als Chemiker bei Bayer beschätigt. Frau Stolz erwies sich als Despotin, doch als sie merkte, dass ihr neues Dienstmädchen noch keine Menstruation hatte, ging sie mit Anna zu einem Gynäkologen, der bei der jungen Frau unterentwickelte Ovarien diagnostizierte und ihr Tabletten verschrieb.

Einmal, als Anna allein in der Villa war, kamen zwei Herren und fragten nach Anna Bamberg. Ohne zu ahnen, dass sie vor ihnen stand, erklärten die Beamten, die Frau müsse wegen Schwachsinns sterilisiert werden. Auf diese Weise erfuhr Anna, dass ihr Onkel Heinrich während seiner Vormundschaft angegeben hatte, sie sei kränklich und schwachsinnig. Niemand hatte diese Angabe überprüft.

Aufgrund einer Stellenanzeige kam Anna schließlich als Zofe zu Charlotte von Garlitz Dublow, Gräfin von Falkenau, die mit ihrem Ehemann und den Bediensteten in einer Villa außerhalb von Köln lebte.

Drei Tage nach der Kriegserklärung Frankreichs und des Vereinten Königreichs an das Deutsche Reich setzte sich die gegenüber dem Nationalsozialismus positiv eingestellte Familie vorübergehend in eines der Ahnenschlösser östlich der Elbe ab, während Anna das Anwesen bei Köln bewachen musste. Das wiederholte sich zu Beginn des Frankreich-Feldzugs 1940.

Ende 1940 kam Lotte für einige Tage nach Köln. Achtzehn Jahre nach der Trennung hatte sie Annas Adresse herausgefunden, und nun feierte sie mit ihr, der Familie Garlitz und deren Gästen Silvester. Als einer der Herren sich über die Pächter auf seinem Gut in Brandenburg beklagte und sie als Untermenschen bezeichnete, meinte Anna laut:

„Sie haben leicht reden, ich möchte Sie mal sehen, wenn Sie sich wie ein Bauer abrackern müssten.“ (Seite 201)

Der Angesprochene schwieg betreten; nur die Gräfin tadelte Anna später wegen ihres ungehörigen Benehmens.

1941 zog die Familie erneut nach Brandenburg, und diesmal wurde auch Anna mitgenommen.

Sie war inzwischen mit dem österreichischen Soldaten Martin Grosalie verlobt. Während eines Kurzurlaubs von der Ostfront heirateten sie gegen den Willen seiner geschiedenen Mutter in der Karlskirche in Wien und richteten sich in der Wohnung von Martins verstorbener Großmutter ein.

Als zwei Russen in der Nähe des Schlosses in Brandenburg aus der Kriegsgefangenschaft flohen und einen alten Förster ermordeten, um ihm Gewehr und Munition abzunehmen, riegelten zweitausend Soldaten der Wehrmacht den Wald ab. Die Ausbrecher hatten keine Chance. Nachdem man sie gefasst hatte, riss Herr von Garlitz eine Karbatsche von der Wand und wollte das „Gesocks“ abknallen, aber zwei Offiziere hielten ihn zurück, denn es musste alles seine Ordnung haben. Die Russen wurden sodann „auf der Flucht“ erschossen.

Herr von Garlitz hatte eine Geliebte, die Industriellentochter Petra von Wallersleben. Als er sie dreist mit nach Hause brachte, schüttete ihm seine Frau ein Glas Rotwein ins Gesicht.

Als Herr von Garlitz mit einer Militärmaschine von Brüssel nach Berlin fliegen wollte, um an der Hochzeitsfeier einer jüngeren Schwester seiner Frau teilzunehmen, stürzte die Maschine ab. Anna erhielt den Auftrag, seiner Tante die Todesnachricht zu überbringen, aber dazu kam es nicht. Nach ihrer Rückkehr log sie, sie habe Frau Ketteler nicht angetroffen. Sie hatte nämlich gesehen, wie sich Herrn von Garlitzs Tante von ihrem Schäferhund bespringen ließ und war deshalb gleich wieder gegangen, ohne sich bemerkbar zu machen.

Das Schloss füllte sich mit Flüchtlingen aus Berlin.

Martin Grosalie brachte es nach einer entsprechenden Ausbildung zum Unteroffizier. Wenige Wochen nachdem er in die SS aufgenommen worden war, erhielt Anna im September 1944 die Nachricht von seinem „Heldentod“ in der Eifel.

Anna verließ die Gräfin und ließ sich als Rot-Kreuz-Schwester ausbilden. Als die Rote Armee immer näher kam und das Lazarett in Linz, in dem Anna tätig war, den Betrieb einstellte, wollte sie sich nach Traunstein durchschlagen. Unterwegs wurde sie von Soldaten mitgenommen. Plötzlich hielten sie an und warfen sich mit ihr in den Straßengraben. Im nächsten Augenblick brachte ein Jagdbomber das Auto zur Explosion.

Ohne formellen Auftrag kümmerte sich Anna in Traunstein um die Kinder in einem Notlazarett. So geriet sie in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Nach ihrer Freilassung wollte Anna zu ihrer Freundin Ilsa nach Bad Nauheim, doch als sie hinkam, hieß es, Ilsa sei inzwischen bei ihrer Mutter in Saarburg. Das lag in der französischen Zone, in die niemand einreisen durfte, der nicht nachweisen konnte, dass er von dort stammte.

Ein kultivierter Rechtsanwalt aus Chicago, der als Offizier bei der amerikanischen Besatzungsmacht diente, lud Anna zu einer Party ein, aber sie trauerte um Martin und wollte sich nicht mit einem anderen Mann vergnügen. Der Amerikaner respektierte das.

„Ich finde es so schrecklich“, sagte er mitfühlend, „was die Nazis dem deutschen Volk angetan haben …“ „Mir haben die Nazis nichts angetan“, sagte Anna schroff, „amerikanische Bomben haben unser Haus in Grund und Boden gebombt, Amerikaner haben mich gefangengenommen.“ (Seite 423)

Ein Spediteur schmuggelte Anna nach Koblenz, also in die französische Zone. Es gelang ihr, sich nach Saarburg durchzuschlagen, aber Ilsa war schon wieder fort. Daraufhin suchte Anna sich in Trier Arbeit. Die pensionierte Studienrätin Therese Schmidt stellte sie als Dienstmädchen ein. Einmal fragte sie Anna nach ihren Berufswünschen.

Die Vorstellung, einen Beruf frei wählen zu können, war so revolutionär, dass sie ihr Denken lähmte. Sie musste ihr Weltbild dafür aufgeben, in dem Frauen ganz selbstverständlich in drei Kategorien unterteilt waren: eine breite Unterschicht, die Bäuerinnen und Dienstmädchen hervorbrachte, eine kleine Oberschicht privilegierter Frauen, die die dekorative Funktion hatten, eine kultivierte, elegante Gastgeberin zu sein, und eine Restkategorie unverheirateter Frauen, die als Lehrerin oder Krankenschwester arbeiteten oder im Kloser lebten. Keine hatte sich bewusst für eine dieser Möglichkeiten entschieden, man landete ganz von allein dort – durch Geburt oder die äußeren Umstände. (Seite 430f)

Anna musste eine Weile nachdenken, bis ihr klar wurde, dass sie gern in der Kinderfürsorge tätig sein würde. Nur hielt sie das für illusorisch, weil dafür der Abschluss einer höheren Schule Voraussetzung war. Therese Schmidt kannte jedoch einen Lehrer, der bereit war, Anna auf die Begabtenprüfung vorzubereiten, und schließlich wurde sie in das katholische Institut für Wohlfahrtspflege im Franziskanerinnenkloster in Salzkotten aufgenommen.

Nun war sie wieder in der Nähe des Dorfes an der Lippe, in dem sie vor dem Krieg gelebt hatte. Anna erfuhr, dass sich ihr Onkel Heinrich in russischer Kriegsgefangenschaft befand und Martha Bamberg als unbarmherzige Schwarzhändlerin verschrien war, die Notleidenden für ein Ei oder ein Stück Brot die letzten Besitztümer abverlangte. Schließlich kam Anna zu Ohren, dass Martha herumerzählte, sie bezahlte die Ausbildung ihrer Nichte. Daraufhin zwang Anna sie zu einem Widerruf in der Lokalzeitung.

An Martins Grab in der Eifel wurde Anna von einer fremden Frau angesprochen. Martin sei im September 1944 bei ihren Nachbarn einquartiert gewesen, erzählte sie. Als er mit seinen Soldaten zum Westwall fahren und dort in einem Fernmeldebunker Posten beziehen sollte, bat sie darum, nach Prüm mitgenommen zu werden. Weil sie jedoch die Schlüssel vergessen hatte, stieg sie nach kurzer Fahrt wieder aus und ging zurück. Am Nachmittag erfuhr sie, dass der Militärlastwagen Prüm nicht erreicht hatte. Während sechs Soldaten von der Ladefläche gesprungen waren, um Äpfel zu pflücken, hatten die Amerikaner das Führerhaus unter Beschuss genommen und Martin, den Fahrer und einen weiteren Soldaten getötet.

Lotte war in der Nähe von Amsterdam zusammen mit den Kindern der Familie Rockanje aufgewachsen. Ihr Pflegevater, der autodidaktisch Elektrotechnik studiert hatte, war für die Energie- und Wasserversorgung der Gemeinde verantwortlich. Als Marxist sträubte er sich dagegen, Lotte in einer christlichen Schule anzumelden, doch es blieb ihm nichts anderes übrig, weil die staatlichen Lehranstalten überfüllt waren. Er begeisterte sich für klassische Musik, ließ Lotte im Kinderchor des Rundfunks singen und gab viel Geld aus, um seine Platten optimal abspielen zu können. Nachdem er sich bei seinen Seitensprüngen in Amsterdam mit Syphilis infiziert und die Krankheit seiner Frau weitergegeben hatte, wurde er aus dem Schlafzimmer verbannt.

Als bei Prügeleien im Amsterdamer Judenviertel ein Angehöriger der Wehrabteilung der niederländischen Nationalsozialisten ums Leben kam, wurden rund vierhundert Juden willkürlich festgenommen und am 22./23. Februar 1941 deportiert. Darunter war auch Lottes Freund David De Vries. Nach einiger Zeit meldete er sich aus dem Konzentrationslager Buchenwald bei seinen Eltern und dann noch einmal aus dem KZ Mauthausen. Dort verlor sich seine Spur. Wahrscheinlich überlebte er den Holocaust nicht.

Lottes Pflegemutter versteckte während des Krieges eine ganze Reihe von Juden, Saboteuren und Widerstandskämpfern vor den Nationalsozialisten.

Als die kleine Eefje Rockanje ein Stück blauen Samt suchte, das sie zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, um daraus Puppenkleider zu schneidern, überraschte sie den Vater, der auf der Werkbank in seinem „elektrotechnischen Heiligtum“ gerade Butter, Käse, frisches Brot und ein Paar Scheiben Leber hergerichtet hatte. Es stellte sich heraus, dass der Egoist eine ärztliche Bescheinigung für seine kranke Frau benutzt hatte, um sich heimlich zusätzliche Lebensmittelkarten zu verschaffen.

Während des Krieges heiratete Lotte den aus Utrecht stammenden Geigenbauer Ernst Goudriaan.

Unbewusst erlöste er sie von ihrer besudelten Herkunft und ihren frühesten Erinnerungen, die zu einem vorigen Leben gehörten. Tabula rasa – mit ihm und durch ihn wurde sie zu einer waschechten Holländerin. (Seite 353)

Goudriaan hatte in Deutschland eine Lehre gemacht und bei einer jüdischen Familie gewohnt. Als Hitler an die Macht gekommen war, hatte der Meister ihn vor die Wahl gestellt, entweder bei den Juden auszuziehen oder die Lehre abzubrechen. Daraufhin war er nach Holland zurückgekehrt. Nach dem Krieg arbeitete er für einen Geigenbauer in Den Haag, der seinen Beruf wegen einer Rheuma-Erkrankung nicht mehr selbst ausüben konnte.

Anna lernte ihren Schwager kennen, als sie ihre Zwillingsschwester kurz nach dem Krieg einmal in Den Haag besuchte. Weil Lotte sich weigerte, Deutsch zu sprechen, musste ihr Mann als Dolmetscher fungieren.

Vor zehn Jahren erlag Ernst Goudriaan einem Herzinfarkt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Für Lotte sind die Gespräche mit Anna sehr belastend.

Ihr ganzes Beisammensein war ein Film; sie hatte das Kino nicht rechtzeitig verlassen, und nun wollte sie auch den Schluss noch sehen. (Seite 397)

Anna spürt die Voreingenommenheit ihrer Zwillingsschwester:

„Ich bin in einer Kultur aufgewachsen, die du verabscheust. Du bist ihr gerade noch rechtzeitig entkommen. Lass dir erzählen, wie dein Leben ausgesehen hätte, wenn du dageblieben wärst.“ (Seite 48)

„Warum hat das deutsche Volk es zugelassen, ruft ihr. Aber ich drehe den Spieß um und frage: Warum habt ihr im Westen es zugelassen? Ihr habt tatenlos zugesehen, wie wir uns wiederbewaffnet haben – schon damals hättet ihr mit dem Versailler Vertrag in der Hand eingreifen können. Ihr habt uns ohne Widerstand ins Rheinland und in Österreich einmarschieren lassen. Und dann habt ihr die Tschechoslowakei an uns verhökert. Die deutschen Emigranten in Frankreich, England und Amerika haben euch gewarnt. Keiner hat auf sie gehört. Warum haben sie diesen Verrückten nicht aufgehalten, als es noch Zeit war? Warum haben sie uns unserem Schicksal überlassen, uns einem Diktator ausgeliefert?“ (Seite 160f)

„Aber sie haben euch doch von der Nazidiktatur befreit …“, wandte Lotte mit letzter Kraft ein.
„Ha …“ Mit einem zynischen Lachen beugte sich Anna über den Tisch. „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass sie gekommen sind, um uns zu retten? Sie haben unsere Wissenschaftler eingesackt und mit nach Amerika genommen: Chemiker, Biologen, Atomphysiker, Militärexperten, Gestapoleute wie Barbie hat sich die CIA geholt. Und da sagst du, ich müsste in ihnen die Befreier sehen. Adolf Hitler und seine SS-Armee haben sie zum Sündenbock gemacht – die Wehrmachtsgeneräle mit ihren Streifen, die den Tod von Millionen Soldaten auf dem Gewissen haben, sind nie bestraft worden. Die wurden als Gentlemen angesehen. Wer einen Krieg ordentlich erklärt und eine Armee anführt, ist ein Gentleman. Und denk mal an die Richter, die die Todesurteile unterschrieben und die die Menschen in Konzentrationslager geschickt haben – die meisten von ihnen sind nie bestraft worden.“ (Seite 415f)

An einem der Abende in Spa verabschiedet Anna sich von Lotte mit den Worten:

„Tut mir leid, dass ich heute wieder kein Ende finden konnte. Morgen, das verspreche ich dir, zeige ich mich von meiner ruhigen Seite.“ (Seite 471)

Am nächsten Morgen wird Anna leblos im Moorbad aufgefunden, ohne dass die Zwillinge noch einmal miteinander gesprochen hätten. Ärzte versuchen die vierundsiebzigjährige Deutsche zu reanimieren.

Lotte sank auf das nächstbeste Bett. Zu spät, zu spät, summte es in ihrem Kopf. Ihr wurde bewusst, dass sie immer von der Luxusannahme ausgegangen war, noch alle Zeit der Welt zu haben. (Seite 476)

Eine Krankenschwester unterrichtet Lotte über Annas Tod.

„Wissen Sie, ob sie Verwandte hat? Jemand muss die Überführung nach Köln regeln und die Beerdigung … wir wissen nicht … Sie waren schließlich ihre Freundin …“
„Nein …“, sagte Lotte […]
„Nein …“, wiederholte sie und sah die Frau herausfordernd an, „ich bin … sie ist meine Schwester.“ (Seite 478)

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Die holländische Schriftstellerin Tessa de Loo (* 1946) lässt die Zwillinge Anna und Lotte ihre grundverschiedenen Lebensgeschichten aus der Erinnerung erzählen, zwar abwechselnd, aber im Grunde chronologisch. Die Rückblenden konzentrieren sich auf die Zeit von 1922 bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg; über die letzten Jahrzehnte vor ihrem zufälligen Wiedersehen im Jahr 1990 reden die vierundsiebzig Jahre alten Zwillingsschwestern so gut wie gar nicht. Das wirkt konstruiert. Tessa de Loo geht es in dem Roman „Die Zwillinge“ darum, die gesellschaftlichen Rückwirkungen der politischen Ereignisse von 1922 bis 1945 aus zwei konträren Blickwinkeln darzustellen: Anna erlebte die Zeit in Deutschland, Lotte in Holland. Dieser Plot ermöglicht es Tessa de Loo, die gängigen Denkschablonen und Missverständnisse, Schuldzuweisungen und Ausreden beider Seiten aufzugreifen und als solche zu entlarven. Aufgrund dieser Vorurteile fällt es vor allem Lotte auch nach Jahrzehnten noch immer schwer, Verständnis für ihre Schwester aufzubringen, aber „Die Zwillinge“ ist auch ein Plädoyer dafür, mit der Klärung persönlicher Beziehungen nicht zu warten, bis es zu spät ist.

Die von Ben Sombogaart inszenierte Verfilmung des Romans „Die Zwillinge“ wurde für in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für einen „Oscar“ nominiert.

Originaltitel: De tweeling – Regie: Ben Sombogaart – Drehbuch: Marieke van der Pol, nach dem Roman „Die Zwillinge“ von Tessa de Loo – Kamera: Piotr Kukla – Schnitt: Herman P. Koerts – Musik: Fons Merkies – Darsteller: Sina Richardt, Julia Koopmans, Thekla Reuten, Nadja Uhl, Ellen Vogel, Gudrun Okras, Betty Schuurman, Jaap Spijkers, Roman Knizka, Margarita Broich, Ingo Naujoks, Barbara Auer, Jeroen Spitzenberger, Hans Somers, Hans Trentelman, Marieke van Leeuwen, Katrin Pollitt, Jean-Paul Maes, Markus von Lingen, Germain Wagner, Marco Lorenzini, Jan Horsburgh, Pia Röver, Monique Reuter u.a. – 2002; 135 Minuten

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © C. Bertelsmann Verlag

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