Javier Marías : Der Gefühlsmensch

Der Gefühlsmensch

Javier Marías

Der Gefühlsmensch

Originaltitel: El hombre sentimental Barcelona 1986 Der Gefühlsmensch Übersetzung: Elke Wehr Piper Verlag, München 1992 Neuauflage: Klett Cotta, Stuttgart 2003
Buchbesprechung

Inhaltsangabe


Der Erzähler, ein spanischer Operntenor, erinnert sich an das, was vor vier Jahren in Madrid geschah und wovon er an diesem Morgen träumte. Damals verliebte er sich in die unglückliche Frau eines despotischen Bankiers, die ständig von einem eigens dazu abgestellten Mitarbeiter begleitet wurde.

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Kritik

Aus Erinnerungen und einem nachdenklichen Monolog komponiert Javier Marías den Roman "Der Gefühlsmensch". Indem er den roten Faden immer wieder an anderen Stellen anknüpft, wiederholt, variiiert und kontrapunktiert er das Hauptthema und verwischt die Grenzen zwischen Realität und Imagination.
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Ich weiß nicht, ob ich euch meine Träume erzählen soll. Es sind alte, aus der Mode gekommene Träume […] Was ich heute Morgen träumte, als es schon Tag war, ist jedoch etwas, was wirklich geschah […]

Der Erzähler ist Operntenor. Man nennt ihn den „Löwen von Neapel“. Er wurde in Barcelona geboren und wuchs nach dem Tod seiner Mutter bei seinem Stiefvater Casaldáliga in einem Vorort von Madrid auf.

Vor vier Jahren fuhr er, von Edinburgh kommend, über London und Paris zu einem Gastspiel nach Madrid. In seinem Zugabteil saßen zwei Männer mit einer schlafenden, melancholisch wirkenden Frau. Am dritten Abend in Madrid, als er in der Bar seines Hotels ein Glas heiße Milch trank, sprach ihn einer der beiden Reisenden an. Er heiße Dato und sei eine Art Privatsekretär oder Börsenberater des flämischen Bankiers Hieronimo Manur, erzählte er. Aber seine Hauptaufgabe sei es, die unglückliche Ehefrau seines viel beschäftigten Arbeitgebers ständig zu begleiten und zu unterhalten, daheim in Brüssel ebenso wie auf den Dienstreisen Mansurs.

„Herr Manur ist sehr imposant. Sie hingegen ist ein trauriges Kapitel. Natürlich nicht, was das Aussehen betrifft, sie ist sehr attraktiv und elegant, aber sie ist ein Wrack, eine sehr unglückliche Person.“

Später kam auch Natalia Mansur aus dem Hotelzimmer ihres Ehemanns herunter und gesellte sich zu den beiden Herren an der Bar. Von da an saßen Dato und Natalia jeden Tag bei den Proben im Teatro de la Zarzuela, wo sich der Erzähler auf die Rolle des Cassio in Verdis Oper „Othello“ vorbereitete. (Gustav Hörbiger sang den „Othello“.) Die drei waren fast ständig zusammen. Bei der Rückkehr ins Hotel trafen sie einmal Hieronimo Mansur, der zum Mittagessen verabredet war, aber gerade noch zwanzig Minuten Zeit für einen gemeinsamen Drink hatte.

Der Erzähler erinnert sich an Berta, mit der er bis zu den Ereignissen vor vier Jahren ein Jahr lang zusammen in Barcelona gelebt hatte. Vor drei Wochen erfuhr er, dass Berta tot ist. Ein Fremder schrieb ihm, sie sei die Treppe hinuntergestürzt und wegen der Nachlässigkeit des Arztes einige Tage später gestorben. Der Erzähler fährt fort mit seinem Traum bzw. seinem Erlebnis vor vier Jahren in Madrid.

Ich wünschte Manur zu vernichten, und ich musste Berta vernichten, um Natalia Manur weiterhin täglich ohne jede Behinderung sehen zu können.

Am Vorabend der Premiere trug Natalia ein leicht ausgeschnittenes Kleid; erstmals sah der Erzähler ihren Brustansatz, und er konnte sich kaum noch auf das Gespräch konzentrieren. Er war so erregt, dass er eine halbe Stunde, nachdem sie zu dritt ins Hotel zurückgekehrt waren, in ihrem Hotelzimmer anrief, obwohl es bereits halb ein Uhr nachts war. Natürlich hob ihr Mann ab. Der Erzähler legte wortlos wieder auf. Er bat den Portier, ihm eine Hure aufs Zimmer zu schicken, doch als Claudina eine Viertelstunde später kam, verspürte er keine Lust mehr. Deshalb gab er ihr Geld und schickte sie wieder fort.

Am nächsten Morgen rief Manur an. Der Tenor war mit Natalia und Dato zum Frühstück verabredet, aber der Bankier bestand darauf, gleich zu ihm ins Zimmer zu kommen. Er hatte sich noch in der Nacht nach dem Anrufer erkundigt und wusste auch, dass der Opernsänger eine Prostituierte aufs Zimmer bestellt aber keinen Sex mit ihr gehabt hatte. Jetzt verlangte er von ihm, sich nicht mehr mit seiner Frau zu treffen.

„Schauen Sie, ich habe nichts dagegen, dass meine Frau Freundschaften schließt, im Gegenteil. Ich bin ein beschäftigter Mann und kann mich ihr nicht widmen, wie ich gerne wollte, weshalb es mir normal erscheint, dass sie sich mit anderen Leuten zerstreut, zum Beispiel mit Ihnen, einem Opernsänger. Was ich jedoch nicht dulden kann, ist, dass diese Leute mehr von ihr wollen.“

Dann erzählte er, wie er Natalia vor 15 Jahren in Madrid kennen gelernt hatte, und zwar durch ihren Bruder Roberto Monte, der bei ihm in Brüssel einen kaufmännischen Kurs absolviert hatte. Sie war damals 19 oder 20 gewesen. Natalias und Robertos Vater habe sich wegen inkompetenter Geschäftsführung und Verschwendung ruiniert. Die Heirat sei eine „kommerzielle Transaktion“ gewesen: Er habe Natalias Vater vor dem Bankrott gerettet – und warte nun seit 15 Jahren auf ihre Liebe. Ihre Eltern waren inzwischen gestorben, und ihren Bruder Roberto – ein „verheerender Geschäftsmann“ wie sein Vater – hatte er nach Südamerika schicken müssen, weil er sonst wegen Betrügereien und Steuerhinterziehung belangt worden wäre.

Als der Tenor spät in der Nacht von der Premierenfeier zurück ins Hotel kam, erhielt er mit dem Zimmerschlüssel eine Nachricht von Dato: Er solle auf jeden Fall noch bei ihm vorbeikommen. Im Namen von Natalia, die bei ihrem Mann schlief, lud er ihn ein, sich am nächsten Nachmittag mit ihr in einem billigen Hotelzimmer auf der anderen Straßenseite zu treffen.

Dort sah er sie zum ersten Mal ohne Begleitung und machte ihr eine seltsame Liebeserklärung:

„Ich will nicht wie ein Idiot sterben, und da ich eines Tages unausweichlich werde sterben müssen, möchte ich in meiner Zeit vor allem für das einzige Sorge tragen, was sicher und unausweichlich ist, aber allem zuvor möchte ich für die Form meines Todes Sorge tragen, denn die Form ist nicht so sicher noch unausweichlich. Es ist die Form unseres Todes, für die wir Sorge tragen müssen, und um dafür Sorge zu tragen, müssen wir für unser Leben Sorge tragen, denn dieses, das nichts an sich ist, wenn es aufhört und ersetzt wird, wird gleichwohl das einzige sein, aus dem wir am Ende das Wissen beziehen können, ob wir wie ein Idiot sterben oder ob wir auf annehmbare Weise sterben. Du bist mein Leben und meine Liebe und mein erkennendes Leben, und weil du mein Leben bist, möchte ich niemand anderen als dich neben mir haben, wenn ich sterbe. Aber ich möchte nicht, dass du plötzlich an mein Sterbebett eilst, nachdem du erfahren hast, dass ich dem Tod nahe bin, oder dass du zu meiner Beerdigung kommst, um dich von mir zu verabschieden, wenn ich dich nicht mehr sehen noch deinen Duft atmen, noch dein Gesicht küssen kann, nicht einmal, dass du bereit bist oder suchst, mich in meinen letzten Jahren zu begleiten, weil wir beide unsere jeweiligen jämmerlichen oder getrennten Leben überlebt haben, denn das ist mir nicht genug. Ich möchte vielmehr, dass das, was in der Stunde meines Todes anwesend ist, die Verkörperung meines Lebens ist, und das ist nichts anderes als das, was dieses Leben gewesen ist, und damit du es gewesen bist, ist es nötig, dass du von jetzt an und bis zu diesem meinem letzten Augenblick an meiner Seite gewesen bist. […]

Der Erzähler hat den ganzen Tag seinen Traum aufgeschrieben, sein Telefon auf den Anrufbeantworter umgeschaltet und weder gefrühstückt noch mittags etwas gegessen. Hungrig geht er abends in ein Restaurant. Auf dem Weg nimmt er die Post aus dem Briefkasten. Bertas letzter Lebenspartner fragt ihn, ob er noch etwas von seinen Sachen zurückhaben möchte, denn er werde ihre Sachen alle verbrennen.

Als Natalia am anderen Morgen nicht zu ihrem Mann zurückkehrte, ließ Manur sich vier Tage lang nichts anmerken. Dann schoss er sich in die Brust. Er traf zwar nur die Lunge, starb aber drei Wochen später an einer Infektion durch das Projektil.

Natalia lebte in den letzten vier Jahren mit dem Erzähler zusammen. Zuletzt fühlte sie sich immer erschöpfter, und wenn sie ihn zu einem Gastspiel begleitete, warf sie sich nach der Ankunft nur noch aufs Hotelbett. Erst nach zwei Stunden Halbschlaf war sie in der Lage, sich auszuziehen und zu duschen, um dann schlafen zu gehen. In Paris und Berlin schützte sie Migräne vor, um nicht in die Oper zu müssen. Nun hat sie den Erzähler verlassen. Er beruhigt seine Leserinnen und Leser:

Aber ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, ich wäre unfähig, seinem Beispiel zu folgen.

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Die späteren Titel „Mein Herz so weiß“ und „Morgen in der Schlacht denk an mich“ sind Shakespeare-Zitate. In „Der Gefühlsmensch“ stellt Javier Marías den Bezug zu William Shakespeare dadurch her, dass der Protagonist und Erzähler ein Operntenor ist, der während der entscheidenden Ereignisse in Madrid die Rolle des Cassio in Giuseppe Verdis Oper „Othello“ singt, die bekanntlich auf einem Theaterstück von Shakespeare basiert.

Auch in „Der Gefühlsmensch“ geht es um einen despotischen Ehemann, der auf den Cassio-Darsteller eifersüchtig ist. Während jedoch Othello die unschuldige Desdemona erdolcht, erschießt der von Natalia verlassene Hieronimo Manur sich selbst.

Die Geschichte handelt von den Gegensätzen zwischen Ehe, Lebenspartnerschaft und leidenschaftlicher Liebe. Ein Verliebter trennt sich von seiner Lebenspartnerin Berta (sie stirbt einige Zeit später) und treibt den Ehemann seiner neuen Geliebten Natalia in den Selbstmord.

Ich wünschte Manur zu vernichten, und ich musste Berta vernichten, um Natalia Manur weiterhin täglich ohne jede Behinderung sehen zu können.

Am Ende wird er selbst von Natalia verlassen, einer Romanfigur, die auf eigenartige Weise unbestimmt bleibt.

Es geht vor allem um die Frage, ob die leidenschaftliche Liebe nur in der Gegenwart möglich ist oder auch in der Vorstellung (Antizipation, Erinnerung). Dazu schreibt Javier Marías im Nachwort:

„Der Gefühlsmensch“ ist eine Liebesgeschichte, in der die Liebe weder sichtbar ist noch lebt, sondern angekündigt und erinnert wird. Ist dies möglich? Kann etwas wie die Liebe, die immer dringend und unaufschiebbar ist, die Gegenwart und Erfüllung oder unmittelbare Zerstörung erfordert, angekündigt werden, bevor sie überhaupt existiert, oder wirklich erinnert werden, wenn sie nicht mehr existiert? Oder verhält es sich so, dass die Ankündigung selbst und die bloße Erinnerung bereits beziehungsweise immer noch einen Teil dieser Liebe bilden? Ich weiß es nicht, wohl aber glaube ich, dass die Liebe weitgehend auf ihrer Vorwegnahme und auf ihrer Erinnerung gründet.
[…]
Die beiden männlichen Hauptfiguren des Buches unterscheiden sich darin, dass der eine der beiden sich nicht mit dieser imaginären, projizierten oder fiktiven Dimension abfindet, sondern die notwendigen Schritte unternimmt, damit seiner erahnte Liebe durch seine erlebte Liebe ersetzt wird (damit seine Liebe sich erfüllt), während der andere, der eigentliche Gefühlsmensch, mit Geduld, wenn auch nicht resigniert, den imaginären, einseitigen Modus akzeptiert und sich lebenslang in ihm eingerichtet hat.

Das eigentliche Geschehen – eine scheinbar simple Dreiecksgeschichte – liegt vier Jahre zurück (wenn es nicht überhaupt nur ein Traum war) und wird in der Ich-Form aus der Erinnerung geschildert. Aus Erinnerungen, Briefen und einem nachdenklichen Monolog über verschiedene Themen wie zum Beispiel die Einsamkeit von Handlungsreisenden und Opernstars komponiert Javier Marías den Roman „Der Gefühlsmensch“. Indem der Autor den roten Faden immer wieder an anderen Stellen anknüpft, wiederholt, variiiert und kontrapunktiert er das Hauptthema und verwischt die Grenzen zwischen Realität und Imagination. Das Ergebnis ist ein ausgesprochen lyrischer Roman, noch nicht so komplex wie „Mein Herz so weiß“ oder „Morgen in der Schlacht denk an mich“, aber der Stil ist bereits unverkennbar.

Über seine Arbeitsweise schreibt Javier Marías im Nachwort:

Ich muss mich vorantasten, und nichts würde mich mehr langweilen und abschrecken als von vornherein, zu Beginn eines Romans, genau zu wissen, wie dieser sein wird: welche Gestalten ihn bevölkern, wann und wie sie auftreten oder verschwinden, was aus ihren Leben oder dem Bruchstück ihrer Leben werden wird, das ich zu erzählen habe. All dies geschieht, während der Roman geschrieben wird, es gehört in das Reich der Erfindung, in der etymologischen Bedeutung von Entdeckung, Fund […]

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Piper

Javier Marías (Kurzbiografie)

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