Javier Marías : Morgen in der Schlacht denk an mich

Morgen in der Schlacht denk an mich
Originalausgabe: Mañana en la batalla piensa en mí Barcelona 1994 Morgen in der Schlacht denk an mich Übersetzung: Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn Klett-Cotta, Stuttgart 1998
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine verheiratete Madrilenin stirbt barbusig in den Armen ihres Liebhabers, bevor sie zum ersten Mal mit ihm schlafen kann. Ihr Ehemann ahnt auch am nächsten Tag noch nichts davon. Er ist in London, und zwar mit seiner Geliebten, die ihm dort eine Abtreibung in einer Klinik vorzuspielen versucht, um ihn an sich zu binden ...
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Kritik

Der Plot ist originell. Aber darauf kommt es Javier Marías gar nicht an. Das Geschehen bildet nur das Gerüst für ein immer weiter verästeltes Erzählen mit tausend Abschweifungen, Reflexionen und Wiederholungen. Das Erzählen selbst ist das Thema des Romans "Morgen in der Schlacht denk an mich".
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Niemand denkt je daran, dass er irgendwann eine Tote in den Armen halten könnte und dass er nicht mehr ihr Gesicht sehen wird, an dessen Namen er sich erinnert. Niemand denkt je daran, dass jemand im unpassendsten Augenblick sterben könnte, obwohl dies die ganze Zeit passiert, und wir glauben, dass niemand, dem dies nicht bestimmt ist, in unserem Beisein wird sterben müssen.

So beginnt der 1993/94 in Madrid spielende Roman.

Der Erzähler, ein 42-jähriger Drehbuchautor namens Víctor Francés Sanz, ist mit einer neun Jahre jüngeren verheirateten Frau zum dritten Mal in einem Restaurant verabredet. Marta Téllez Angulo heißt sie. Am Nachmittag ruft sie Víctor an: Sie habe völlig vergessen, dass ihr Mann geschäftlich nach London fliegt und sie deshalb zu Hause bei ihrem zweijährigen Sohn bleiben muss. Ob es ihm etwas ausmache, zu ihr in die Wohnung zu kommen. Als der kleine Eugenio endlich schläft, gehen Marta und Víctor ins Schlafzimmer und beginnen sich gegenseitig auszuziehen. Er öffnet den Verschluss ihres trägerlosen Büstenhalters. Da wird ihr plötzlich übel. Sie krümmt sich auf dem Bett zusammen. Er fragt, ob er einen Arzt holen oder ihren Mann anrufen soll, aber sie meint, die Unpässlichkeit werde gleich wieder vorbei sein. Plötzlich steht Eugenio in der Tür. Leise bringt Víctor ihn wieder zu Bett. Dann legt er sich neben Marta und schaltet den Fernsehapparat ein, blendet allerdings den Ton aus, um sie nicht zu stören. Ohne sich umzudrehen, wimmert sie: „Halte mich, halte mich, bitte halte mich.“ Er rutscht näher und schließt sie von hinten in die Arme – und beginnt zu ahnen, dass es sich nicht um eine vorübergehende Übelkeit handelt. „Oh Gott, der Junge!“, sind ihre letzten Worte. Víctor spürt ein Rucken ihres Kopfes. Sie ist tot.

Er bleibt eine Weile liegen, mit der Toten in den Armen. Dann geht er zum Telefon, findet einen Zettel mit der Telefonnummer des Hotels in London und auf Briefumschlägen den Namen ihres Mannes: Eduardo Deán Ballesteros. Nach einer Weile hebt der Nachtportier ab und meldet sich mit verschlafener Stimme. Nein, ein Mr Deán sei nicht unter den Hotelgästen. (Erst später fällt Víctor ein, dass Ausländer häufig den zweiten Nachnamen eines Spaniers für den Hauptnamen halten.) Martas Telefon läutet, obwohl es drei Uhr morgens ist. Im Lautsprecher des Anrufbeantworters hört Víctor die Stimme eines Mannes, der gerade nach Hause gekommen ist und Martas Nachricht abgehört hat. Offenbar hatte sie wirklich erst am Nachmittag an die Geschäftsreise ihres Mannes gedacht und dann gleich ihren Liebhaber angerufen. Der Anrufer ärgert sich, denn seine Frau hat Nachtschicht und er hätte gut kommen können. Wenn der andere erreichbar gewesen wäre, hätte sie Víctor wohl vertröstet; so aber lud sie ihn zum Essen in die Wohnung ein. Víctor weiß jetzt, dass er nur ein Lückenbüßer war. Er nimmt das Band aus dem Anrufbeantworter.

Man wird merken, dass ein Mann bei Marta war, aber Víctor möchte sich nicht zu erkennen geben. Wenn er jetzt jemanden alarmieren würde, könnte Marta ohnehin nicht mehr geholfen werden. Er stellt dem Jungen ein Glas Saft und etwas zu Essen auf den Tisch, deckt die halbnackte Tote wie eine Schlafende zu und steckt den Zettel mit der Telefonnummer des Ehemanns ein. Dann verlässt er die Wohnung und fährt mit dem Lift hinunter. An der Haustür begegnet er einer Dame, die sich gerade von ihrem Begleiter verabschiedet.

Am nächsten Abend steigt er noch einmal vor dem Haus aus einem Taxi, lässt den Fahrer warten und blickt hinauf zu der Wohnung, in der Marta starb. Er hatte das Licht angelassen. Es brennt noch. Da kommt die Unbekannte, der er vor zwanzig Stunden begegnete, aus dem Haus und fährt mit ihrem Wagen weg. Hinter den Gardinen in Martas Schlafzimmer zieht eine Frau einen Pullover aus. Also ist jemand in der Wohnung, und die Tote wurde bereits gefunden. Jemand kümmert sich um den Jungen. Víctor steigt beruhigt ins Taxi.

Bei Martas Beerdigung sieht er die fremde Dame wieder. Víctor beobachtet den Witwer Eduardo Deán Ballesteros, Martas Vater Don Juan Téllez Orati sowie ihre Geschwister Luisa und Guillermo. Es zieht ihn zu den Angehörigen Martas und er beschließt, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Er bittet einen Freund, den Redenschreiber Ruibérriz de Torres, ihn mit Martas Vater bekannt zu machen. Nach vier Wochen ruft Ruibérriz an: Téllez sucht einen neuen Redenschreiber für den König und ist bereit, ihm Víctor vorzustellen – den Ruibérriz allerdings unter seinem eigenen Namen empfohlen hat.

Der König, der von seiner Assistentin Anita Pérez-Antón begleitet wird, erzählt seinen Besuchern, er leide unter Schlaflosigkeit, zweifle an der Gerechtigkeit und an der Richtigkeit seiner Entscheidungen:

„Was immer ich tue oder nicht tue, hat mehr Auswirkungen als das, was jeder andere tut, es ist folgenschwerer, meine Ausrutscher und Irrtümer können viele in Mitleidenschaft ziehen … Jede einzelne meiner Handlungen kann eine gewaltige Kettenreaktion auslösen, deshalb zaudere ich so sehr. Jede eurer Handlungen hat Folgen für einzelne, und ich habe kaum mit einzelnen zu tun. Trotzdem ist mir natürlich bewusst, dass jedes Leben einzigartig und zerbrechlich ist.“

Der König träumt davon, Reden zu halten, durch die das Volk auch etwas über seine Anschauungen, Überzeugungen und von seiner Person erfährt.

Im Haus von Don Juan Téllez Orati arbeitet Víctor alias Ruibérriz de Torres an einer Rede für einen geplanten Auftritt des Königs in Straßburg. Téllez geht mit seiner Tochter Luisa und seinem Schwiegersohn Eduardo zum Mittagessen und lädt auch Víctor dazu ein. Danach folgt Víctor der Schwester der Toten, beobachtet sie beim Einkaufsbummel und sieht sie in einem Hauseingang verschwinden. Er wartet auf der Straße – und plötzlich steht sie mit ihrem Neffen Eugenio vor ihm. Er hat sie nicht kommen sehen.

„Itor“, sagte der Kleine und zeigte mit dem Finger auf mich, er sagte es lächelnd, er erinnerte sich an meinen Namen. Ich war ein wenig gerührt, glaube ich.

Luisa ahnt nun, wer bei ihrer sterbenden Schwester war. Sie bringt Eugenio zu ihrem Schwager. Dann lässt sie sich von Víctor in einem Restaurant erzählen, was geschah. Anschließend hört sie sich in seiner Wohnung das Band aus dem Anrufbeantworter an. Sie erkennt die Stimme des Mannes, der Marta um drei Uhr morgens anrief: Es ist Vicente. Er und seine Frau Inés sind bzw. waren mit Marta und Eduardo befreundet. Luisa weiß, dass ihre Schwester früher ein Verhältnis mit Vicente hatte, aber sie hätte nicht gedacht, dass er noch immer ihr Liebhaber war.

Von Luisa – der Frau, die er zwanzig Stunden nach Martas Tod an deren Schlafzimmerfenster sah – erfährt Víctor, dass der kleine Junge am Vormittag nach dem Tod Martas allein war. Dann kam die Haushälterin und fand ihn im Schlafzimmer neben seiner toten Mutter: Der Fernseher lief, allerdings ohne Ton. Eugenio wusste noch nichts vom Tod und glaubte wohl, seine Mutter schliefe.

Eduardo Deán – den man erst nach langer Zeit verständigen konnte, weil sein Zettel mit der Telefonnummer verschwunden war – suche den Mann, der offenbar den Tod seiner Frau miterlebt habe, sagt Luisa, und sie müsse ihm natürlich mitteilen, was sie jetzt wisse.

Víctor erinnert sich an seine Frau Celia Ruiz Comendador. Vor drei Jahren ließen sie sich scheiden. In der Zeit, als sie bereits getrennt lebten, fiel ihm bei einer nächtlichen Autofahrt eine Prostituierte auf, die er für Celia hielt. Sie stieg zu ihm ins Auto, und als er sie nach ihrem Namen fragte, sagt sie: „Victoria“. Er behauptete, „Javier“ zu heißen.

„Noch ein Javier“, bemerkte sie, „davon wimmelt es in der Stadt, oder es ist der Name, den ihr alle gern hättet, keine Ahnung, wie ihr gerade darauf kommt.“

Bei einem Pferderennen treffen Víctor und Ruibérriz de Torres zufällig Anita Pérez-Antón und deren Freundin Lali. Da die Assistentin des Königs ihn für Ruibérriz hält, stellt Víctor seinen Freund ebenfalls mit vertauschtem Namen vor. Die Rede sei fertig; Téllez werde sie morgen dem König bringen, berichtet er, erfährt aber jetzt, dass der Auftritt des Königs in Straßburg längst abgesagt wurde.

Nachdem Eduardo Deán von seiner Schwägerin erfahren hat, dass Víctor der Gesuchte ist, ruft er ihn an und fordert ihn auf, am nächsten Abend vorbeizukommen. Víctor schnupft etwas Kokain, bevor er hingeht. In der Haustür begegnet er der Dame, die er schon häufiger gesehen hat.

Víctor braucht nichts zu sagen, denn Eduardo Deán interessiert sich kaum für die Affäre seiner Frau. Stattdessen geht es ihm darum, seinem Besucher zu erzählen, was er in den Stunden erlebte, als Marta bereits tot war und er nichts davon ahnte.

Er war nicht allein in London. Er hatte eine Geliebte: Eva García Valle, eine Krankenschwester. Drei Wochen vor der Reise nach London hatte sie ihm gesagt, sie sei schwanger. Zuerst sträubte sie sich, aber dann willigte sie in eine Abtreibung ein. Er bezahlte ihr die Reise nach London. Damit seine Geschäftsfreunde nichts merkten, flogen er und Eva getrennt und stiegen in verschiedenen Hotels ab. An einem seiner freien Vormittage – dem Tag nach dem Tod seiner Frau – begleitete er Eva zu einem Krankenhaus, in dem die Abtreibung vorgenommen werden sollte.

„Hätte ich Bescheid gewusst, wäre in London alles anders gelaufen, ich hätte ihr nicht einmal erlaubt, am nächsten Morgen ins Krankenhaus zu gehen, es wäre nicht in Frage gekommen, ein Bruder und eine neue Mutter für Eugenio, warum nicht unter diesen Umständen, man liebt Dinge und Menschen je nachdem, was man hat oder nicht hat, je nachdem, wie groß das Loch ist, das sie hinterlassen, unsere Bedürfnisse und Wünsche verändern sich in dem Maße, wie wir etwas verlieren oder man uns verlässt oder uns etwas wegnimmt …“

Es werde nur zwei, drei Stunden dauern, versicherte Eva, sie habe alles von Madrid aus arrangiert. Deán wollte in einem Café gegenüber auf sie warten, aber nach einer Stunde hielt er es nicht mehr aus, ging ins Krankenhaus und fragte nach Eva. Sie war nicht angemeldet, weder unter García noch unter Valle, und man versicherte Deán, dass man Patientinnen im Fall einer Abtreibung grundsätzlich schon am Abend vorher aufnehme. Schließlich entdeckte er Eva in einem Warteraum.

„Wenn ich nicht unruhig geworden, wenn ich nicht ins Krankenhaus gegangen wäre, wäre Eva nach zwei Stunden mit verstörtem Gesicht und wackeligen Beinen ins Café gekommen wie eine Heldin, die eine Mutprobe bestanden hat, und ich hätte sie bis ans Ende meiner Tage getröstet …“

Sie gingen noch einmal in die Bombay Brasserie. Verzweifelt versuchte Eva, zu erklären, dass sie ihm das alles nur vorgespielt habe, weil sie befürchtete, er wolle sich von ihr trennen. Sie verließen das Restaurant. Es regnete in Strömen. Als vor ihnen ein Doppeldeckerbus hielt, stiegen sie ein, ohne zu wissen, wohin er fuhr. Eva hoffte, dass er durch ein belebteres Viertel kam, wo ein Taxi zu finden sein würde. Deán setzte sich auf dem leeren Oberdeck hinter sie, packte sie und drückte ihr den Hals zu. Als der Bus quietschend bremste, ließ er von ihr ab. Eva lief hinunter, sprang aus dem anfahrenden Bus und wollte die Straße überqueren.

„Dabei blickte sie sich nicht um, war noch immer verdeckt von dem davonfahrenden Bus, sie schaffte es nicht, gelangte nicht bis zur anderen Straßenseite, weil sie von einem schwarzen Taxi mit Klappsitzen erfasst wurde, das aus der Gegenrichtung angeschossen kam, der Londoner Linksverkehr, ein Austin-Taxi wie ein Rhinozeros oder Elefant. Ich sah es vom Rückfenster aus mit eigenen Augen, während ich mich entfernte, ich sah den gewaltigen Aufprall, es erwischte sie mit voller Wucht, sodass sie nicht nach oben, sondern auf der Höhe der Kühlerhaube, die sie rammte, in gerader Linie weiterflog, und ich sah, dass das Taxi auch nach dem Zusammenprall nicht bremsen konnte, sondern gleich nach ihrem Sturz auf die Fahrbahn über sie hinwegfuhr.“

Niemand wird die Tote mit Deán in Verbindung bringen.

„Ihr Tod war der einer Touristin vom Festland, wieder mal eine von denen, die in London nicht in die richtige Richtung geschaut hatte, nachdem sie auf der linken Seite aus einem Bus gestiegen war und eine Straße überqueren wollte, ohne an den Linksverkehr zu denken.“

Víctor bricht auf.

„Während ich mir an der Wohnungstür Schal und Trenchcoat anzog, blickte ich verstohlen zum Flur und zur offenen Tür des im Dunkeln liegenden Kinderzimmers hinüber, ich ging nicht davon aus, dass Deán den Kleinen bei sich behalten würde. Morgen würde ich die anrufen müssen, die jetzt die jüngere zugleich ältere Schwester war, ich sah auf die Uhr, es war nicht allzu spät, vielleicht wäre es zu rechtfertigen, sie, sobald ich nach Hause kam, noch heute Abend anzurufen und einen noch unschuldigen Schritt zu tun, schließlich und endlich konnte ich der nebulöse Ehemann sein, der noch nicht gekommen war und Teil ihrer Welt der so wenig standhaften Lebenden werden könnte. Und der Kleine könnte zu uns kommen, ich ging nicht davon aus, dass Deán ihn bei sich behalten würde. … Der kleine Junge wird nie erfahren, was geschehen ist, sein Vater und seine Tante werden es ihm verheimlichen, und auch ich werde es ihm verheimlichen, und das ist ohne Bedeutung, denn so vieles geschieht, ohne dass jemand es merkt oder in Erinnerung behält …“

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„Morgen in der Schlacht denk an mich“. Mindestens achtmal wiederholt und variiert Javier Marías in seinem Roman das Shakespeare-Zitat: „I, that was wash’d to death with fulsome wine, poor Clarence, by thy guile betray’d to death! Tomorrow in the battle think of me, and fall thy edgeless sword: despair, and die!“ (William Shakespeare: Richard III., 5. Akt, 3. Szene, Geist des ermordeten Herzogs von Clarence)

Die Handlung ist ein wenig surreal. (Anders kann man sich nicht vorstellen, dass sich Víctor drei Jahre nach der Scheidung nicht sicher ist, ob die Prostituierte in seinem Auto seine frühere Ehefrau ist oder nicht. Oder wie wäre es sonst denkbar, dass ein Mann, der zusieht, wie eine Frau stirbt und sich davonstiehlt statt Hilfe zu holen, nicht wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt wird?) Zwei, drei Szenen wirken überdies wie Fremdkörper in dem Erzählstrom (etwa die bereits erwähnte Begegnung mit der Prostituierten oder der Besuch des Pferderennens).

Der Roman „Morgen in der Schlacht denk an mich“ handelt von Menschen, die sich über entscheidende Vorkommnisse in ihrem Umfeld täuschen bzw. täuschen lassen. Víctor stellt fest, dass er für Marta nur ein Lückenbüßer für einen anderen Liebhaber war. Während sie ihren Mann Eduardo in Madrid betrügt, hält dieser sich mit seiner Geliebten in London auf und fällt dabei auf deren falsches Spiel herein. Die Ereignisse in London eskalieren ausgerechnet am Tag nach Martas Tod, von dem Eduardo erst am Abend erfährt. Eine wichtige Bezugsperson ist tot, aber man lebt tagelang ahnungslos weiter: ein schockierender Gedanke!

Der Plot ist originell. Aber darauf kommt es Javier Marías gar nicht an. Das Geschehen bildet nur das Gerüst für ein immer weiter verästeltes – scheinbar gleichmütiges – Erzählen mit tausend Abschweifungen, Reflexionen und Wiederholungen. Nicht nur, was (fiktiv) geschah, wird erzählt, sondern der Erzähler räsoniert auch darüber, was geschehen hätte können: „… über das nachzudenken, was nicht geschehen ist, muss wohl Teil meines bösen Zaubers sein …“ Das Erzählen ist gewissermaßen selbst das Thema, um das es in dem Roman „Morgen in der Schlacht denk an mich“ geht: Erst indem Víctor Francés Sanz seine Geschichte erzählt, wird er für Luisa Téllez und Eduardo Deán Ballesteros fassbar; auch der Witwer will unbedingt von den Stunden erzählen, als seine Frau bereits tot war und er nichts davon ahnte – und sogar der spanische König träumt (vergeblich) davon, dass die Öffentlichkeit in seinen Reden etwas über ihn persönlich erfährt. Durch das Erzählen versuchen die Protagonisten, die Auflösung der flüchtigen Dinge zu verhindern, gegen das Vergessen anzukämpfen. „Am unerträglichsten ist es, dass jemand zu einem Stück Vergangenheit wird, der für einen die Zukunft verkörpert hat.“ Aber durch das Erzählen brechen sie auch den Bann, der einen Neuanfang verhindert hätte.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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