Terézia Mora : Seltsame Materie

Seltsame Materie

Terézia Mora

Seltsame Materie

Seltsame Materie Originalausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 1999 ISBN 3-498-04471-0, 255 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Das Buch "Seltsame Materie" besteht aus zehn Erzählungen von Terézia Mora:

Seltsame Materie – STILLE. mich. NACHT – Der See – Die Lücke – Der Fall Ophelia – Am dritten Tag sind die Köpfe dran. Langsam. Dann schnell – Buffet – Die Sanduhr – Dürer – Ein Schloss
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Kritik

Terézia Mora schreibt in bewusst einfachen, lakonischen Sätzen, die allerdings einen ganz individuellen Klang haben. Sie erzählt fragmentarisch, lässt vieles ungesagt und deutet anderes nur an.
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Seltsame Materie

Die Haare hat man mir am Sonntag geschnitten. Vater hatte sie, nachdem wir Mutter in den Krankenwagen gelegt hatten und der Hof voller Nachbarinnen war und ich mit dem Zigeuner Florian alleine wiederkam, in einem unbemerkten Moment angezündet. Und dann schrie er in den Armen der Männer, die ihn festhielten und in den Kot des Hühnerhofes drückten. Über den Schmerz. Ich selbst verspürte keinen. Tante Ella stand ganz in meiner Nähe und löschte das Feuer in meinen Haaren mit den Zipfeln ihres Kopftuchs. (Seite 9)

Die Ich-Erzählerin und ihr jüngerer Bruder düngen den Garten mit dem Inhalt der Latrine und waschen sich dann in einer Schüssel mit dem Monogramm des Gutsschlosses, das jetzt wieder eröffnet werden soll. Dann gehen die Geschwister zur Haltestelle des Fernbusses, um die Mutter im Krankenhaus zu besuchen.

Mein Bruder schaufelt den Dung in die Schubkarre, dann schiebe ich sie in den Garten, dann grabe ich die Furche um, dann schaufelt mein Bruder den Dung hinein, dann decke ich sie wieder zu. (Seite 9)

In der Stadt asphaltiert man immer ganz bis an die Baumstämme. Die Wurzeln buckeln den Gehsteig […] (Seite 14)

Manche halten ihren Bruder für schwachsinnig, aber das stimmt nicht, meint sie. Zu ihr sagte die Lehrerin in der Schule: „Ihr solltet alle mal zum Arzt, da bei euch.“

Die Erzählerin möchte Schauspielerin werden.

Unser Vater hat viele Kinder. Mein Bruder und ich, wir haben so manches Geschwister, das wir nicht kennen. (Seite 14)

Sie sieht den Vater im Wirtshaus beim Kartenspiel, wo er seine Rente verspielt. Er blickt nicht von seinen Karten auf, als sie mit Florian Polka tanzt, aber ihrem Bruder gefällt das nicht.

Pass auf, sagt mein Bruder, das ist ein Zigeuner. Na und, sage ich, und die Schiffsdielen stauben und hüpfen unter unseren Füßen. Aus dir wird auch nur eine Nutte, sagt mein Bruder mit tiefer Stimme. Na und, sage ich und drehe mich mit Florian Bein in Bein. Polka ist eben mein Lieblingstanz. (Seite 20)


Der Fall Ophelia

Eine Kneipe, ein Kirchturm, eine Zuckerfabrik. Ein Schwimmbad. Ein Dorf.

Niedrige, zweiäugige Häuser, grüne Tore, und hinter jedem der Tore ein Bastard an die Kette gelegt. Die Ketten sind unterschiedlich lang. Zehn Monate im Jahr Dauerregen, Wind und Melassegeruch und Fabrikruß, der auf die Weißwäsche fällt. Der Rest ein weißer Sommer, Puderzuckerwinde und schmelzender Straßenteer. (Seite 114)

Eine Kneipe, ein Kirchturm. Fußballplatz habe ich vergessen. (Seite 115)

Ein Dorf. Ein Schwimmbad. Das hat mich dann doch überrascht. (Seite 115)

Als die Ich-Erzählerin mit ihrer geschiedenen Mutter und ihrer ebenfalls geschiedenen Großmutter in das Dorf zog, meinte die Krankenschwester, die Tochter sei zu schwach und riet zu sportlicher Betätigung. Daraufhin ließ das Mädchen sich von dem Bademeister, der sie „Ophelia“ nannte und fortwährend Bier trank, das Schwimmen beibringen.

Hier ist Ruhe, sagte Mutter, als wir kamen. Das brauchen wir. Eine Kneipe, ein Kirchturm. Ein Schwimmbad für den Sport. (Seite 117)

Ophelia schwimmt nun jeden Tag fünfzigmal durchs Becken, quer, denn längs ist ihr zu viel. Mit ihrem ausländischen, lilafarbenden Badeanzug bleibt sie im 14 Grad kalten Schwimmbecken zumeist allein, denn die anderen Dorfbewohner ziehen das von der heißen Quelle gewärmte Schwefelbad vor.

Die drei männerlosen, deutsch sprechenden Frauen aus drei Generationen sind die einzigen Fremden in diesem ungarischen Dorf und werden deshalb angefeindet. Die Geschichtslehrerin wirft Ophelia vor, faschistisch zu reden.

Der Sohn der Krankenschwester hält einer Ratte den Kopf in eine Pfütze, bis sie strampelnd ersäuft. Er und die anderen Dorfjungen ahmen Wolfsgeheul nach, um die Kettenhunde verrückt zu machen.

Wenn Ophelia sich zum Ausruhen im Wasser auf den Rücken legt und die Augen schließt, sieht der Himmel rot aus. Dann wird er plötzlich kalt und schwarz. Wasser schlägt über ihrem Kopf zusammen. Der Sohn der Krankenschwester drückt sie unter Wasser. Ophelia sinkt.

Das Wasser hält mich fern vom Dorf, vom Geräusch. Die Jungs verschwunden, die Laute nach oben geschlüpft. Hier ganz schwarz und still […] Ich sinke, ich schwebe. Ophelia. (Seite 128)

Dann stößt sie sich vom Beckenboden ab.

Ich stoße mich ab. Ich breche durch. Die Luft scharf, kalt und schmerzlich wie der erste Atemzug. Aus dem Himmel gebissen.
Ich tropfe vor die Füße meines Feinds. Ich sage zu ihm, und das Sprechen schmerzt in der Brust: Selbst dazu bist du zu blöd. […]
Und Mutter sagt: du hättest ihn nicht so erschrecken sollen. (Seite 128f)


Ein Schloss

Die Ich-Erzählerin trampt in drei Tagen 500 Kilometer weit quer durchs Land, zuerst zu Fuß, dann im Führerhaus eines Lastwagens. Sie wolle zu ihrem Vater ins Ausland, sagt sie dem Fahrer. Obwohl sie wie dreizehn aussieht, ist sie achtzehn und besitzt seit kurzem einen Pass. Der Fahrer erzählt ihr etwas von einem leer stehenden Schloss nahe der Grenze. Dort verbringt sie die Nacht.

Am anderen Morgen, als sie erwacht, hat ein Mann Mitte dreißig mit einem steifen Bein sie entdeckt. Er durchsucht ihren Rucksack, steckt die Unterwäsche wieder hinein und nimmt ihren Pass an sich. Als es mit der Besatzung zu Ende war, erzählt er, schickten sie alle Bediensteten aus dem Schloss fort. Nur er durfte wegen seines steifen Beines bleiben. Er soll auf das Schloss aufpassen.

„Wegen der Bauern und ihren Bälgern, die alles klauen. Und wegen Leuten wie dir.“ (Seite 231)

Er bringt ihr etwas zu essen. Anfangs ekelt sie sich vor seinem stinkenden Messer, aber dann gewöhnt sie sich daran, Speckbrocken von dem Messer zu lecken.

Ein Mädchen taucht auf, dessen Haare zum Teil verbrannt sind. Sie wolle zur Schauspielschule, sagt sie.

„Hätte sie gesagt: Zu meinem Planeten, hätte ich es eher geglaubt.“ (Seite 240f)

Eine Frau und zwei Männer fahren in einem Auto vor, besichtigen das Schloss und vermessen die Außenanlagen. Der Krüppel verrät ihnen nicht, dass eine junge Frau in dem Schloss übernachtet hat.

Er hat mich nicht verraten. Oder er spart es sich für später auf. Sicher ist, er erwartet noch etwas von mir, bevor ich gehen darf. Warum auch nicht. Ich werde mich nett verabschieden. Ich bin kurz vor dem Ziel, ich kann großzügig sein. Keine Eile. (Seite 244)

Als die drei wieder weggefahren sind, sagt der Mann mit dem steifen Bein zu ihr, man wolle das Schloss wieder eröffnen. Er soll die Karten der Besucher abreißen und eine Dienstwohnung bekommen. Eine Putzfrau werde auch gebraucht, meint er.

Er klatscht aufs Parkett wie eine Melone. Die Leiter liegt unter seinem Nacken, sein Kehlkopf stülpt sich vor. Der gerissene Hals eines Vogels. Er trägt meinen Pass in einer Tasche am steifen Bein. Er hätte ihn mir geben sollen.
Ich ziehe die Lamellentüren hinter mir zu. Nicht, dass noch irgendwelche Tiere hereinkommen und sein steifes Fleisch anfressen. (Seite 249)

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In ihrem ersten Buch – „Seltsame Materie“ – erzählt Terézia Mora (*1971), die als Neunzehnjährige aus Ungarn nach Deutschland kam, düstere, vermutlich partiell autobiografische Geschichten. Die Figuren leben in Ungarn, an der Grenze zu Österreich, die ihr Denken bestimmt. Sie sehnen sich nach einem besseren Leben, brechen auf, beenden ihre Kindheit, halten jedoch zugleich an ihren Gewohnheiten und Ansichten fest, denn sie sind von ihrer Vergangenheit geprägt. Terézia Mora schreibt in deutscher Sprache, in bewusst einfachen, lakonischen Sätzen, die allerdings einen ganz individuellen Klang haben und nicht zuletzt durch symbolische Bilder und gezielt eingesetzte Wiederholungen poetisch wirken. Terézia Mora erzählt fragmentarisch, lässt vieles ungesagt und deutet anderes nur an.

Terézia Mora debütierte 1999 mit dem Erzählband „Seltsame Materie“. 2004 erschien ihr erster Roman: „Alle Tage“.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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