Terézia Mora : Muna oder Die Hälfte des Lebens

Muna oder Die Hälfte des Lebens
Muna oder Die Hälfte des Lebens Originalausgabe Luchterhand Literaturverlag, München 2023 ISBN 978-3-630-87496-8, 443 Seiten ISBN 978-3-641-17244-2 (eBook) Taschenbuch btb, München 2024 ISBN 978-3-442-77475-3
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mit 18 verliebt sich Muna in einen Mann, der zwei Tage nach ihrer Defloration verschwindet. Sieben Jahre später werden die beiden ein Paar. Obwohl Magnus sie als Plage empfindet und misshandelt, hängt Muna an ihm. Mit Ende 30 versucht sie, endlich mit ihrem Leben klarzukommen.
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Kritik

Terézia Mora überlässt das Wort der Ich-Erzählerin Muna. Deren Gefühlschaos wird dadurch besonders deutlich. Der Entwicklungsroman "Muna oder Die Hälfte des Lebens" kreist um Themen wie Machtgefälle und Abhängigkeit, Gewalt und Machtmissbrauch, toxische Männlichkeit und weibliche Selbstbezichtigung.
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Muna und ihre Mutter

Muna Appelius lebt mit ihrer verwitweten Mutter, einer alkoholkranken Theaterschauspielerin, in Jüris, einer Kleinstadt in der DDR. Ein Rat der Mutter lautet:

Dass sie dich ficken, lässt sich nicht vermeiden. Achte nur immer darauf, dass du sie ebenso fickst wie sie dich.

Im März 1989, eine Woche nach Munas 18. Geburtstag, wird die Mutter wegen eines Suizidversuchs mit Alkohol und Tabletten ins Krankenhaus gebracht. Muna darf nicht mit in den Sanitätswagen und will deshalb mit dem Fahrrad zur Klinik folgen.

Nachdem sie meine Mutter mit Blaulicht weggebracht hatten, ging ich in den Hof, wo das Fahrrad stand, und schon wieder hatte es einen Platten. Ihr miesen Arschlöcher! Der Innenhof schallte.

Als die Mutter nach drei Monaten von der Entzugsklinik nach Hause kommt, hat Muna bereits ihr Abitur gemacht – und sich in Magnus Otto verliebt, den Bildredakteur des Magazins, bei dem sie hospitiert, weil sie Journalistin werden möchte.

Zwei Tage nachdem Magnus Muna defloriert hat, bricht er im Juni 1989 zu einer Radtour nach Rumänien und Bulgarien auf. Er kehrt nicht zurück, und es ist zu vermuten, dass er sich in den Westen abgesetzt hat.

Muna und Bartley

Muna zieht zum Studieren nach Berlin. Die Öffnung der Mauer am 9. November erlebt sie allerdings nicht, weil sie zu diesem Zeitpunkt gerade ihre Mutter in Jüris besucht.

Im zweiten Studienjahr hört Muna den schottischen Gastdozenten Bartley Campbell. Als sie ihm eine Arbeit zeigen möchte, wirft er kaum einen Blick darauf.

Tut mir leid, sagt ich. Ich habe morgen wieder Zeit …
It’s okay, sagte er und machte einen Schritt auf mich zu. Ich einen Schritt nach hinten. Er lachte lautlos. Nach einem weiteren Schritt hatte er mich eingeholt. Er drückte mich gegen die Wand neben der Tür, drückte sich mit seinem ganzen Körper gegen ich, ich spürte seinen Penis, er presste seine Lippen auf meine, zog sie wieder weg, öffnete die Tür, schob mich hinaus auf den Flur und schloss die Tür vor meiner Nase. Er hat mich quasi hinausgeschubst.

Kurz darauf bringt Bartley sie dazu, sich vor ihn hinzuknien und ihn oral zu befriedigen. Ihre erste Fellatio. Muna schlägt ihm eine Abmachung vor, die bis zum Ende seines Gastsemesters gelten soll: Er bezahlt Eintrittskarten, Essen und Trinken, und sie geht dafür bis zu zweimal pro Woche mit ihm nach Hause. Damit ist er einverstanden.

Muna und Arnold

Für zwei Semester zieht Muna nach London. Um das zu finanzieren, lässt sie sich als Babysitterin von einem Künstlerehepaar ausbeuten und wundert sich über die Gefühlskälte des Drehbuchautors.

Inzwischen 21 Jahre alt, zieht Muna von London nach Wien. Dort jobbt sie in einer Bar und begegnet einem 18 Jahre älteren Mann namens Arnold, der sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt und erfolglos als Schriftsteller versucht. Sein Germanistik-Studium hatte er abgebrochen. Er wünscht sich Muna als Sklavin und wird gewalttätig, als sie sich wehrt. Bald darauf wird er bei einer Radtour erschlagen.

Muna mit Magnus

Muna beabsichtigt, bei dem außerordentlichen Professor Norbert Christian Vogler („NC“) in Wien zu promovieren. Der vierfache Vater betrügt seine Ehefrau mit der Postdoc-Studentin Ingrid. Sie leitet ein Forschungsprojekt, bei dem Muna mitmachen darf.

Mit NC und Ingrid sowie dem mit beiden befreundeten Paar Sonja und Walter reist Muna zu den Berliner Festwochen 1996 – und trifft dort nach sieben Jahren zufällig wieder auf Magnus. Er setzte sich damals über Ungarn nach Westen ab, lebte einige Zeit als Flüchtling in Göttingen und studierte dann mit einem Stipendium an der Université Sorbonne Nouvelle in Paris. Seit einem Jahr lehrt er als Assistenzprofessor für Germanistik in Berlin.

Um nun endlich mit Magnus zusammenleben zu können, beginnt Muna, zwischen Wien und Berlin zu pendeln, obwohl er sie ermahnt, sich da nicht hineinzusteigern und meint „Begehren, der Rest ist Schwulst“. Einen Monat verbringen die beiden in Saint-Nazaire. Magnus beschimpft Muna als „Plage“ und ohrfeigt sie, aber sie bleibt bei ihm.

Bei Munas Vermietern in Berlin handelt es sich um Judit und Albert. Das Paar lebt davon, fast alle Zimmer der von Judit geerbten Villa zu vermieten.

Muna ohne Magnus

Magnus kündigt seine Wohnung in Berlin und zieht nach Basel. Muna begleitet ihn. Nach einem halben Jahr fängt sie dort in einem kleinen Pop-Art-Shop zu arbeiten an.

Bei einer Reise durch Kanada im Anschluss an einen Forschungsaufenthalt in Toronto will Muna Magnus begleiten, aber daraus wird nichts.

2003 bricht Muna zusammen. Ihre Arbeitgeberin Paloma macht sich Sorgen und erhält von der Vermieterin Ruth Wilson die Erlaubnis, die Wohnungstür öffnen zu lassen. Dehydriert wird Muna ins Krankenhaus gebracht. Ihre Mutter holt sie zu sich und pflegt sie, bis sie sich erholt hat.

Muna mietet erneut ein Zimmer bei Judit und Albert in Berlin. Sie promoviert endlich, lässt sich von einem Verlag als Schwangerschaftsvertretung anstellen und nimmt Gesangsstunden. Nach Ablauf des Vertretungsjahrs fängt Muna als freie Mitarbeiterin bei einem Kleinstverlag an, jobbt in einem Festivalbüro und lässt sich von dem Wissenschaftsverlag Primus als Sekretärin beschäftigen.

Nach Magnus sucht sie vergeblich.

Die Hälfte des Lebens

Bei Judit und Albert lernt sie Aria kennen, einen Iraner, der sich in Potsdam als Architekt niedergelassen hat. Kurz nachdem sie ein Paar geworden sind, wird in Munas rechter Brust ein 7 Millimeter großer Tumor entdeckt, und sie muss operiert werden. Die Mutter, die inzwischen als Schauspielerin aufgehört hat und jetzt am Empfang einer physiotherapeutischen Praxis arbeitet, kommt, um Muna zu helfen.

Muna lehnt die empfohlene Hormonbehandlung ab, weil sie schwanger werden möchte, aber die künstliche Insemination bleibt erfolglos.

Sie schreibt ein paar Geschichten, und der Verlag Keller & Bell nimmt das Buch mit dem Titel „Die Liebe in den Zeiten“ ins Programm auf. Als Pseudonym wählt sie Camille Baumann.

Am Ende werde ich mein Leben noch auf die Reihe kriegen, bevor ich vierzig werde.

Muna lässt sich mit dem gewalttätigen Schweizer Schriftsteller Benjamin Amaré auf eine Beziehung ein.

Jugendliche stolpern im Dunkeln über ein am Boden liegendes Paar.

Zuerst hielt man uns beide für tot, wie es sich fürs Ende großer Dramen gehört. Später stellte man mir endlos dieselben Fragen. Was ist passiert? Wer ist dieser Mann? Und wer sind Sie? Erst konnte ich noch nicht gut reden, später beantwortete ich, was ich beantworten konnte, und was ich nicht beantworten konnte, beantwortete ich nicht. Sie haben mich nur retten wollen. Es war dunkel, niemand sah, wohin er mit dem Kopf fiel. Ich kann es auch nicht erklären, wie es zu all dem kam. […]
Aber Sie, sagen sie zu mir, Sie haben Ihr ganzes Leben noch vor sich.
Die Hälfte davon, denke ich. Im statistischen Mittel.
[…] Der Mann, den ich liebe, wird nicht mehr lebendig, und ich habe die Hälfte meines Lebens noch vor mir. Im statistischen Mittel.

Der mit dem Kopf aufgeschlagene Mann erwacht nicht mehr aus dem Koma, und weil er keine Angehörigen hat, wird später jemand von Amts wegen entscheiden müssen, ob die Geräte abgestellt werden sollen oder nicht.

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In ihrem Roman „Muna oder Die Hälfte des Lebens“ erzählt Terézia Mora von einer Frau, die sich in den falschen Mann verliebt und lange nicht von ihm loskommt, obwohl er sie als Plage empfindet und misshandelt. Zu Beginn ist Muna gerade 18 geworden, am Schluss ist sie Ende 30 – also in der Hälfte des Lebens, statistisch gesehen.

Terézia Mora überlässt das Wort der Ich-Erzählerin Muna. Deren Gefühlschaos wird dadurch besonders deutlich. Durchgestrichene Passagen veranschaulichen, dass Muna nachdenkt und versucht, trotz ihrer Verunsicherung und Orientierungslosigkeit klarzukommen. Aber sie sucht auch die Schuld für Magnus‘ widerliches Verhalten bei sich selbst und redet sich ein, eine Bestrafung verdient zu haben.

Man kann „Muna oder Die Hälfte des Lebens“ als Entwicklungsroman lesen. Der kreist um Themen wie Machtgefälle und Abhängigkeit, Gewalt und Machtmissbrauch, toxische Männlichkeit und weibliche Selbstbezichtigung.

„Muna oder Die Hälfte des Lebens“ beginnt farbig und fulminant, obwohl Terézia Mora die Charaktere wenig ausleuchtet. Aber es gibt dann auch Längen, und es ist ermüdend, Muna zu beobachten, wenn sie immer wieder an die falschen Männer gerät und den x-ten Job annimmt. Terézia Mora hält sich zurück, buchstabiert nicht alles aus, lässt vieles ambivalent.

Mit „Muna oder Die Hälfte des Lebens“ wurde Terézia Mora zum zweiten Mal für den Deutschen Buchpreis nominiert und schaffte es immerhin auf die Short List. Für „Das Ungeheuer“ war sie mit dem Preis ausgezeichnet worden.

Unter dem Titel „Muna oder Die Hälfte des Lebens“ steht „Die weibliche Variante“. Es heißt, der Roman sei als Auftakt einer Trilogie von Terézia Mora konzipiert.

Den Roman „Muna oder Die Hälfte des Lebens“ von Terézia Mora gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Heike Warmuth.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Luchterhand Literaturverlag

Terézia Mora: Seltsame Materie
Terézia Mora: Das Ungeheuer

Reinhard Kaiser-Mühlecker - Wilderer
Die karge, realistische Darstellung täuscht über die Komplexität und Ambivalenz des Geschehens hinweg. Man könnte von einem wuchtigen Entwicklungsroman sprechen, denn der Erzähler bleibt dicht bei der schwierigen Hauptfigur, folgt den Fehlschlägen, dem Aufschwung und dem Zusammenbruch. Erst auf den letzten Seiten des Romans "Wilderer" lässt uns Reinhard Kaiser-Mühlecker das ganze Ausmaß der Tragödie erkennen.
Wilderer