Herta Müller : Herztier

Herztier
Herztier Erstausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 1994
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Menschen zerbrechen an der Diktatur unter Nicolae Ceausescu in Rumänien. Aber es geht in "Herztier" nicht nur um die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, staatlichen Terror und Unfreiheit, sondern auch um Betrug und Aufrichtigkeit, Ohnmacht und Vertrauen, Resignation und Hoffnungslosigkeit.
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Kritik

Herta Müller schildert die trostlose Geschichte nicht chronologisch zusammenhängend, sondern in viele kurze Impressionen zerhackt. "Herztier" liest sich wie ein Prosagedicht.
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Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir lächerlich. (Seite 7)

Mit diesem Satz beginnt Herta Müllers Roman „Herztier“.

Die Handlung spielt während der Diktatur von Nicolae Ceausescu (1918 – 1989) in Rumänien.

Die Ich-Erzählerin wuchs in einem Dorf auf. Um Sprachen zu studieren, kommt sie in eine Großstadt, die zwar nicht benannt wird, bei der es sich aber um Temeschvar handeln könnte. Sie zieht zu fünf Kommilitoninnen in ein Zimmer im Studentenwohnheim.

Eine von ihnen, die aus einer armen Gegend im Süden des Landes kommt und Lola heißt, treibt sich viel mit Männern herum und angelt sich einen Dozenten der Parteihochschule mit Auto und Chauffeur. Sie tritt sogar in die Partei ein. Aber in ihrem vierten Studienjahr wartet sie einen Augenblick ab, in dem sie allein im Zimmer ist, nimmt einen Kleidergürtel aus dem Koffer der Erzählerin und erhängt sich. Vorher hat sie noch ein Heft unter den Strümpfen im Koffer versteckt, in dem sie zuletzt darüber schrieb, wie sie vom Turnlehrer vergewaltigt worden war.

Was ich tun muss, wird Gott nicht verzeihen. Aber mein Kind wird niemals Schafe mit roten Füßen treiben. (Seite 31)

Zwei Tage später wird die Tote bei einer Zeremonie in der großen Aula aus der Partei verstoßen und von der Hochschule relegiert. Kurz darauf verschwindet Lolas Heft aus dem verschlossenen Koffer der Erzählerin, die nach diesem Vorfall zwei Jahre lang nur noch Kleider ohne Gürtel trägt.

Sie wird von drei Kommilitonen in der Kantine angesprochen: Edgar stammt wie sie aus einem Dorf, Kurt und Georg wuchsen in rumänischen Kleinstädten auf. Ihre Väter waren wie der Vater der Erzählerin bei der SS gewesen; ihre Mütter verdienen den Lebensunterhalt als Schneiderinnen.

Sie waren von innen krank: Edgars Mutter hatte es an der Galle, Kurts Mutter am Magen und Georgs Mutter an der Milz. Nur meine Mutter war Bäuerin und hatte vom Feld etwas Verhärtetes an sich. Sie war von außen krank, sie hatte es im Kreuz. (Seite 53)

Die Krankheiten, dachten die Mütter, sind eine Schlinge für die Kinder. Sie bleiben in der Ferne angebunden. […] Aber sie vergaßen dabei, dass sie dieses Gesicht nicht mehr streicheln und nicht mehr schlagen durften. Dass es ihnen nicht mehr möglich war, es zu berühren. (Seite 54)

Edgar, Kurt und Georg wohnen ebenfalls in einem Studentenwohnheim. Fast täglich treffen sie sich nun mit der Erzählerin, diskutieren mit ihr über die politischen Verhältnisse, über ihre Gedichte und weihen sie in ihr Geheimnis ein: In einem Leinensack, der unter dem Brunnendeckel bei einem unbewohnten Sommerhaus befestigt ist, haben sie Bücher versteckt, die aus Ländern stammen, in denen es Jeans und Orangen, weiches Kinderspielzeug und tragbare Fernsehgeräte, Wimperntusche und hauchdünne Strumpfhosen gibt.

Die kritische Einstellung der vier Studenten gegenüber dem Regime bleibt der Geheimpolizei nicht verborgen. Nicht nur die Studentenbuden, sondern auch die Wohnungen der Eltern werden durchsucht. Für die Eltern ist das ein Schock. Polizeihauptmann Pjele verhört die vier unangepassten Studenten einzeln wegen eines Gedichts, das bei ihnen gefunden wurde. Er zwingt die Erzählerin, es laut vorzulesen:

Jeder hatte einen Freund in jedem Stückchen Wolke
so ist das halt mit Freunden wo die Welt voll Schrecken ist
auch meine Mutter sagte das ist ganz normal
Freunde kommen nicht in Frage
denk an seriösere Dinge. (Seite 104)

Dann diktiert er ihr:

Ich hatte drei Freunde in jedem Stückchen Wolke
so ist das halt mit Huren wo die Welt voll Wolken ist
auch meine Mutter sagte das ist ganz normal
drei Freunde kommen nicht in Frage
denk an seriösere Dinge. (Seite 104)

Immer wieder erinnert sich die Erzählerin an ihre Kindheit und Jugend.

Und während die Mutter das Kind mit den Gürteln der Kleider an den Stuhl bindet, während der Frisör dem Großvater die Haare schneidet, während der Vater dem Kind sagt, grüne Pflaumen darf man nicht essen, während all dieser Jahre steht eine Großmutter in der Zimmerecke. Sie schaut so abwesend auf das Gehen und Reden im Haus, als hätte sich schon am Morgen draußen der Wind gelegt, als wäre am Himmel der Tag eingeschlafen. Die Großmutter summt sich während all dieser Jahre ein Lied im Kopf.
Das Kind hat zwei Großmütter. Die eine kommt am Abend mit ihrer Liebe ans Bett, und das Kind sieht zur weißen Zimmerdecke, weil sie gleich beten wird. Die andere kommt am Abend mit ihrer Liebe ans Bett, und das Kind schaut ihre dunklen Augen an, weil sie gleich singen wird.
Wenn das Kind die Zimmerdecke und die dunklen Augen nicht mehr sehen kann, stellt es sich schlafend. Die eine Großmutter betet nicht zu Ende. Sie steht mitten im Gebet auf und geht. Die andere Großmutter singt das Lied zu Ende, ihr Gesicht ist schief, weil sie so gerne singt.
Wenn das Lied zu Ende ist, glaubt sie, das Kind liegt tief im Schlaf. Sie sagt: Ruh dein Herztier aus, du hast heute so viel gespielt.
Die singende Großmutter lebt neun Jahre länger als die betende Großmutter. Und sechs Jahre lebt die singende Großmutter länger als ihr Verstand. Sie erkennt keinen mehr im Haus. Sie kennt nur noch ihre Lieder.
An einem Abend geht sie aus der Zimmerecke an den Tisch und sagt im Schein des Lichts: Ich bin so froh, dass ihr alle bei mir im Himmel seid. Sie weiß nicht mehr, dass sie lebt und muss sich zu Tode singen. An sie kommt keine Krankheit, die ihr beim Sterben helfen kann. (Seite 39f)

Der Vater der Erzählerin geht an Leberzirrhose zugrunde. Bald darauf stirbt auch ihr Großvater, und schließlich ist ihre Mutter mit der singenden Großmutter allein.

In einem fremden Wohnblock schaut die Erzählerin aus einem Treppenhausfenster im fünften Stock und stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie sich hinausstürzen würde. Dann zieht sie es vor, mit zwei großen Steinen in den Manteltaschen zum Flussufer zu gehen, aber sie schreckt vor den Fluten zurück. Nicht einmal ihren drei Freunden erzählt sie von ihren Selbstmordgedanken.

Nach dem Abschluss ihres Studiums übersetzt sie in einer Fabrik Anleitungen für hydraulische Maschinen. Edgar und Georg werden vom Staat für drei Jahre als Lehrer in zwei verschiedene Industriestädte geschickt. Kurt kommt als Ingenieur in einem Schlachthaus unter.

Die Erzählerin wohnt bei Margit, einer alten Ungarin aus Pest. Die schickt der Mutter ihrer Untermieterin offenbar eines Tages einen Brief, denn diese schreibt ihrer Tochter, sie habe erfahren, dass sie drei Freunde zugleich habe.

Gottseidank sind es Deutsche, aber verhurt ist das trotzdem. Man zahlt für sein Kind jahrelang die Schulung in der Stadt, dafür ist man gut. Als Dank kriegt man eine Hure. In der Fabrik wirst du ja auch einen haben. (Seite 174f)

Tereza arbeitet auch in der Fabrik. Jeden Tag trägt sie ein anderes Kleid; sie besitzt Kleider aus Griechenland, Pullover aus England, Jeans aus den USA, Strumpfhosen aus Deutschland und Schminke aus Frankreich. Deshalb ist sie bei ihren Kolleginnen nicht beliebt, aber die Erzählerin befreundet sich mit ihr. Terezas Vater wird allerdings gewarnt: Der Umgang mit der politisch unzuverlässigen Übersetzerin sei schädlich für seine Tochter. In der Achselhöhle Terezas entdeckt die Erzählerin eines Tages eine Geschwulst, aber die junge Frau weigert sich, zum Arzt zu gehen. Sie ist sogar mit einem Arzt befreundet, aber der will sie nicht untersuchen, und wenn er mit ihr zusammen ist, lässt sie stets eine Bluse an, damit er ihre Achselhöhlen nicht sieht.

Wegen ihrer politischen Einstellungen werden Edgar, Georg und die Erzählerin entlassen. Nur Kurt behält seinen Job im Schlachthaus. Damit die Erzählerin die Miete bezahlen kann, schickt ihre Mutter regelmäßig Geld, und Tereza vermittelt sie an einen Vorarbeiter in der Pelzfabrik, der sie dafür bezahlt, dass sie seinen beiden Söhnen dreimal in der Woche Deutschunterricht erteilt. Aber es dauert nicht lang, dann fordert die Frau des Vorarbeiters sie auf, nicht mehr wiederzukommen, denn es werde über die Nachhilfelehrerin geredet, und man müsse Rücksicht auf die Kinder nehmen.

Georg wird in einer dunklen Ecke am Bahnhof so zusammengeschlagen, dass er erst wieder im Krankenhaus zu sich kommt – mit gebrochenem Kiefer. Nach seiner Entlassung will er Anzeige gegen die unbekannten Täter erstatten, aber der Polizist lacht ihn aus, zumal auf Georgs Entlassungsschein aus dem Krankenhaus als Diagnose „Sommergrippe mit Übelkeit“ steht. Da geht er zum Passamt und stellt einen Ausreiseantrag. Er darf in die Bundesrepublik Deutschland emigrieren. Sechs Wochen später stürzt er in Frankfurt am Main aus dem fünften Stockwerk eines Gebäudes und ist sofort tot.

Nun stellt auch Edgar einen Ausreiseantrag. Die Mutter der Erzählerin hat für sich, ihre Tochter und deren singende Großmutter bereits einen Ausreiseantrag laufen. Die Achtundachtzigjährige erlebt nicht mehr, dass der Antrag genehmigt wird: Sie stirbt kurz vorher. Die Erzählerin zieht nach Berlin, ihre Mutter nach Augsburg, und Edgar gelangt nach Köln. Weil sie nicht beweisen können, dass sie aus politischen Gründen entlassen wurden, erhalten sie kein Arbeitslosengeld.

Tereza besucht ihre Freundin in Berlin und gesteht ihr, dass Hauptmann Pjele sie geschickt habe, um sie zu bespitzeln. Nach einer dreistündigen Unterredung mit dem Fabrikdirektor war sie in die Partei eingetreten. Während Tereza sich die Stadt ansieht, findet die Erzählerin bei deren Sachen eine Kopie ihres eigenen Wohnungsschlüssels. Als sie eine Telefonnummer anruft, die sie im Koffer ihrer Besucherin entdeckt, meldet sich die rumänische Botschaft. Da fordert sie Tereza vorzeitig zur Abreise auf.

Tereza stirbt ein halbes Jahr später an Krebs.

Kurt erhängt sich in seiner Wohnung.

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Menschen zerbrechen an der Diktatur in Rumänien. Aber es geht in „Herztier“ nicht nur um die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, staatlichen Terror und Unfreiheit, sondern auch um Betrug und Aufrichtigkeit, Ohnmacht und Vertrauen, Resignation und Hoffnungslosigkeit.

Herta Müller schildert diese trostlose Geschichte nicht chronologisch zusammenhängend, sondern in viele kurze Impressionen zerhackt. Zu der fragmentalen Struktur des Romans passen die kurzen Sätze. „Herztier“ liest sich nicht wie ein konventioneller Roman, sondern eher wie ein Prosagedicht, das aus der Eindringlichkeit der Bilder und Metaphern lebt.

Die Ich-Erzählerin trägt unverkennbar autobiografische Züge.

Herta Müller wurde am 17. August 1953 in einer deutschsprachigen Familie in Nitzkydorf im Banat geboren. Ihr Vater war bei der SS gewesen. Ihre Mutter hatte von 1945 bis 1950 Zwangsarbeit in der UdSSR leisten müssen. Von 1972 bis 1976 studierte Herta Müller an der Universität von Temeschvar Germanistik und Romanistik. Dann arbeitete sie als Deutschlehrerin und übersetzte technische Beschreibungen von Maschinen. Weil sie sich weigerte, andere für die Securitate zu bespitzeln, wurde sie 1979 entlassen und mehrmals vernommen. Sie soll von ihrer besten Freundin verraten worden sein. Im Frühjahr 1987 ließ man Herta Müller mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner (* 1952), nach Westberlin ausreisen.

Ihr Debütroman „Niederungen“ erschien 1982 in einer zensierten Fassung in Rumänien und zwei Jahre später in der Originalversion in der Bundesrepublik Deutschland.

1989 wurde Herta Müller mit dem Ricarda-Huch- und dem Marieluise-Fleißer-Preis ausgezeichnet, 1991 mit dem Kranichsteiner Literaturpreis und 1994 mit dem Kleist-Preis. Am 8. Oktober 2009 wurde die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller angekündigt.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Herta Müller: Atemschaukel

Geir Pollen - Wenn die gelbe Sonne brennt
Geir Pollen nimmt sich Zeit für eine sorgfältige und sensible, komplexe und differenzierte Darstellung. "Wenn die gelbe Sonne brennt" ist eine stilsichere, melancholische Komposition, die bis zur letzten Zeile formal und inhaltlich fesselnd bleibt.
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