Nuala O'Faolain : Ein alter Traum von Liebe

Ein alter Traum von Liebe
Originaltitel: My Dream of You Riverhead Books, New York 2001 Ein alter Traum von Liebe Übersetzung:Marion Sattler Charnitzky und Jürgen Charnitzky Claassen Verlag, München 2003 543 Seiten, ISBN 3-546-00305-5
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Um mehr über eine skandalöse Liebesgeschichte herauszufinden, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgespielt haben soll, kommt Kathleen de Burca nach dreißig Jahren erstmals wieder in ihre Heimat Irland. Die Recherchen für den geplanten Roman gehen einher mit Erinnerungen an das eigene unerfüllte Leben, und die knapp 50-jährige Reisejournalistin zieht Bilanz.
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Kritik

Nuala O'Faolain erzählt nicht chronologisch, sondern bruchstückhaft in Rückblenden. Ihre erzählerische Stärke beweist sie nicht nur durch die gelungene Montage, sondern v.a. auch durch die unglaubliche Fülle von Details. "Ein alter Traum von Liebe" ist ein trauriger, gefühlvoller Roman.
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Im Alter von zwanzig Jahren muss Kathleen de Burca mit ansehen, wie ihre schwangere und krebskranke Mutter im Krankenhaus vor Schmerzen brüllt, weil ihr die katholischen Ärzte keine Schmerzmittel geben, um den Embryo nicht zu gefährden. Kathleens streng religiöser Vater hält das für richtig und weigert sich, seine Frau in eine andere Klinik zu verlegen. Da verlässt Kathleen Irland und sieht ihre Eltern niemals wieder.

Sie zieht nach London, putzt in zwei Pubs und beginnt am London City Polytechnic Journalismus zu studieren. Als ihr Freund Hugo, der kurz vor dem Jura-Examen steht, sie mit einem anderen Hausbewohner in flagranti ertappt und hinauswirft, nimmt eine Studentin namens Caroline sie in ihrer Maisonette-Wohnung auf. Carolines geschiedener Vater, Sir David, lebt in Hongkong. Während eines Besuchs bei seiner Tochter in London fummelt er mit Kathleen, und sie wehrt sich nicht, weil sie befürchtet, sonst wieder auf der Straße zu stehen. Doch nach einem Jahr verliebt Caroline sich in Ian Arbuthnot, heiratet ihn und bringt ein Kind zur Welt. Da muss Kathleen ihr Zimmer räumen. Von der Dachwohnung zieht sie in eine halbdunkle Kellerwohnung, in der sie jetzt, im Jahr 1999, mit 49 Jahren, immer noch lebt.

Die erfolgreiche Reisejournalistin arbeitet für TravelWrite und ist unaufhörlich in der Welt unterwegs. Während einer Dienstreise hat sie einmal Sex mit ihrem Chef Alex, aber es bleibt bei diesem Ausrutscher, bei dem sie beide betrunken waren. Immer wieder nimmt sie Männer mit in ihre Hotelzimmer, aber es handelt sich nur um One-Night-Stands oder kurze Affären. Trotz ihrer Promiskuität geht es ihr weniger um Sex, als um Leidenschaft.

Schon immer habe ich an die Leidenschaft geglaubt wie andere Menschen an Gott.

Befreundet ist Kathleen nur mit ihrem schwulen amerikanischen Kollegen Jimmy Beck. Als dieser 1999 einem Herzanfall erliegt, wird der fast Fünfzigjährigen bewusst, wie frustriert sie ungeachtet ihres beruflichen Erfolgs ist. Sie hört bei TravelWrite auf und reist zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder nach Irland, um dort ein Buch über einen Scheidungsskandal aus dem Jahr 1856 zu schreiben. Es soll sich um die amour fou einer Engländerin herrschaftlicher Abstammung mit einem irischen Stallburschen gehandelt haben. Kathleen weiß davon durch die Fotokopien von Protokollen einer Gerichtsverhandlung „Talbot gegen Talbot“ im englischen Oberhaus, die ihr damaliger Freund Hugo aus der Universität mitgebracht hatte.

Sie quartiert sich in dem heruntergekommenen Hotel „The Talbot Arm“ ein, in dem sie von dem 63-jährigen Besitzer Bertie, seiner Tochter Ella und deren Söhnen Joe und Oliver wie ein Familienmitglied aufgenommen wird. Während einer Hochzeitsfeier, für die alle Zimmer benötigt werden, bringt Bertie sie in einer Hütte an der Küste von Mellary unter.

Nach einigen Tagen besucht Kathleen ihren vier Jahre jüngeren Bruder Danny, ihre Schwägerin Annie und ihre achtjährige Nichte Lilian, die noch immer in ihrem Geburtsort Kilcrennan wohnen. (Ihre ältere Schwester Nora lebt in New York. Ihr Bruder Sean starb mit sechseinhalb Jahren an einer Blutkrankheit.)

Bertie macht Kathleen mit Nan Leech bekannt, der mürrischen, 75 Jahre alten Leiterin der Stadtbücherei von Ballygall. Wird sie Kathleen bei ihren Recherchen helfen können?

Auf einer Fähre lernt Kathleen einen unscheinbaren Iren kennen. Der 57-Jährige heißt Shay Murphy, stammt aus Ballisodare, verdient seinen Lebensunterhalt als selbstständiger Gärtner und ist seit dreißig Jahren mit einer Engländerin verheiratet, mit der er bei Chester wohnt. Seine beiden verheirateten Töchter leben ganz in der Nähe. Kathleen nimmt ihn mit in das Cottage und schläft mit ihm. Am anderen Tag fährt er zum Einkaufen, kommt aber nicht mehr zurück. Stattdessen bringt jemand die Lebensmittel vorbei. In der Schachtel liegt ein Zettel: „Wenn ich nicht gegangen wäre, wäre ich nie wieder gegangen.“

Später taucht Shay wieder auf und schlägt ihr vor, sich irgendwo zwischen Sligo und Shannon niederzulassen. Dort befindet sich das Gärtnergeschäft seines Vaters. Er könnte jeden Monat nach Irland kommen, sich um den Betrieb kümmern und sie heimlich treffen. Kathleen zögert: Sie möchte nicht ihr Leben damit verbringen, auf Shay zu warten.

Aus den fotokopierten Prozessakten geht hervor, dass Richard Talbot 1845 Marianne McClausland heiratete. Neun oder zehn Monate nach der Hochzeit gebar sie eine Tochter. Die englische Familie ging ein bis zwei Jahre lang auf Reisen – bis Talbots Onkel starb, der Eigentümer des irischen Landguts Mount Talbot. Dort ließen sie sich unmittelbar nach der großen Hungersnot von 1846/47 nieder.

1849 trat der irische Stallbursche William Mullan in ihre Dienste. Im Mai 1852 beschuldigte Talbot seine Frau der Unzucht mit ihm, nahm ihr das Kind und ließ sie am folgenden Tag von Reverend McClelland nach Dublin bringen. Drei Wochen später wurde sie in eine Irrenanstalt bei Windsor gesperrt. Talbot ließ sich die Trennung von Tisch und Bett von einem kirchlichen Gericht und vom Londoner Oberhaus bestätigen. Zeugen sagten aus, sie hätten das ungleiche Paar bei sieben verschiedenen Gelegenheiten ertappt.

Ein Kollege von Miss Leech entdeckt eine 1854 in London veröffentlichte Druckschrift, die Kathleen in der Bücherei einsehen darf. Sie stammt von dem Kronanwalt John Paget, einem entfernten Verwandten Richard Talbots. Er und seine Frau hatten Marianne Talbot im Dezember 1853 aus der Irrenanstalt geholt und bei sich aufgenommen. „Ich glaube, dass sie in allen Anklagepunkten unschuldig ist“, schrieb John Paget. Offenbar vermutete er eine Verschwörung und bestochene Zeugen.

Eine Schlüsselrolle soll dabei der Butler Halloran gespielt haben, der 1847 aus Amerika zurückgekommen war und nach der Verbüßung einer dreimonatigen Gefängnisstrafe wegen Urkundenfälschung auf Mount Talbot angefangen hatte. Angeblich machte er William Mullan in einer nahen Kneipe mit Punsch betrunken und brachte ihn dann in seine Stube – kurz bevor er damit rechnete, dass Mrs Talbot, wie gewohnt, in Begleitung ihrer Tochter oder eines Dieners die Behausungen der Bediensteten inspizieren würde. Sobald sie in Mullans Stube trat, schloss Halloran sie ein und holte Mr Talbot. Der beschuldigte seine Frau des Ehebruchs und entriss ihr das Kind.

Möglicherweise ging es ihm darum, Marianne loszuwerden, weil sie nach sieben Jahren immer noch keinen Sohn geboren hatte. Aber er brauchte einen Stammhalter, um Mount Talbot zu erben. So lautete die testamentarische Verfügung seines Onkels. Marianne des Ehebruchs zu überführen, war die einzige Möglichkeit, wieder heiraten zu können.

Wenn aber Marianne Talbot gar kein Verhältnis mit dem Stallknecht hatte, wieso reiste er ihr dann nach Dublin nach, fragt sich Kathleen. Aus den Akten geht nämlich hervor, dass er in Coffey’s Hotel einen Brief für sie abgab, den sie allerdings nie erhielt.

Schließlich findet Miss Leech noch einen 150 Jahre alten Zeitungsartikel über den Pfarrer Sargent, der auf Mount Talbot vor einem Hund flüchtete, im Herrenhaus eine Tür öffnete und dort Mrs Talbot rücklings auf dem Fußboden liegen sah. Der Mann, der zwischen ihren Beinen kniete, war allerdings nicht William Mullan!

Die Lektüre dieses Zeitungsberichts ruft bei Kathleen eine Erinnerung hervor, die sie lange Zeit verdrängte: Ian Arbuthnot verabredete sich mit ihr in einem Pub, angeblich, um mit der besten Freundin seiner Frau über Caroline zu reden. Als es in dem Pub zu voll wurde, nahm Kathleen ihn mit in ihre Kellerwohnung.

Ich öffnete den Kühlschrank und holte eine Flasche Wein heraus. Als ich mich umdrehte, um etwas zu sagen, stand er dicht hinter mir. Er nahm mir die Flasche ab und stellte sie auf den Tisch, ohne sie anzusehen. Er blickte nur mich an. Er knöpfte meinen Mantel auf. Er küsste mich nicht. Er legte seine Hände unter meinen Pullover, eine an jeder Seite meiner Taille. Er wartete ein oder zwei Sekunden, bis sie warm waren. Dann bewegte er die Hände nach oben und schob meinen BH von meinen Brüsten. Er ließ sich, mich sanft mitziehend, in den hinter ihm stehenden Sessel nieder und setzte mich quer auf seinen Schoß. Wir hatten beide noch unsere Mäntel an. Er zog meinen Mantel um uns beide, wie um uns vor der Außenwelt abzuschirmen. Dann schob er meinen Pullover mit der einen Hand nach oben und mit der anderen brachte er meine Brust wenige Zentimeter vor seinem Mund in Position. Die Brustwarze schwoll ihm entgegen. Seine warmen Lippen umschlossen sie. Das Zimmer war vollkommen still.
Dann ließ er mich zu Boden fallen. Mein Kopf schlug auf die Fliesen auf, und ich spürte, wie lächerlich meine erigierte Brustwarze an meinem verdrehten Körper stand. Ich fühlte den kalten Speichel auf ihr und zog rasch meinen Pullover darüber.
„Schöne Freundin!“, sagte er, als er sich vorbeugte und mir sein Gesicht übertrieben dicht vor die Nase streckte. Dann ging er und knallte die Tür hinter sich zu.

Miss Leech ist unheilbar krebskrank und wird nach Galway in ein Pflegeheim gebracht.

Da beschließt auch Kathleen, wieder abzureisen. Was im Mai 1852 wirklich geschah, lässt sich nicht mehr herausfinden. Den geplanten Roman wird sie also nicht schreiben.

Um sich zu verabschieden, ruft sie bei ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in Kilcrennan an. Annie ist am Apparat und berichtet ihr, dass Danny gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Ein- oder zweimal im Jahr betrinkt er sich bis zur Besinnungslosigkeit. Die 1000 Pfund, die Kathleen ihm bei ihrem Besuch heimlich zugesteckt hatte, waren eine zu große Versuchung für ihn gewesen.

Kathleen hat telefonisch erfahren, dass Alex, ihr früherer Chef, nach dem Tod seiner geliebten Mutter völlig zusammengebrochen ist und sich inzwischen offenbar einer Sekte angeschlossen hat. Sie fliegt nach England zurück, um ihn zu überreden, mit ihr zu verreisen. Vielleicht kommt er dadurch auf andere Gedanken.

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Um mehr über eine skandalöse Liebesgeschichte in der Art von „Lady Chatterley’s Lover“ (D. H. Lawrence) herauszufinden, die sich unmittelbar nach der großen Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgespielt haben soll, kommt Kathleen de Burca nach dreißig Jahren erstmals wieder in ihre Heimat Irland. Die Recherchen für den geplanten Roman gehen einher mit Erinnerungen an das eigene unerfüllte Leben, und die knapp fünfzigjährige Reisejournalistin zieht Bilanz. Geld, Ruhm und eine Reihe von One-Night-Stands: soll es das gewesen sein?

Nuala O’Faolain erzählt die beiden parallelen Geschichten nicht chronologisch, sondern geschickt in vielen bruchstückhaften Rückblenden aus der Perspektive der Protagonistin im Jahr 1999. Ihre erzählerische Stärke beweist sie nicht nur durch die gelungene Montage, sondern vor allem durch die unglaubliche Fülle von Details.

Das Original kenne ich nicht; aber die deutsche Übersetzung zeichnet sich nicht gerade durch sprachliche Brillanz aus. Am Beispiel des Textauszugs lässt sich das nachprüfen.

„Ein alter Traum von Liebe“ ist ein trauriger Roman voller Gefühle. Aber ich fürchte, man muss auch die Begriffe Kitsch und Küchenpsychologie in diesem Zusammenhang nennen, obwohl ich nicht so weit wie „Der Spiegel“ (21/2003) gehen und dazu raten würde, lieber gleich Hedwig Courths-Mahler zu lesen.

Die deutsche Übersetzung erschien im Februar 2003 bei Claassen. Im ersten Vierteljahr wurden 6000 Exemplare verkauft. Dann machte Elke Heidenreich den Roman durch die Empfehlung in ihrer neuen Fernsehsendung „Lesen!“ zum Bestseller: Innerhalb von wenigen Wochen schnellte die Auflage auf 90 000 hoch, und Claassen druckte im Juni bereits die 5. Auflage.

Elke Heidenreich über „Ein alter Traum von Liebe“:

Nuala O’Faolain ist eine Erzählerin mit viel Gefühl, aber niemals sentimental. Sie lässt einfach Trauer, Enttäuschung und Fehler zu und lamentiert nicht, sondern stellt fest, wie unendlich kompliziert das Leben ist, wenn es von einer derart freudlosen Kindheit aus gestartet wurde. Die Liebe, die man damals nicht bekam, fehlt einem einen ganzes Leben lang, und nichts gibt einem später mehr die Sicherheit und das Urvertrauen zurück, das man als Kind so sehr gebraucht hätte.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Ullstein Heyne List

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