Albert Ostermaier : Zephyr

Zephyr
Zephyr Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2008 ISBN 978-3-518-41958-8, 222 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Gilles schreibt an einem Drehbuch über Marie Trintignant und Bertrand Cantat. Der Rocksänger hatte die Schauspielerin 2003 zu Dreharbeiten nach Vilnius begleitet und dort im Streit erschlagen. Gilles, der mit seiner Frau Cathy an die Côte d'Azur gefahren ist und dort ein Haus gemietet hat, fällt es immer schwerer, zwischen dem entstehenden Drehbuch und der Wirklichkeit, zwischen Vorstellung und Wahrnehmung zu unterscheiden ...
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Kritik

Albert Ostermaier ist kein Romancier, sondern ein Dichter und virtuoser Sprachkünstler: "Zephyr" ist eine poetische Komposition, in der Form und Inhalt einander entsprechen.
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Ihr Atem wurde immer flacher. Gilles drückte Cathy das weiße Kissen auf das Gesicht. Ein sanfter Druck. Dann legte er den Kopf auf das Kissen. Er bildete sich ein, ihre Lippen durch die Federn zu spüren. Sie hatten es immer so gemacht. Einen Flügelschlag lang, wie sie es nannte. (Seite 7)

So beginnt der Roman „Zephyr“ von Albert Ostermaier.

Der aus Deutschland stammende, seit längerer Zeit mit der Architektin Cathy in Paris lebende Drehbuchautor Gilles, hat auf den Rat seines Freundes Costello, der eigentlich Claus heißt, ein Haus mit Swimmingpool an der Côte d’Azur gemietet und liegt nun mit Cathy im Bett.

Bevor die beiden eintrafen, war die Leiche des Immobilienmaklers Victor Pegala im Pool gefunden worden. Der hatte Gilles das Haus vermittelt und ihm dabei erzählt, hier sei der Film „Der Swimmingpool“ mit Romy Schneider und Alain Delon gedreht worden. Als Gilles vom Tod Peglas erfährt, bildet er sich ein, ihn von hinten mit einer Champagnerflasche erschlagen zu haben.

Wann wirst du lernen, Film und Wirklichkeit zu trennen? (Seite 38)

Du lebst wie im Film, warf sie [Cathy] mir vor. Kamerafahrten, Vogelperspektiven, Close-ups, immer bist du zu fern oder zu nah. Du lebst in Möglichkeiten, statt im Konkreten. (Seite 71)

Die Beziehung von Gilles und Cathy befindet sich in einer Krise.

Wir sind wie zwei Magneten, wir werden uns immer finden, es wird uns immer zueinander ziehen, wo immer wir auch sind, das hatte sie ihm versprochen nach ihrer ersten Nacht. Jetzt hatte sie die Polung geändert und stieß ihn ab. (Seite 15)

Cathy meinte unlängst:

Du kannst unsere Geschichte nicht neu schneiden und an ihrem Ende von vorn erzählen. (Seite 72)

Gilles hat den Auftrag, ein Drehbuch über Marie Trintignant und Bertrand Cantat zu schreiben, und er stellt sich die letzten Stunden im Leben der französischen Filmschauspielerin vor, die von ihrem Geliebten erschlagen wurde. Marie Trintignant war zu Dreharbeiten nach Vilnius gereist, und Bertrand Cantat hatte sie begleitet. Eifersucht verzehrte ihn. Einmal hatte er Maries Ex-Mann Samuel Benchetritt auf ihrem Handy angerufen.

Bertrand hatte ihn mit Worten bespuckt, verwünscht, wollte ihn hinausschreien aus Maries Leben. (Seite 117)

Sie stritten jede Nacht. Der Engländer Gary Tuck, der im Hotel „Domina Plaza“ ein Zimmer neben ihnen hatte, hörte sie. Als Lambert Wilson die letzte Szene gedreht hatte und nach Frankreich zurückfliegen wollte, verabschiedeten die Kollegen sich von ihm mit einer Party. Auch an diesem Abend quälte Bertrand Cantat Marie Trintignant mit seiner Unterstellung, sie habe immer noch Kontakt zu Samuel Benchetritt. Nach der Party ließen sich die beiden noch von dem litauischen Regieassistent Andrius in dessen Wohnung einladen. Dort tranken sie eine Flasche Wodka. Sie stritten, und als sie sich prügelten, schlug Andrius vor, sie zu Fuß zum Hotel zu begleiten. Dabei würden sie sich beruhigen, hoffte er. Im „Domina Plaza“ trafen Marie Trintignant und Bertrand Cantat auf eine Gruppe vom Dreh; auch Roman, einer von Maries Söhnen, war dabei. Im Bad ihrer Suite gerieten sie dann erneut heftig aneinander. Am anderen Morgen wachte Bertrand Cantat neben Marie Trintignant im Bett auf. Er nahm an, sie schlafe, doch sie lag im Koma. In das Krankenhaus, in dem die Ärzte um ihr Leben kämpften, wurde kurz darauf auch Bertrand Cantat eingeliefert: Er hatte versucht, sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen [Suizid]. Maries Mutter ließ den Neurochirurgen Stéphane Delajoux von der Hartmann-Klinik in Neuilly einfliegen, der einen weiteren Eingriff vornahm, bevor man die Patientin nach Paris brachte, wo sie am Tag darauf starb.

Costello hatte gemeint, Gilles solle den Film, seinen Roman, mit Bertrands Bruder beginnen, die Ohnmacht in der Ohnmacht.
– Oder du erzählst die Geschichte aus deiner Perspektive.
– Wie, aus meiner Perspektive?
– Wie du die Geschichte suchst, rekonstruierst, wie sie immer mehr zu deiner wird, dein Leben infiltriert, diese brennende Liebesgeschichte, und deine Ehe, die nicht vom Fleck kommt.
– Was sagst du da?
– Ich meine dich als Fiktion, verstehst du. Französisch. (Seite 165)

Als Gilles in Vilnius für das Drehbuch recherierte, lernte er eine Studentin kennen und schlief mit ihr. Obwohl er Cathy betrog, ist er so eifersüchtig wie Bertrand Cantat. Er hatte Costello durch Cathy kennen gelernt und vermutet noch immer, dass die beiden eine Liebesbeziehung gehabt hatten. Die Vorstellung quält ihn. Er beginnt, wieder zu trinken [Alkoholkrankheit]. Es wäre verwunderlich, wenn Costello nicht mit Cathy geschlafen hätte, denn Gilles kennt seinen Freund als Frauenheld.

Alles war immer sehr einfach für Costello, der mehr von Sportwagen als von Frauen verstand und seine Beziehungen als Demolition-Rennen fuhr. Von einem Totalschaden blieb ihm nicht der geringste Kratzer, er stieg ungerührt aus dem Blechhaufen in den nächsten Wagen, ließ den Motor an, und weiter ging es, Vollspeed. (Seite 10)

Ein Kommissar, der im Fall des ermordeten Maklers Victor Pegala ermittelt, sucht Gilles mehrmals in dem gemieteten Haus an der Côte d’Azur auf. Einige Male fragt er nach Cathy, und Gilles erklärt ihm, sie schlafe.

Costello, der Gilles und Cathy nachgereist war, ist seit einigen Tagen verschwunden. Gilles fühlte sich geschmeichelt, als er merkte, dass Cathy ihm zutraute, Costello ermordet zu haben. Hielt sie ihn also doch für stärker als Costello!

Im Fall des ermordeten Maklers liege inzwischen ein Geständnis vor, erzählt der Kommissar Gilles und gibt zu, den Drehbuchautor für den Mörder gehalten zu haben. Jetzt verdächtigt er Gilles offenbar, Costello umgebracht zu haben. – Er berichtet ihm von einem Doppelmord, den er seit längerer Zeit aufzuklären versucht: Eine junge Perserin lag erstochen auf einer Couch. Die zweite Leiche lag auf dem Fußboden: Ein junger Jude aus Kalifornien, ebenfalls mit tödlichen Stichverletzungen. Seine rechte Hand war abgetrennt, ein Auge ausgestochen, und das abgeschnittene Geschlechtsorgan fand der Kommissar auf dem Bett.

Es ist auf den ersten Blick ein doppelter Ritualmord. Ein junger amerikanische Jude erdolcht seine persische Geliebte und verstümmelt sich dann auf alttestamentarische Weise, hackt sich zur Strafe die Hand ab, die die Unberührbare berührt hat, sticht sich das unkeusche Auge aus, das sie gesehen, sie begehrt hat und schneidet sich schließlich den Schwanz ab, der sie gefickt hat. Auf Sex folgt Mord, auf Mord Selbstmord. (Seite 183)

Im Gegensatz zu seinen Kollegen glaubt der Kommissar nicht, dass der Amerikaner seine Geliebte und sich selbst tötete, aber er kann nicht beweisen, dass eine dritte Person an der Tat beteiligt war, und seine Vorgesetzten sind über ihn verärgert, weil sich durch seine Zweifel die Aufklärungsquote verschlechtert hat.

– Bleibt Ihre Frau hier?
– Sie ist bereits abgereist.
– Hatte ich nicht darauf hingewiesen, Sie mögen den Ort nicht verlassen, bis ich es sage?
– Was macht das jetzt für einen Unterschied. Sie hat sich hingelegt. Würde Ihnen das besser passen?
– Haben Sie Probleme?
– Spielen Sie jetzt den Paartherapeuten, haben sie eine unangemeldete Nebentätigkeit oder gehört das zur Verbrechensprävention? Ich habe sie erstickt, mit einem Kissen, dann habe ich ihre Koffer gepackt, einen Abschiedsbrief geschrieben, Schatz, ich kann nicht mehr, verzeih, ich habe Costello geliebt, ich musste ihm folgen, im Kühlschrank ist dein Lieblingsessen, verzeih mir, deine Cathy, und dann habe ich sie ins Auto gesetzt und ihr nachgewinkt mit meinem Taschentuch voll Chloroform. Ach so, das Auto steht ja noch hier.
– Ihnen fallen immer wieder neue Geschichten ein. (Seite 181f)

Als Gilles Koffer ins Auto packt, versperrt der Kommissar mit seinem Wagen die Einfahrt. Aus dem Autoradio ist ein Requiem zu hören. Man hat Costello gefunden. Ein anonymer Anruf brachte die Polizei auf die Spur. Costello scheint mit seinem Wagen über die Klippen gestürzt zu sein. In seiner Lunge stießen die Gerichtsmediziner jedoch auf Süßwasser: Vielleicht hatte man Costello in einem Swimming Pool ertränkt.

Albert Ostermaier beendet den Roman „Zephyr“ mit den folgenden Sätzen:

Gilles sah auf das weiße Laken, das Cathys Körper verdeckte […] Ihr Atem unter ihm wurde flacher. Wie sie lachen konnte, früher. Da lagen sie, wie in die Tiefe der Jahre getaucht und gleichzeitig so weit voneinander entfernt, so viel hatte sich zwischen sie geschoben, als lägen Tage zwischen ihnen, und sie würden die verlorenen Stunden nicht wiederfinden können, noch einen Platz, der sie vereinte, außerhalb dieses Lebens und der Zeit.
– Hörst du nicht, wie der Wind gegen das Fenster schlägt?
– Noch ein Satz.
Der Eisregen fällt gefrorenen Tränen gleich aus dem Himmel, dessen Azur dem Schwarz der Nacht weichen musste.
– Mir ist kalt. Bitte schließ das Fenster.
– Noch ein Wort. (Seite 222)

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Nach Gedichten, Theaterstücken und Libretti schrieb Albert Ostermaier (* 1967) einen ersten Roman: „Zephyr“.

Darin geht es um einen Autor namens Gilles, der sich mit seiner Lebensgefährtin Cathy in einem Haus an der Côte d’Azur aufhält und an einem Drehbuch über die französische Filmschauspielerin Marie Trintignant arbeitet, die am 27. Juli 2003 von ihrem Geliebten Bertrand Cantat im Streit niedergeschlagen wurde, nicht mehr aus dem Koma erwachte und am 1. August ihren Kopfverletzungen erlag. Gilles, der ebenso eifersüchtig ist wie Bertrand Cantat es war, wühlt sich in seine Vorstellungen immer tiefer hinein und vermag nicht mehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Es gibt keine Wahrheit, nur eine Geschichte, die man erzählt. (Seite 61)

Bertrand Cantat lag eine Nacht lang neben der sterbenden Marie Trintignant im Bett und glaubte, sie schliefe. Cathy liegt ebenfalls im Bett. Wie ein Leitmotiv kommt Albert Ostermaier immer wieder auf die Szene zurück, und wir wissen nicht, ob sie schläft oder von Gilles mit dem Kopfkissen erstickt wurde. Das widersprüchliche Verhältnis von Gilles und Cathy spiegelt die tragisch endende Liebesaffäre von Marie Trintignant und Bertrand Cantat. Eine weitere Facette fügt der Kommissar mit seinem Bericht über einen unaufgeklärten Doppelmord hinzu.

Albert Ostermaier schildert das Geschehen in der dritten Person Singular und lässt immer wieder den Protagonisten in inneren Monologen und Dialogen – bei denen es sich möglicherweise nicht um „reale“ Gespräche, sondern um Vorstellungen des Drehbuchautors handelt – zu Wort kommen.

Als Leser merkt man, dass Albert Ostermaier kein Romancier, sondern ein Dichter ist: „Zephyr“ ist eine poetische Komposition aus Sprache, Rhythmus und Bildern, ein Gewebe, in dem Fiktion und Realität nicht zu unterscheiden sind und Form und Inhalt einander entsprechen. Wer von einem Buch eine stringent erzählte Handlung erwartet, wird von „Zephyr“ enttäuscht sein; wer sich jedoch auf die Komposition einlässt, gerät in einen Sog und entdeckt einen virtuosen Sprachkünstler.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Suhrkamp

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