Arno Geiger : Es geht uns gut

Es geht uns gut
Es geht uns gut Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2005 ISBN: 3-446-20650-7, 389 Seiten dtv, München 2007 ISBN: 978-3-423-13562-7, 391 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Philipp Erlach, ein 36-jähriger, weder besonders ambitionierter noch erfolgreicher Schriftsteller, erbt nach dem Tod seiner Großmutter deren Villa in Wien. Bei der widerwillig vorgenommenen Entrümpelung wird er mit der Familiengeschichte konfrontiert. – Unter dem sarkastischen Titel "Es geht uns gut" erzählt Arno Geiger von drei Generationen einer Wiener Familie in der Zeit von 1938 bis 2001 und veranschaulicht dabei zugleich politische und gesellschaftliche Wandlungen.
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Kritik

Arno Geiger erzählt mit viel Liebe zum Detail, großem Einfühlsvermögen und besonderem Gespür für Tragikomik von der Last der Vergangenheit. Dabei versetzt er sich in wechselnde Figuren und stellt das Geschehen aus ihrer subjektiven Sicht im Präsens dar.
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1929 lernen sich der neunundzwanzigjährige Verwaltungsjurist Richard Sterk und die sieben Jahre jüngere Studentin Alma Arthofer in Wien kennen. Sie werden ein Paar, heiraten, und Alma bricht ihr Studium ab. 1931 bringt sie den Sohn Otto zur Welt, fünf Jahre später die Tochter Ingrid. Richard hält es für selbstverständlich, dass seine Frau sich unterordnet und ansonsten den Haushalt führt und die Kinder umsorgt. Zu spät wird Alma begreifen, dass sie nicht von Anfang alles hätte erdulden sollen.

Ende Februar 1938 beginnt Richard, der es inzwischen zum Vizedirektor der städtischen Elektrizitätswerke in Wien gebracht hat, eine Affäre mit dem Kindermädchen Frieda. Monatelang wird er hin- und hergerissen von der Begierde beim Anblick der molligen jungen Frau und dem Vorsatz, Alma nicht zu betrügen. So oft er beschließt, mit Frieda Schluss zu machen, sehnt er sich nach der nächsten Umarmung. Die Lust klingt zwar jeweils rasch ab, aber die Reue bleibt. Als Richard sich endlich dazu durchringt, die Affäre zu beenden und Frieda kündigt, schreibt sie vor dem Verlassen des Hauses hundertmal „Ich hasse dich“ auf die Tapete in ihrem Zimmer.

Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen am 12. März 1938 rät der SS-Offizier Crobath seinem früheren Kommilitonen Richard Sterk, die Schadensersatzklage gegen die Wach- und Schließgesellschaft fallen zu lassen. Ein Wachmann hatte nämlich den einmarschierenden Truppen zugejubelt, statt die Auslage des Richards Schwiegereltern gehörenden und von Alma geführten Wäschegeschäftes gegen die starke Sonnenstrahlung abzuschirmen. Nun sind einige der Waren ausgebleicht. Crobath meint, die Klage würde ein ungünstiges Licht auf Richards politische Einstellung werfen und gibt ihm zu bedenken, dass der Schaden durch den Wegfall der jüdischen Konkurrenz aufgewogen werde [Judenverfolgung]. Daraufhin verkauft Richard das Geschäft seiner Schwiegereltern und lässt den Namen Arthofer aus dem Handelsregister streichen, ohne sich mit Alma oder ihren Eltern abgesprochen zu haben oder sie auch nur über die Gründe zu informieren.

Für Alma erwirbt er zur gleichen Zeit Dr. Löwys Bienenhaus, und sie beginnt wunschgemäß, sich als Hobby-Imkerin zu betätigen.

Ihr Sohn Otto fällt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs bei der Verteidigung Wiens gegen die Rote Armee. Er wurde nur vierzehn Jahre alt.

Zu den Jungen, die in Wien gegen die anrückende Rote Armee kämpfen müssen, gehört auch der fünfzehnjährige Peter Erlach aus Feldkirch. Seine Mutter ist unheilbar an Krebs erkrankt, und ob sie noch lebt, weiß er nicht, denn er hat schon seit Tagen keinen Kontakt mehr mit den Eltern oder seinen beiden Schwestern Ilse und Hedi.

Das Fähnlein verspottet einen Mann, der in der Unterhose durch die Straßen läuft. Seine unten verknotete und mit Mehl gefüllte Drillichhose trägt er in der Hand. „Geht bloß nach Hause“, knurrt er, als er die Hitlerjungen erblickt. Einer der Buben will die Hose zerschießen, aber der Fähnleinführer hält ihn davon ab: „Spar deine Munition, du Pfeife, du wirst jeden Schuss brauchen.“

Ein sowjetischer Spähtrupp taucht auf. Ein Vierzehnjähriger schießt auf einen der Rotarmisten. Der stürzt mit einem Schrei zu Boden. Die anderen Soldaten flüchten in Hauseingänge. Dann legen sie den Verletzten quer über den Kinderwagen, mit dem sie auch Brot und Munition transportieren und ziehen sich zurück. Als ein T-34-Panzer mit aufgemaltem roten Stern in die Straße einbiegt, trifft Peter ihn mit einem Schuss aus der Panzerfaust.

Jetzt dreht sich der T 34 quer zur Straße und wühlt sich mühsam, eine ächzend verendende Stahlkröte, über das holprige Kopfsteinpflaster zu einem Haustor auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das Haustor ist mit LSR, Luftschutzraum, beschriftet […] Dann stirbt der Motor ab. Drei- oder viermal kracht der Anlasser, schwarzer Dieselqualm spuckt bis in die Mitte der Straße und verzieht sich nur langsam. Treibstoff fließt unter dem Heck hervor. Der Fähnleinführer wirft eine Handgranate, es kracht und staubt, dann brennt das Heck des Panzers […]
Während der T 34 ausbrennt, wünscht sich Peter, dass ihn sein Vater sehen könnte, dem würde er so gerne gefallen. (Seite 110f)

Peter wird von einem Schuss in den rechten Arm getroffen. Dem Fähnleinführer wird er halbe Kopf weggerissen. Ein Vierzehnjähriger lehnt an einer zerschossenen Mauer.

Peter ist überrascht, wie der Bub dasteht: Das Bauchfell scheint aufgerissen, zwischen den Fetzen der blutigen Uniform kann man die ebenfalls blutigen Eingeweide sehen, die der Bub mit den Händen am weiteren Austreten hindert […] Nach einiger Zeit unternimmt der Bub den Versuch, auf Peter zuzugehen […] Aber die Kraft reicht nicht. Weiterhin das linke Auge auf Peter gerichtet, sinkt der Bub plötzlich weg in einer unglaublich weichen Bewegung, wie ein fallendes Stoffband. Die Knie berühren den Boden, rutschen nach hinten, das Gesicht schlägt widerstandslos auf das Straßenpflaster, die Schulterblätter brechen seltsam ein. Der Bub zuckt noch einmal […], dann liegt er ganz ruhig […] (Seite 114f)

Mit einem anderen Hitlerjungen zusammen schlägt Peter sich nach Kahlenbergerdorf durch, wo sein Onkel Johann, ein Bruder seines Vaters, mit seiner Frau Susanne und der sechsjährigen Tochter Trude wohnt. Peter hofft, dort bleiben zu können, aber die Verwandten wollen keine verwundeten Hitlerjungen bei sich haben, wenn die Rotarmisten kommen und schicken sie deshalb weiter. Auf dem stromaufwärts fahrenden rumänischen Frachter „Alba Julia“ verlassen Peter und sein Kamerad Wien.

Nach dem Krieg avanciert das ÖVP-Mitglied Richard Sterk zum Minister. Am 12. Mai 1955, während der zähen Verhandlungen über den Staatsvertrag, plagt ihn ein eitriger Zahn. Und er ärgert sich über seine inzwischen neunzehnjährige Tochter Ingrid, die sich in einen sechs Jahre älteren Kerl verliebt hat, den Richard für einen Taugenichts hält. Peter Erbach verkauft Spiele, die er selbst erfunden und gebastelt hat, zum Beispiel: „Wer kennt Österreich?“ Aber die Fahrten zu den potenziellen Kunden kosten mehr Geld als Peter dabei einnimmt. Ingrid kann zwar von dem Geld, das sie von ihrer Großmutter geschenkt bekommt, Peters Schulden in einer Gaststätte begleichen, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie drängt ihn deshalb, die Lizenzen für die Spiele zu Geld zu machen und sein abgebrochenes Studium weiterzuführen. Richard darf nicht wissen, dass Ingrid keine Jungfrau mehr ist und schon gar nicht, dass sie Ende 1954 eine Fehlgeburt erlitt.

Beim ersten Mal hätte sie auch nicht gedacht, dass Peter unvorsichtig war, und dann war er’s doch, und die Folgen wären längst sichtbar, wenn nicht, ja, wenn nicht, da hatte sie Glück oder Pech (das kommt auf die Ansprüche an), denn die Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt. Das war schrecklich. Sie hat den Vorfall noch immer nicht ganz verdaut, obwohl seither ein halbes Jahr vergangen ist. Dieses embryonale Würmchen in der Klomuschel liegen zu sehen und es hinunterspülen zu müssen, weil ihr Vater gegen die Tür klopfte, wie lange sie noch gedenke, das Bad zu blockieren. (Seite 135f)

Peter schiebt sein Auto in das Lager seiner Firma „Fröhliches Wohnzimmer“ und richtet es als Liebesnest her, bevor sie sich ausziehen.

Wenn es nach ihr ginge, würde sie zuerst noch eine Weile schmusen und sich umarmen lassen. Aber Peter löst sich von ihr und gibt ihr zu verstehen, dass sie sich auf den Rücken legen soll. mal wieder nicht grad die Zärtlichkeit in Person. Doch weil Peter an diesem Tag schon genug Kritik hat einstecken müssen, fügt Ingrid sich in seine Anweisungen und lässt ihn in sich eindringen. Nicht so ungestüm, würde sie gerne sagen […] Aber sie waren mehrere Tage getrennt, da hat es ihn meistens, da kann er nicht mehr warten […] Und der Morris schaukelt, Ingrid kann die Federung hören, das Ding knarrt und scheppert wie ein alter Kinderwagen, wie beim Dosenschießen. Wenn bloß nicht wieder ein Stoppel aus der Luftmatratze fliegt […] Sie spreizt die Beine so weit sie kann, streckt die Füße in die Höhe und ermahnt sich dabei aufzupassen, dass sie sich an den von Eisentraversen zusammengehaltenen Holzrippen der Seitenverkleidung nicht wieder einen Span einzieht. Ja, das ist Liebe, Gottes höchst eigener Wille. Ihr entschlüpfen mehrere gepresste Stöhnlaute, und als ihr einfällt, dass sie nicht im elterlichen Garten liegt, sondern im Magazin, werden die Stöhnlaute zu kleinen Schreien, die aber rasch ausklingen, als Peter kommt.
Die horizontale Himmelfahrt? Für Ingrid? Diesmal am Fleck. Sie presst die Schenkel aneinander, vielleicht, dass sie so, na ja, oder wenn sie sich an Peters Schenkel reibt. Doch das funktioniert nicht. Also kuschelt sie sich an Peters Schulter und schließt die Augen, hört, wie sein Herz pocht, ganz heftig, wie von einem, der schnell gerannt ist […]
Peter gähnt so ausgiebig, dass es im Kiefergelenk knackt.
[…] Er entschuldigt sich, er habe vergangene Nacht wegen der Reifenpanne fast nichts geschlafen. Kurz darauf ist er weg, von einem eindeutig mehr geschäftsbedingten als postkoitalen Schlafbedürfnis überwältigt, wie ein Murmeltier, mein Gott, den würde auch ein Trompetenstoß nicht mehr wecken. Und sie? Ingrid? Sie starrt zur Wagendecke, einen Arm unter Peters Nacken, die andere Hand zwischen ihren aufgestellten Beinen, Zeige- und Mittelfinger an den Schaft der Klitoris gedrückt, in Erkundung, was sich da noch machen lässt. (Seite 178ff)

Ingrid lässt sich nicht davon abbringen, Peter 1958 zu heiraten und überwirft sich deshalb mit ihrem Vater. Ende 1960, als sie wieder schwanger ist, verkauft Peter die Lizenzen für seine Spiele und fängt beim Kuratorium für Verkehrssicherheit zu arbeiten an, während Ingrid weiter Medizin studiert. Richard lenkt schließlich ein und kauft ihnen im Sommer 1962 ein Haus. Vier Wochen nach dem Einzug kommt Ingrid mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter Sissi zu den Eltern, um Möbel abzuholen.

Richard ist schlecht gelaunt, denn er hat gerade erfahren, dass ihn die ÖVP aufs Abstellgleis schieben will.

[…] weil die Jungen sich einbilden, sie seien John F. Kennedy. Diese Armleuchter. Es wäre zum Kranklachen, wenn einem nicht gleichzeitig das kalte Kotzen käme. Alles, was recht ist. Von politischem Charme und der Höhe der Zeit faseln, aber nicht wahrhaben wollen, dass die wichtigsten Grundlagen im Leben Verantwortungsgefühl, Sorgfalt und Respekt sind. Dr. Klaus? Das soll der kommende Mann sein? Sieht der so aus? […] Es sind schon bittere Pillen, zu sehen, wie man den Sozialisten die Wähler in die Hände treibt. Diese unfassliche Dummheit. Hohlköpfe samt und sonders. (Seite 198)

Er findet, er hätte sich einen anderen Abschied verdient, und im Nachhinein besehen war es ein Fehler, dass er nach der letzten Wahl nicht ins Direktorium der E-Werke zurückgekehrt ist. Aber das ist mittlerweile ein ermüdender, fast schon peinlicher Gedanke, weil in die Vergangenheit gerichtete Spekulationen billig zu haben sind. Entscheidend ist a), dass ihm diese Tür nicht mehr offensteht, weil man ihm b) auch vonseiten der E-Werke altersbedingt die Pensionierung nahelegen würde, und c), dass folglich kultureller Tamtam auf ihn wartet, Gartenarbeit, Zithermusik, Tennisturniere und die Mitgliedschaft im Beschaffungsausschuss diverser Bälle samt Ehrenschutz und Eröffnungswalzer mit seiner Frau. (Seite 200f)

An Silvester 1970 denkt Ingrid, die inzwischen als Ärztin in einem Krankenhaus tätig ist und außer der neunjährigen Tochter einen fünfjährigen Sohn hat, über ihre Ehe nach.

Die Probleme begannen in den Jahren des zweiten Studienabschnitts, als Ingrid bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs schuftete und von Peter keine Unterstützung bekam. (Seite 259)

Er hält sich in ihr eine Putzfrau, eine Köchin, eine Gouvernante für die Kinder und ab und zu eine Geliebte, die aber nicht befriedigt wird. Die seltenen Male, die er sich für seine frühzeitigen Ejakulationen entschuldigt, sind gezählt. Und die Verwandlungskunst geht weiter: Wäscherin, Büglerin, Tippse. Und alles sehr billig. Die Früchte des langen Kampfes für die Emanzipation der Frau. (Seite 249)

Nach einem Venedig-Urlaub mit ihrer Familie im Sommer 1974 nutzt Ingrid den letzten Sonntag vor ihrem Dienstantritt dazu, mit den Kindern zu einer jüngeren Kollegin zu fahren, deren Ehemann ein Motorboot besitzt. Zusammen machen sie einen Ausflug. Vergnügt springt Ingrid vom Boot aus ins Wasser – und kommt nicht mehr an die Oberfläche. Vergeblich taucht der Mann der Kollegin nach ihr. Die Kollegin feuert Leuchtmunition ab. Sissi schreit nach ihrer Mutter, während ihr Bruder Philipp glaubt, die Mutter wolle ihnen nur einen Schreck einjagen und werde gleich wieder auftauchen. Ingrid ist jedoch tot. Sie ertrank, weil sie sich mit einem Armband in einem halb in den Kiesgrund eingeschwemmten Fahrrad verhakte und es ihr nicht gelang, wieder freizukommen.

Vier Jahre später fährt der Witwer mit den Kindern nach Jugoslawien in Urlaub. Die siebzehnjährige Sissi wollte lieber nach Italien und ist entsprechend aufsässig, aber Peter zeigt viel Geduld mit ihr.

Dass er seit einiger Zeit mit einer verheirateten Bibliothekarin der Technischen Universität ein Verhältnis hat, verheimlicht er Sissi und Philipp. Es bleibt bei einer Mittagspausenbeziehung.

Als Richard im Mai 1982 zu Alma in die Küche kommt und sich darüber beklagt, seine dritten Zähne seien zerbrochen, obwohl es gar nicht stimmt, ruft sie den Hausarzt Dr. Wenzel. Der spricht eine Viertelstunde mit Richard und berichtet Alma dann, ihr Mann zerbreche sich den Kopf darüber, wie er an Geld kommen könne. Er wisse nicht mehr, dass er es vom Konto abheben könnte. Als der Arzt fort ist, telefoniert Richard mit Christl Ziehrer, die lange Zeit seine Sekretärin war, und kündigt seinen Besuch an. Alma hatte sich 1952 die Bewerberinnen mit angesehen und für Frau Ziehrer ausgesprochen. Sie konnte damals nicht ahnen, dass ihr Mann sie mit Christl Ziehrer betrügen würde. Als er sich 1970 mit seiner Schwester Nessi und seinem Schwager Hermann in Bad Gastein aufhielt, war auch Christl Ziehrer dabei, aber das verheimlichte er Alma. Sie fand es nur durch Zufall heraus. Nun befürchtet Alma, der Zweiundachtzigjährige werde seine frühere Geliebte bitten, ihn zur Bank zu begleiten. Um das zu verhindern, ruft sie Frau Ziehrer an.

– Sie wollen damit sagen, der Herr Doktor ist deppert.
– Ich habe dieses Wort nicht gebraucht.
– Nein, gebraucht nicht, aber Sie haben mir den Herrn Doktor so beschrieben, dass ich es bei mir nicht anders als mit deppert zusammenfassen kann. Und wie ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war nichts zu merken, das auf einen Zustand schließen ließe, wie Sie ihn schildern. Sie haben nicht immer recht, Frau Doktor Sterk. Schon vor Jahren war ich schockiert, als Sie dem Herrn Kommerzialrat Lonardelli sagten, Ihr Mann wisse nicht mehr, was er rede. (Seite 32f)

Im Sommer 1986 befolgt Alma den Rat Dr. Wenzels und bringt ihren Mann in ein Pflegeheim. Gut drei Jahre später, am 9. Oktober 1989, sitzt sie an seinem Krankenbett. Vier Tage zuvor fand man Hofrat Dr. Sindelka, den Zimmernachbarn, in seinem Bett vor, und Richard lag mit gebrochenem Oberschenkel auf dem Fußboden. Offenbar hatte sich Dr. Sindelka in der Tür geirrt und Dr. Sterk mit einem Kleiderbügel aus dem Bett geprügelt. Wegen einer Anämie benötigt Richard Blutinfusionen, bevor er operiert werden kann. Einige Zeit später stirbt er.

Im Winter 2000/2001 folgt ihm Alma ins Grab.

Sissi ging nach ihrem Soziologiestudium als Journalistin nach New York. Sie ist dort verheiratet und hat eine Tochter namens Alma Parsley Sage Rosemary Thyme. Während Sissi von ihrer Großmutter zwei Lebensversicherungen und einen Anteil an einer niederösterrischen Zuckerfabrik erbt, bekommt Philipp die Villa in Wien-Hietzing.

Der sechsunddreißigjährige Schriftsteller nimmt sich vor, das mit schweren Möbeln bestückte Haus zu entrümpeln. Am 14. April 2001 fährt er erstmals hin.

Schon bei seiner Ankunft am Samstag war ihm aufgefallen, dass am Fenster unter dem westseitigen Giebel der Glaseinsatz fehlt. Dort fliegen regelmäßig Tauben aus und ein. Nach einigem Zögern warf er sich mit der Schulter gegen die Dachbodentür, sie gab unter den Stößen jedesmal ein paar Zentimeter nach. Gleichzeitig wurde das Flattern und Fiepen dahinter lauter. Nach einem kurzen und grellen Aufkreischen der Angel, das im Dachboden ein wildes Gestöber auslöste, stand die Tür so weit offen, dass Philipp den Kopf ein Stück durch den Spalt stecken konnte. Obwohl das Licht nicht das allerbeste war, erfasste er mit dem ersten Blick die ganze Spannweite des Horrors. Dutzende Tauben, die sich hier eingenistet und alles knöchel- und knietief mit Dreck überzogen hatten, Schicht auf Schicht wie Zins und Zinseszins, Kot, Knochen, Maden, Mäuse, Parasiten, Krankheitserreger (Tbc? Salmonellen?). Er zog den Kopf sofort wieder zurück, die Tür krachend hinterher, sich mehrmals vergewissernd, dass die Verriegelung fest eingeklinkt war. (Seite 7)

Unentschlossen setzt Philipp sich auf die Vortreppe und bemüht sich erfolglos, die Erinnerungen an die Familiengeschichte fernzuhalten.

Johanna Haug, seine Geliebte, kritisiert seine „familiäre Unambitioniertheit“ (Seite 11).

– Ich beschäftige mich mit meiner Familie in genau dem Maß, wie ich finde, dass es für mich bekömmlich ist.
– Schaut aus wie Nulldiät. (Seite 11)

Seit zehn Jahren sind Philipp und Johanna liiert, aber die Meteorologin, die im Fernsehen Wetterprognosen erläutert, ist verheiratet und hat eine Tochter.

Er ahnt schon, dass Johanna wieder am Boden der Wirklichkeit angelangt ist mitsamt der Erkenntnis, dass er, Philipp Erlach, nicht der Mann ist, der Johanna Haug aus ihrer kaputten Ehe reißt. (Seite 98)

Sie schlafen miteinander. Mitten in der Nacht klingelt Johannas Handy. Ihr Mann Franz fragt, wo sie sei, und sie lügt, sie habe sich übergeben müssen, leide unter heftigem Durchfall und übernachte deshalb bei einer Freundin.

Das Verhältnis mit Johanna hindert Philipp nicht daran, sich auf Quickies einzulassen, wenn die Postbotin vorbeikommt. Dabei kennt er nicht einmal ihren Nachnamen.

Aus eigenem Antrieb besorgt Johanna ihm zwei Schwarzarbeiter: Steinwald und Atamanov. Letzter benötigt das Geld für seine bevorstehende Hochzeit in der Ukraine.

Die beiden scheuchen die Tauben aus dem Dachboden, erschlagen zwei Dutzend Vögel, die noch nicht flügge sind und werfen Mäusenester in den vorm Haus abgestellten Abfallcontainer. Besonders anstrengend und ekelhaft ist es, den festgetrockneten Kot der Tiere zu entfernen.

Als Gegenleistung für die Sachen, die Philipp den beiden überlässt, statt sie in den Müll zu werfen, bringen ihm Steinwald und Atamanov eines Abends einen Grill, Koteletts, Würste und Bier für ein Gartenfest. Mindestens zehn Personen könnten satt werden, aber außer Frau Puwein, einer Freundin Almas, kommt keiner der Nachbarn herüber. Immerhin bringt Frau Puwein einen achtzigjährigen Bekannten mit: Herrn Prikopa.

Anschließend schlägt Steinwald vor, er und Atamanov könnten während der restlichen Zeit im Haus übernachten und weist auf die leer stehenden Zimmer hin. Aber Philipp lehnt das mit der fadenscheinigen Begründung ab, der Boiler reiche nicht für drei Personen.

Weil sich herausstellt, dass es durchs Dach regnet, holen Steinwald und Atamanov Dachdecker, die verfaulte Latten durch neue ersetzen.

Am 20. Juni 2001, zwei Tage, bevor Atamanov und sein Trauzeuge Steinwald in die Ukraine fahren wollen, sind die Arbeiten abgeschlossen. Philipp sägt im Garten eine kleine Fichte um, die mit Steinwalds Hut behängt und auf den First gebracht wird. Philipp lädt zu einem kleinen Fest ein, aber bis auf Frau Puwein und Herrn Prikopa nimmt wieder keiner der Nachbarn die Einladung an, und die beiden alten Herrschaften verabschieden sich ebenso bald wie die Dachdecker. Philipp bleibt mit Steinwald und Atamanov allein. In einem Anfall von Verzweiflung fragt er, ob er sie in die Ukraine begleiten dürfe. Überrascht sagen sie „ja“.

Um seinen Hut vom Dach zu holen, muss Steinwald die längste der vorhandenen Leitern in den Kofferraum seines Autos stellen, damit sie bis zur Dachrinne reicht.

Und Philipp hinterher. Einfach drauflos. Aus so vielen Gründen, von denen einer den andern so unklar macht, dass Philipp am Ende nicht weiß weshalb. Er arbeitet sich von Schneehaken zu Schneehaken, er will bis ganz hinauf, soviel steht fest, er will bis hinauf zum Giebel und und – – die unter ihm wankende Stadt gründlich auspfeifen!
Aber dann sitzt er rittlings über dem frisch reparierten First und freut sich nur, verblüfft über den Wirrwarr, in dem er sich befindet, höchst erstaunt über eine ängstliche, ihn gleichzeitig beschämende Glücksempfindung, die ihn nach links und rechts blicken lässt […] (Seite 388f)

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Unter dem sarkastischen Titel „Es geht uns gut“ erzählt Arno Geiger von drei Generationen einer Wiener Familie und veranschaulicht dabei zugleich politische und gesellschaftliche Wandlungen. Die einundzwanzig Kapitel des Romans sind mit Wochentagen und Daten überschrieben, von „Samstag, 6. August 1938“ bis „Mittwoch, 20. Juni 2001“. Arno Geiger hat sie jedoch nicht chronologisch angeordnet, sondern springt zwischen den Zeitebenen hin und her. Zwischendurch erzählt er immer wieder von den Entrümpelungsarbeiten, die Philipp Erlach von April bis Juni 2001 in der Villa der verstorbenen Großmutter Alma Sterk durchführen lässt. Mehr als einmal sehen wir ihn auf der Vortreppe sitzen. Diese in der Gegenwart spielenden Szenen mit Philipp Erlach als Protagonisten bilden in „Es geht uns gut“ einen Rahmen für die eigentliche Familiengeschichte.

Dass Alma Sterk am 9. Oktober 1989 – als sich die Montagsdemonstrationen in Leipzig unter der Parole „Wir sind das Volk“ zu einer Massenbewegung entwickeln – am Krankenbett ihres dementen Ehemanns über ihr Leben monologisiert, ist vermutlich ebenso wenig Zufall wie die Entrümpelung des Hauses wenige Wochen vor den Terroranschlägen am 11. September 2001 unter anderem in New York, wo Philipps Schwester Sissi mit ihrer Familie lebt.

Arno Geiger erzählt mit viel Liebe zum Detail, großem Einfühlsvermögen und besonderem Gespür für Tragikomik von der Last der Vergangenheit. Dabei versetzt er sich in wechselnde Figuren und stellt das Geschehen aus ihrer subjektiven Sicht im Präsens dar. Es ist ihm gelungen, die Hauptfiguren in „Es geht uns gut“ lebendig und glaubhaft zu porträtieren. Auch wenn Arno Geiger erschütternde Kriegs- und deftige Sexszenen eingebaut hat, kommt es ihm nicht auf Effekthascherei an, sondern auf Alltägliches und scheinbar Unbedeutendes. „Es geht uns gut“ ist ein leiser, unaufdringlicher Roman.

Den Roman „Es geht uns gut“ von Arno Geiger gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Arno Geiger (Regie: Caroline Neven Du Mont, München 2006, 4 CDs, ISBN: 978-3-89940-853-9).

Arno Geiger wurde am 22. Juli 1968 in Bregenz geboren. Er studierte Philologie, Geschichte und Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. 1997 veröffentlichte er seinen Debütroman „Kleine Schule des Karussellfahrens“. „Es geht uns gut“ ist sein vierter Roman.

Arno Geiger: Bibliografie (Auswahl)

  • Das Kürbisfeld (Erzählung, 1996)
  • Kleine Schule des Karussellfahrens (Roman, 1997)
  • Irrlichterloh (Roman, 1999)
  • Alles auf Band oder Die Elfenkinder (Drama, Arno Geiger und Heiner Link, 2001)
  • Schöne Freunde (Roman, 2002)
  • Es geht uns gut (Roman, 2005)
  • Anna nicht vergessen (Erzählungen, 2007)
  • Der alte König in seinem Exil (Roman, 2011)
  • Selbstporträt mit Flusspferd (Roman, 2015)
  • Unter der Drachenwand (Roman, 2018)
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005 / 2009

Arno Geiger: Irrlichterloh
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil
Arno Geiger: Unter der Drachenwand

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