Martin Page : Antoine oder die Idiotie

Antoine oder die Idiotie

Martin Page

Antoine oder die Idiotie

Originalausgabe: Comment je suis devenu stupide Le Dilettante, Paris 2001 Antoine oder die Idiotie Übersetzung: Moshe Kahn Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002 Taschenbuch (WAT 516): 2005 ISBN 3-8031-2516-2, 144 S., 8.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Antoine ist depressiv, denn er ist intelligent. Also beschließt er, sich um den Verstand zu bringen. Nachdem der Versuch, Alkoholiker zu werden, im Ansatz scheiterte und die erwünschte Leukotomie vom Arzt verweigert wurde, meldet Antoine sich in einem Fitnessstudio an, wirft seine Bücher fort, spielt Monopoly statt Schach – und wird Börsenmakler ...
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Kritik

Die Satire "Antoine oder die Idiotie" besteht aus einer Aneinanderreihung von skurrilen Figuren, Albernheiten und verqueren Verhaltensweisen, aber es handelt sich um eine vergnügliche Lektüre über die Lächerlichkeit der modernen Gesellschaft, deren Idole die erfolgreichen Börsenmakler sind.
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Antoine Arakan ist fünfundzwanzig und depressiv. Die Eltern seines Vaters waren in den Dreißigerjahren aus Burma in die Bretagne gekommen und hatten dort 1941 eine eigene Widerstandsabteilung gegen die Deutschen gegründet. Sein Vater fährt als Fischer auf einem Trawler, und seine Mutter, eine Bretonin, arbeitet als Strandaufseherin fürs Umweltministerium. Antoine verließ seine Eltern mit achtzehn und zog nach Paris. Unabhängig vom Fachgebiet studierte er, was ihn interessierte. Seit zwei Jahren ist er Lehrbeauftragter an der Universität Paris V „René-Descartes“. Er bewohnt ein Apartment in der achten Etage eines Mietshauses im Pariser Vorort Montreuil, und wenn ihm das Treppensteigen zu beschwerlich ist, passt er den unter ihm wohnenden Catcher Vlad ab, der ihn dann hinaufträgt. Miete zahlt Antoine keine, weil Monsieur Brallaire, der Hausbesitzer, an Alzheimer leidet und sich nur hin und wieder an ihn erinnert.

Schon immer hatte Antoine den Eindruck, steinalt zu sein. Als er sieben war, fühlte er sich ausgelaugt wie ein Mann von neunundvierzig. Mit elf hatte er bereits alle Enttäuschungen eines Greises von siebenundsiebzig erlebt. Jetzt, mit fünfundzwanzig und in der Hoffnung auf ein etwas angenehmeres Leben, entschloss er sich, das Leichentuch der Idiotie über sein Haupt zu werfen […] Intelligenz macht unglücklich, einsam und arm, während die bloße Maske der Intelligenz einem Menschen die Unsterblichkeit zumindest auf Zeitungspapier einbringt und womöglich noch die Bewunderung derer, die an das glauben, was sie lesen […] Die Ursache seines Unglücks war sein eigener Verstand. (Seite 5f)

Antoine beschließt, sich um seinen Verstand zu bringen, denn während sein Leben die Hölle ist, kennt er eine Menge idiotischer, mit Gewissheiten und Vorurteilen vollgestopfter Leute – und die sind glücklich.

Ein sicheres Mittel, sein Ziel zu erreichen, scheint ihm der Alkoholismus zu sein. Bevor er mit dem Trinken beginnt, geht er in die Bibliothek und leiht einen Stapel Bücher aus, um sich erst einmal eingehend mit dem Thema vertraut zu machen. Dann sucht er das fünfzig Meter von seiner Wohnung entfernte Bistrot „Le Capitaine Éléphant“ auf und vertraut sich einem offenbar erfahrenen Trinker namens Léonard an. Der bestellt ihm als Erstes ein Bier. Antoine hat noch nicht einmal die Hälfte des Glases geleert, da muss ein Krankenwagen gerufen werden, weil er aufgrund einer ihm bis dahin unbekannten „physiologischen Überempfindlichkeit“ gegen Alkohol zusammengebrochen ist.

Die Sanitäter bringen ihn zur Notaufnahme des Krankenhauses La Pitié-Salpêtrière. Dort leben Antoines Onkel Joseph und seine Tante Miranda seit Jahren, je nach ihrer hypochondrischen Laune in einer anderen Abteilung. Sie haben bereits alle Pariser Krankenhäuser und medizinischen Fachbereiche durchlaufen und dabei nur die Psychiatrie gemieden.

Im Bett nebenan liegt eine Patientin. Dass es sich um eine Frau handelt, merkt Antoine nur an der Stimme, denn sie ist eingebunden wie eine Mumie, weil sie sich bei einem missglückten Selbstmordversuch alle Knochen gebrochen hat. Als er sie fragt, ob es ihr erster Versuch gewesen sei, seufzt sie:

„Ich zähle die Versuche schon gar nicht mehr, das würde mich nur deprimieren.“ (Seite 30)

Sie macht Antoine auf einen Kurs für Selbstmörder aufmerksam. Er nimmt daran teil und hört sich Frau Professor Astanavis‘ Ausführungen an:

„Es ist besser zu sterben, solange uns das Leben noch nicht alles genommen hat.“ (Seite 37)

Sobald Antoine sachkundig geworden ist, hat er zwar keine Lust mehr, sich das Leben zu nehmen, aber an seinem Ziel, ein Idiot zu werden, hält er fest, und bei einem Treffen mit seinen Freunden Ganja, Charlotte, Aslee („As“) und Rodolphe in der isländischen Bar „Gudmundsdottir“ liest er ihnen aus seinen Aufzeichnungen darüber vor.

„Ich trage den Fluch des Verstandes mit mir herum. ich bin arm, ledig, deprimiert. Seit Monaten denke ich über meine Krankheit des zu vielen Nachdenkens nach und habe die Wechselbeziehung zwischen meinem Unglücklichsein und der Inkontinenz meines Verstandes zweifelsfrei festgestellt […]
Ein weiser Mensch hat bei einer Diskussion immer den Eindruck, unzulässig zu vereinfachen, und sein einziger Wunsch ist es, zu streichen, bestimmte Wörter mit Sternchen zu versehen, Fußnoten am Ende der Seite und Kommentare am Ende des Buches anzuführen, um darzustellen, was er wirklich denkt […] Tugend ist eine rhetorische Behinderung […]
Die Menschen simplifizieren die Welt durch Sprache und Denken, auf diese Weise gewinnen sie Gewissheiten. Und der Besitz von Gewissheiten ist in dieser Welt ohne Zweifel noch wesentlich wertvoller als Geld, Sex und Macht zusammen.“ (Seiten 50 / 53)

Übrigens stammt As aus Samoa. Bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr lag er in einer Spezialklinik, weil das Phosphor in der Babynahrung, mit der ihn die Mutter gefüttert hatte, versehentlich millionenfach überdosiert gewesen war. As hatte Glück und überlebte. Er ist nur ein wenig geistig behindert und leuchtet im Dunkeln.

Mit einer schematischen Zeichnung des menschlichen Gehirns sucht Antoine den Kinderarzt Dr. Edgar Vaporski auf, bei dem er seit seinem zweiten Lebensjahr Patient ist. Aber Dr. Vaporski weist Antoines Ansinnen schockiert von sich und ist nicht bereit, ihm einen Teil der Großhirnrinde herauszuoperieren. Stattdessen verschreibt er ihm Tabletten („Heurozack“).

Damit nichts mehr seinen Geist stimulieren kann, kündigt Antoine seine Stelle in der Universität und verpackt alle Bücher, Zeitschriften und Notizen in seiner Wohnung in Kartons. Als beherrschendes Symbol seines Vorsatzes stellt er ein altes Fernsehgerät in die Mitte des Raums. Und mit seinen Freunden spielt er Monopoly statt Schach.

Das Ziel dieses Spiels ist ganz einfach: Man muss Geld verdienen, geschickt sein und sich genauso verhalten wie ein blöder Kapitalist. (Seite 78)

Schließlich wagt er sich sogar in ein nahe gelegenes Fast-Food-Restaurant und tritt beherzt an den Schalter.

„Bonjour!“, sagte er zu der jungen Frau, die da vor ihm stand.
„Was wollen Sie?“
Antoine war verzaubert von dieser Ökonomie der Beziehung: Es war gar nicht mehr nötig, eine mechanische Höflichkeitsfloskel von sich zu geben […] Das war letztlich auch viel freier, viel ehrlicher. (Seite 85)

Um den Männern auf den Fotos der Illustrierten ähnlicher zu werden und auf diese Weise vielleicht auch zu einem eigenen Sexualleben vorzustoßen, erwirbt Antoine die Mitgliedschaft in einem Fitness-Studio.

Als die Bank ihm mitteilt, dass sein Konto überzogen sei, meldet er sich der Not gehorchend beim Arbeitsamt.

Der Mann, der nur auf seinen Computerbildschirm starrte, schlug Antoine ein paar Lehrgänge vor, Ausbildungen für Berufe, die ihn nicht interessierten und mit Armut entlohnt wurden. (Seite 92)

Nach diesem Misserfolg erinnert Antoine sich an seinen ehemaligen Schulfreund Raphaël („Ralphi“), der eine Investmentfirma gegründet hatte und reich geworden war. Obwohl Antoine betont, dass er von der Börse nichts versteht, stellt Ralphi ihn ein, und er erhält eine eigene Box im Großraumbüro, wie die anderen siebzig Börsenmakler auch.

Antoine kleidet sich neu ein und gibt sein Apartment zugunsten eines Penthouses in der Nähe der Bastille auf. Er kauft zeitgenössische Kunst und einen roten Porsche, obwohl er keinen Führerschein besitzt und auch gar nicht Auto fahren will. Bald gleicht er den anderen Investmentbankern – bis auf ein wesentliches Merkmal: Er verträgt keinen Kaffee.

Als er versehentlich eine Tasse coffeinfreien Kaffees über die Tastatur seines Computers kippt, sprühen die Funken, doch als der Bildschirm wieder funktioniert, stellt sich heraus, dass Antoine durch das Missgeschick eine ebenso riskante wie lukrative Geldtransaktion mit ein paar hundert Millionen Francs geglückt ist. Ralphi beglückwünscht ihn, und der Erfolg wird groß gefeiert.

An einem Freitag entführen ihn vier Albert-Einstein-Masken tragende Menschen in einem Lieferwagen. Sie bringen ihn gefesselt und geknebelt in sein früheres Apartment, und als sie die Masken abnehmen, sieht Antoine, dass es seine Freunde Ganja, Charlotte, As und Rodolphe sind, die ihn zur Besinnung bringen wollen. Er verrät ihnen, dass er die Heurozack-Tabletten seit einer Woche nicht mehr nimmt und seinen Abgang in Ralphis Investmentfirma vorbereitet hat, indem er einen Virus in den Computer einschleuste. Da der Computer global vernetzt ist, wird sich der Virus über die ganze Welt ausbreiten, und wenn am Montagmorgen die Börsen eröffnen, ist mit einem Tohuwabohu zu rechnen.

Bevor Antoine sich darüber freuen kann, wird er jedoch verhaftet, denn Ralphi hat sich mit dem Geld des Unternehmens in die Schweiz abgesetzt. Bei dem Gerichtsprozess verliert Antoine seinen gesamten Besitz und wird zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

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„Antoine oder die Idiotie“ ist der Debütroman des Franzosen Martin Page (*1975). Den Protagonisten hat Martin Page nur so weit charakterisiert, wie es für die Darstellung der Grundidee der Satire erforderlich ist, und die übrigen Figuren sind nicht mehr als Schemen. Der Roman zeichnet sich auch nicht durch einen anspruchsvollen Aufbau aus, sondern besteht mehr oder weniger aus einer Aneinanderreihung von skurrilen Figuren, Albernheiten und verqueren Verhaltensweisen. Aber es handelt sich um eine vergnügliche Lektüre über die Lächerlichkeit der auf Konsumzwang und sinnlosem Leistungsdruck beruhenden modernen Gesellschaft, deren Idole die erfolgreichen Börsenmakler sind.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Wagenbach

Martin Suter - Lila, Lila
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