Bärbel Reetz : Die russische Patientin

Die russische Patientin

Bärbel Reetz

Die russische Patientin

Die russische Patientin Originalausgabe: Insel Verlag, Frankfurt/M / Leipzig 2006 ISBN 3-458-17290-4, 331 Seiten, 19.80 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In ihrem Roman "Die russische Patientin" schildert Bärbel Reetz, wie sie 2004/05 den Spuren von Sabina Spielrein (1885 – 1942) folgte. Parallel dazu entwickelt sie mit Hilfe des gesammelten Materials ein Porträt der Jüdin aus Rostow am Don, die sich nach dem Abitur in Zürich einer Psychoanalyse durch C. G. Jung unterzog und sich in ihren zehn Jahre älteren verheirateten Therapeuten verliebte, der gegen alle Regeln der Profession eine Affäre mit ihr begann ...
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Kritik

"Die russische Patientin" ist eine Komposition aus sehr verschiedenen Elementen. Deutlich wird, wie mühsam und schwierig es ist, sich einer Grenzgängerin wie Sabina Spielrein zu nähern, einer außergewöhnlichen Frau im Spannungsfeld zwischen Ost und West, Marxismus und Psychoanalyse, Juden und Nichtjuden.

In ihrem Roman „Die russische Patientin“ schildert Bärbel Reetz (*1942) tagebuchartig, wie sie nach Spuren von Sabina Nikolajewna Spielrein (1885 – 1942) sucht. Parallel dazu entwickelt sie mit Hilfe des gesammelten Materials ein Porträt der Russin, die 1904 als Patientin zu Carl Gustav Jung nach Zürich kam, weil sie unter nächtlichen Angstausbrüchen, Tics und zwanghaften Verhaltensweisen litt.

Beinzuckungen, Herausstrecken der Zunge, ruckweises Rotieren des Kopfes, Grimassen, Abwehrbewegungen (Seite 53)

Der aus Warschau stammende jüdische Vater Nikolai Arkadjewitsch Spielrein, der sich 1883 als Großhändler für Getreide und Kunstdünger in Rostow am Don niedergelassen und im Jahr darauf die ebenfalls jüdische Zahnärztin Eva Markowna Ljublinskaja geheiratet hatte, scheint seine älteste Tochter Sabina ebenso wie deren Geschwister – Jan, Oskar, Emilja, Emil – geprügelt zu haben, wenn er es aus erzieherischen Gründen für erforderlich hielt.

Später erinnert sich Sabina an diese Mischung aus Furcht und Erregung, die sie erfasste, wenn der Vater die Hand hob, die Brüder zu schlagen. Oder sie selbst: Hose runter. Ihr Geschlecht. Ihr nacktes Hinterteil. Die Schläge. Der Schmerz. Und mehr: Zittern, Erregung. Bald schon genügt es, wenn er die Hand hebt, um sie in lustvolle Erwartung zu versetzen. Welch eine Beunruhigung. Verstörung. (Seite 27)

Mit Beginn der Pubertät begann das Mädchen exzessiv zu masturbieren und entwickelte im Lauf der Zeit immer stärker ausgeprägte neurotische Störungen. Nach dem glänzend bestandenen Abitur wurde Sabina Nikolajewna von ihrer Mutter und deren Bruder in das von Eugen Bleuler (1857 – 1939) geleitete Privatsanatorium „Burghölzli“ bei Zürich gebracht, wo sie von dem zehn Jahre älteren Psychologen Carl Gustav Jung (1875 – 1961) mit der von Sigmund Freud (1856 – 1939) in Wien entwickelten psychoanalytischen Methode behandelt wurde.

Gegen alle Regeln der Profession fingen der Psychoanalytiker und seine russische Patientin eine Affäre an.

[…] Sabina Nikolajewna hatte, bei aller Faszination, die von ihr ausgegangen sein mochte, den wohlsituierten Privatdozenten oft genug mit ihrer Kompromisslosigkeit, dem Fehlen von Opportunität und äußerem Anstand erschreckt und hilflos gemacht. Darüber klagte er in einem Brief an Freud, nannte Spielrein rücksichtslos, sah in ihrem Verhalten eine „russische Eigenthümlichkeit“, die ihn zugleich abstieß und magisch anzog. Ihre überbordenden Gefühlsäußerungen, ihr Schwanken zwischen Hochgefühl und Melancholie, ihr leidenschaftliches Eintreten für Ideale, ihre bedingungslose Liebe und Opferbereitschaft waren ihm jedoch fremd geblieben. Auch ihre politischen Ideen hatte er als weltfremd abgetan. Und oft genug entging ihm, so klagt sie im Tagebuch, dass er sie gekränkt, ihr Ehrgefühl verletzt, ihre Ambiti missachtet hatte. (Seite 194f)

Erst als Jung einen Skandal befürchtete, beendete er das Verhältnis mit Sabina Spielrein (fing jedoch bald darauf mit einer weiteren Patientin – Antonia („Toni“) Wolff – eine neue Liebschaft an).

Dann, am 4. Dezember 1908, sein Brief an die „Pension Hohenstein“. Seine Reue, Angst, dass alles, was er erreicht hat, durch ihre Beziehung in Frage gestellt ist: die berufliche Karriere, seine Familie. Er klagt sich an, bittet sie, ihm zu verzeihen, dass er seine ärztlichen Pflichten vernachlässigte, ihr Hoffnungen gemacht hat. Schwach sei er und unbeständig, fürchtet sich, dass sie sich an ihm rächen wird, spricht wieder von dem Menschen, den er sucht, der ihn liebt und versteht, ohne ihn einzusperren und auszusaugen, und gibt zu, dass er des Glückes der Liebe, der stürmischen, ewig wechselnden Liebe, für mein Leben nicht entrathen kann […] (Seite 234f)

Am 7. März 1909 schrieb Carl Gustav Jung an Sigmund Freud: „Sie [Sabina Spielrein] machte mir einen wüsten Skandal ausschließlich deshalb, weil ich auf das Vergnügen verzichtete, ihr ein Kind zu zeugen.“ (Seite 182) Die junge Frau wandte sich in ihrer Verzweiflung am 30. Mai 1909 ebenfalls an Sigmund Freud und bat ihn, sie zu empfangen, aber das lehnte der Wiener Begründer der Psychoanalyse zunächst ab.

Jung klagte am 4. Juni in einem weiteren Schreiben an Freud: „Sie hatte es natürlich planmäßig auf meine Verführung abgesehen, was ich für inopportun hielt. Nun sorgt sie für Rache.“ (Seite 183) Freud versuchte ihn zu beruhigen: „Kleine Laboratoriumsexplosionen werden bei der Natur des Stoffes, mit dem wir arbeiten, nie zu vermeiden sein.“ (Seite 184) Und am 10. Juli 1909 bedankte C. G. Jung sich bei Freud für die Unterstützung in der „Spielrein-Angelegenheit“. Dieser Briefwechsel von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung zeugt von einer männlichen Kumpanei gegen eine verzweifelte Frau, die sich aus Liebeskummer mit Selbstmordgedanken trug.

Nein, sie ist nicht ruhig, nicht glücklich, ist krank vor Sehnsucht, zerrissen zwischen ihrer Liebe und der Notwendigkeit, die Tatsachen anzuerkennen: Frau, Kinder, eine bürgerlich sichere Existenz, die er nicht aufgeben will. (Seite 296)

Sabina Spielrein studierte seit April 1905 an der medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Anfang 1911 promovierte sie mit einer Dissertation „Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie“. Im Winter 1911/12 lernte sie den fünf Jahre älteren Arzt Dr. Feifel Notowitsch (Pawel Naumowitsch) Scheftel kennen. Die beiden heirateten am 1. Juni 1912 und ließen sich in Berlin nieder, wo im Dezember 1913 ihre Tochter Renata geboren wurde.

Ich bin ihr nachgefahren. Eine neue Stadt. Eine andere Universität. Vorlesungen in Kunst- und Musikgeschichte. Keine Verbindung zur medizinischen Fakultät. Sie ist eine Ärztin ohne Patienten. Ist selbst wieder krank. Versucht sich zu heilen mit Farben, Formen, Tönen. Und kommt nicht los von den Gedanken an Liebe und Tod, den ewigen Kreislauf. Begegnet überall denselben Vorurteilen gegen Frauen, die einen anderen Weg einschlagen als den, den die Männer vorzeichnen. (Seite 17)

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, zog Sabina Spielrein mit ihrer Tochter nach Lausanne; von 1921 bis 1923 lebte sie nacheinander in drei verschiedenen Wohnungen in Genf. Dann zog sie nach Moskau und im Jahr darauf nach Rostow. Ihr Mann, der inzwischen ein Verhältnis mit seiner Kollegin Olga Snetkowa hatte, die 1924 ein Kind von ihm bekam, kehrte schließlich wieder zu ihr zurück, und am 18. Juni 1926 wurde Sabina Spielrein von ihrer zweiten Tochter entbunden: Eva.

Sabinas Mutter war 1922 gestorben. In der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre verlor sie auch ihren Ehemann, ihren Vater und die drei Brüder, die vermutlich in Lagern bzw. Gefängnissen umkamen.

Am 22. Juni 1941 überfielen die Deutschen Russland. Ein Jahr später, am 24. Juli 1942, nahmen sie Rostow ein. Die in der Stadt am Don lebenden Juden mussten sich am 11./12. August 1942 in einem Schulgebäude versammeln und dann zur Smijowskaja Balka (Schlangenschlucht) marschieren, wo sie erschossen wurden (Holocaust). Darunter waren auch die fünfundfünfzigjährige Sabina Spielrein und ihre beiden Töchter Renata und Eva.

2004/05 folgt Bärbel Reetz den Spuren der russischen Patientin und Psychoanalytikerin Sabina Spielrein in Wien, Graz, München, Berlin, Moskau, Sankt Petersburg, Zürich und Rostow. Zeitweise wird sie von anderen Personen begleitet, die sie zwar erwähnt, jedoch nicht näher beschreibt: Martha, Bruno und einem Mann, dessen Namen sie mit I. abkürzt. Bärbel Reetz steht vor Häusern, in denen Sabina Spielrein wohnte, redet mit Personen, die etwas über „die russische Patientin“ wissen könnten und sucht in Archiven nach Fakten und Dokumenten.

Ich bin ungeduldig, ihr Haus, ihre Straße, ihre Stadt zu sehen, ihre Spuren zu suchen. Wer kennt hier noch ihren Namen? Wer erinnert sich? Werde ich Dokumente finden? Personen, die sie gekannt haben? (Seite 282)

Auch wenn es keine klaren Erkenntnisse, gibt, protokolliert sie das.

Ich frage, ob Sabina Nikolajewna auch an der Universität gelehrt hat. Vielleicht. Die [von Bärbel Reetz befragten] Psychologen zucken die Achseln. Kann sein. Kann aber auch nicht sein. (Seite 313)

Bärbel Reetz zitiert aus Briefen und Dokumenten. Hin und wieder macht sie sich eine Vorstellung über ein ungesichertes Detail im Leben von Sabina Spielrein, malt sich aus, wie es gewesen sein könnte. Einmal erzählt sie ausführlich, wie sie in Rostow auf einen ebenso unwilligen wie geldgierigen Archivar trifft (Seite 286ff). Sie gibt Hinweise auf Tagesereignisse (wie das Geiseldrama von Beslan am 3. September 2004), referiert Kurzbiografien anderer Patienten von C. G. Jung (z. B.: Otto Hans Adolf Gross, 1877 – 1920; Seite 13ff, 172f), die Sabina Spielrein gekannt haben könnten und beschreibt Impressionen von ihren Reisen nach Moskau und Rostow in den Jahren 2004 bzw. 2005 („Schön sind die Mädchen […] Die Röcke sehr kurz, die Beine sehr lang […]“ – Seite 300f). Auf den Seiten 261 bis 275 lesen wir ein „Solo mit E. – Eine Irritation“. Es spielt 1903 bis 1933 in Zürich, Wien und Berlin, 1913 bis 1933 in Berlin und 1937/38 in Paris. Außer dem zwielichtigen Brüderpaar Mark Eitingon („E.“) und Naum Eitingon treten auf: Lew Trotzki, dessen Tochter Sinaida Wolkowa, der Trotzkist Adolf Abramowitsch Joffe, Nikolai Skoblin, ein ehemaliger General der Weißgardisten, dessen Ehefrau Nadeshda Wassiljewna Plewizkaja, Aron Steinberg, der Gründer der Freien Philosophischen Vereinigung in Petrograd, Alix Strachey, ein Mitglied des Bloomsbury Circle um Virgina Woolf, der ungarische Psychoanalytiker Sándor Rádo, Sigmund Freud, dessen Tochter Anna Freud, C. G. Jung und die Autorin. „Was hat das alles mit Sabina Nikolajewna zu tun?“, fragt Bärbel Reetz selbst (Seite 94).

„Die russische Patientin“ ist eine Komposition aus sehr verschiedenen Elementen. Das Buch beginnt mit stakkatoartigen Kurzsätzen („Der Tag: grau, trocken. Wien neu gestrichen. Vor der Albertina lange Schlangen.“ – Seite 10). Wenn die Autorin sich vorstellt, wie ein Erlebnis ihrer Protagonistin gewesen sein könnte, werden die Sätze länger. Einzelne Ergebnisse der Recherchen beschreibt Bärbel Reetz dann wieder in einer sachlich-nüchternen Sprache. Deutlich wird, wie mühsam und schwierig es ist, sich einer Grenzgängerin wie Sabina Spielrein zu nähern, einer außergewöhnlichen Frau im Spannungsfeld zwischen Ost und West, Marxismus und Psychoanalyse, Juden und Nichtjuden.

Die Erbengemeinschaft C. G. Jung legte Wert auf die Feststellung, dass es sich bei „Die russische Patientin“ um einen Roman handelt, „dessen Thema zwar durch historische Fakten angeregt, im Übrigen aber durch die literarische Imagination der Autorin frei gestaltet wurde“ (Seite 328).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Insel Verlag

Sabina Spielrein (Kurzbiografie)
Sigmund Freud (Kurzbiografie)

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