Jean-Paul Sartre : Die Fliegen

Die Fliegen

Jean-Paul Sartre

Die Fliegen

Originaltitel: Les mouches Uraufführung: Paris 1943 Die Fliegen Deutschsprachige Erstaufführung: Zürich 1944 Buchausgabe: Rowohlt Taschenbuch Verlag Übersetzung: Gritta Baerlocher
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem Agamemnon, der König von Argos, aus dem Trojanischen Krieg zurückgekehrt war, beobachteten die Bürger Königin Klytämnestra mit ihrem Geliebten Ägisth in der Abendsonne auf den Zinnen der Stadt und dachten: "Das wird schlecht enden." Aber sie sagten nichts. Insgeheim gierten sie danach, Zeugen einer blutigen Tat zu werden ...
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Kritik

Jean-Paul Sartre verwendet den Rahmen der Atridensage für ein packendes Drama über Freiheit und Unfreiheit. Auf eindringliche Weise zeigt er, dass Unfreiheit nur durch die Entscheidung zur Tat aufgehoben werden kann. Die Durchführung der Tat und das Bekenntnis zu ihr versteht er als Akt der Freiheit.
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Nachdem Agamemnon, der König von Argos, aus dem Trojanischen Krieg zurückgekehrt war, beobachteten die Bürger Königin Klytämnestra mit ihrem Geliebten Ägisth in der Abendsonne auf den Zinnen der Stadt und dachten: „Das wird schlecht enden.“ Aber sie sagten nichts. Insgeheim gierten sie danach, Zeugen einer blutigen Tat zu werden. Ägisth ermordete den König und usurpierte den Thron. Um kein Risiko einzugehen, befahl er, Agamemnons dreijährigen Sohn Orest ebenfalls zu beseitigen. Doch die Männer hatten Mitleid und setzten das Kind lebend im Wald aus. Dort wurde Orest von reichen Bürgern aus Athen gefunden. Sein Pädagoge gab ihm Bücher, um ihn „mit der Verschiedenheit der menschlichen Meinungen vertraut zu machen“ und er führte ihn durch hundert Staaten, um zu beweisen, „welch ein veränderliches Ding die Sitten der Menschen sind“. „Befreit von aller Knechtschaft und von jeglichem Glauben“, wuchs Orest heran, „ohne Familie, ohne Heimat, ohne Religion, ohne Beruf, frei für jede Verpflichtung und wissend, dass man sich nie verpflichten soll“.

Am 15. Jahrestag der Ermordung seines Vaters kehrt Orest mit seinem Pädagogen nach Argos zurück. Um nicht aufzufallen, nennt er sich Philebes und behauptet, aus Korinth zu stammen. Aber die Bürger begegnen den Reisenden argwöhnisch, geben ihnen keine Antwort, wenn sie nach dem Weg fragen und ziehen sich vor ihnen in ihre Häuser zurück. Nur ein Irrer bleibt sitzen, als sie ihn ansprechen.

Seit dem Verbrechen wimmelt es in der Stadt von Fliegen. Ägisth hat dafür gesorgt, dass die Menschen durch ihre Reue niedergehalten werden, und das Volk in seiner feigen Unterwürfigkeit hat sich an das Schuldgefühl und die Gewissensqualen gewöhnt. Nicht selten läuft einer durch die Straßen und beichtet schreiend seine Sünden. Am Jahrestag des Mordes versammeln sich die Bewohner von Argos morgens in den nahen Bergen vor einer Höhle, in der angeblich die Toten hausen. Dann wird der Stein vom Eingang weggerollt: Für einen Tag und eine Nacht kehren die Toten unter die Lebenden zurück. Ägisth, der dieses Zeremoniell eingeführt hat, um das Schuldgefühl des Volkes immer wieder zu erneuern, ist müde und findet es anstrengend, die Komödie weiterzuspielen, aber er weiß, dass er nur so seine Macht aufrechterhalten kann. Er selbst empfindet keine Reue wegen des Mordes: „Ich empfinde keine, aber niemand in Argos ist so traurig wie ich.“

Agamemnons Tochter Elektra muss wie eine Sklavin im Palast das Geschirr spülen und die Wäsche waschen. „Es ist eine sehr schmutzige Wäsche, voller Unrat.“ Jeden Morgen kippt sie den Mülleimer vor einer Jupiterstatue aus. Nur eines hält sie aufrecht: Sie hofft seit Jahren auf die Rückkehr ihres Bruders Orest und dessen blutige Rache an Ägisth und Klytämnestra. Zu dem Totenzeremoniell erscheint sie statt im schwarzen im weißen Gewand und erwidert auf die Vorhaltungen des Königs: „Warum trauern? Ich habe keine Angst vor meinen Toten, und mit den Furien habe ich nichts zu schaffen.“ Die Gesetze der Stadt verbieten es, an dem Festtag zu strafen, doch Ägisth droht Elektra an, sie wegen des Frevels am nächsten Tag aus der Stadt zu jagen.

Als Orest sich seiner Schwester zu erkennen gibt, will diese nicht wahrhaben, dass der sanfte Junge, der in einer glücklichen Stadt aufgewachsen ist und sein Schwert noch nie benützt hat, ihr Bruder ist: „Geh, schöne Seele. Ich kann nichts anfangen mit schönen Seelen: einen Helfershelfer, das ist es, was ich wollte.“ Orest legt seine jugendliche Unbeschwertheit ab und bleibt: „Was geht mich das Glück an. Ich will meine Erinnerungen, meinen Boden, meinen Platz inmitten der Leute von Argos. … Ich will ein Mensch sein, der irgendwohin gehört, ein Mensch unter Menschen. … Ich bin zu leicht, ich muss mich mit einer schweren Freveltat belasten, sodass ich auf den Grund gehe, bis auf den schweren Grund von Argos.“ Er durchschaut, wie Ägisth und Klytämnestra das Volk in Unfreiheit halten – und beschließt, die beiden zu töten.

Jupiter warnt Ägisth und will die Tat verhindern. Er versichert dem König, wenn er Agamemnon nicht getötet hätte, wäre dieser drei Monate später an den Brüsten einer Sklavin einem Schlaganfall erlegen. Der Mord sei nützlich gewesen: „Um eines toten Menschen willen zwanzigtausend andere in Reue vergehend, das ist die Bilanz.“ Er erinnert Ägisth an „das schmerzliche Geheimnis der Götter und der Könige: dass nämlich die Menschen frei sind. Sie sind frei, Ägisth. Du weißt es, und sie wissen es nicht.“ Orest jedoch habe begriffen, dass er frei ist – das mache ihn so gefährlich. Doch als der König von Jupiter verlangt, Orest zu zerschmettern, erwidert der Gott mit leiser Stimme: „Wenn einmal die Freiheit in einer Menschenseele aufgebrochen ist, können die Götter nichts mehr gegen diese Menschen.“

Nachdem Orest mit Elektras Hilfe in den Palast eingedrungen ist und das Königspaar ermordet hat, flüchten die Geschwister in das nahegelegene Heiligtum des Apoll. Dort werden sie von den Erinnyen umschwirrt.

Elektra erträgt ihre Schuldgefühle kaum, und als Orest seine Schwester daran erinnert, dass sie den Mord gemeinsam beschlossen, entgegnet sie: „Ich habe dieses Verbrechen geträumt. Du aber, du hast es begangen.“ Jahrelang hatte sie ihre Erniedrigung erduldet und dabei von der blutigen Rache ihres Bruders geträumt, doch selbst zu handeln wäre ihr nie in den Sinn gekommen. „Dieb!“, schimpft sie. „Ich besaß fast nichts für mich allein als ein wenig Ruhe und einige Träume. Du hast mir alles genommen, du hast eine Arme bestohlen.“

Jupiter verspricht Orest und Elektra den Thron von Argos für den Fall, dass sie sich von ihrer Tat lossagen und sie bereuen. Als Orest ihm vorhält, er sei frei, erinnert er ihn daran, dass vor dem Tor des Heiligtums die wütende Menge darauf warte, ihn zu töten: „Wenn du zu behaupten wagst, du seist frei, dann müsste man auch die Freiheit des Gefangenen rühmen, der mit Ketten beladen zuunterst in einem Verlies liegt, und die eines gekreuzigten Sklaven.“ „Warum nicht?“, meint Orest ungerührt, und auf Jupiters Frage, wer ihn erschaffen habe, antwortet er: „Du! Aber du hättest mich nicht frei erschaffen sollen.“ Darauf Jupiter: „Ich habe dir deine Freiheit gegeben, damit du mir dienst.“ Doch Orest lässt sich nicht beirren: „Möglich, aber sie hat sich gegen dich gewendet, und wir können nichts dafür, weder der Eine noch der Andere. … Ich werde nicht unter dein Gesetz zurückkehren: ich bin dazu verurteilt, kein anderes Gesetz zu haben als mein eigenes. … Denn ich bin ein Mensch, Jupiter, und jeder Mensch muss seinen Weg erfinden.“

Als Jupiter von Elektra „ein bisschen Reue“ verlangt, warnt Orest seine Schwester: „Hüte dich, Elektra: dieses Nichts wird auf deiner Seele lasten wie ein Berg.“ Doch er kann sie nicht davon abhalten, Jupiters Beistand zu erflehen und auf ihre Freiheit zu verzichten. „Hilfe! Jupiter, König der Götter und der Menschen, mein König, nimm mich in deine Arme, hole mich weg, schütze mich. Ich werde deinem Gesetz folgen, ich werde deine Sklavin sein und dein Ding, ich werde deine Füße und deine Knie küssen. Bewahre mich vor den Fliegen, vor meinem Bruder, vor mir selbst, lasse mich nicht allein. Ich werde mein ganzes Leben der Sühne weihen. Ich bereue, Jupiter, ich bereue.“

Orest befiehlt dem Pädagogen, das Tor des Heiligtums zu öffnen. Die Menge droht, Orest zu steinigen. Doch als er das Wort ergreift, wird es still: „Leute von Argos, ihr habt verstanden, dass mein Verbrechen mir gehört; ich nehme es für mich in Anspruch vor dem Angesicht der Sonne, es ist der Grund meines Lebens und mein Stolz … Eure Schuld und eure Reue, eure nächtlichen Ängste, das Verbrechen des Ägisth, all das ist mir, ich nehme es auf mich. Fürchtet eure Toten nicht mehr, es sind meine Toten. Und schaut: Eure treuen Fliegen haben euch verlassen und sind bei mir.“ Dem Thron entsagt er: „Ich will ein König ohne Land und ohne Untertanen sein.“ Er fordert die Menschen zu einem Neubeginn auf und meint: „Auch für mich beginnt das Leben. Ein sonderbares Leben.“ Dann verlässt er die Stadt, und die Erinnyen folgen ihm.

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Jean-Paul Sartre verwendet den Rahmen der Atridensage für ein packendes Drama über Freiheit und Unfreiheit. Auf eindringliche Weise zeigt er in „Die Fliegen“, dass Unfreiheit nur durch die Entscheidung zur Tat aufgehoben werden kann. Die Durchführung der Tat und das Bekenntnis zu ihr versteht er als Akt der Freiheit.

Als die Deutschen Frankreich besetzten, verfasste Jean-Paul Sartre das Drama „Die Fliegen“, um seine Landsleute zum Widerstand aufzufordern. (Die Uraufführung fand 1943 in Paris statt.) Später meinte er im Vorwort: „Nach unserer Niederlage im Jahre 1940 verfielen zu viele Franzosen der Mutlosigkeit oder gaben in ihrem Innern der Selbstverleugnung Raum. Ich aber schrieb „Die Fliegern“ und versuchte, zu zeigen, dass Selbstverleugnung nicht die Haltung war, die die Franzosen nach dem militärischen Zusammenbruch unseres Landes wählen durften. Unsere Vergangenheit existierte nicht mehr. Sie war uns in der Hand zerronnen, ohne daß wir Zeit hatten, sie festzuhalten, sie weiterhin zu beachten, um sie zu begreifen. Neu aber war – auch wenn ein feindliches Heer Frankreich besetzt hatte – die Zukunft!“

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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