Benedict Wells : Vom Ende der Einsamkeit

Vom Ende der Einsamkeit
Vom Ende der Einsamkeit Originalausgabe: Diogenes Verlag, Zürich 2016 ISBN: 978-3-257-06958-7, 357 Seiten ISBN: 978-3- (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 41-jährige Jules Moreau kommt 2014 nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus zu sich. Zunächst protestiert er gegen die Unterstellung, er habe sich das Leben nehmen wollen, aber dann beginnt er, sich mit Traumata und Ver­drän­gun­gen in seinem Leben aus­einander­zu­setzen. Jules war zehn Jahre alt, als er und seine beiden etwas älteren Geschwister von einem Tag auf den anderen Vollwaisen wurden und eine Tante sie in ein Internat brachte ...
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Kritik

In seinem Roman "Vom Ende der Einsamkeit" erzählt Benedict Wells eine feine, mehrfach gespiegelte Selbst­findungs­geschichte. Tragische Ereignisse bilden entscheidende Wende­punkte, aber die Lektüre ist nicht deprimierend, sondern ermutigend.
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Liz und ihre jüngeren Brüder Marty und Jules wachsen in ihrer Geburtsstadt München auf. Die Mutter Magdalena ist Lehrerin, der Vater Wirtschaftsprüfer. Stéphane Moreau stammt aus dem Dorf Berdillac bei Montpellier. Dort besucht die Familie jedes Jahr in den Sommerferien seine Mutter. Sein Bruder Eric war im Alter von 21 Jahren bereits vor Liz‘ Geburt gestorben.

Am 8. Januar 1984 kommen Stéphane und Magdalena Moreau bei einem Autounfall ums Leben. Von einem Tag auf den anderen sind die 14, 13 bzw. elf Jahre alten Kinder Vollwaisen. Tante Helene, Magdalenas in München lebende ältere Schwester kümmert sich um Liz, Marty und Jules. Sie bringt alle drei in ein billiges Internat, wo die Geschwister voneinander getrennt werden.

Durch den plötzlichen Tod der Eltern und die Konfrontation mit dem Leben im Internat werden die Geschwister aus der Bahn geworfen. Aus dem abenteuerlustigen Draufgänger Jules, der vor keiner Mutprobe zurückschreckte, wird ein schüchterner Schüler. Marty mutiert zum Außenseiter, Nerd und Zwangsneurotiker. Liz, die schon als Kind alles tat, um im Mittelpunkt zu stehen, steigert dieses Bedürfnis im Internat: Sie demonstriert Selbstbewusstsein, inszeniert sich als Rebellin und lenkt sich ruhelos mit Sex, Drogen und Alkohol ab. Bewunderung ist ihr wichtiger als Zuneigung.

Als Jules kurz vor seinem 14. Geburtstag wieder einmal seinen in einem anderen Trakt des Internats untergebrachten Bruder besuchen möchte, überwältigen ihn ein paar ältere Schüler, und er schreit vergeblich um Hilfe. Martys Türe bleibt zu. Die Angreifer machen sich einen Spaß daraus, Jules voll bekleidet unter eine Dusche zu stellen. Danach wollen sie ihn weiter demütigen, indem sie ihn ausziehen und nackt im Mädchen-Flügel aussetzen. Aber Martys Zimmernachbar, der Österreicher Toni Brenner, geht dazwischen und befreit Jules.

Während die Geschwister Weihnachten 1987 bei ihrer Tante Helene in München verbringen, ertappt Jules seine inzwischen 17-jährige Schwester mit einem Joint. Marty erzählt Tante Helene, dass Liz im Internat als Schlampe gelte. Liz verlässt erzürnt das Zimmer, und nach den Weihnachtsferien bricht sie den Schulbesuch ab.

Während Jules im Alter von 19 Jahren das Abitur macht, studiert Marty in Wien Informatik, und Liz hält sich in London auf. Bevor Jules seinen Zivildienst in München beginnt, schlägt er seiner gleichaltrigen platonischen Freundin Alva vor, sich in der bayrischen Hauptstadt eine Wohnung mit ihm zu teilen. Sie verspricht, es sich überlegen. Am nächsten Tag will Jules sie besuchen. Ihre Mutter lässt ihn ins Haus. Sie sagt, Alva sei oben in ihrem Zimmer und rät ihm, gar nicht erst anzuklopfen, weil Alva bei lauter Musik in den Kopfhörern ohnehin nichts davon mitbekommen würde. Jules öffnet die Tür – und ertappt Alva beim Geschlechtsverkehr mit einem Fremden. Bestürzt rennt Jules nach unten. Es ist das abrupte Ende einer engen Freundschaft.

Nach dem Zivildienst beginnt Jules in München ein Jurastudium. Aber das erweist sich als Fehlgriff. Verstört zieht er ans andere Ende von Deutschland: nach Hamburg.

Liz, die inzwischen in Berlin lebt, verlobt sich 1997 mit dem erfolgreichen Jazz-Pianisten Robert Schwan. Vier Monate später eilt Jules nach Berlin, denn Liz hat einen Nervenzusammenbruch erlitten. Vor Ort erfährt Jules, dass Robert sich von Liz trennte und sie eine Abtreibung vornehmen ließ.

Im Sommer 1998 verbringen die drei Geschwister einige Tage gemeinsam in Berdillac. Marty hat seine Freundin Elena dabei, die an ihrer Dissertation in Psychologie arbeitet.

Jahrelang versucht Jules sich als Fotograf. 2000 hört er damit auf, zieht von Hamburg nach Berlin und fängt im Management des Musiklabels „Yellow Records“ zu arbeiten an.

Liz, die ihm die Stelle vermittelte, hat ihr Abitur auf der Abendschule nachgeholt und studiert nun in Berlin aufs Lehramt. Musik, Kunst und Deutsch hat sie sich als Fächer ausgesucht.

Marty verkauft sein vor einigen Jahren aufgebautes IT-Unternehmen für viel Geld, wird Dozent an der Technischen Universität München und kauft für sich und Elena eine große Villa am Englischen Garten. Sie wollen heiraten.

Jules schickt Alva nach seinem 30. Geburtstag im Januar 2003 eine kurze E-Mail. Als er schon gar nicht mehr mit einem Echo rechnet, antwortet Alva darauf, und sie verabreden sich in München, auf halbem Weg zwischen Berlin und Luzern, wo Alva nun lebt. Seine Hoffnung, an die Jugendfreundschaft anknüpfen zu können, erfüllt sich nicht, denn Alva ist verheiratet. Enttäuscht kehrt er nach Berlin zurück.

Ihr Geschenk packt er erst zweieinhalb Jahre später aus, nach einem Besuch bei Marty in München, der zu ihm sagte:

„Du musst endlich die Vergangenheit vergessen. Weiß du, wie viele Menschen es schlechter hatten als wir? Du bist nicht schuld an deiner Kindheit und am Tod unserer Eltern. Aber du bist schuld daran, was diese Dinge mit dir machen. Du allein trägst die Verantwortung für dich und dein Leben. und wenn du nur tust, was du immer getan hast, wirst du auch nur bekommen, was du immer bekommen hast.“

Bei dem Geschenk handelt es sich um ein Taschenbuch: „Der verwandelte Gedanke und andere Erzählungen von A. N. Romanow“. Jules erinnert sich, wie begeistert Alva als Schülerin von dem russischen Schriftsteller war. Aus der Widmung des Autors schließt er, dass es sich bei Alexander Nikolaj Romanow um ihren Ehemann handelt. Die beiden laden ihn ein. Seit zwei Jahren bewohnen sie ein Chalet in dem Dorf Eigenthal am Fuß des Pilatus südlich von Luzern.

Alexander Nikolaj Romanow ist 67, mehr als doppelt so alt wie Alva. Die beiden lernten sich vor zehn Jahren bei einem Symposium in St. Petersburg kennen, bei dem Alva als Übersetzerin jobbte.

Nach ein paar Tagen schlägt Alexander dem Besucher vor, für längere Zeit zu bleiben. Kurz entschlossen kündigt Jules seine Anstellung in Berlin. Während er in dem Schweizer Chalet zu schreiben anfängt, gesteht Alexander ihm, dass er seit sechs Jahren nichts mehr veröffentlicht habe. Vor zwei Jahren diagnostizierten die Ärzte bei ihm ein Prostata-Karzinom, und bei den Untersuchungen stellte sich heraus, dass er außerdem an Alzheimer erkrankt ist. Anders als der Krebs schreitet die Degeneration des Gehirns rasch fort. Alexander erklärt Jules, die Zukunft überlasse er ihm und Alva. Zugleich verlangt er, dass Jules nicht mit Alva intim wird, solange er noch am Leben ist.

Einige Zeit später werden sie es doch. Es bleibt Alexander nicht verborgen, und trotz seiner Gebrechlichkeit greift er Jules heftig an.

Alva bereitet alles dafür vor, dass ihr Ehemann an Weihnachten 2006 vom Christianstift in Zürich aufgenommen wird. Während sie am 17. Dezember beim Einkaufen ist, findet Jules seinen Gastgeber im Keller vor. Alexander ist verwirrt und überlegt, warum er in den Keller ging. Jules kennt den Grund. Er drückt dem Schwerkranken, der früher ein passionierter Jäger war, eines der Gewehre in die Hand. Da begreift Alexander, dass er vorhatte, sich das Leben zu nehmen, um nicht in ein Heim zu müssen. Er zittert. Jules umarmt ihn zum Abschied und verlässt das Chalet.

Nach Alexanders Suizid editiert Jules eine posthume Buchausgabe mit fünf Erzählungen. Drei davon verfasste Alexander Nikolaj Romanow, zwei weitere stammen von Jules, aber er befolgt Alexanders ausdrücklichen Wunsch und veröffentlicht sie unter dem Namen des russischen Schriftstellers.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Alva ist im sechsten Monat mit Zwillingen schwanger, als sie und Jules im Sommer 2007 von München, wo sie inzwischen wohnen, nach Italien in den Urlaub fahren.

Nach der Herausgabe des Buches von A. N. Romanow wird Jules von einem Münchner Verlag als Lektor unter Vertrag genommen. Marty hat sich inzwischen habilitiert, und Elena führt eine psychotherapeutische Praxis in München. Alva studiert Philosophie und beginnt 2012, ihre Dissertation zu schreiben.

Bevor sie damit fertig ist, erfährt Alva Anfang 2013, dass sie an Leukämie erkrankt ist. Nach der Chemotherapie sieht es zunächst so aus, als sei der Krebs besiegt, aber im Jahr darauf kehrt er zurück, und schließlich behandeln die Ärzte Alva nur noch palliativ. Marty und Elena helfen Jules mit den siebenjährigen Kindern Luise und Vincent. Liz kündigt dagegen ihre Anstellung als Lehrerin und reist überstürzt nach Indien.

Am 25. August 2014 stirbt Alva Moreau im Alter von 41 Jahren.

An der Trauerfeier kann Jules nicht teilnehmen: Er liegt nach einem schweren Motorrad-Unfall im Krankenhaus.

Zunächst protestiert Jules gegen die Unterstellung seines Bruders, er sei mit seinem Motorrad absichtlich von der Straße abgekommen und beinahe gegen einen Baum geprallt, aber nach einiger Zeit gesteht er sich ein, dass er aus einer spontanen Selbstmordabsicht heraus handelte. Inzwischen weiß er auch, warum er sich jahrelang abgemüht hatte, Fotograf zu werden. Er verdrängt nicht länger die Erinnerung an einen Konflikt mit seinem Vater. Der hatte ihm an Weihnachten 1983 eine gebrauchte Mamiya-Kamera geschenkt und war enttäuscht, als Jules sich nicht darüber freute und den Apparat dann auch unbenutzt herumliegen ließ. Kurz bevor die Eltern im Januar 1984 zum Auto gingen und nie zurückkehren, hatte Jules mit seinem Vater gestritten und geschrien: „Ich hasse dich!“ Das waren die letzten Worte, die der Vater von ihm hörte. Jules fühlt sich deshalb schuldig.

Als junger Mensch hatte ich das Gefühl, seit dem Tod meiner Eltern ein anderes, falsches Leben zu führen. Noch stärker als meine Geschwister habe ich mich gefragt, wie sehr mich Ereignisse aus meiner Kindheit und Jugend bestimmt haben, und erst spät habe ich verstanden, dass in Wahrheit nur ich selbst der Architekt meiner Existenz bin. Ich bin es, wenn ich zulasse, dass meine Vergangenheit mich beeinflusst, und ich bin es umgekehrt genauso, wenn ich mich ihr widersetze.

Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zieht er zu Marty und Elena, die auch bereits die Kinder aufgenommen haben.

Im Spätherbst besucht Jules seine aus Indien zurückgekehrte Schwester in Berlin. Sie hat angefangen, Kinderbücher zu schreiben und selbst zu illustrieren.

Seit den Jahren im Internat ist Liz für Toni Brenner – den österreichischen Mitschüler, der Jules damals vor einer weiteren Demütigung rettete – die Liebe seines Lebens. Aber mehr als eine enge Freundschaft hat sie nie zugelassen. Deshalb wundert Jules sich, als Liz ihm anvertraut, dass sie inzwischen mit Toni schlafe. Allerdings, so betont die 44-Jährige, gehe es dabei nur um die Zeugung eines Kindes, das sie sich wünsche. Tatsächlich stellt sie die sexuellen Aktivitäten mit Toni dann auch wieder ein, sobald sie schwanger ist.

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In seinem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt Benedict Wells eine mehrfach gespiegelte Selbstfindungsgeschichte. Es geht um Mut und Resignation, Verlust und Trauer, Einsamkeit und Entfremdung, um die Frage, was am Charakter einer Person unveränderlich bleibt, unabhängig davon, wie ihr Leben verläuft.

Benedict Wells überlässt das Wort dem Ich-Erzähler Jules Moreau. „Vom Ende der Einsamkeit“ beginnt mit dem Ende: Nach einem beinahe tödlichen Motorradunfall erwacht Jules 2014 im Krankenhaus aus dem Koma. In dieser Lage erinnert er sich an entscheidende Phasen seines Lebens und setzt sich in der Rückschau mit Traumata, Verdrängungen und Lebenslügen auseinander. Das geschieht in „Vom Ende der Einsamkeit“ nicht assoziativ wie in den meisten der ähnlich aufgebauten Romane, sondern chronologisch. Die Kapitelüberschriften enthalten denn auch Jahresangaben: „Strömungen (1980)“ steht über dem zweiten, „Das Unveränderliche (2012 – 2014)“ über dem vorletzten Kapitel. Am Ende schließt sich der Rahmen.

Zu Beginn überquert Jules als Siebenjähriger furchtlos einen Fluss voller Geröll auf einem zehn Meter langen, umgestürzten Baumstamm. Auf den letzten Seiten des Buchs – 34 Jahre später – tut er es noch einmal, obwohl dem Erwachsenen bei dem waghalsigen Akt und der Vorstellung, auf die Felsen im Fluss zu stürzen, schwindelig wird. Jules riskiert es, weil er seinem siebenjährigen Sohn Vincent die Angst nehmen will. – Mit solchen literarischen Feinheiten erhöht Benedict Wells den Lesegenuss.

Tragische Ereignisse bilden in „Vom Ende der Einsamkeit“ die entscheidenden Wendepunkte. Aber die Lektüre ist nicht deprimierend, sondern ermutigend. Benedict Wells beleuchtet die innere Entwicklung der Figuren – vor allem des Protagonisten – und betont dabei auch deren Stärken und Erfolge.

Den Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Robert Stadlober (ISBN 978-3-257-80372-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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