Tecia Werbowski : Die Wand zwischen uns

Die Wand zwischen uns

Tecia Werbowski

Die Wand zwischen uns

Originalausgabe: Le mur entre nous Actes Sud, Arles Cedex 1995 Die Wand zwischen uns Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller kalliope paperbacks, Bettina Weiss Verlag, Heidelberg 2014 ISBN: 978-3-9814953-2-4, 61 Seiten, 12 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Kurz vor ihrem 18. Geburtstag erfährt Iréna, dass sie adoptiert wurde. Ihre Mutter Klara starb im Warschauer Ghetto. In den mit dem Säugling aus dem Ghetto geschmuggelten Sachen findet Iréna die Kopie eines Manuskripts und den Hinweis, dass Klara das Original ihrer besten Freundin anvertraute: Zofia Lass. "Die Wand zwischen uns" ist ein Bestseller, und Zofia Lass wird dafür gefeiert. Dabei hat sie die Autorenschaft des authentischen Romans gestohlen. Jahr­zehnte später will Iréna die Plagiatorin zur Rechenschaft ziehen ...
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Kritik

In der Erzählung "Die Wand zwischen uns" kommt eine – wie die Autorin Tecia Werbowski – 1968 nach Kanada ausgewanderte Polin zu Wort. Nüchtern und stringent erzählt die 48-jährige Immigrantin von erschütternden Erlebnissen und spannt dabei den Bogen von ihrem 18. Lebensjahr bis zur Gegenwart.
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Marysia und Stanislaw Golebiowski waren meine Eltern.
Klara und Henryk Sternschuss auch.

Iréna Golebiowska wuchs in Warschau auf. Am Ende ihrer Schulzeit, kurz vor ihrem Debütantinnenball und ihrem 18. Geburtstag, eröffnen Marysia und Stanislaw Golebiowski ihr, dass sie lediglich ihre Adoptiveltern sind. Irénas polnischer Vater Henryk Sternschuss hatte sich im Widerstand gegen die Nationalsozialisten engagiert und war mit fünf Kameraden zusammen erschossen worden. Ihre jüdische Mutter Klara Sternschuss gebar sie am 23. Februar 1941 unter dem Namen Estera Sternschuss im Warschauer Ghetto. Einige Zeit später ließ sie sich von einem Polen namens Jacek dazu überreden, das Kind aus dem Ghetto schmuggeln zu lassen, aber sein Angebot, ihr bei der Flucht zu helfen und sie dann zu verstecken, schlug sie aus, denn sie liebte ihn und wollte ihn nicht in Gefahr bringen. (Dennoch wurde er von den Deutschen erschossen.) Klara Sternschuss überlebte den Holocaust nicht.

Auf dem Dachboden ihrer Adoptiveltern findet Iréna eine Leinentasche ihrer leiblichen Mutter, die zusammen mit dem Säugling aus dem Ghetto geschmuggelt wurde. Einem Brief an das Paar, zu dem das Kind gebracht wurde, hatte Klara für den Fall einer Bedrohung durch die Deutschen drei Zyankali-Kapseln beigelegt. Außerdem enthält die Leinentasche die Kopie eines Manuskripts: Klara Sternschuss hatte die tragische Geschichte ihrer Liebe zu Jacek in einem Roman verarbeitet. Im Begleitschreiben heißt es, das Original habe sie Zofia Lass anvertraut, ihrer besten Freundin.

Nachdem Iréna die ersten Zeilen des Manuskripts gelesen hat, eilt sie zum Bücherschrank und nimmt den in zwölf Sprachen übersetzten und auch bereits verfilmten Bestseller „Die Wand zwischen uns“ von Zofia Lass heraus. Kein Zweifel: Zofia Lass hat Klaras Roman als ihren eigenen ausgegeben. Deshalb erklärt sie in Interviews immer wieder, sie werde kein weiteres Buch schreiben.

Während Iréna in Warschau Stomatologie studiert, sammelt sie Material über Zofia Lass. 1962 überredet sie ihren Kommilitonen und Verlobten Karol, mit ihr zu einer Adresse zu fahren, die sie kurz zuvor herausfand. Allerdings verrät sie ihm nicht den wahren Grund. Er weiß nicht einmal, dass Marysia und Stanislaw Golebiowski nur ihre Adoptiveltern sind. Als Iréna und Karol klingeln, öffnet ein Neffe der gefeierten Buchautorin. Seine Tante sei nur selten da, sagt er, und sie werde erst am 5. September wiederkommen.

Am 4. September erleidet Irénas Adoptivvater einen Herzinfarkt, und Iréna kümmert sich um ihn. Dadurch verzögert sich ihr zweiter Versuch, Zofia Lass zur Rede zu stellen. Als sie am 23. September ein zweites Mal zu der Wohnung geht, ist Zofia Lass schon wieder fort.

Nach dem Studienabschluss heiraten Iréna und Karol. Sie fangen beide in derselben Klinik als Zahnärzte zu arbeiten an. Nach drei Jahren lassen sie sich scheiden.

Stanislaw Golebiowski stirbt 1965 nach einem zweiten Herzinfarkt. Seine Witwe erleidet kurz darauf einen Schlaganfall. Iréna pflegt die Gelähmte, bis sie am 3. Januar 1968 stirbt. Ein in Montreal lebender Onkel schlägt Iréna daraufhin vor, für sie zu bürgen, damit sie nach Kanada auswandern kann. Im April 1968 nimmt sie das Angebot an. Allerdings kann sie dort nicht als Zahnärztin arbeiten, weil ihre polnische Approbation in Kanada nicht anerkannt wird.

Darf man auf diese Weise alles verlieren? Meine leibliche Eltern, meine Identität, die ehrlichen Leute, die mich adoptiert haben, meine Hunde, das Haus meiner Kindheit, meinen Garten, den Pfad, der so gut nach Walderdbeeren roch …

Inzwischen ist Iréna Golebiowska 48 Jahre alt. Ihr Onkel starb vor vier Jahren. Seine Witwe und die Kinder laden sie immer wieder ein, aber Iréna ist lieber allein. Die Einzelgängerin wohnt im Souterrain und verdient ihren Lebensunterhalt als Gesellschafterin alter Damen.

Als sie von früheren Kolleginnen und Kollegen eine Einladung zu einem internationalen Stomatologiekongress in Prag bekommt, gibt sie ihre Ersparnisse kurz entschlossen für die Reise aus. Sie fliegt nach Paris und fährt mit dem Zug weiter nach Prag. Bis zur Ankunft fühlt sie sich krank. In Prag entdeckt sie in einer Buchhandlung eine Neuausgabe des Romans „Die Wand zwischen uns“ und liest im Klappentext, dass Zofia Lass mit ihrem Ehemann Georges Neuman in Prag lebt.

Statt zu dem Kongress zu gehen, sucht Iréna die Telefonnummer heraus und ruft an. Dr. Neuman meldet sich. Seine Frau schläft, und er will sie nicht wecken. Er bezweifelt zwar, dass Zofia sich an eine frühere Bekannte erinnern wird, schlägt Iréna jedoch vor, am nächsten Tag zum Frühstück zu kommen.

Ich sitze noch nicht, da stürmt eine alte Frau mit schütterem, schmutzig grauem, ungekämmtem Haar im Nachthemd ins Zimmer. Man hätte meinen können, eine Hexe oder Lady Macbeth höchstpersönlich. Sie betrachtet mich mit einem durchdringenden Blick aus brennenden Augen. Dann fragt sie mit dem naiven Erstaunen eines Kindes und einer fisteligen Stimme: „Wie bist du hierhergekommen, Klara? Setz dich! Du hast doch sicher Hunger? Warte, ich hab ein bisschen Brot in meinem Zimmer verstecken können.“
Sie trippelt hinüber in ihr Zimmer und kommt mit drei Scheiben verschimmeltem Brot zurück.
Doktor Neuman wirft mir einen verlorenen Blick zu. Ich verstehe. Er möchte, dass ich nicht reagiere. Dass ich die Verrückte einfach fantasieren lasse. Ich sehe aber auch seine Traurigkeit, seine Verzweiflung. Dieser Mann ist unentwegt damit beschäftigt, die liebevolle Erinnerung an seine Frau, wie sie einmal war, zu pflegen und eine Kranke zu versorgen.

Zofia Lass-Neuman leidet unter der Alzheimer-Krankheit. Georges Neuman lädt Iréna ein, am nächsten Tag noch einmal vorbeizuschauen. Eine Woche lang besucht sie das Ehepaar jeden Tag. Dann bittet Dr. Neuman sie, am nächsten Tag zwei oder drei Stunden auf Zofia aufzupassen, damit er Besorgungen machen kann.

Auf die Gelegenheit, mit Zofia Lass allein zu sein, hat Iréna gewartet. Gut, dass sie die Leinentasche ihrer Mutter stets bei sich hat. Sie brüht Tee auf und zerdrückt die drei Zyankali-Kapseln in der Kanne. Nachdem Zofia Lass eine Tasse Tee getrunken hat, verlässt Iréna die Wohnung.

Am nächsten Tag liest sie in der Zeitung, dass die Buchautorin Zofia Lass gestorben sei.

Bald darauf berichten die Zeitungen von einem Geständnis des inhaftierten Witwers. Georges Neuman gab zu, seine Frau über Wochen hinweg mit Strychnin vergiftet zu haben, weil er ihren Verfall nicht länger mit ansehen konnte. Erst jetzt fällt Iréna ein, was sie im Studium gelernt hatte: Bei längerer Lagerung wird aus Zyankali bzw. Kaliumcarbonat harmlose Pottasche.

Vor ihrer Abreise sieht sie Georges Neuman noch einmal bei der Beisetzung der Toten. Er trägt Handschellen.

Zurück in Kanada, bringt Iréna die Geschichte zu Papier und nimmt Kontakt mit einer niederländischen Sterbehilfe-Organisation auf.

Georges Neuman, der zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, kommt nach fünf Jahren frei. Im Jahr darauf macht er Iréna einen Heiratsantrag. Sie zieht zu ihm nach Prag. Dort betätigt Iréna sich als Fremdenführerin auf dem jüdischen Friedhof.

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Einer im Warschauer Ghetto umgekommenen Jüdin wird die Autorenschaft an einem Buch mit einer authentischen Geschichte gestohlen.

In der Erzählung „Die Wand zwischen uns“ kommt eine – wie die Autorin Tecia Werbowski – 1968 von Polen nach Kanada ausgewanderte Frau zu Wort. Nüchtern und stringent erzählt die 48-jährige Immigrantin Iréna Golebiowska – die Tochter der beraubten Jüdin – von einschneidenden Erlebnissen und spannt dabei den Bogen von ihrem 18. Lebensjahr bis zur Gegenwart. In einem halbseitigen Epilog führt die Ich-Erzählerin die Geschichte dann noch sieben Jahre weiter.

Tecia Werbowski entwickelt die Handlung konsequent aus der subjektiven Perspektive der Hauptfigur. Obwohl sie sparsam mit Worten umgeht, achtet sie sorgfältig auch auf Kleinigkeiten, die für das Verständnis wichtig sind.

Aufmerksame Leser werden sich darüber wundern, dass Tecia Werbowski auf Seite 16 schreibt, Irénas 18. Geburtstag stehe im Juni 1959 kurz bevor, obwohl sie an anderer Stelle den 23. Februar 1941 als Geburtsdatum angibt (Seite 20). Nachträglich erklärt die Autorin dazu, Irénas Geburtstag sei entsprechend der Daten in ihren gefälschten Papieren im Sommer gefeiert worden, bis sie von ihrer wahren Identität erfahren habe.

Pavel Kohout (* 1928) adaptierte die Erzählung „Die Wand zwischen uns“ fürs Theater und machte daraus das aus einem Akt bestehende Zwei-Personen-Stück „Zyanid um fünf“. Die Uraufführung fand am Kolowrat Theater in Prag statt. In deutscher Sprache wurde „Zyanid um fünf“ erstmals im Oktober 1999 auf der Freien Bühne Wieden in Wien gespielt, und zwar von Winnie Markus und Jitka Frantova unter der Regie von Topsy Küppers.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © kalliope paperbacks, Bettina Weiss Verlag

Tecia Werbowski: Hotel Polski

Rüdiger Safranski - Goethe & Schiller
Von der Mühsamkeit der Materialsammlung und -verarbeitung spürt der Leser in "Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft" nichts. Die Darstellung ist stringent, sprachlich gediegen und leicht lesbar.
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