Tom Wolfe : Back to Blood

Back to Blood

Tom Wolfe

Back to Blood

Originalausgabe: Back to Blood Little, Brown & Co, 2012 Back to Blood Übersetzung: Wolfgang Müller Karl Blessing Verlag, München 2013 ISBN: 978-3-89667-489-0, 768 Seiten, 24.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nestor, Sohn kubanischer Einwanderer, ist beim Miami Police Department. Als er einen kubanischen Flüchtling von der Mastspitze eines Schoners holt, wird er von seinen Landsleuten als Verräter angefeindet. Seine Geliebte, die inzwischen mit einem Psychiater zusammen ist und sich davon einen sozialen Aufstieg erhofft, verlässt ihn. Einen neuen Freund findet Nestor in dem Journalisten John Smith, der mit seiner Hilfe die Machenschaften eines in Miami als Kunstmäzen geschätzten russischen Oligarchen aufdecken möchte ...
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Kritik

"Back to Blood" ist eine grelle Gesellschaftssatire. Mit über­bordender Fabulierlust füllt Tom Wolfe mehr als 750 Seiten. Manches ist platt, aber es gibt auch viele originelle Einfälle. "Back to Blood" bietet ein unangestrengtes, unterhaltsames Lesevergnügen.
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Nestor Camacho ist 25 Jahre alt und seit vier Jahren bei der Polizei. Der Sohn kubanischer Immigranten wohnt noch bei seinen Eltern und Großeltern in Hialeah. Bei der Marine Patrol, der er seit kurzem angehört, ist Nestor noch in der Probezeit. Nun ist er gerade mit zwei weißen, hierarchisch über ihm stehenden Sergeants in der Biscayne Bay unterwegs zur William Powell Bridge.

KLATSCH das Patrouillenboot hüpft in der Bucht in die Luft schlägt KLATSCH auf der nächsten Woge wieder auf, hüpft wieder hoch, schlägt KLATSCH auf der nächsten Woge auf KLATSCH und hüpft mit Sirenengeheul und auf dem Dach wie verrückt blinkenden Warnblinkleuchten KLATSCH in die Luft, aber Officer Nestor Camachos Kollegen im Führerstand, KLATSCH die beiden fetten americanos, lieben das, KLATSCH lieben die wilde Jagd gegen den Wind, KLATSCH mit Vollgas und siebzig Stundenkilometern, KLATSCH […]

Vor der William Powell Bridge hat ein privater Schoner Anker geworfen, und an der Spitze des 23 Meter hohen Hauptmastes, 12 Meter von der Brücke entfernt, kauert ein kubanischer Flüchtling in der Sitzschale des Aufzugs. Weil sich auf der 25 Meter hohen Brücke Schaulustige und Medienvertreter drängen, ist der sechsspurige Rickenbacker Causeway blockiert.

Das Patrouillenboot legt sich an die Seite des Schoners. Sergeant McCorkle und Nestor gehen an Bord des Segelschiffes. Angesichts der zahlreichen weißen Mädchen, die nur mit Tangas und winzigen Stoffdreiecken über den Brustspitzen bekleidet sind, fällt es den Polizisten schwer, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Jonathan Krin, der Eigner des Schoners, berichtet, was geschehen ist. Im letzten Augenblick habe er befürchtet, dass der Mast des Schiffes mit der Brücke kollidieren könne, sagt er, deshalb sei der Anker geworfen worden. Da kletterte der kubanische Flüchtling über die Leiter am Heck an Bord, rannte über das Schiff nach vorn und hievte sich mit Hilfe eines am Hauptmast angebrachten Flaschenzugs zur Spitze hoch.

Sergeant McCorkle fordert Nestor auf, den klatschnassen Flüchtling herunterzuholen.

„Also, was ist, Camacho, schaffen Sie das?“
Die ehrlichen Antworten waren „Nein“ und „Nein“. Aber die einzig möglichen Antworten waren „Ja und „Ja“.

Als Nestor sich unter dem Geschrei der Gaffer auf der Brücke der Mastspitze nähert, steht der Flüchtling von der Sitzschale auf und droht abzustürzen. Der kubanische Polizist umschlingt den inzwischen ohnmächtig gewordenen Landsmann an der Hüfte mit den Beinen und klettert dann Griff für Griff mit ihm zusammen an einem Tau nach unten.

Sergeant McCorkle übergibt den Flüchtling der Küstenwache. Angeblich heißt er Hubert Cienfuegos. Er wird noch in der Biscayne Bay vernommen, denn sobald ein Kubaner US-Boden betreten würde, könnte er aufgrund der Rechtslage nicht mehr ohne weiteres zurückgeschickt werden.

Während Nestor noch auf der Hinfahrt von seinen beiden Kollegen gemobbt worden war, bewundern ihn nun die meisten Polizisten wegen seiner unglaublichen Leistung. Als er nach Hause fährt, freut er sich darauf, seinen Eltern von der Heldentat berichten zu können. Aber sein Vater Camilo Camacho, der ein Einmann-Insektenvernichtungs-Unternehmen betreibt – Camacho Fumigadores – empfängt ihn aufgebracht. Eltern und Großeltern haben die von der William Powell Bridge aus aufgenommenen Bilder im Fernsehen gesehen und dazu einen spanischsprachigen Radiosender gehört. Sie halten Nestor für einen Verräter, für einen Latingo (einen zum Gringo gewordenen Latino), denn er verhaftete einen Landsmann, der nur noch wenige Meter von der Freiheit entfernt gewesen war. Damit besudelte er die Familienehre. Als Lourdes Camacho mit ihrem verstörten Sohn allein ist, umarmt sie ihn und sagt:

„Mir ist es egal, was du getan hast. Du bist am Leben, und du bist zu Hause. Das ist die Hauptsache.“

Am nächsten Tag feiert Nestors Großmutter Geburtstag. In früheren Jahren ließ Camilo sich von seinem Sohn helfen, wenn er die caja china – einen Behälter, in dem ein Schwein gebraten wird – in die Küche schleppte. Aus Verärgerung über den Verräter versucht er es diesmal allein, aber der Kasten ist zu schwer.

… er kippt … „Arggggh“ … die wütende caja china drückt ihn nach unten … „Errrnafumph“ … ein Ende schlägt gegen die Wand –
K R A A C H!

Entsetzt eilen Nestors Mutter und Großmutter herbei.

„Hast du das getan – hast du das deinem Vater angetan?“

Statt die Wahrheit zu sagen, lässt Camilo es zu, dass alle glauben, Nestor sei schuld an dem Unfall. Der 25-Jährige wird aus dem Elternhaus verstoßen.

Und bevor er zum Dienst nach Miami fährt, beendet dann auch noch seine 24-jährige Freundin Magdalena Otero die Beziehung mit ihm.

Magdalenas Eltern stammen aus der kubanischen Provinz Camagüey. Der Vater arbeitet als Lastwagen-Mechaniker. Magdalena hatte drei Jahre lang als Krankenschwester im Jackson Memorial Hospital in Miami gearbeitet und wurde kürzlich für die Privatpraxis des 42-jährigen Psychiaters Dr. Norman Lewis abgeworben. Ihrer Mutter missfällt es, dass die Tochter nun Sprechstundenhilfe eines auf die Therapie Sexsüchtiger spezialisierten Arztes ist. Das sagt sie auch klar und deutlich.

Magdalena verdrehte die Augen bis in ihren Schädel, reckte den Hals in die Höhe, warf den Kopf in den Nacken, spannte beide Arme an, streckte sie nach unten und stieß einen kehligen Laut aus: Ooooaaaaarrrrrrrmmmmmmmm.

Die zwar ungebildete aber attraktive 24-Jährige ist froh, endlich aus der vorwiegend von Kubanern bevölkerten Stadt Hialeah wegzukommen. Sie zieht zu Hause aus. Offiziell teilt sie sich von jetzt an ein Apartment mit der zwei Jahre älteren Peruanerin Amélia Lopez, tatsächlich wohnt sie bei ihrem neuen Liebhaber Norman Lewis.

Die aktuelle Ausgabe der Zeitung „Miami Herald“ ist mit der spektakulären Aktion vor der William Powell Bridge aufgemacht. Die Fotos stammen von Ludwig Davis, der Artikel von einem 28-jährigen weißen Reporter namens John Smith. Edward T. Topping IV, der Chefredakteur des Blattes, gratuliert Stanley Friedman, dem Leiter der Lokalredaktion, zu dem Aufmacher.

Stan teilt ihm bei dieser Gelegenheit mit, dass John Smith an einer weiteren vielversprechenden Sache dran sei. John geht nämlich Hinweisen nach, denen zufolge die von Sergej Andrejewitsch Koroljow gespendeten Kunstwerke gefälscht sind. Vor vier Jahren schenkte der in Miami lebende russische Oligarch dem 1984 eingeweihten Miami Art Museum Gemälde von Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch, Wassily Kandinsky und Natalja Sergejewna Gontscharowa. Der Schätzwert beträgt 70 Millionen Dollar. Die Verantwortlichen ließen eigens einen von den Schweizer Weltklasse-Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfenen Museumsneubau errichten und benannten das Miami Art Museum zu Ehren des großzügigen Mäzens in Koroljow Museum of Art um.

Ed Topping erschrickt, denn falls sich herausstellen würde, dass die Gemälde gefälscht sind, wäre das eine Blamage für die Honoratioren der Stadt. Er selbst saß bei dem Dinner anlässlich der Schenkung zwischen Carmenita Cruz, der Frau des Bürgermeisters, und Sergej Koroljow. Seither duzt er sich mit dem hoch angesehenen Russen.

An diesem Vormittag wundert Magdalena sich darüber, dass Norman Lewis ihr Fotos von den mit Herpes-Bläschen übersäten Genitalien des 63 Jahre alten sexsüchtigen Milliardärs Maurice Fleischmann zeigt, den er mit Deprovan behandelt. Norman erklärt ihr, dass er Aufnahmen wie diese für eine geplante Monografie mit dem Titel „Die Rolle der Masturbation in der Pornografiesucht“ knipse.

„Maurice Fleischmann!“, rief er und legte seinen Arm um ihre Taille. Moe the First! … das hochherrschaftliche Gesicht von Mia-miiii ii ii ii iiaahhahAHHHH hock hock hock hock hock“ – keuch – „hat einen seidenen Achttausend-Dollar-Maßanzug an, frisch aus der Jermyn Street gleich um die Hecke von der Savile Row oh oh oh ohhahhhHHH hock hock hock hock hock musste er mit unbedingt erzählen! musste mir unbedingt das Etikett zeigennnnnnahhahhaHAHH hock hock hock hock hock“ – keuch – […]

Obwohl Norman jeden Augenblick Ike Walsh erwartet, den erfolgreichen Moderator der investigativen Fernsehsendung „60 Minutes“, knöpft er Magdalenas Schwesternuniform auf und zieht dann seine Hose und die Boxershorts bis unter die Knie. Es klingelt, aber gerade das macht Norman an. Nur mit Mühe bringt Magdalena ihn zur Besinnung. Sie macht sich kurz zurecht und öffnet dann dem Fernsehteam die Tür.

Nestor geht nach Dienstschluss frustriert zu seinem Wagen. Wohin soll er fahren? Er hat keinen Schlafplatz mehr. Da wird er von John Smith angesprochen. Der Reporter lädt ihn auf ein Bier ein. Zunächst misstraut Norman dem Journalisten, aber dann ist er froh, sich seinen ganzen Kummer von der Seele reden zu können, und es bleibt nicht bei einem Bier. Am Ende nimmt John ihn mit und lässt ihn auf einer Couch im Wohnzimmer übernachten.

Am anderen Morgen bittet er den verkaterten Polizisten um eine Gefälligkeit: Nestor soll herausfinden, was den Polizeiakten über Sergej Koroljow zu entnehmen ist. John erklärt ihm auch, warum und vertraut ihm an, dass er aus der Kunstgemeinde in Wynwood einen Tipp bekommen habe, dass die von dem russischen Oligarchen gestifteten Gemälde Fälschungen sein könnten. Ein alkoholkranker russischer Maler namens Igor Drukowitsch soll andeutungsweise mit den Fälschungen geprahlt haben.

Im Verlauf des Tages wird Nestor von einem anderen Künstler als Untermieter aufgenommen.

Er ahnt nicht, dass seinetwegen im Büro des Bürgermeisters Dionisio Cruz eine Besprechung stattfindet. Cruz hat den afroamerikanischen Polizeichef Cyrus Booker ins Rathaus kommen lassen. Auch der Stadtdirektor Rinaldo Bosch und der Kommunikationschef Efraim Portuondo nehmen an der Unterredung teil. Dionisio Cruz befürchtet Unruhen und hält es für erforderlich, die über die spektakuläre Festnahme des kubanischen Flüchtlings aufgebrachten kubanischen Bewohner durch die Entlassung Nestor Camachos zu beruhigen. Booker weist jedoch darauf hin, dass dies die Moral im Miami Police Department untergraben würde, denn die meisten seiner Leute halten Nestor für einen Helden und erwarten, dass er mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wird. Als Kompromiss verspricht Booker, den Kubaner in eine andere Spezialeinheit querzuversetzen.

Norman fährt mit seiner Geliebten nach Fisher Island. Die Insel ist Privateigentum, aber Norman gehört zu den Eignern und hat in der Fisher Island Marina seine Motoryacht „Hypomanic“ liegen. Auf dem Weg zur Columbus Day Regatta bei Elliott Key lässt er die Motoren AUFBRÜLLEN und zeigt Magdalena stolz, dass sie 128 Stundenkilometer schnell sind – auf dem Wasser!

Vor Elliott Key versammeln sich zahlreiche Boote. Die Leute gehen herum, von einem Deck zum anderen.

Norman blieb immer wieder stehen und plauderte … jakjakjakjakjakjakjakjakhockhockhock … mit seinen Fans […]

Die erste americana legt das Oberteil ihres Bikinis ab. Drei splitterfasernackte Mädchen fahren Wasserski. Ihnen folgt ein nackter Mann, dessen erigierter Penis von den Booten aus deutlich zu sehen ist. Nach Einbruch der Dunkelheit werden Pornofilme auf ein Segel projiziert, und in mehreren Ecken kopulieren Paare. Magdalena drängt Norman, die Orgie zu verlassen, aber im Dunkeln wäre die Fahrt mit der „Hypomanic“ zu gefährlich.

Einige Wochen später observieren Nestor – er arbeitet inzwischen bei der Crime Supression Unit – und sein Kollege Sergeant Jorge Hernandez in Overtown zwei verdächtige Afroamerikaner. Nachdem sie sich vergewissert haben, dass die beiden mit Drogen handeln, fordern sie Verstärkung an und nähern sich den Schwarzen. Einer der beiden flüchtet daraufhin ins Haus. Nestor und Jorge setzen ihm nach. Plötzlich packt der Dealer den Sergeant am Hals und droht ihn zu erwürgen. Jorge fürchtet um sein Leben. Aber Nestor springt dem doppelt so starken Kerl in den Rücken, setzt einen Figure Four mit Doppelnelson an und ringt ihn nieder. Unter dem Hemd hat der Afroamerikaner eine Crackplatte versteckt. Er heißt TyShawn Edwards und ist 26 Jahre alt. Die Polizei verhaftet ihn und seinen drei Jahre älteren Komplizen Herbert Cantrell.

In dem Crack-Haus befindet sich außer einer Greisin und einem Kleinkind auch die 21 Jahre alte Haitianerin Ghislaine Lantier. Ihr Vater unterrichtet an der Everglades Global University Französisch und Kreolisch. Er wohnt mit seinem 15-jährigen Sohn Philippe in einer Art-déco-Villa, die er sich eigentlich gar nicht leisten könnte. Ghislaines Mutter Louisette starb vor zwei Jahren. Das Mädchen wohnt im Studentenheim, studiert Kunstgeschichte an der University of Miami und engagiert sich beim South Beach Outreach. Als freiwillige Helferin dieses Sozialdienstes kümmert sie sich um Kinder in Elendsvierteln. In dieser Funktion hielt sie sich in dem Crack-Haus auf. Nelson findet Ghislaine sympathisch und gibt ihr seine Telefonnummer für den Fall, dass sie polizeiliche Unterstützung benötigt.

Norman und Magdalena begleiten Maurice Fleischmann und dessen A. A. (Art Adviser) Marilynn Carr zur Kunstmesse Miami Basel. Bei dieser Gelegenheit wird Sergej Koroljow auf Magdalena aufmerksam, und Maurice stellt sie ihm vor. Normans Patient interessiert sich für die Performance der Künstlerin Heidi Schlossel mit dem Titel „Ent-fickt“. Sie tritt vor das Publikum, lässt mit einem Griff ihr Kleid zu Boden fallen, unter dem sie nackt ist und zieht dann eine Wurst nach der anderen aus ihrer Vagina, während sie jedes Mal „ent-fickt“ ruft. Maurice kauft schließlich für 17 Millionen Dollar sieben pornografische Reliefs von Jeb Doggs. Dabei verdient Marilynn Carr 3,4 Millionen Dollar Provision.

Nachdem Magdalena dem gut aussehenden russischen Oligarchen Sergej Koroljow begegnet ist, wird ihr bewusst, dass sie des selbstverliebten Psychiaters überdrüssig geworden ist.

Ghislaine Lantier ruft Nestor an und bittet ihn um Hilfe. Sie macht sich Sorgen um ihren 15-jährigen Bruder. Kürzlich kam es in der Lee de Forest High School zu einer Prügelei zwischen dem Sozialkundelehrer José Estevez und dem Schüler François Dubois, dem Anführer einer haitianischen Jugendbande. Der Lehrer wurde verhaftet, und es droht ihm eine gerichtliche Verurteilung, weil ihn sowohl François Dubois als auch fünf andere Schüler – darunter Philippe Lantier – beschuldigen, die Prügelei angefangen zu haben. Aufgrund eines zufällig belauschten Gespräches befürchtet Ghislaine, dass ihr Bruder aus Furcht vor dem Gang-Leader eine Falschaussage gemacht habe.

Nestor ist gern bereit, der hübschen Kunststudentin zu helfen. Sie richten es so ein, dass Ghislaine ihn ihrem Bruder als den Helden vorstellen kann, der einen doppelt so starken Drogendealer überwältigte. Philippe ist beeindruckt. Nestor lenkt das Gespräch auf den Vorfall in der Schule und tut so, als habe er von Kollegen, die den Fall bearbeiten, das eine oder andere darüber gehört, unter anderem, dass einer der fünf Zeugen seine Aussage inzwischen widerrief. Stelle sich heraus, sagt er, dass nicht der Lehrer, sondern der Schüler die Prügelei angefangen habe, müssten die anderen vier Zeugen mit einer gerichtlichen Verurteilung wegen Falschaussage rechnen. Damit will Nestor erreichen, dass sich die fünf Zeugen gegenseitig misstrauen und zumindest einige von ihnen nun die Wahrheit aussagen.

Inzwischen braut sich jedoch neues Ungemach für Nestor zusammen: Bei YouTube gibt es ein Video von der Verhaftung des afroamerikanischen Drogendealers TyShawn Edwards. Aber die offenbar unbemerkt mit einem Handy gefilmte Sequenz beginnt erst, als Edwards bereits von Nestor überwältigt wurde und am Boden liegt. Man sieht, wie der Schwarze von Nestor hart angefasst und gedemütigt wird, während Jorge Hernandez rassistische Sprüche klopft. Dass Edwards den kubanischen Sergeant zu erwürgen versuchte, geht aus dem Video nicht hervor.

Der Polizeichef Cyrus Booker wird erneut ins Rathaus bestellt. Diesmal zieht der Bürgermeister nicht nur den Stadtdirektor und den Kommunikationschef hinzu, sondern auch den Staatsanwalt Hector Carbonell und die beiden Rechtsanwälte Alfredo Cabrillo und Jacque Díaz. Aufgrund des Videos bei YouTube brodelt es in der afroamerikanischen Bevölkerung. Cruz fordert Booker deshalb auf, den Polizisten zu entlassen, der innerhalb weniger Wochen zum zweiten Mal Unruhen ausgelöst hat. Der Polizeichef versucht den Anwesenden zu erklären, dass die bei YouTube zu sehende Videosequenz aus dem Zusammenhang gerissen wurde, aber Dionisio Cruz meint, das spiele keine Rolle. Entscheidend sei, dass die meisten Leute von einem Übergriff rassistischer Polizisten reden. Eine Richtigstellung wirke da nur wie eine Rechtfertigung uneinsichtiger Rassisten, denn niemand interessiere sich für die Hintergründe. Booker weiß, dass die Entlassung des heldenhaften Polizisten die Moral beim Miami Police Department gefährden würde. Obwohl ihm der Bürgermeister mit persönlichen Konsequenzen droht, suspendiert er Nestor Camacho und Jorge Hernandez nur vorübergehend vom Dienst und kürzt auch ihre Bezüge nicht.

Eine Stunde nach seiner Suspendierung macht Nestor den Polizeichef darauf aufmerksam, dass der Lehrer José Estevez unschuldig eingesperrt ist, weil fünf Schüler aus Furcht vor einem haitianischen Gang-Leader Falschaussagen machten. Nestor nennt auch die Namen der Zeugen. Booker setzt einen seiner Männer auf den Fall an.

Bereits vor einiger Zeit gelang es Nestor, seinem neuen Freund John Smith ein vier Jahre altes Foto aus den Polizeiakten zu besorgen, auf dem Sergej Koroljow und Igor Drukowitsch nebeneinander in einem feuerroten Ferrari Rocket 503 abgebildet sind. Das beweist immerhin, dass die beiden sich kennen. Nestor und John spüren den Künstler in dem Striplokal „Honey Pot“ auf und folgen ihm dann unbemerkt. Zu ihrer Verwunderung fährt Igor Drukowitsch nicht zu seinem Atelier in Wynwood, sondern zum Seniorenheim „Alhambra Lakes“ in Hallandale. Dort wohnt er unter dem Namen Nikolai Kopinsky. Am nächsten Tag, als Drukowitsch alias Kopinsky fort ist, lassen sich Nestor und John unter einem Vorwand das Zimmer aufsperren. In dem verdreckten Apartment scheint die Tagesproduktion einer Kindergrippe an der Wand hängen. Das meint Nestor. John klärt ihn darüber auf, dass es sich um Gemälde von Picasso, Morris Louis, Malewitsch, Kandinsky, Matisse, Soutine, Derain, Delaunay, Braque und Léger handelt. Und da hier gewiss keine wertvollen Originale aufbewahrt werden, handelt es sich wohl um Fälschungen.

John nimmt Kontakt mit Igor Drukowitsch auf. Er arbeite an einem Artikel über realistische Malerei, behauptet er, und hätte in diesem Zusammenhang gern ein Interview mit dem Künstler geführt. Nestor begleitet John zu dem Gespräch in Igors Atelier in Wynwood und gibt sich als Pressefotograf aus. Während des „Interviews“ kommt John, der ganz offen ein Aufnahmegerät mitlaufen lässt, auf Maler zu sprechen, von denen Igor vermutlich Werke gefälscht hat. Der Russe meint denn auch, er könne sogar mit verbundenen Augen so malen wie Malewitsch, Kandinsky oder die Gontscharowa.

„Wenn ich nicht könnte besser malen als Picasso, wissen Sie, was ich würde tun?“ Er wartete auf eine Antwort.
„Ähhh … nein“, sagte John Smith.
„Eine neue Bewegung ins Leben rufen, und sie dann nennen Kubismus!“

Magdalena beendet die Affäre mit Norman Lewis und begleitet Sergej Koroljow zu einer Einladung des Hedgefonds-Managers Boris Fjodorowitsch Flebetnikow auf Star Island. Sergej geht davon aus, dass es sich um eine Party handelt, bis ihn die Empfangsdame Savannah darüber aufklärt, dass eine Folge der Reality Show „Masters of Disaster“ gedreht werden soll. Nachdem bei Flebetnikows Hedgefond etwas schiefgelaufen war, zogen die Investoren hastig ihre Gelder ab, und nun ist er pleite. Darüber will er in der Fernsehsendung reden. Als eingeladener Gast unterschreibt Sergej eine vorbereitete Erklärung, mit der er dem Sender das Recht erteilt, ihn zu filmen und die Aufnahmen auszustrahlen. Dann werden er und seine Begleiterin von dem Produzenten Sidney Munch, dem Regisseur Lawrence („Larry“) Koch, dem Autor Marvin Belli und der Stylistin Maria Zitzpoppen begrüßt. Sergej wundert sich:

„Ich dachte, das ist eine Realityshow. Und dann soll ich Sätze sprechen, die ein Autor geschrieben hat? Meines Wissens nennt man das ‚Schauspiel‘.“

Munch erwidert:

„Wie Sie sich sicher vorstellen können, muss man im Fernsehen erst eine Hyperrealität schaffen, bevor der Zuschauer die ganze Geschichte als einfache Realität begreift.“

Kaum laufen die Kameras, da stürzt Boris Flebetnikow sich wütend auf Sergej und holt mit der Faust aus. Sergej weicht dem Schlag aus und stößt den Angreifer mit der Schulter zurück. Der fällt so unglücklich, dass er vorübergehend das Bewusstsein verliert. John Smith tritt hinzu und erkundigt sich nach dem Vorfall. Sergej lügt, sein Freund sei gestolpert. John hat jedoch bereits von Sidney Munch gehört, dass es zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden Russen gekommen sei. Sergej wiederum ahnt, dass Boris von den Fernsehleuten aufgehetzt wurde.

„Sie haben diese Lügen fabriziert. Das ist keine Realität, das ist eine Lüge!“
Munch setzte das Gesicht eines durch eine grausame Bemerkung, die einzig darauf abzielte, seine Gefühle zu verletzten, zutiefst getroffenen Mannes auf. „Aber Mr Koroljow, wie können Sie behaupten, dass das nicht die Realität ist? All das ist gerade geschehen! Sobald etwas geschieht, ist es real.“

Als Sergej verlangt, dass die Aufnahmen nicht gesendet werden, weist Munch ihn auf die unterschriebene Verzichtserklärung hin. Daraufhin dreht Sergej sich um und geht mit Magdalena zum Ausgang. Dort bitte er Savannah, die von der Auseinandersetzung noch nichts mitbekommen hat, ihm die unterschriebene Erklärung noch einmal herauszusuchen, damit er seine Handynummer und E-Mail-Adresse überprüfen könne. Arglos reicht ihm die Empfangsdame das Blatt. Sergej faltet es, steckt es ein und geht mit Magdalena zum Auto, ohne sich um Savannahs Protest zu kümmern, die zwar versucht, ihnen nachzulaufen, aber mit ihren High Heels im Gras stecken bleibt und sich einen Knöchel verstaucht.

Sergej nimmt Magdalena mit in sein Penthouse und schläft mit ihr.

Im Morgengrauen liegen sie nach zahlreichen Orgasmen nackt im Bett, als Sergej angerufen wird und verärgert aufsteht. Ein paar Minuten später kommen zwei seiner Bodyguards und legen ihm die aktuelle Ausgabe des „Miami Herald“ hin. Sergej liest den aufgeschlagenen Artikel. Weil die Männer russisch reden, versteht Magdalena nicht, was sie sagen. Nur den Ortsnamen Hallandale schnappt sie auf. Sergej erklärt dann kurz, einer der beiden Leibwächter werde sie nach Hause fahren. Mit dem anderen geht er selbst weg. Magdalena fühlt sich gedemütigt. Sie zieht sich rasch an. In der Zeitung, die Sergej ungehalten auf den Boden geworfen hat, ist ein Interview von John Smith mit dem Künstler Igor Drukowitsch aufgeschlagen, der behauptet, sogar mit verbundenen Augen so malen zu können wie Malewitsch, Kandinsky oder die Gontscharowa. Magdalena kann sich nicht vorstellen, warum Sergej darüber so erzürnt ist.

Panisch vor Angst, ruft Igor John an. Er fürchte wegen seiner unüberlegten Äußerungen im Interview um sein Leben, sagt er dem Journalisten, der das Gespräch mitschneidet, denn er habe die Gemälde gefälscht, die Sergej Koroljow dann dem Museum schenkte.

Als Nestor davon erfährt, eilt er beunruhigt nach Hallandale. Vor dem Seniorenheim „Alhambra Lakes“ stehen Streifenwagen. Von alten Damen erfährt Nestor, dass der Bewohner Nikolai Kopinsky über eine Treppe stürzte und sich das Genick brach. Am Morgen fand man seine Leiche. Es gelingt Nestor, einen Blick in das verwaiste Apartment zu werfen, in dem die Polizei Spuren sichert. Die zwölf Fälschungen sind verschwunden.

John Smith glaubt, genügend Material für einen Scoop zu haben, und Edward T. Topping IV sieht keine Möglichkeit mehr, die peinliche Enthüllungsstory über Sergej Koroljow zu verhindern. Sie erscheint noch am Abend in der Online- und am nächsten Morgen in der Papier-Ausgabe des „Miami Herald“. Unter der Schlagzeile „Tödlicher Zufall“ berichtet John von dem russischen Maler Igor Drukowitsch, den er kürzlich in dessen Atelier in Wynwood interviewte. Kurz nachdem der Künstler in einem Telefongespräch mit ihm behauptete, die von Sergej Koroljow vor vier Jahren gestifteten Gemälde gefälscht zu haben, wurde er in einem Seniorenheim in Hallandale, wo er unter falschem Namen ein zweites Atelier betrieb, mit gebrochenem Genick aufgefunden.

Die Anwaltskanzlei, die Sergej Koroljow vertritt, schickt der Redaktion per Boten ein Schreiben, in dem gerichtliche Schritte angedroht werden. Aber es gibt in dem Zeitungsartikel keinen Satz, den sie zu widerlegen versuchen. Die Juristen des „Miami Herald“ durchschauen, dass es sich um Theaterdonner handelt.

Als Magdalena im Fernsehen von der Fälscherwerkstatt in Hallandale hört, ruft sie reumütig ihren früheren Freund Nestor an. Sie könne bezeugen, sagt sie, dass Sergej Koroljow durch das Interview mit Igor Drukowitsch wütend geworden sei, von Hallandale gesprochen habe und dann mit einem seiner Gorillas losgefahren sei. Kurz danach wurde der russische Maler mit gebrochenem Genick aufgefunden.

Bevor Sergej Koroljow verhaftet werden kann, setzt er sich ins Ausland ab.

Es stellt sich heraus, dass Händler, die für ihn arbeiteten, seit der Eröffnung des Koroljow Museum of Art für mehrere Millionen Dollar vermutlich gefälschte Gemälde verkauften.

Cyrus Booker berichtet Dionisio Cruz, dass beinahe ein Lehrer zu Unrecht wegen einer Prügelei verurteilt worden wäre. Das wurde verhindert, weil inzwischen alle fünf Belastungszeugen bei polizeilichen Vernehmungen zugaben, aus Furcht vor dem Anführer einer haitianischen Jugendbande Falschaussagen gemacht zu haben. Ahnungslos lobt der Bürgermeister die Polizeiarbeit. Darauf hat Booker nur gewartet. Die Aufklärung des Falls habe man Nestor Camacho zu verdanken, fügt er hinzu.

Kurz darauf hebt er dessen Suspendierung auf. Nestor freut sich darüber und ruft – nein, nicht Magdalena, sondern Ghislaine an.

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In seinem Roman „Back to Blood“ entwirft Tom Wolfe am Beispiel von Miami ein zynisches Bild der vermeintlich postrassistischen US-Gesellschaft. An der Spitze der Hierarchie-Pyramide tummeln sich russische Oligarchen, die sich als Kunstmäzene feiern lassen und Milliardäre aus der Schicht der White Anglo-Saxon Protestants (WASP), die durch ihre Unternehmen von Stunde zu Stunde reicher werden, selbst wenn sie Golf spielen, Ferien machen oder schlafen. Den Sockel der Pyramide bilden Afro­amerikaner. Darüber stehen hier aufgewachsene Kubaner und Haitianer. Jeder gegen jeden. Clash of Cultures an mehreren Fronten zugleich. Während die Reichen alles kaufen können und viele von ihnen sexsüchtig sind, dealt der eine oder andere Afroamerikaner mit Drogen, um sich über Wasser zu halten. Die einzige Möglichkeit, die Rassen- und Statusschranken zu überwinden, steht attraktiven jungen Frauen zur Verfügung; ihre Währung ist der Körper.

Tom Wolfe nutzt die gesellschaftlichen Missstände in „Back to Blood“ nicht für eine sozialkritische Analyse, sondern als Material für eine grelle Satire. Das farbige Bild ist überspitzt; Grau- und andere Zwischentöne gibt es nicht. Alles ist plakativ. Mit überbordender Fabulierlust füllt Tom Wolfe mehr als 750 Seiten. Manches ist platt, aber es gibt auch eine ganze Reihe origineller Einfälle. Die Komplexität dieser aus mehreren Erzählsträngen verknüpften Handlung behält der Autor souverän im Griff. Und so bietet „Back to Blood“ ein unangestrengtes, recht unterhaltsames Lesevergnügen.

Mit der Sprache betreibt Tom Wolfe übrigens (zu) viel Lautmalerei.

Die Stimmen wurden plötzlich leiser und waren nur noch ein kaum hörbares blubberbrummeliges Murmeln Murmeln Murmeln, dann ein lachendes Honk Honk Honk Honk und dann noch mehr Murmelmurmelmurmelmurmel […] (Seite 440)

Grummelmirowgrummellamei­grummelnesmaja­grummelmilajsch­grummelchlopow­grummel –
(Seite 640)

„Oh, mein Gott, ich komme mir so widerwärtig vor. Das war die schlimmste schluchz Nacht schluchz meines ganzen Lebens! schluchz schluchz schluchz schluchz.“ (Seite 691)

Der berauschendste chemische Stoff, der der Menschheit bekannt ist – Adrenalin – schwappte in Wellen Wellen Wellen Wellen durch den Raum. (Seite 737)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Karl Blessing Verlag

Tom Wolfe (kurze Biografie)

Tom Wolfe: Fegefeuer der Eitelkeiten (Verfilmung )
Tom Wolfe: Ein ganzer Kerl
Tom Wolfe: Hooking Up
Tom Wolfe: Ich bin Charlotte Simmons

Annette Pehnt - Chronik der Nähe
Annette Pehnt erweist sich als ebenso genaue wie feinfühlige Beobachterin. Sie schreibt unaufgeregt, verzichtet auf jegliche Effekthascherei und evoziert eine dichte Atmosphäre. Auch die Komposition des Romans "Chronik der Nähe" ist überzeugend.
Chronik der Nähe

Annette Pehnt

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