Adriana Altaras : Die jüdische Souffleuse

Die jüdische Souffleuse
Die jüdische Souffleuse Originalausgabe; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018 ISBN 978-3-462-05199-5, 203 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als die Ich-Erzählerin Adriana die Oper "Die Entführung aus dem Serail" inszeniert, trifft sie bei den Proben auf die jüdische Souffleuse Susanne ("Sissele") Chaimberg aus Kanada, die Tochter eines Holocaust-Überlebenden, die sie mit der Erwartung überfällt, Adriana könne ihr bei der Suche nach Verwandten in Deutschland helfen.
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Kritik

Adriana Altaras hat den Kern ihres Romans "Die jüdische Souffleuse" – die Suche einer Jüdin nach Verwandten – in eine Rahmenhandlung eingebettet, die sie zwischendurch immer wieder aufgreift. Dabei geht es vor allem um ihre Erfahrungen als Opernregisseurin, also einen Blick hinter die Kulissen, den sie mit Aphorismen, Witz und Humor gespickt hat.
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Adriana

Adriana, die Tochter eines Arztes und einer Architektin, bewarb sich nach zwölf Jahren Waldorf-Internat für die Schauspielschule.

Angefangen habe ich als Schauspielerin, dann wurde ich Theaterregisseurin, später kam die Oper dazu. Mein Vater sagte immer: „Alle guten Nutten werden irgendwann einmal Puffmütter.“ Nun ja, sein spezieller Humor …

Was ist das für eine seltsame Verabredung, Menschen in einen fensterlosen Raum zu sperren und mit den aberwitzigsten Geschichten zu konfrontieren? Und das schon seit vielen Hundert Jahren. Bei Sophokles saß man immerhin noch im Freien!

Die Ich-Erzählerin Adriana wohnt mit ihrem Mann, dem Komponisten Georg, und den beiden Söhnen in Gießen. Sie stellt sich David als Rechtsanwalt und Sammy als Arzt vor, aber der ältere Sohn möchte Schauspieler werden und der jüngere hat seine Liebe zur Musik entdeckt.

Die jüdische Souffleuse

In Kassel fängt Adriana [im Frühjahr 2016] damit an, die Oper „Die Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart zu inszenieren.

Draußen scheint die Sonne. Man könnte sich wunderbar unters Ozonloch setzen und sich einen gepflegten Hautkrebs zulegen. Stattdessen hocken wir im Halbdunkel dieser ungelüfteten Stube und befinden uns auf der Zielgeraden zu einer schönen Depression.

Bei der Souffleuse handelt es sich um eine Jüdin aus Kanada: Susanne („Sissele“) Chaimberg. Sie überfällt die Regisseurin mit der Erwartung, Adriana könne ihr bei der Suche nach Verwandten in Deutschland helfen.

Sisseles Geschichte

Sissele war knapp ein Jahr alt, als ihre Eltern Malka und Fischel Chaimberg 1953 mit ihr aus Israel nach Deutschland kamen und dort in einem Displaced Persons Camp unterkamen, in dem Malkas ältere Schwester Rachel bereits mit ihrem Mann Itzig und den Söhnen Aron und Riven lebte. Malka, die bei der Geburt ihrer Tochter erst 17 Jahre alt gewesen war – 16 Jahre jünger als Fischel –, starb am 22. September 1955 im DPC an inneren Blutungen, vermutlich nach Schlägen ihres Ehemanns.

Am Tag der Beerdigung verschwand Fischel Chaimberg. Rachel und Itzig nahmen ihre verwaiste Nichte mit nach Düsseldorf. Sissele wäre mit ihren Cousins Aron und Riven aufgewachsen, wenn ihr Vater sie nicht nach einiger Zeit gegen den Protest seiner Schwägerin und ihrer Familie zu einer katholischen Pflegefamilie nach Bayern und ein paar Wochen später in ein Kloster gebracht hätte.

Als Sissele vier Jahre alt war, flog der Vater mit ihr nach Montreal und brachte sie sofort nach der Ankunft zu einer Pflegefamilie. Bei der dritten ihrer insgesamt sechs kanadischen Pflegefamilien wurde die inzwischen 13-Jährige von ihrem „Bruder“ Jacques, der Rabbiner werden wollte, defloriert und geschwängert. Zwei Jahre später musste sie sich einer zweiten Abtreibung unterziehen.

Währenddessen schlug sich der Vater als Kürschner durch. Als er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ohne Hilfe im Haushalt zurechtkam, holte er seine Tochter zu sich, aber sobald sie 18 Jahre alt war, verließ sie ihn und fing bald darauf als Stewardess bei Canadian Pacific Airlines an. Jedes Mal, wenn sie nach Europa kam, fragte sie nach ihren Verwandten, aber sie fand nie einen Hinweis auf die Familie Max in Düsseldorf.

Ihr Vater starb schließlich in einem Seniorenheim, dessen Rechnungen Sissele bezahlt hatte, ohne ihn noch einmal wieder zu sehen.

1972 hatte Sissele in Montreal einen doppelt so alten Arzt geheiratet. Michel starb vor drei Jahren. Die Witwe reiste erneut nach Deutschland, um ein letztes Mal nach ihrer Familie zu suchen. Vielleicht leben ihre Cousins Aron und Riven noch.

Zwischenakt

Adriana weiß nicht, wie sie ihrer jüdischen Souffleuse helfen soll. Außerdem muss sie sich zunächst auf die Proben für die Aufführung der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ konzentrieren. Zu Mozarts Oper meint Sissele:

„Die Kernfrage ist doch: Wer übt welche Macht aus? Wer ist abhängig von wem und warum? Und was ist mit der Ohnmacht dieser Menschen? Ja, auch dieser Frauen?“
[…] Macht und Ohnmacht sind die Koordinaten. Zwischen Frauen und Männern. Zwischen Tätern und Opfern. In Auschwitz ganz bestimmt und vielleicht auch in der Sicherheit des klassizistischen Opernhauses.

Nach der erfolgreichen Premiere in Kassel hört Adriana in Gießen wochenlang nichts von ihrer Souffleuse. Dann steht Sissele plötzlich mit einem Koffer vor der Tür. Die unerwartete Besucherin wird im Gästezimmer untergebracht.

Sisseles Vater

Adriana fährt mit ihr nach Bad Arolsen. Im Archiv des International Tracing System gibt es eine Akte über Fischel Chaimberg. Daraus geht hervor, dass er am 10. Oktober 1929 in Łódź geboren wurde. 1939/40 arbeitete er bei einem Onkel, der mit Altwaren handelte, dann lebte er im Ghetto Litzmannstadt, bis ihn die Deutschen im Mai 1943 nach Auschwitz deportierten. Am 16. Januar 1945 begann der Todesmarsch nach Mauthausen, wo er am 11. Februar eintraf.

Weil es im Hauptarchiv der Gedenkstätte Mauthausen in Wien weitere Dokumente über Fischel Chaimberg gibt, fahren Adriana und Sissele von Bad Arolsen über Prag nach Österreich.

In einem Fragebogen gab Fischel Chaimberg am 5. Mai 1946 an, er habe von April 1943 bis Januar 1945 dem Sonderkommando des Vernichtungslagers angehört. Normalerweise wurden die in der Vernichtungsmaschinerie eingesetzten Judennach einem halben Jahr selbst vergast, aber Fischel Chaimberg blieb ausnahmsweise am Leben. Er traf Shaina wieder, seine große Liebe aus dem Ghetto Litzmannstadt in Łódź. Seine Privilegien als Mitglied des Sonderkommandos ermöglichten es ihm, ihr Kleidung und Nahrungsmittel in die Frauenbaracke zu bringen, bis er im Januar 1945 auf den Todesmarsch geschickt wurde und sie zurücklassen musste.

Während er 1945 bis 1947 im DPC in Deggendorf lebte, machte er Shaina mit Hilfe des Roten Kreuzes ausfindig. Sie war in Israel verheiratet und lehnte jeden Kontakt mit ihm ab. 1947 wanderte Fischel Chaimberg illegal nach Israel aus und arbeitete dort als Koch beim Militär, bis man ihn nach zwei Jahren entließ.

In Israel zeugte er mit Malka, der Tochter eines kleinen Farmers, für den er als Knecht arbeitete, ein Kind. Gegen den Willen des Vaters heirateten die beiden und emigrierten 1953 mit der Tochter nach Deutschland.

Einem Gutachten des kanadischen Militärarztes Dr. Samuel Aizekovitch vom 21. Juli 1956 ist zu entnehmen, dass Fischel Chaimberg im DPC Föhrenwald im Ortsteil Waldram der oberbayerischen Stadt Wolfratshausen einen Antrag auf Ausreise nach Kanada gestellt hatte.

Ohne etwas über die Familie von Sisseles Tante Rachel erfahren zu haben, kehren die beiden Frauen nach Deutschland zurück.

Zwischenakt

Adriana inszeniert [im Herbst 2016 in Kassel] die Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“ von Jacques Offenbach.

Nachdem sie monatelang nichts mehr von Sissele gehört hat, erkundigt sie sich nach ihr und erfährt, dass die Souffleuse gekündigt hat und mit unbekannter Adresse verzogen ist.

Robbi

Robbi Waks, der 1947 in Deutschland geborene ältere Bruder von Davids in Berlin gestorbenem Patenonkel Aron, ruft aus Israel an, wo er seit dem Studium als Dozent lebt. Aufgeregt erzählt er Adriana, er habe in einer Fernseh-Dokumentation über Auschwitz etwas über ein Liebespaar erfahren, das aus Blechlöffeln gebastelte Verlobungsringe getauscht hatte: Shaina und Fischel. Fischel hieß doch auch der Ehemann von Robbis Tante Malka, und der sei in Auschwitz gewesen. Adriana begreift plötzlich, dass es sich bei Robbi um den von Sissele gesuchten Cousin Riven handelt. Der Familienname lautet nicht Max, sondern Waks. Sie wagt es zunächst nicht, dem Freund etwas von Sissele zu berichten, zumal sie nicht weiß, wo diese zu finden sein würde.

Er wird den albanischen Geheimdienst auf mich hetzen, Kreuzspinne inklusive.

Einer der beiden Blechringe wird in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufbewahrt, der andere im Holocaust Museum in Washington. Während Adriana [Ende 2017 in Bern] die Oper „Anna Karenina“ des ungarischen Komponisten Jeno Hubay und [Anfang 2018 in Braunschweig] die Oper „Elektra“ von Richard Strauss inszeniert, forscht Robbi Waks weiter.

Nachdem der Regisseurin aufgefallen ist, dass sich Elektra ebenso wenig wie Sissele von der Vergangenheit befreien kann, versucht die Kostümbildnerin alles, um die Hauptdarstellerin wie die frühere jüdische Souffleuse in „Die Entführung aus dem Serail“ aussehen zu lassen.

Das Psychogramm um Schuld und Scham, um Vergebung und Rache, um Macht und Ohnmacht ist nicht nur Elektras, sondern auch Sisseles und Fischels Geschichte.

Bei den Proben tauchen unvermittelt Robbi und Sissele auf. Robbi hat seine Cousine in Montreal aufgespürt.

Adriana begleitet die beiden auf dem Rückflug nach Kanada. Nach einer Zwischenlandung in Island sitzen sie drei Wochen wegen eines Ausbruchs des Vulkans Katla fest.

„Island ist eines der wenigen Länder, das keinen Genozid vorzuweisen hat, sie haben noch nicht einmal Militär hier“, doziert Robbi […].
„Kein Genozid? Nicht einmal ein klitzekleines Pogrom?“, witzele ich. „Na, was sollen wir dann hier?“

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Der Roman „Die jüdische Souffleuse“ dreht sich um die Suche der 1952 in Israel geborenen Tochter eines Holocaust-Überlebenden nach ihren Cousins, mit denen sie einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland verbrachte. Adriana Altaras hat diesen Kern des Romans in eine lockere Rahmenhandlung eingebettet, die sie immer wieder aufgreift. Dabei geht es nicht nur um das Privatleben der Ich-Erzählerin, sondern vor allem um ihre Erfahrungen als Opernregisseurin. Der Blick hinter die Kulissen bleibt zwar klischeehaft, aber Adriana Altaras spickt ihn mit Aphorismen, Witz und Humor.

Die Fledermaus ist praktisch der Faust der Österreicher.

Das Schicksal hat viel Humor.

Sympathisch ist der beherzte, mitmenschliche und aufgeschlossene Charakter der Ich-Erzählerin.

Es wäre großartig, wenn sich der Kern des Romans in der Handlung einer der geprobten Opern spiegeln ließe. Adriana Altaras setzt dazu auch an, aber der Vergleich der jüdischen Souffleuse Sissele mit der Bühnenfigur Elektra wirkt aufgesetzt.

Adriana Altaras schreibt im Präsens und in der Ich-Form, also aus einer subjektiven Perspektive. Die Darstellung im flotten Plauderton ist kurzweilig, mitunter auch tragikomisch. Auf einige der eingestreuten Witze und Kalauer hätte Adriana Altaras allerdings besser verzichtet.

Es gibt mäßigen Kaffee und ermäßigte Croissants vom Vortag.

Geht ein Musiker zum Arzt. Sagt der Arzt: Sie haben noch drei Tage zu leben. Fragt der Musiker: Ja, aber wovon?

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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