Fernando Aramburu : Langsame Jahre

Langsame Jahre
Años lentos Tusquets Editores, Barcelona 2012 Langsame Jahre Übersetzung: Willi Zurbrüggen Rowohlt Verlag, Hamburg 2019 ISBN 978-3-498-00104-9, 203 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Weil die von ihrem Mann verlassene Mutter nicht alle ihre Söhne allein durchbringen kann, schickt sie den Jüngsten – er ist acht – 1968 zu ihrer Schwester nach San Sebastián. In den neun Jahren, die er dort verbringt, beobachtet er die Verwandten vor dem Hintergrund der baskischen Unabhängigkeitsbewegung und der spanischen Repression ...
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Kritik

Mit einem originellen Aufbau – einem Wechsel zwischen Protokollen mit Erinnerungen des Protagonisten und Notaten des Schriftstellers – täuscht Fernando Aramburu in seinem Roman "Langsame Jahre" augenzwinkernd Authentizität vor. Er spielt damit nicht nur geschickt, sondern auch mit spürbarem – auf die Leserin bzw. den Leser – überspringendem Vergnügen.
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Empfang in San Sebastián

Nachdem der Vater des späteren Erzählers dessen Mutter verlassen hat, kann sie nicht alle ihre Söhne allein durchbringen und schickt deshalb den Jüngsten Anfang 1968 zu ihrer Schwester, die als junges Mädchen nach San Sebastián gegangen war, dort in einer Fabrik und dann als Hausmädchen für eine französische Familie gearbeitet hatte, bevor sie Vicente („Visentico“) Barriola heiratete.

Der acht Jahre alte Junge, dessen Namen wir nicht erfahren, trifft auf dem Bahnhof in San Sebastián ein und muss eine halbe Stunde warten, bis ihn sein älterer Cousin Julen abholt. Der lässt ihn seinen Koffer und die Pappschachtel mit zwei lebenden Hühnern, die ihm die Mutter als Geschenk für die Verwandten mitgab, selbst tragen und verbirgt nicht, dass er sich über den Familienzuwachs ärgert, weil er sein Zimmer in der Arbeiterwohnung der Eltern mit ihm teilen muss.

Nur Tante Maripuy – María del Puy Aranzábal – begrüßt ihren Neffen herzlich. Und das ist entscheidend, denn sie hat in der Familie das Sagen (auch wenn sich ihr Mann des Öfteren in eine Kneipe absetzt und sowohl der Sohn als auch die Tochter sich Freiheitsräume erkämpft haben).

Julen

Julen, der seinen Cousin „Txiki“ nennt, gehört zu einer Gruppe von männlichen Jugendlichen, die sich von dem Geistlichen Don Victoríano mit den Vorstellungen baskischer Separatisten impfen ließen. Sie ehren die Ikurriña – also die verbotene baskische Fahne – und lernen Euskera. Julens Cousin gewinnt allerdings den Eindruck, dass sein Zimmergenosse die Parolen der Eiferer ohne echte Überzeugung nachbetet.

Wegen der politischen Aktivitäten seines Sohnes macht Visentico sich Sorgen, zumal Julen kommt und geht, wann er will und seine Eltern nicht wissen, was er tut, wenn er nicht zu Hause ist.

Ein paar Monate nachdem die ETA Melitón Manzanas, den Chef der Geheimpolizei, am 2. August 1968 ermordet hat, werden Julen und zwei seiner Freunde festgenommen. Don Victoríano eilt herbei und schaut sich hastig in Julens Zimmer um, weil er eine polizeiliche Hausdurchsuchung befürchtet. Belastende Papiere findet er zwar nicht, weil Julen kaum liest oder schreibt, aber der Pfarrer bringt die Ikurriña weg.

Nach drei Tagen kehrt Julen zurück, stöhnt allerdings noch unter Schmerzen von den Schlägen, die er während der Verhöre bekam.

Mari Nieves

Julens 17 Jahre alte Schwester Mari Nieves treibt sich mit ihrer Freundin Begoña herum, und als sie schwanger ist, weiß sie nicht, welcher von drei jungen Männern der Vater des Ungeborenen ist.

Maripuy versucht zunächst, das Kind ihrer Tochter wegzumachen. Ihr Neffe hört das Plantschen in der Badewanne und die Schreie seiner Cousine. Als die Bemühungen erfolglos bleiben, sucht Maripuy Anfang 1969 die Eltern der drei möglichen Väter auf, aber nicht einmal der zu Hilfe gerufene Pfarrer kann eine der Familien dazu überreden, einer Vermählung zuzustimmen.

Maripuy gibt die Suche nach einem Schwiegersohn nicht auf und überredet schließlich den Autoelektriker Txomín Ezeíbarrena, seinen geistig zurückgebliebenen Sohn „Chacho“ – eigentlich: Anselmo Ezeíbarrena Lopetegui – als Ehemann der Schwangeren vorzusehen. Mari Nieves protestiert vergeblich. Im Mai 1969 findet die Hochzeit statt. Chacho wohnt allerdings weiterhin bei seinen Eltern.

Turbulente Monate

Julen kann an der Hochzeitsfeier seiner Schwester nicht teilnehmen, denn er ist ein paar Wochen zuvor mit seinem ebenfalls von der Polizei gesuchten Freund Peio Garmendia nach Frankreich geflohen.

Mari Nieves bringt eine missgestaltete, blinde, schwerbehinderte, sabbernde Tochter zur Welt, die den Namen Julia erhält.

Einige Zeit später steht Chacho mit mehreren Koffern vor der Tür und erklärt, sein Vater finde, er solle besser bei der Familie seiner Ehefrau wohnen.

Im Sommer 1970 taucht unvermittelt Julen wieder auf. Sein Cousin erfährt, dass Julen sich im französischen Exil mit seinem Freund überwarf und unter der Einsamkeit litt. Verwunderlich ist, dass Julen sich ungeachtet der Repressionswelle gegen Separatisten sorglos bewegt. Bald tuschelt man im Viertel, er sei ein Polizeispitzel geworden, und seine ganze Familie wird ausgegrenzt.

Anfang Dezember zieht Julen deshalb nach Rentería und arbeitet im Hafen, bis er im Februar 1971 für einen erkrankten Matrosen einspringt und zur See fährt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Spoiler

Im Mai 1971, als Maripuy mit ihrem Neffen und ihrer Enkelin allein in der Wohnung ist, schickt sie den Jungen mit dem Auftrag los, Essig zu kaufen. Als er losgeht, hat Julia wieder einen ihrer stundenlang anhaltenden Schreikrämpfe, aber als er zurückkommt, ist es still.

Später treffen der Onkel und die Cousine ein. Mari Nieves schaut nach ihrer Tochter und meint ruhig, das Kind atme nicht mehr und sei tot. Sie trägt es ins Krankenhaus, wo die Ärzte nichts mehr für Julia tun können.

Ihrem Cousin fällt auf, dass seine Tante gar keinen Essig fürs Abendessen benötigte. Warum war es dann so dringend, dass er welchen kaufte? Wollte sie ihn aus dem Haus haben, um das behinderte Kind ersticken zu können?

Mari Nieves und Chacho mieten Ende 1971 ein eigene Wohnung und ziehen um. Sie bekommen vier Kinder, aber schließlich lassen sie sich scheiden.

Neun Jahre verbringt der spätere Erzähler bei den Verwandten im Baskenland. 1977 kehrt er zu seiner Mutter in Navarra zurück und bereitet sich darauf vor, eine Handwerker-Ausbildung zu absolvieren. Da schickt seine Tante einen größeren Geldbetrag, den Julen – der es inzwischen in Brasilien zu Wohlstand gebracht hat – während eines kurzen Besuches seiner Eltern für ihn abgegeben hat. Das Geschenk ermöglicht es seinem Cousin, 1978 ein Studium in Pamplona zu beginnen.

Rahmenhandlung

Vier Jahrzehnte später erzählt der verheiratete Apotheker und Vater mehrerer Kinder dem Schriftsteller Fernando Aramburu von seinen Erinnerungen an die Jahre bei den Verwandten in San Sebastián. Fernando Aramburu beabsichtigt, daraus einen Roman zu machen.

Morgen zum Zahnarzt. Donnerstag nach dem Frühstück die ersten Tastenversuche. Wenn ich merke, dass die Geschichte flutscht, sich erzählen lässt, erzählt werden will, nehme ich mir den ganzen Monat Zeit für sie.
Und wie immer: Erreiche ich Seite fünfzig, gibt es kein Zurück.

Fernando Aramburu erinnert sich, wie er vor 40 Jahren einmal Vicente Barriola im Bus traf und dessen Gruß nicht erwiderte. Es war die Zeit, als die Familie ausgegrenzt wurde, weil der Sohn als Polizeispitzel galt. Heute bedauert der Schriftsteller sein Verhalten, aber er kann Visentico nicht mehr um Verzeihung bitten, denn der ist bereits gestorben. Maripuy lebt dement in einem Heim in San Sebastián.

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Die eigentliche, 1968 bis 1978 spielende Geschichte entfaltet sich in den Erinnerungen des namenlosen Protagonisten an die Jahrzehnte zurückliegende Zeit, die er als Kind bzw. Jugendlicher bei Verwandten in San Sebastián verbrachte. Dabei geht es weniger um seine Entwicklung als um die Beobachtungen des unerfahrenen Jungen in der Familie seiner Tante vor dem Hintergrund der baskischen Unabhängigkeitsbwegung und der spanischen Repression.

Zwischen die Protokolle mit Erinnerungen des Protagonisten fügt Fernando Aramburu „Notate“ ein, Notizen darüber, wie er bestimmte Passagen später im Manuskript gestalten will. Ein Beispiel:

Der Erzählfluss soll nicht unterbrochen werden, um zu erklären, dass Eulalía die Mutter von Joserra ist. Der mutmaßliche Leser soll das selbst herausfinden (wenn ihm das nicht gelingt, kann er mich mal).

Einmal erzählt der Protagonist von einem Park in San Sebastián mit einer „Tamarinde“. Acht Seiten später notiert Fernando Aramburu:

Von wegen Tamarinden. Die verdammten Bäume im Alderdi-Eder-Park sind Tamarisken. Ta-ma-ris-ken. Als ob das nicht völlig egal wäre!

Mit diesem originellen Aufbau täuscht Fernando Aramburu in seinem Roman „Langsame Jahre“ augenzwinkernd Authentizität vor, und um diesen Eindruck noch zu steigern, legt er dem Protagonisten Sätze wie den folgenden in den Mund:

Ich war auch nicht Zeuge aller Begebenheiten, die ich Ihnen in diesem Abschnitt meiner Erinnerungen vortragen will, sondern von einigen, die persönlich mitzuerleben ich keine Gelegenheit hatte, erfuhr ich erst später, als ich meine Verwandten davon sprechen hörte […]

Mit diesen Kunstgriffen spielt Fernando Aramburu in „Langsame Jahre“ nicht nur geschickt, sondern auch mit spürbarem – auf die Leserin bzw. den Leser – überspringendem Vergnügen.

Die beiden letzten Kapitel tragen übrigens die Überschriften „Ein Schluss“ und „Ein anderer Schluss“.

Der Roman „Langsame Jahre“ von Fernando Aramburu ist auch auch als Hörbuch geplant, gelesen von Frank Stöckle (ISBN 978-3-95862-524-2).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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