Lukas Bärfuss : Koala

Koala
Koala Originalausgabe Wallstein Verlag, Göttingen 2014 ISBN 978-3-8353-0653-0, 182 Seiten ISBN 978-3-8353-2596-8 (eBook) Taschenbuch btb, München 2016 ISBN 978-3-442-74908-9, 182 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als der Ich-Erzähler in seiner Heimatstadt einen Vortrag über Kleist halten soll, nutzt er die Gelegenheit, sich mit seinem im Gegensatz zu ihm dort gebliebenen Halbbruder zu treffen. Ein halbes Jahr später tötet sich dieser. Der Autor grübelt, was der Grund gewesen sein könnte, macht sich ein Bild von seinem Bruder und vergleicht sich mit ihm ...
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Kritik

"Koala" ist ein nachdenkliches wenn nicht grüblerisches Buch über Suizid, den Sinn des Lebens und die Zivilisation bzw. Ökonomisierung der Welt. Die Sprache ist spröde und geschliffen zugleich. Formal stört der Einschub über die Kolonisation Australiens und die Entdeckung des Koalas.
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Die letzte Begegnung

23 Jahre nachdem er seine Heimatstadt „nicht ganz freiwillig“ verlassen hat, kommt der Ich-Erzähler zurück, um einen Vortrag über Heinrich von Kleist zu halten.

Man hatte mich in meine Heimatstadt geladen, damit ich einen Vortrag über einen deutschen Dichter halte, der zweihundert Jahre früher, an einem Tag im November, am Wannsee in Berlin eine Mulde gesucht und danach seiner Freundin Henriette Vogel ins Herz und schließlich sich selbst eine Kugel in den Rachen geschossen hatte.

Bei dieser Gelegenheit verabredet sich der Gast mit seinem Halbbruder, der im Gegensatz zu ihm am Heimatort geblieben ist. In der Gruppe, die vor der Veranstaltung noch etwas isst, gibt es jedoch keine Möglichkeit für ein persönliches Gespräch der beiden, und der Bruder, der sich ohnehin in der Gesellschaft nicht wohl fühlt, verabschiedet sich vor dem Beginn des Vortrags im Rathaus, um seinen Nachtdienst in einer Notschlafstelle anzutreten.

Der Ich-Erzähler besucht nach der Veranstaltung noch ein „schummriges Lokal“ und redet bis zum frühen Morgen an der Bar mit Daisy, einer „asiatischen Schönheit“, die seinen Ausführungen über Kleist aufmerksam zuzuhören scheint. Dabei „verprasst“ er sein Vortragshonorar. Nachdem er ein paar Stunden im Hotel geschlafen hat, muss er verkatert zu einem Interview mit einer Journalistin des lokalen Radiosenders.

Suizid

Einige Monate später, im November, schickt der Ich-Erzähler seinem Halbbruder eine SMS, um ihm zum 45. Geburtstag zu gratulieren. Wenige Minuten später bedankt sich der Empfänger.

Meine Aufforderung, an diesem Tag nichts aus- und es gehörig knallen zu lassen, ließ er unbeantwortet.

Dass der 45-Jährige sechs Tage vorher sein Testament schrieb, ahnt der Gratulant nicht. Sechs Wochen später, kurz vor Weihnachten, erhält er die Nachricht vom Tod seines Halbbruders.

Man hatte den Selbstmörder in der trockenen Badewanne gefunden. Er war an einer Überdosis Heroin gestorben. Um die Wohnung nicht mit Ausscheidungen zu verschmutzen, hatte er sich in die Wanne gelegt. Es war alles sorgfältig aufgeräumt, und er hatte die Türe nicht abgesperrt, damit sie nicht aufgebrochen werden musste.

„Koala“

Die beiden Halbbrüder hatten nur die Mutter gemeinsam. Sie war die jüngere von zwei Töchtern eines Sattlers aus einem Dorf.

Nach der Schule zog sie in die nächste größere Stadt, wo sie in Bars und Tea-Rooms arbeitete, einen Chemiker kennenlernte, mit zweiundzwanzig Jahren schwanger wurde und an einem Novembertag einen Sohn zur Welt brachte. […] Sie trennte sich vom Vater ihres Sohnes, heiratete den jüngsten Spross einer angesehenen Familie, ein labiler Charakter, intelligent, kriminell, nach Vermögensdelikten zweimal im Gefängnis. Mit diesem Mann einen Sohn gezeugt. Mich. Scheidung. Den älteren Sohn ließ sie bei seinem Vater, tat sich mit einem Witwer und seinen zwei kleinen Kindern zusammen, ein Junge und ein Mädchen, meine Stiefgeschwister. Den Halbbruder sah ich nur noch selten.

Der Bruder machte eine Ausbildung als Bäcker und Konditor. Nach einem Unfall und monatelanger Reha saß er im Rollstuhl.

Starke Schmerzmittel: Tramadol, Oxycodon, Heroin. Entzug mit Methadon.

Eine Anstellung fand der Junggeselle in einer Notschlafstelle. Um sich mit Cannabis zu versorgen und zugleich durch den Verkauf sein Einkommen ein wenig aufzubessern, züchtete er vorübergehend Hanf.

Vielleicht hatte sein Leben nichts anderes verdient, als in den Müll geschmissen zu werden wie ein angeschimmelter Speiserest, diese armselige, mickrige Existenz in einer lausigen Kleinstadt. Nie hatte er etwas gewagt, mit Ausnahme der Hanfplantage, die er in seinem Dachboden einrichtete – dabei aber die Wasserleitungen so stümperhaft verlegte, dass es eines Tages bei den Nachbarn durch die Decke regnete und ein paar Stunden später die Polizei vor der Tür stand.

Der Ich-Erzähler grübelt, warum sein Halbbruder sich das Leben genommen haben könnte. Er denkt über ihn nach und vergleicht sich mit ihm.

Er lehnte die Arbeit ab, die Anstrengung, und verfolgte niemals ein Ziel. […] Er investierte nicht. Er legte nichts zur Seite. Er besaß keinen Fleiß, er arbeitete nicht, er hing herum und ließ die Zeit verstreichen.

Die gängigen Tugenden, nach denen auch ich lebte, Fleiß, Strebsamkeit, Ehrgeiz, bewahrten jedenfalls nicht vor dem Unausweichlichen. Man mochte behaupten, diese Toten hätten die Werke auf ihrer Seite, ihre Taten würden an ihre Existenz erinnern, aber wenn ich mir die Welt ansah, die durch diese Taten geformt war, dann fand ich nicht viele Argumente, die für den Ehrgeiz und den Fleiß sprachen, und ich konnte nicht ausschließen, dass diese Welt friedlicher gewesen wäre, wenn sich mehr Menschen an die Prinzipien meines Bruders gehalten hätten. Wenn sie sich berauscht und ohne Ambition ihre Tage hätten verstreichen lassen, für sich nur das Nötigste in Anspruch genommen hätten, einen Besitz, dessen Auflistung auf anderthalb Seiten Platz fand und in einer guten Stunde unter den Freunden verteilt war.

Vielleicht war es kein Zufall, dass ihm die Pfadfinder bei seiner Initiierung den Namen Koala gaben.

Der Koala, eine „Karikatur der Harmlosigkeit“, lebt als Einzelgänger und scheut jede überflüssige Bewegung – wie der Halbbruder des Erzählers. Noch eine Parallele: Während dieser Drogen konsumierte, ernährt sich der Koala vorwiegend von Blättern bestimmter Eukalyptusarten, obwohl diese giftig sind.

Freitod

Der Erzähler begreift schließlich, dass der Suizid seines Halbbruders kein feiges Davonschleichen war, sondern eine konsequente Auflehnung gegen jede Art von Fremdbestimmung. Die Faulheit des Bruders, seine Verweigerung eines bürgerlichen Lebensentwurfs und sein provokantes Nichtstun waren Widerstand gegen den Kapitalismus.

Das war, was man meinem Bruder und keinem Selbstmörder verzieh: Sie hatten endgültig und ohne Widerruf die Arbeit verweigert.

Das Phlegma befreite ihn von der Angst.

Der Halbbruder des Selbstmörders ist den anderen Weg gegangen und hat – wie die meisten Menschen – den Fleiß als Medizin gegen die Angst gepflegt.

Auch ich war der Arbeit verfallen, stand bei Tagesanbruch auf, erledigte mein Soll, legte mich nur schlafen, damit ich wieder frisch war für das nächste Tagwerk. Was ich damit schuf, war Abfall, ein großer Haufen Vergeblichkeit, eine Beschäftigung um der Beschäftigung willen. Es ist unnütz, rief mir etwas zu, was du tust, ist Ablenkung, es wird nicht helfen, nicht dir, nicht deinen Kindern, nicht der Welt.

Es gab nichts als den Ehrgeiz, den Fleiß, die Unterordnung unter die Arbeit, die Annahme dieser Strafe.

Und ich begriff auf einmal, weshalb man es scheute, über Selbstmord zu reden. Er war nicht wie eine Krankheit ansteckend, er war überzeugend wie ein schlüssiges Argument. Es war eine Lüge zu behaupten, dass man die Selbstmörder nicht verstand, im Gegenteil. Jeder verstand sie nur zu gut. Denn die Frage lautete nicht, warum hat er sich umgebracht? Die Frage lautete: Warum seid ihr noch am Leben? Warum verkürzt ihr nicht die Mühsal?

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Lukas Bärfuss hielt im Frühsommer 2011 in seiner Geburtsstadt Thun einen Vortrag über Heinrich von Kleist, der 1802 in Thun gewesen war und 1811 Henriette Vogel und sich selbst am Wannsee erschossen hatte. Dabei traf Lukas Bärfuss seinen Halbbruder – zum letzten Mal, denn der 45-Jährige nahm sich im Dezember desselben Jahres das Leben.

Mindestens soweit ist der Roman „Koala“ also autobiografisch.

Der Suizid des Halbbruders macht den Autor fassungslos. Vorübergehend schlägt die Trauer in Hass um. Der Ich-Erzähler grübelt, was der Grund für den Selbstmord gewesen sein könnte. Dieses Nachdenken ufert aus. Der Protagonist versucht mit anderen über das Phänomen Suizid ins Gespräch zu kommen, macht sich ein Bild von seinem Bruder, vergleicht sich mit ihm und beschäftigt sich mit der Selbsttötung historischer Persönlichkeiten wie Sokrates, Marcus Porcius Cato der Jüngere und Seneca. Für längere Zeit verschwindet der Ich-Erzähler, und wir lesen so etwas wie einen dramatisierten Bericht nicht nur über die Abspaltung der Vereinigten Staaten von Großbritannien 1776 und die damit zusammenhängende Kolonisation Australiens 1788, sondern auch die Entdeckung des Koala 14 Jahre nach der Ankunft der Europäer und die Jagd auf das Tier, die beinahe mit seiner Ausrottung geendet hätte.

Vierzehn Jahre blieb das Tier noch unentdeckt von den Weißen, vierzehn Jahre, in denen die Kolonie sich dank dem Fleiß, dem Ehrgeiz und der Grausamkeit langsam entwickelte.

Die Teile des Tieres und sein Name fanden den Weg nach Europa und erregten die Neugier der Naturforscher, doch es dauerte weitere zwei Jahre, bis man ein ganzes Tier erlegen konnte.

„Koala“ ist ein nachdenkliches wenn nicht grüblerisches Buch über den Suizid, den Sinn des Lebens und die Zivilisation bzw. Ökonomisierung der Welt. Die Sprache ist spröde und geschliffen zugleich. Indirekte Rede ersetzt Dialoge. Formal stört der historische Einschub.

Am 2. November 2019 soll Lukas Bärfuss in Darmstadt mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet werden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Wallstein Verlag

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