Sibylle Berg : GRM. Brainfuck

GRM. Brainfuck
GRM. Brainfuck Originalausgae Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019 ISBN 978-3-462-05143-8, 633 Seiten ISBN 978-3-462-31953-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In "GRM. Brainfuck" skizziert Sibylle Berg am Beispiel Englands eine Gesellschaft in naher Zukunft, nach dem Brexit, der Abschaffung der Monarchie und dem Aufbau eines totalitären Überwachungsstaates nach chinesischem Muster. Die vier Hauptfiguren − Jugendliche kurz nach der Pubertät − stammen aus dem Prekariat. Sie sind Not, Ausgrenzung, Gewalt, Demütigung, Perversion und Depravation ausgesetzt, versuchen aber, sich durchzuschlagen, ohne von der staatlichen Kontrolle erfasst zu werden.
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Kritik

Einen Plot gibt es in "GRM. Brainfuck" von Sibylle Berg nur rudimentär. Die ersten 200 Seiten sind sprachlich virtuos und mitreißend, witzig und voller Esprit. Aber mit mehr als 630 Seiten ist die kulturpessimistische Groteske viel zu lang. In dem Maß, wie sich die Wirkung des aus der Lyrik entlehnten Zeilensprungs und der zynischen Stakkato-Sätze abschleift, nimmt das Wirre, Fragmentarische und Elliptische der Darstellung zu.
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Peter

Rochdale ist eine Kleinstadt in der Nähe von Manchester.

Wie Tausende Städte des Westens, die sich alle ähnelten: Backsteinhäuser, durchgeweichte Straßen und ein Kino, geschlossene Postämter, geschlossene Supermärkte. Das Zeug braucht man nicht mehr, denn es ist die Zeit des Internets.

Dorthin zieht Peters Mutter mit ihrem zwölf Jahre alten autistischen Sohn, weil sie sich in England eine bessere Zukunft als in der polnischen Heimat erhofft.

Rochdale war ein Ort, der sich mit seinen schlechten Straßen und unrenovierten Häusern nur unwesentlich von ihrem Dorf in Polen unterschied. Ihrem. Ex-Dorf.

Die Adresse, die sie bei sich hatten, gehörte zu einer ehemaligen Schule, vielleicht war es auch eine Irrenanstalt gewesen, mit einem großen Saal, in dem Dutzende Polen ihre Koffer und Säcke, ihre Kinder und Kleider um sich und ihre Matratzen verteilt hatten. Der Matratzenplatz kostete fünfzehn Pfund die Woche, und Peters Mutter unterschrieb bei einem stark behaarten Polen einen Schuldschein.

Besser als im Mittelalter war es allemal.

Nachdem Peter in der Flüchtlingsunterkunft eine halbe Stunde lang mit dem Kopf auf den Boden geschlagen hat, erträgt es der Pole auf der Matratze daneben nicht mehr. Sergej beschließt, den „Mongo“ zur Ruhe zu bringen.

Dann hatte Sergej
Peter
Mit einer Hand den Mund zugehalten, mit der anderen Peters Pyjamahose heruntergezogen, seine Hose geöffnet und seinen Schwanz in Peters Hintern gestoßen. Peter wusste nicht genau, was da passierte, geschlechtliche Sachen waren ihm fremd, aber es war unangenehm. Es tat weh, und es stellte in Peter, der immer einsam war und nicht wusste, wie er einen Kontakt zu irgendwem herstellen könnte, eine Einsamkeit her, die eine neue Dimension von Kälte hatte.

Peters Mutter wird von einem reichen Russen, dem in Moskau aufgewachsenen promovierten Sohn eines Professoren-Ehepaars, mit nach London in dessen Wohnung genommen, aber das Kind will er nicht dort haben. Peter bleibt deshalb in Rochdale zurück.

Hannah

Hannah ist ebenso alt wie Peter. Sie wächst in Liverpool auf. Ihre Eltern – indische Juden, die in der dritten Generation in England leben – betreiben dort ein Fotogeschäft. Als die Mutter von einer Kinder-Gang zusammengeschlagen wird und im Krankenhaus stirbt, gibt Hannah dem behandelnden Arzt Dr. Brown die Schuld. Der Vater versucht, mit Drogen über den Tod seiner Frau hinwegzukommen. Er schließt den Laden, und als die Wohnung in Liverpool zwangsgeräumt wird, weist man ihm und seiner zwölfjährigen Tochter einen fensterlosen Kellerraum in Rochdale zu. Bald darauf findet Hannah ihn mit aufgeschnittenen Pulsadern tot in der Waschküche.

Don

Donatella („Don“) wächst bei ihrer afroenglischen Mutter in Rochdale auf.

Dons Mutter hatte einen ordentlichen Beruf gelernt. Einzelhandelskauffrau, oder etwas ähnlich Sinnloses aus der 1.0-Zeit der Wirtschaft. Sie hatte für eine Speditionsfirma, einen Supermarkt und einen Haushaltsgerätehandel gearbeitet und war immer irgendwann von jemandem im Ausland ersetzt worden, weil der Trend dahin ging, Arbeiten auszulagern, weil der Trend dahin ging, dass ein paar Menschen immer mehr Geld verdienen wollten, um sich vor dem Weltuntergang zu schützen. Das musste respektiert werden.

Dons Mutter fand nur noch Aushilfsjobs. In Wäschereien, an Kassen, an Tankstellen. Und immer wieder lange gar keine. In diesen Phasen hatte sie Angst. Sie hatte auch Angst, wenn sie einen Job hatte, davor, ihn wieder zu verlieren.

In arbeitslosen Zeiten der Mutter sind sie und Don auf die Tafeln der Christen angewiesen.

[…] ohne die Christen, die die Armen fütterten und kraulten, wären die meisten von ihnen vermutlich schon tot. Das Ziel des Staates war es, alle Sozialleistungen auf ein Minimum zu reduzieren, um die starken, arbeitsamen Bevölkerungsschichten zu fördern. Beziehungsweise. Um einfach zu sparen. Beziehungsweise. Um das Land auf seinem neoliberalen Kurs zu halten.
Die Verachtung der Kapitalisten gegenüber den Armen hatte sich institutionalisiert. Obdachlose, Arbeitslose, Arbeitsunfähige, Kranke, Schwache mussten akribische, nicht nachvollziehbare bürokratische Schwachsinnsanforderungen erfüllen, um einen Minimalbetrag zu erhalten, der ihre Lebensfunktionen aufrecht erhielt. Der unverwertbare Teil der Gesellschaft konnte durch kleine Formfehler sämtliche Unterstützung verlieren, und dann hockten sie da. In ihren verranzten Buden ohne Strom und Heizung und Essen. Und wer half dann? Die Christen halfen dann, die sich aus Serotonin-Ausschüttungs-Gründen für den Erhalt unerhaltenswerten Lebens engagierten.

Dons Mutter beginnt, wechselnde Männer mit nach Hause zu bringen.

Als ob sie allein nicht unangenehm genug gewesen wäre.

Schließlich zieht ein Arbeitsloser mit seiner Habe in zwei Plastiktüten bei ihnen ein. Walter, der ein Fernstudium in Theologie absolviert, hat von seinem Vater gelernt, dass außer Kraft und Aggression nichts zählt auf der Welt.

[…] als der Vater endlich tot war und der Walter entdeckt hatte, dass es Menschen gab, die Angst vor ihm hatten, also Kinder und Frauen, da begann er aufzublühen.

Der arbeitslose Theologiestudent züchtigt Don, beispielsweise indem er ihren Kopf ins Wasser des WCs drückt. Dons Problem erledigt sich, als Walter wegen einer anderen Frau nach London zieht.

Karen

Die 15-jährige Karen hat ebenso wie Don eine schwarze Mutter, aber sie selbst ist aufgrund eines Gendefekts weiß: ein Albino.

[…] die Jungs in ihrem Alter nahmen Karen nicht als sexuell verwertbares Wesen wahr. Karen war der Streber-Albino. Die mit der Brille und den roten Augen.

Karen teilt sich die Wohnung, die schon für eine Einzelperson zu klein wäre, mit der Mutter und zwei Brüdern. Der ältere quält sie, wann immer er Lust dazu hat, und das geschieht oft. Der jüngere hat einen Gendefekt wie seine Schwester. Er leidet am Hutchinson-Gilford-Progerie-Syndrom und wird früh sterben („was ihn aber auch nicht davon [abhält], ein bösartiges Arschloch zu sein“). Karens Vater, ein Musiker, verließ die Familie. Die Mutter war damals 26 Jahre alt und hatte gerade eine Fortbildung von der Kranken- zur OP-Schwester begonnen, die sie dann als alleinerziehende Mutter von drei Kindern abbrechen musste.

Endlich bemüht sich ein Junge um Karen. Der Pakistani Patuk gewöhnt sie an Drogen. Nachdem er sie defloriert hat, bringt er andere Männer zu ihr in einen Kellerraum, die ihn dafür bezahlen. Karen kriegt das wegen der Drogen nur unklar mit und merkt auch nicht, dass dabei gefilmt wird.

Erst nach einiger Zeit werden ihre Bewacher nachlässig – vermutlich in dem Maße, wie das Kundeninteresse an Karen abnimmt. Sie flieht. Ihre überforderte Mutter interessiert sich nicht für ihren Bericht, und eine Polizistin tut nur so, als nehme sie Karens Anzeige ernst. Dabei weiß sie, dass sich bereits zwanzig andere zur Prostitution gezwungene Mädchen gemeldet haben.

Als Karens Mutter die Wohnung gekündigt wird, zieht sie mit ihrer Tochter ins Obdachlosenheim. Zu diesem Zeitpunkt ist Karens jüngerer Bruder bereits tot. Der ältere, der Muslim geworden ist, um mehrere Ehefrauen gleichzeitig haben zu können, lebt mit seiner ersten in London. Während die Mutter dort zu Besuch ist, gerät das Hochhaus in Brand – und Karen bleibt ohne Familienangehörige zurück.

Don, Peter, Hannah und Karen

Auch Don, Peter und Hannah stranden in dem Obdachlosenheim in Rochdale. Die vier werden Freunde. Gemeinsam ziehen sie nach London und quartieren sich dort in einer stillgelegten Lagerhalle ein. Don verliebt sich in Hannah, aber Hannah und Peter sind unzertrennlich.

Bald nach der Ankunft der vier Jugendlichen in London führt die Regierung ein Grundeinkommen ein, das Sozialhilfe, Rente, Krankentagegeld und so weiter ersetzt. Um es zu bekommen, müssen sich die Bürgerinnen und Bürger registrieren lassen, und dabei pflanzt man ihnen einen Chip unter die Haut.

Don, Peter, Hannah und Karen weigern sich. Um sich die Mittel für den Lebensunterhalt zu beschaffen, schneiden sie frisch beerdigten Leichen die Chips heraus. Damit wird inzwischen bezahlt; Bargeld und Kartenzahlung gibt es kaum noch.

Karen studiert in London, aber ohne Chip kann sie sich nicht immatrikulieren. Also wird ihr auch kein Studienabschluss möglich sein.

Schöne neue Welt

Nach dem Brexit wurden die Monarchie und die Demokratie abgeschafft. Die Demokratie war ohnehin nur eine Ausnahmeerscheinung in der Weltgeschichte.

Fast die ganze Welt scheint sich erleichtert alten Diktatoren unterzuordnen. Endlich sind wieder Männer an der Macht, starke, markige Männer. Und unter uns: wo ist denn der Unterschied? Diese sogenannte Demokratie war ja nur eine Briefkastenfirma für die Superreichen. Sagten die Menschen und wohlan, recht haben sie. Und nun ist alles wie früher, seht ihr?

Die Demokratie ist eine veraltete Technologie. Sie hat Reichtum, Gesundheit und Glück für Milliarden Menschen auf der ganzen Welt gebracht. Aber jetzt wollen wir etwas Neues ausprobieren.

Polizei und Militär sind privatisiert. Die Bevölkerung wird fast lückenlos überwacht, im Internet ebenso wie in der analogen Welt. Dabei kommen auch Drohnen zum Einsatz. Nachdem es bei einer Volksabstimmung 80 Prozent Zustimmung gegeben hat, führt man die Todesstrafe wieder ein. Und als ein von einem Polen ersetzter Vorarbeiter am Bau seine Nachbarin erschlägt, wird die Hinrichtung im Fernsehen übertragen.

Militante Abtreibungsgegner wie „Die Lebensbejaher“ verfolgen Ärzte und Mütter. Homosexualität ist wieder strafbar. Aber auch Verhalten, das zwar nicht gegen Gesetze verstößt, aber unerwünscht ist, führt zu einem Punkte-Abzug in der persönlichen Bilanz – und das kann beispielsweise bei der staatlichen Versorgung Folgen haben.

Wohlstand für viele und Elend für die Low Performer.

Gegen die Wohnungsnot sind an manchen Orten entsprechend eingerichtete Betonröhren aufgestapelt worden. Genveränderte Bakterien fressen das Plastik in den Weltmeeren und reinigen sie auf diese Weise. (Allerdings ist damit zu rechnen, dass die Ozeane mit Bakterien verseucht sein werden.) Bordelle werden vollautomatisch mit lebensecht aussehenden Robotern betrieben.

„Ich werde dich vergewaltigen“, sagt Walter. „Okay“, sagt Lisa […]. Walter verpasst ihr einen Kinnhaken. Die Dinger bluten nicht, das ist schade, denkt er und sagt: „Schnauze. leg dich hin und hab Angst!“

Menschen klont man inzwischen und perfektioniert dabei auch die DNA. Allerdings sind die Krankenhäuser überfüllt mit Patienten, denen nicht mehr zu helfen ist, weil sie sich mit multiresistenten Keimen infiziert haben.

Künstliche Intelligenz ist eine der am stärksten wachsenden Branchen.

Alter. Respekt. Gehirne schaffen, die sich selber weiterentwickeln. Das ist Babys machen in geil. Wenn es schon nicht gelungen ist, das menschliche Hirn weiterzuentwickeln, warum nicht ein Neustart mit fleischlosen Mitteln.

Thome

Im Gegensatz zu Don, Peter, Hannah und Karen stammt Thome aus einer reichen Aristokratenfamilie mit langer Tradition. Sein Vater sitzt im Oberhaus und strebt das Amt des Premierministers an. Thome studiert in Cambridge Computerwissenschaft.

Nachdem seine Mutter an Brustkrebs gestorben ist, heiratet sein 71-jähriger Vater eine viel jüngere Russin: Tamara.

Das Gerücht von der Mesalliance seines Vaters hatte sich innerhalb von Tagen über das Empire verbreitet. Es gab kaum etwas, was die Gesellschaft nicht entschuldigen würde. Die Liebe zu Kindern, Hunden, also auch geschlechtlich, Untreue, Homosexualität, der Verlust des Vermögens, Drogensucht, alles schien entschuldbar und wurde stilsicher totgeschwiegen – nicht so die Fraternisierung. Wenn die Oberschicht etwas verachtete außer der Armut, waren es Neureiche, Araber, Russen. Jemanden aus dieser Schicht zu begatten, war in Ordnung, wenn es in aller gegebenen Verschwiegenheit stattfand. Aber solche Leute heiratet man doch nicht.

Als Tamara schwanger ist, erwürgt Thome sie und tritt seinen ungeborenen Halbbruder tot. Die Leiche der Schwangeren löst er im Säurebad auf.

Statt der Partei seines Vaters gewinnt eine Internet-Partei mit 80 Prozent der Stimmen, und ein Avatar übernimmt das Amt des Premierministers.

Weil Thomes Vater zu stark zittert, um sich selbst zu erschießen, fleht er seinen Sohn um den erlösenden Schuss an.

Danach sieht Thome sich auf den riesigen Straßenbildschirmen. Gezeigt wird, wie er seine Stiefmutter umbringt und beim Anblick eines Kindes masturbiert. Da ersticht er sich auf der Straße mit seinem Springmesser, und ein E-Truck zermalmt seinen Körper.

Dass Überwachungsvideos auf den öffentlichen Großbildschirmen zu sehen sind, ist das Werk einer aus Ben, Kemal, Pavel, Maggy und Rachel bestehenden jugendlichen Hackergruppe. Aber deren Absicht, dadurch einen Aufstand gegen den Überwachungsstaat auszulösen, erfüllt sich nicht. Statt sich zu empören, schauen sich die Leute die intimen Überwachungsvideos ihrer Mitbürgerinnen und -bürger begeistert an.

Show Down

Der Pakistani Patuk, der sich mit Drogenhandel und Zwangsprostitution Minderjähriger in Rochdale die finanziellen Mittel für ein Schneideratelier in London verschaffte, stiehlt Plutonium, um eine schmutzige Bombe bauen zu können, verschüttet jedoch den radioaktiven Inhalt der Phiole auf seine Hand und die Hose.

Der reiche Russe, der mit Peters Mutter in einer smarten Villa in London lebt, lässt sich das Gehirn herausoperieren, damit es später auf einen Chip transferiert werden kann. Vorerst wird es in einer Nährlösung in der Villa aufbewahrt. Die Hackergruppe übernimmt die Kontrolle über die Villa, in der alles elektronisch ferngesteuert wird. Rollläden und Türen schließen und verriegeln sich. Peters Mutter vermag sich nicht aus dem Gefängnis zu befreien, und das Gehirn des Russen kann ihr auch nicht helfen, weil es keine Möglichkeit zur Kommunikation hat.

Während Peters Mutter eingeschlossen ist, findet eine achtjährige Nutte die Tür der Wohnung, in der sie gefangen gehalten wurde, offen vor. Erstmals tritt sie ins Freie, ohne dass eine Limousine auf sie wartet, um sie zu einem Freier zu bringen.

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In ihrem – na ja, nennen wir es einen Roman „GRM. Brainfuck“ skizziert Sibylle Berg am Beispiel Englands eine Gesellschaft in naher Zukunft, nach dem Brexit, der Abschaffung der Monarchie und dem Aufbau eines totalitären Überwachungsstaates mit Punkte-Bewertungssystem nach chinesischem Muster. Die vier Hauptfiguren − Jugendliche kurz nach der Pubertät − stammen aus dem Prekariat. Sie sind Not, Ausgrenzung, Gewalt, Demütigung, Perversion und Depravation ausgesetzt, versuchen aber, sich durchzuschlagen, ohne von der staatlichen Kontrolle erfasst zu werden.

Nicht alles in „GRM. Brainfuck“ ist erfunden. Die Stadt Rochdale mit dem als „The Seven Sisters“ bezeichneten Hochhaus-Ensemble gibt es tatsächlich. 2012 wurden zwölf mit einer Ausnahme aus Pakistan stammende Männer zu Haftstrafen verurteilt, weil sie in Rochdale mindestens 47 minderjährige, ausschließlich weiße Mädchen missbraucht und zur Prostitution gezwungen hatten. In „GRM. Brainfuck“ wendet sich eines der Opfer nach der Flucht an die Polizei, aber die unternimmt nichts. Tatsächlich kam ein Untersuchungsbericht Ende 2013 zu dem Schluss, dass Ärzte, Krankenhäuser, Sozialarbeiter, Lehrer und Polizisten in Rochdale nicht auf die Berichte missbrauchter Mädchen reagiert hatten.

Auch mit dem Hochhausbrand in London, bei dem Karens letzte Familienangehörige umkommen, greift Sibylle Berg ein tatsächliches Ereignis auf: In der Nacht vom 13./14. Juni 2017 brannte der Grenfell Tower aus. In den Sozialwohnungen starben 72 Menschen.

Nicht fiktiv ist auch die Musikrichtung, auf die sich der Buchtitel bezieht: GRM steht für Grime (Schmutz), ein um 2002 bis 2004 im Londoner Eastend aus dem Punk bzw. Gangster-Hip-Hop entstandenes Genre in Großbritannien. Der Untertitel des Romans von Sibylle Berg lautet „Brainfuck“. So heißt auch eine 1993 von Urban Müller entworfene Programmiersprache.

Ungeachtet des Gegenwartsbezugs treibt Sibylle Berg das meiste maliziös und zornig, mit viel Zynismus und jenseits aller Sozialromantik auf die Spitze. Dadurch wird „GRM. Brainfuck“ zur kulturpessimistischen, apokalyptischen Groteske. Auch als Dystopie kann man „GRM. Brainfuck“ lesen. Lösungen für die zahlreichen gesellschaftlichen Probleme schlägt Sibylle Berg allerdings keine vor.

Einen Plot gibt es nur rudimentär und eine Inszenierung gar nicht. Die ersten 200 Seiten sind sprachlich virtuos und mitreißend, witzig und voller Esprit.

Sie war Social-Media-Fachkraft bei einem großen Immobilienbewirtschafter. Gewesen.

Karens Mutter saß […] auf einem Sofa, das mit Plastikfolie vor dem Leben geschützt wurde.

[…] die Angst vor der Zukunft ist ein Hobby der Alten, die ohnehin keine Zukunft mehr haben.

Erschöpfungsdepression war die häufigste Frauenkrankheit im Land. Na ja, Krankheit. Na ja. Frauen eben.

Die Gruppe vor Dons Haus – na ja, Haus – hatte gestern einen kleinen streunenden Hund angelockt. Der Kadaver lag dann einige Tage da.

Aber mit mehr als 630 Seiten ist das Buch viel zu lang, redundant und geschwätzig. In dem Maß, wie sich die Wirkung des aus der Lyrik entlehnten Zeilensprungs und der Stakkato-Sätze in „GRM. Brainfuck“ abschleift, nimmt das Wirre, Fragmentarische und Elliptische der Darstellung zu.

Den mit dem Schweizer Buchpreis 2019 ausgezeichneten Roman „GRM. Brainfuck“ von Sibylle Berg gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Lisa Hrdina und Torben Kessler (ISBN 978-3-8398-1714-8).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

Sibylle Berg (Kurzbiografie / Bibliografie)

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Claire Keegan - Ein langer und schmerzvoller Tod
"Ein langer und schmerzvoller Tod" ist eine maliziös-humorvolle Erzählung über zwei gegensätzliche Charaktere, die Claire Keegan mit wenigen Pinselstrichen sehr präzise und anschaulich darstellt.
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