Sibylle Berg : Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot
Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot Originalausgabe: Reclam Verlag, Leipzig 1997 Neuausgabe: Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2008 ISBN: 978-3-15-021577-7, 192 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Sibylle Berg erzählt zynisch von acht Versagern aus drei Generationen. Die beziehungsgestörten Egozentriker finden sich in der Gesellschaft nicht zurecht, glauben an nichts und bringen nichts Positives zustande. Ihr Leben ist trostlos, und ihre Suche nach dem Glück bleibt vergeblich. Bis auf Vera kommen sie alle mehr oder weniger tragisch um ...
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Kritik

Jedes der 88 kurzen tragikomischen, teilweise grotesken Kapitel in "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" schildert das Geschehen aus der Perspektive einer der acht Figuren, deren Sichtweisen sich ergänzen und spiegeln.
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Ruth und Karl

Ruth lebt in einem Seniorenheim. Wehmütig erinnert sie sich an ihr erstes Wochenende mit Wolfgang, damals in Paris. Nachts träumt sie von Philippe Noiret, und dann erblickt sie einen Neuzugang, der wie der französische Schauspieler aussieht, nur dass er eine Armprothese trägt.

Ich bekam sofort Herzklopfen. Also, das hatte aber nichts mit der Prothese zu tun. Und hab ihn wohl ziemlich angestarrt. Weil, nach dem Essen kam er zu mir. Er also zu mir hin und mich angesprochen. Wir sind dann noch raus in den Garten und haben lange auf einer Bank gesessen und geredet. Als ich in mein Zimmer ging, habe ich mich gefühlt wie als junges Mädchen. Ich konnte lange nicht einschlafen. Ich glaube, es war der schönste Tag seit Jahren.

Nach 20 Jahren erstmals wieder schläft Ruth mit einem Mann. Er heißt Karl. Die Armprothese hat er auf den Nachttisch gelegt. Sie versucht, ihm mit der Hand zu einer Erektion zu verhelfen, doch es gelingt ihr nicht. Karls Penis erigiert noch, wenn er Fotos von jungen Mädchen anschaut. Ruths Körper riecht allerdings ebenso wie seiner nach alten Menschen, und da bleibt die Erregung aus.

Als ihn am Bahnhof eine junge Frau anspricht, denkt Karl:

Das hört man ja öfter, dass Mädchen das toll finden mit einem reiferen Mann. Wir gehen in ein Haus, das nicht so sauber ist, wie ich es gern mag. Und eine Treppe hoch. Ich versuche, dass sie mein Schnaufen nicht hört.

Lilli – so nennt sie sich – fragt, ob er Geld habe. Verwundert zeigt er ihr die Scheine in seiner Brieftasche. Karl überlegt, ob er sie ins Kino oder zum Essen einladen soll, aber sie zieht sich aus.

Ich versuch ein bisschen mit ihr zu reden, was sie macht, beruflich und so, einfach, damit wir uns kennenlernen. Aber ich glaube, sie hat im Moment wirklich nur Lust auf Sex. Sie hilft mir, mich auszuziehen. Und stößt mich aufs Bett. Ich liege nackt da. Und sie guckt auf meinen Ersatzarm. Sie nimmt meinen Schwanz in den Mund und müht sich, ihn zum Stehen zu bringen.

Karl schließt die Augen und spürt die Erektion. Lilli setzt sich auf ihn und er denkt:

Ich glaube auch, dass ich mich in Lilli verlieben könnte. Und ich denke mir, wie ich das wohl Ruth beibringe. Lilli zieht sich an. Warum zieht sie sich denn an? Lilli verlangt dann 150 Mark.

Ruth bleibt nicht verborgen, dass Karl mit einer Prostituierten zusammen war. Ob sie ihm zu alt sei, fragt sie ihn, und er nickt. Da tritt sie ihm in die Kniekehlen. Karl schlägt mit dem Kopf gegen den Heizkörper. Zwanzig Stunden lang liegt seine Leiche in Ruths Zimmer, bis das Personal sie entdeckt. Bei der Beerdigung holt Ruth die Armprothese aus ihrer Umhängetasche und wirft sie statt Erde auf den Sarg.

Zurück in ihrem Zimmer schluckt sie alle verfügbaren Tabletten [Suizid].

Eine Panik kommt dann, die größte Angst kommt dann, die du jemals erlebt hast. Und du siehst die Kälte kommen. Die Einsamkeit, die macht deinen Körper zittern. Und ganz klar siehst du noch, wie du gleich in einer Holzkiste liegen wirst. Feuer nach deinem Fleisch greift. Und hast Angst. Angst. Und zurück geht nicht.

Helge

Helge verdient sein Geld als Barpianist in einem Hotel.

Scheiße. Jeden Abend das Lied des eigenen Versagens spielen zu müssen kann ja nun wirklich nicht spannend sein.

Fast immer lässt ihm eine irgendeine Frau Cocktails bringen, beispielsweise eine Messebesucherin, die im Hotel wohnt, meistens eine ältere. Helge mag „diesen süßen Scheiß“ nicht, trinkt ihn aber trotzdem, um den Rest des Abends durchzustehen. Die Frau kommt dann zu ihm, und nachdem sie in der Bar noch etwas miteinander getrunken haben, nennt sie ihm ihre Zimmernummer und geht hinauf. Helge folgt ihr und bringt sie dazu, ihm Geld anzubieten.

„Oh, gnädige Frau, ich würde gerne bei Ihnen bleiben, aber der Verdienstausfall, Sie verstehen schon, ich werd ja fürs Spielen bezahlt.“

Helge malt sich aus, wie er eine Tankstelle in Brand setzt, indem er ein Streichholz an die Zapfpistole hält und dann wegläuft. Die Explosion würde er sich gern ansehen.

[…] und ich hätte einmal in meinem Leben was richtig Großes gemacht. Ich lasse das im Moment, weil ich keine Streichhölzer habe und keine Ahnung, wie man so was mit einem Feuerzeug anzündet.

Helge fährt nach Venedig, um sich dort das Leben zu nehmen. Aber er verschiebt das Vorhaben immer wieder.

Helge beschließt, sich heute wieder nicht umzubringen, sondern unten in der Bar noch was zu trinken.

Da lernt er einen Schwulen kennen. Nachdem sie miteinander im Bett waren, wundert Helge sich darüber, dass er es bisher mit Frauen trieb. Er ist sogar verheiratet, mit einer Frau namens Vera. Nun wird ihm klar, dass er Männer bevorzugt. Nun will er nicht mehr sterben. Doch als er mit dem Schwulen am Kanal entlang geht, erhält er einen Schlag auf den Kopf und ertrinkt in dem dreckigen Wasser.

Vera und Pit

Vera ahnt nicht, was mit ihrem Mann Helge passiert ist. Die Ehe stand schon seit längerer Zeit nur noch auf dem Papier.

Seit ihrem 30. Geburtstag findet Vera andauernd Dinge an sich, die ihr Alter verraten. Sie bedauert, dass sie viel zu früh ein Kind von Helge bekam. Nora ist 17, so alt, wie Vera bei der Niederkunft. Das magersüchtige Mädchen ist allein nach Spanien gereist.

Vera hat […] keinen Job mehr und keine Familie, und eigentlich sind das gute Bedingungen, um alles anders zu machen.

Von der Wahrsagerin Burchard versucht sie etwas zu erfahren, das ihr weiterhilft.

Die Frau redet. Sie haben es wirklich nicht leicht im Moment. Ihre Tochter ist weg. Eine weite Reise. Ich denke, sie wird nicht zurückkehren.

Ihr Mann fühlt sich eher zum eigenen Geschlecht hingezogen. Ja, denkt Vera, er schläft zwar jede Nacht mit einer anderen Frau, aber wahrscheinlich irrt er sich da nur und denkt, das sind verkleidete Männer.

Sie werden auch bald weggehen. Mit dem falschen Mann.

Vera beginnt eine Affäre mit dem Möchtegern-Musiker Pit, der kaum älter als ihre Tochter ist und sich vom Arbeitslosengeld nur eine miese Bude leisten kann.

Weil keiner checkt, dass es echt Kunst ist, was ich bringe. Alles Arschlöcher. Überall.

Pit über seine erste Nacht mit Vera:

Die Frau war schon älter. Ich hatte eigentlich keine Lust auf sie. Aber ich wollte auch nicht alleine sein. Da bin ich mitgegangen. Die war wie ein Hund, die Frau. So aufgeregt. Ist um mich rumgesprungen. Hat mich ausgezogen und alles gemacht. Ich hätt auch alles mit ihr machen können. Hatt ich aber keine Lust zu. Ich hab dann mit ihr geschlafen. Weil ich ja nun mal da war.

Unvermittelt schlägt Pit Vera am Telefon vor, gemeinsam in die USA zu reisen.

„Hey, du. Lass uns zusammen nach Amerika fahren. Wir könnten heiraten.“ „Ich bin schon verheiratet“, sagt Vera. „O. K.“, sagt Pit, „dann lass uns eben einfach so nach Amerika fahren.“ „Gut“, sagt Vera. „Wann fahren wir?“ und „Wie wär’s mit morgen?“

Am nächsten Tag fliegen Vera und Pit tatsächlich nach Amerika. Dort mieten sie einen Leihwagen.

Wir fahren durch Amerika, und ich glaube nicht, dass wir irgendwo ankommen, wo dann alles in Ordnung ist.

Vera lenkt den Wagen und bezahlt die Restaurant-Rechnungen – bis sie in Kalifornien keine Lust mehr hat, mit Pit noch weiterzufahren.

Als sie in ihrem Motel ankommen, packt Vera ihre Sachen. Pit dreht sich weg. Vera sagt: Pass auf dich auf. Und geht.

Schließlich befindet Vera sich mit einem anderen Mann im Zimmer. Während sie eine Zeitschrift durchblättert, duscht er. Dann kommt er mit einem weißen Handtuch um den Hüften aus dem Bad und wirft es mit einer großen Bewegung weg.

Er kniete sich schweigend zu Veras Füßen und begann unvermittelt Veras Geschlechtsteile abzulecken. […] Sie las eine Geschichte über Rinderwahnsinn. Und fragte sich, ob der vom Geschlechtsteillecken übertragbar wäre. Der Mann fragte: Was möchtest du gerne. Vera sagte: Weiterlesen.

Etwa zur gleichen Zeit wacht Pit verkatert neben einer Rothaarigen auf. Weil er kein Geld mehr hat, verlässt er das Motel ohne zu bezahlen. Als er mittellos in einer Pinte herumhängt, fällt ihm eine dürre Amerikanerin mit speckigen Haaren auf.

Ich also zu der Frau hin und sie angesprochen. Hey, geht’s gut und so. Und sie antwortet gar nicht, sondern krallt sich in meinen Arm, dass da fast das Fleisch abgeht. Und zerrt mich raus. Erzählt was, dass sie verfolgt wird und so. Sie hat Angst, nach Hause zu gehen, sagt sie, weil die da schon auf sie warten.

In der Hoffnung auf ein Bett geht Pit mit ihr. Zwischendurch gruselt ihm bei dem Gedanken, dass Amerika das Land ist, „das die Massenmörder erfunden hat“. In ihrer Hütte bringt sie ihm etwas zu trinken.

Und dann fängt auf einmal der Stuhl, auf dem ich sitze, an zu wackeln. Und ich falle runter. Mir ist schlecht, aber kotzen kann ich nicht. Bewegen kann ich mich auch nicht mehr.

Pit bekommt noch mit, dass das Mädchen ihn skalpiert.

Bettina

Bettina Mayers Affären enden alle nach kurzer Zeit.

Ihre Mutter war alkoholkrank. Der Vater, der sich deshalb schämte, ließ sich scheiden und wenn er dann seiner Tochter in der Kleinstadt auf der Straße begegnete, tat er so, als sähe er sie nicht. Die Mutter trieb es mit jedem. Mit 13 begann Bettina sich zu schneiden. Sie wurde vergewaltigt. Mit 16 folgte sie dem Beispiel der Mutter und trank ebenfalls. Inzwischen arbeitet Bettina als Journalistin. Sie denkt:

Wir haben nichts anderes zu tun, als zu vergessen. Und wenn wir vergessen haben, ist unser Leben um.

Ich habe meinen Weg gefunden. Ich habe die Schlacht gegen den Kleiderschrank, gegen meine Minderwertigkeitsgefühle, gegen versaute Tage durch trikotale Fehlentscheidungen gewonnen. Es war einfach. Es ist einfach. Ich gehe nicht mehr aus dem Haus. Was soll ich draußen? Da sind Straßen, Autos und fremde Menschen. Lauter uninteressante Dinge. Ich muss nicht rausgehen. Ich muss mich nicht anziehen, um da mitzumachen.

Ich bin auch nicht allzu schlau. Gerade mal so schlau, dass ich ziemlich viel erkenne. Aber eben nicht schlau genug, um mit den Erkenntnissen was anzufangen.

Bettina findet, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht besser geworden sind.

Wir konnten wenigstens das Geld anbeten, in den 80ern. Und uns sagen, Single sein ist klasse, weil es der Karriere dient, und die dient dem Geldverdienen, und das ist einfach klasse. Jetzt ist Geld verdienen out und Karriere auch, aber leichter ist nichts.

Keine Ahnung, ob es noch Menschen gibt, die richtig arbeiten. Also, die irgendwelche Dinge herstellen und sie dann in Papier verpacken. Ich kenne solche Menschen nicht. Nur noch welche, die mit was Irrealem umgehen. Mit Geld oder mit Informationen, mit Sachen also, die es vielleicht gar nicht gibt. Vielleicht ist das ein Grund, warum alle so drauf sind.

Die Zeitung, für die sie schreibt, schickt sie nach Düsseldorf; sie soll über das Konzert „von so einer Scheiß-Band“ schreiben. Dabei hasst sie Konzerte. Nach dem Auftritt der Musiker trifft sie diese im Hotel.

Ein hässliches Hotel, passend zu ihrer hässlichen Musik. Die Burschen sind total cool und denken wirklich, sie wären Stars oder so. Ich glaube, Stars müssen nicht auf den Boden aschen und ihre langen Beine über Sessellehnen hängen. Und dann nehme ich diesen einen Mann wahr. Und während ich ihn wahrnehme und mich verliebe, denke ich, eigentlich habe ich da gar keine Lust drauf. Das ist ja wie eine Krankheit, mit dem dauernden Verlieben und Unglück und wirklich, das läuft alles zur gleichen Zeit ab, während ich diesen Mann anschaue.

Der Mann heißt Pit und träumt von einer großen Karriere als Musiker. Vergeblich wartet Bettina auf seinen Anruf. Nach zwei Wochen ruft sie ihn an.

„Hallo, hier ist Bettina.“
„Welche Bettina?“
„Die von neulich. Du weißt schon. Das Interview.“
„Ach, klar. Und, was ist mit dem Interview?“
„Ich brauch noch ein paar Sachen.“
„Was denn. Könn mer ja am Telefon machen.“

Bettina klagt Vera, mit der sie seit 18 Jahren befreundet ist, dass sie sich unglücklich verliebt habe.

Wir sind die Generation der Beschissenen. Ich weiß nicht von wem und von was. Vielleicht weil sie uns die Unschuld genommen haben. Den Glauben an einen Sinn. […] Alles mussten wir erklären und jetzt haben wir den Mist. Noch nicht mal Liebe ist ein Geheimnis. Da wissen wir, dass es um Hormone geht, um die Paarung, um Evolution. Ich meine nicht, dass es die Sache einfacher macht.
Ich bin verliebt, und es tröstet mich nicht zu wissen, dass es sich um einen chemischen Vorgang handelt.

Als sie dann einige Zeit später in einem Café sitzt, sieht sie Pit und Vera vorbeigehen. Offensichtlich sind die beiden ein Paar.

Auf einer Ausstellung lernt Bettina einen Fotografen kennen.

In einem ganz kleinen Raum hingen große Fotos von Menschen beim Geschlechtsverkehr. Eine nackte Frau servierte Getränke.

Bettina verliebt sich in den Künstler.

Drei Tage hatten ihr klargemacht, dass ihr ganzes Leben ein großer Mist war. Dass alle ihre Lieben vorher Mist waren. Dass sie selber Mist war.

Am vierten Tag kam sie zu ihm. Er packte große Taschen. Ganz endgültig packte er sie. Er fuhr weg. Und sie saß vor ihm und wusste zum ersten Mal, was Demütigung war. Es war einem Menschen alles schenken zu wollen, was man hatte, was man war. Und zu sehen, wie der Mensch sich abwendet.

In ihrer Verzweiflung wendet die Journalistin sich an Murti, der 15 Jahre lang in Indien „die Weisheit studiert“ hat und in einem Haus vor der Stadt wohnt.

Murti ist Bettinas letzte Hoffnung. Seit drei Wochen stirbt sie durch die Gegend. Weil sie den falschen Mann im falschen Augenblick getroffen hatte.

Murti lässt sich ein paar Schamhaare von ihr geben, fertigt damit ein Amulett an und fährt damit über ihren nackten Körper, um die Energien einzufangen. „Die da aber wohl nicht mehr vorhanden sind.“ Das Amulett soll den begehrten Mann an Bettina fesseln.

Drei Wochen später ist der Liebeskummer eigentlich weg. Aber da steht der Mann unerwartet „mit vielen Taschen und einem verzweifelten Gesicht“ in der Tür.

Der Mann meines Lebens liegt neben mir. Er liegt jetzt seit drei Wochen neben mir. […] Fast jede Nacht verkehre ich mit dem Mann. Immer wieder will ich eigentlich keinen Sex, sondern etwas anderes. Jede Nacht haben wir Sex und nichts anderes. […] Ich liebe den Mann. Der Mann liebt mich nicht. […] DER MANN ist nicht verliebt.

Bettina fährt mit dem Mann nach Marrakesch. Aber der Ausflug endet „so richtig beschissen“. Sie kriegt einen Auftrag und fliegt nach Hongkong.

Der in Marrakesch Zurückgelassene trifft Paul – „who’s the fucking Paul?“ – und fährt mit ihm in einem Leihwagen in die Wüste. Dort bleiben sie mit einem Motorschaden liegen, und weil sie kein Wasser mitgenommen haben, sind sie bald am Verdursten. Mit letzter Kraft schlägt Paul seine Zähne in den Hals des anderen und saugt dessen Blut. Dann probiert er auch etwas von dem warmen Fleisch [Kannibalismus]. Aber er stirbt ebenso wie der andere Mann.

Nora und Tom

Veras 17 Jahre alte und 1,75 Meter große Tochter Nora wiegt 40 Kilogramm.

Als ich noch richtig dick war, hatte ich irgendwie keine Persönlichkeit.

Sie ist ans Meer gefahren. Mit sechs riss sie schon einmal aus.

Ich stand auf der Straße und weinte. Ich sah auf das Licht, das aus der Wohnung meiner Eltern kam, ganz gelb und warm, ich wusste, dass da mein Bett stand, und ich weinte noch mehr, denn ich war sechs und mir war verdammt klar, dass ich da nicht mehr hingehörte. Ich würde alleine auf der Straße bleiben, mich mit nassem Laub decken, um am nächsten Morgen auf einem Schiff anzuheuern. Ich habe vergessen, warum ich von zu Hause wegwollte. […] Das halbblinde Stoffschaf und ich. Viel später sind wir mit dem letzten Stolz, den wir noch hatten, in die Wohnung der feindlichen Eltern zurückgekehrt. Natürlich nur, weil das Schaf so fror.

Ob sie dieses Mal zu den Eltern zurückkehrt, weiß sie noch nicht, auf jeden Fall wird sie dann von zu Hause ausziehen.

Seit ich nicht mehr esse, brauche ich niemanden mehr. Meine Eltern sind fremde Personen geworden.

Sie trinkt Rotwein, weil dann alles „schön weich“ wird und schläft wahllos mit Männern.

Ich bin bis jetzt noch mit jedem gegangen. Was soll ich sonst tun.

Jeder kann mich haben. Es macht mir nichts. Es ist besser, als alleine zu sein.

In Barcelona lernt sie Thomas („Tom“) kennen. Der ist einige Jahre älter als sie.

Thomas war in Deutschland geboren, aber so genau interessierten Nora die ganzen Zusammenhänge gar nicht.

Tom hielt es zu Hause in Deutschland nicht mehr aus.

Die Leute, die so alt sind wie ich, wissen alle nicht, wie das geht, mit dem Leben.

Ich liege in meinem Bett, und auf einmal scheißt mich alles an. Ich liege in meinem Bett und glaube, ich werde morgen aufstehen und ein neues Leben anfangen.

Per Anhalter fuhr er nach Barcelona.

Ich wusste gar nicht, dass ich so viele Gedanken in meinem Kopf habe. Ich denke über alles nach. Und nichts stimmt mehr.

Er fühlt sich als Magier und Sado-Masochist, lässt heißes Kerzenwachs auf die nackte Haut tropfen und fragt Nora, ob sie gepierct werden wolle.

Nora war das egal. Der Junge nahm eine Zange und schoss Nora einen Ring durch die Braue und einen durch den Nabel.

Und Nora dachte, der Typ hat nen Knall, aber hier ist es wärmer als draußen. Vielleicht kann ich ja hier schlafen und so.

Nach einer Woche in Barcelona schneidet Nora sich die Pulsadern mit einer Rasierklinge auf und wird ins Krankenhaus gebracht. Dort diagnostizieren die Ärzte bei ihr lebensgefährliches Untergewicht „und vermutlich einen Dachschaden“. Tom muss zur gleichen Zeit wegen Diphterie behandelt werden.

Als sie sich von dem Selbstmordversuch bzw. der Diphterie erholt haben, wollen Tom und Nora zusammen nach Italien. Um sich das Geld für die Reise zu beschaffen, wollen sie eine Bank überfallen. Nora zerteilt eine Strumpfhose für die Gesichtsmasken.

Ich frag Tom, ob er weiß, wie man auf Spanisch sagt: Das ist ein Überfall und so. Ich meine, ob er sich da korrekt ausdrücken kann. Kann er nicht. Also sehen wir in seinem Wörterbuch nach. Überfall steht da nicht. Wir kriegen nur den Satz zusammen: Das ist ein unangenehmes Ereignis. Ich brauche Geld.
Das lernen wir auswendig. Zuerst kaufen wir in einem Souvenirladen eine Wasserpistole. Wir gehen zu der Bank. Es ist ziemlich ruhig. Wir setzen die Strumpfteile aufs Gesicht und gehen da rein. Wir zur Kasse. Ich drohe mit der Plastikpistole. Es kommt mir vor wie spielen. Die Leute in der Bank haben Angst. Ich schreie laut rum. Eine alte Kassiererin sucht Geld zusammen. Wir haben nicht daran gedacht, einen Beutel mitzunehmen. Also nehmen wir die Handtasche der Kassiererin. Dann gehen wir aus der Bank. Die Masken runter und um die Ecke. Ich muss so lachen, dass ich mich einpisse.

An der spanisch-französischen Grenze brauchen sie nicht einmal ihre Pässe vorzuweisen. Sie trampen nach Osten.

Tom möchte mit Nora zusammenbleiben.

Ich will keine andere Frau, denn eine andere Frau, das ist nur ein anderes Problem.

Doch als er ihr das in Portofino zu sagen versucht, versteht Nora alles falsch. Sie befürchtet schon die ganze Zeit, dass Tom sie verlassen könnte, und jetzt meint sie, sei es so weit. Ihre Angst schlägt in Aggression um.

Nora stopft ihre Sachen in eine Tasche, und Tom versteht so lange nicht, was sie da tut, bis sie in der Tür steht und ihn anschreit: Ich brauche dich nicht. Dich nicht. Niemanden. Und die Tür zuschlägt. Tom springt auf und läuft ihr hinterher. Aber es ist, als hätte sich Nora aufgelöst, in Hass und Trotz. Tom steht in diesem Hotelzimmer und versteht nichts.

Nachdem sie sich versöhnt haben, schaffen sie es bis kurz vor Venedig. Dort kommt Tom mit Paul ins Gespräch. Sie rauchen zusammen einen Joint, und Paul erzählt „Geschichten von Leuten, die richtig lebten. Von Seeräubern, denen er begegnet war, von Opiumhöhlen, Waffenhändlern und vielen Krankheiten“.

Tom sehnte sich nach einem richtigen Männerleben nach diesem Abend. Und vielleicht würde Paul ihm ja zeigen, wie so ein Leben geht.

Später treffen Tom und Nora auf Bettina, mit der Tom in Deutschland eine Affäre hatte.

Tom ist überrascht, als er auf einmal am Ende der Welt einer alten Liebe gegenübersteht. Bettina. Er erinnert sich, obwohl es Jahre zurückzuliegen scheint, an sie. An einen Morgen in der Stadt, als sie ihn weggeschickt hat. Als er weinte, ganz früh am Morgen. Er ist Bettina dankbar, denn sie war der Grund, der ihn dazu brachte, die Stadt zu verlassen und sein neues Leben anzufangen. Und nun steht dieser Grund vor ihm und hat mit der Bettina von damals gar nichts mehr zu tun. Die neue Bettina sieht unglücklich aus und schön, und nichts ist da mehr von der Frau aus der Stadt, die kurz davor war, verbittert zu werden.

Bettina lädt das junge Paar in das Haus ein, das sie gemietet hat, um für eine Zeitung eine Geschichte zu schreiben. Sie denkt:

Tom ist grad da. Pech für ihn.

Da sitzen sie in dem Haus und essen Nudeln. Und Tom und Bettina reden so ein bißchen über das letzte Jahr. Nora redet nicht.

Wie blöd saß sie neben Tom und Bettina und konnte nichts tun. Und Nora steht auf und sagt, ich geh noch ein bisschen was raus. O. K., sagt Tom, und Nora denkt sich: Klar, ist euch ja nur recht. Und dann läuft sie raus. Und läuft ganz schnell gegen die Wut an in ihr und gegen die Hilflosigkeit. Ich muss was tun, denkt sie. Und dann rennt Nora ganz schnell und bleibt stehen, zerkratzt sich das Gesicht und beißt sich, bis Blut kommt, und dann weint sie und geht zurück zum Haus. Nora erzählt was von einem fremden Mann und denkt sich, siehst du Tom, das hast du davon. Hast du jetzt ein schlechtes Gewissen, denkt sie. Und Tom hat ein schlechtes Gewissen. Und Bettina fragt, was das denn für ein Mann war.

Bettina schlägt vor, zu dritt die heißen Quellen zu besichtigen. Nora hat keine Lust dazu, aber Tom fährt mit Bettina los, und sie bleibt in Bettinas Haus zurück.

Ich weiß, dass ich mit Tom nicht glücklich bin. Aber ohne ihn auch nicht, und ohne ihn bin ich dann unglücklich und alleine. Und das ist echt zu viel.

Tom und Bettina übernachten in zwei getrennten Hotelzimmern, aber dann kommt Bettina zu Tom und lässt das Handtuch fallen, unter dem sie nackt ist. Er hat keine Lust auf Sex mit ihr.

Also schieb ich sie ein bisschen weg und sag: Das möchte ich jetzt nicht. Wenn man Frauen so was sagt, dann bricht für die immer eine Welt ein. Eine Frau darf so was immer sagen […] Bettina wirkt echt beleidigt. Ich versuche, was auch schon blöd ist, mich zu rechtfertigen. Hör mal, ich möchte nur nicht wegen Nora.

Bettina hebt ihr Handtuch auf und geht. Als sie später noch einmal zu ihm kommt, schläft Tom mit ihr.

Aber das ist O. K., weil ich ja weiß, dass ich Nora irgendwie liebe und ihr treu bin. Und dass es mir gar nichts bedeutet, mit Bettina zu schlafen. Das ist nur so wie massiert werden.

Währenddessen findet Nora im Keller einen vollen Benzinkanister, nimmt ihn mit nach oben, schraubt ihn auf und verschüttet den Inhalt. Dann setzt sie sich auf den nassen Fußboden und zündet ein Streichholz an.

In wenigen Sekunden war der Raum voller Flammen. Nora würgte, der Sauerstoff wurde unbarmherzig aufgegessen, was in ihre Lunge drang war ein heißes Etwas, wie pures Feuer rann es die Luftröhre hinab. Aber Nora wurde nicht ohnmächtig. Leider nicht.

Tom wird unruhig. Er weckt Bettina, lässt sich die Telefonnummer von dem gemieteten Haus geben und ruft dort an. Niemand meldet sich. Tom macht sich Sorgen und rast noch in der Nacht mit Bettina neben sich auf dem Beifahrersitz los. Hinter einer Kurve krachen sie in einen brennenden Lastwagen.

Toms Kopf wurde von den Feuerwehrleuten weitab der Straße gefunden. […] Bettina wurde aus dem Wrack geschweißt. Eine Metallstange hatte sie von der Körpermitte nach oben hin aufgetrennt.

Vera sitzt in einem Café in Venedig und trinkt Milchkaffee, als ein Boot mit den Leichen von Nora, Tom und Bettina vorbeifährt. Sie sieht die drei Särge und denkt:

Schön blöd, einfach so sterben.

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Sibylle Berg erzählt in ihrem Debütroman „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ von Ruth und Karl, Helge, Vera und Pit, Bettina, Tom, Nora und drei weiteren Männern nicht zusammenhängend, sondern aufgeteilt in 88 kurze Kapitel, die das Geschehen jeweils aus der Perspektive einer der acht Hauptfiguren wiedergibt. Dabei wechselt die Autorin zwischen Präsens und Imperfekt ebenso wie zwischen der Ich-Form und der dritten Person. Die subjektiven Sichtweisen ergänzen und spiegeln sich, vor allem, wenn es zwischen den interagierenden Figuren zu Missverständnissen kommt. Das Personal der trostlosen Geschichten in „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ setzt sich aus beziehungsgestörten Egozentrikern zusammen, die sich in der Gesellschaft nicht zurechtfinden, an nichts glauben und nichts Positives zustande bringen. Bis auf Vera kommen sie alle mehr oder weniger tragisch ums Leben. Zynisch und mitleidlos entwickelt Sibylle Berg die tragikomischen, grotesken und bisweilen makaberen Situationen. Dabei beobachtet sie die Figuren, ohne zu psychologisieren.

Die kurzen Kapitelüberschriften – z. B.: „Tom geht weg“, „Vera glaubt nix“, „Nora steht so rum“ – passen zu den nur wenige Seiten langen Kapiteln und der lakonischen Darstellungsweise. Sprachlich unterscheiden sich die Figuren allerdings kaum.

Irritierend ist der doppelte Plural „Spaghettis“, bei dem es sich offenbar nicht um einen Druckfehler handelt, weil er dreimal vorkommt.

Lustig klingt es, wenn Sibylle Berg „junge Menschen in offenen Gölfen“ vorbeifahren lässt oder schreibt:

Dann rief Herr Thomforde von meiner Bank an. Ihr Dispo ist um 10 000 DM überzogen, sagt er und ich sag: Ruf ich Sie an, wenn der Dispo nicht überzogen ist?

„Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ ist ein intelligenter Roman, aber ein Lesevergnügen bietet Sibylle Berg vermutlich nur Leserinnen und Lesern, die für Zynismus aufgeschlossen sind.

Für das Titelfoto von Daniel Josefson posierte Sibylle Berg selbst.

„Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ von Sibylle Berg gibt es auch als Hörspiel, mit Sophie Rois, Dagmar Sitte, Christian Berkel u.a. (Bearbeitung und Regie: Beate Andres).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Philipp Reclam Verlag

Sibylle Berg (Kurzbiografie / Bibliografie)

Sibylle Berg: Ende gut
Sibylle Berg: Der Mann schläft
Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Martin Walser - Die letzte Matinee
"Die letzte Matinee" ist eine Satire auf die Intellektuellen, die Existenzialisten der Fünfzigerjahre, die den Bezug zur Realität verloren haben. Martin Walser schildert diese surreale, kafkaeske Geschichte teils ironisch, teils sarkastisch in einer funkelnden Sprache.
Die letzte Matinee

Martin Walser

Die letzte Matinee

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