Karsten Dusse : Das Kind in mir will achtsam morden

Das Kind in mir will achtsam morden
Das Kind in mir will achtsam morden Originalausgabe Wilhelm Heyne Verlag, München 2020 ISBN 978-3-453-42444-9, 478 Seiten ISBN 978-3-641-26163-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem der 43-jährige Mafia-Anwalt Björn Diemel während einer Wanderung so ausgerastet ist, dass ein Mann sein Leben verlor, sucht er erneut einen Coach auf, um sich besser unter Kontrolle zu bekommen. Joschka Breitners Ratschläge basieren auf dem Konzept des Inneren Kindes. Damit versucht Björn nun seine Probleme zu lösen, und davon gibt es eine ganze Reihe, angefangen von dem seit einem halben Jahr im Keller gefangen gehaltenen Mafiaboss Boris ...
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Kritik

Naturgemäß fehlt der Fortsetzung der Reiz des Neuen, nämlich des originellen Einfalls, Weisheiten der Ratgeberliteratur mit Elementen eines Kriminalromans zu verknüpfen. In "Das Kind in mir will achtsam morden" überzieht Karsten Dusse diese Idee noch stärker als in "Achtsam morden", aber er bietet eine leichte, kurzweilige und amüsante Lektüre mit viel Komik und vor allem Wortwitz.
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Was bisher geschah

Familienurlaub im Allgäu

Der 43-jährige Rechtsanwalt Björn Diemel, der seit acht Jahren verheiratet ist, aber seit einem halben Jahr von seiner Frau Katharina getrennt lebt, macht im Sommer 2019 mit ihr und der gemeinsamen drei Jahre alten Tochter Emily Urlaub im Allgäu.

Als die Familie nach einer Bergwanderung zu einer Hütte kommt, freut Björn sich auf Kaiserschmarrn und Almdudler. Auch Emily würde dieses ihr noch unbekannte Gericht genießen. Auf dem Weg zur Toilette spricht er den Kellner an, aber der sagt, er mache gerade Pause. Erst als sich die Terrasse mit Gästen gefüllt hat, fängt Nils an, wahllos Speisekarten auszuteilen. Björn steigert sich immer stärker in seine Wut auf den unfähigen Kellner hinein und Katharina ärgert sich im gleichen Maße über Björn, der das schöne Ausflugserlebnis mit seiner schlechten Laune ruiniert.

Während Katharina dann darauf wartet, bezahlen zu können, geht Björn um die Hütte herum zur Bergstation der Lastenseilbahn. Unbemerkt öffnet er das verriegelte Tor, rückt einen Stapel Leergut näher hin und klemmt einen Stein so darunter, dass die Getränketräger voraussichtlich umkippen und in die Tiefe purzeln, sobald Nils noch einen Kasten daraufstellt.

Eine halbe Stunde nach dem Aufbruch von der Hütte schwebt ein Rettungshubschrauber ein. Es heißt, der Kellner sei von der Bergstation der Lastenseilbahn abgestürzt. (Später erfährt Björn, dass Nils erneut Pause machen wollte und sich auf den präparierten Stapel Leergut setzte. Beim Sturz brach er sich das Genick.)

Das Kind in Björn

Um sich in Zukunft besser im Griff zu haben, sucht Björn eine Woche nach der Rückkehr aus dem Allgäu den Coach Joschka Breitner auf, der ihm ein halbes Jahr zuvor gezeigt hatte, was mit Achtsamkeit zu erreichen ist.

Joschka Breitner bringt Björn rasch zu der Erkenntnis, warum er im Allgäu so heftig reagierte. Als Kind kam er mit seinen Eltern bei einer Bergwanderung zu einer Hütte und sah, wie andere Kinder auf der Terrasse Kaiserschmarrn aßen und Almdudler tranken. Das wollte er auch, aber die Eltern rasteten stattdessen mit ihm bei einem nahen Brunnen. Dort tranken sie klares Wasser zu den mitgebrachten Broten. Das Erlebnis habe bei seinem „inneren Kind“ blaue Flecken hinterlassen, erklärt Joschka Breitner, und der Kellner habe ahnungslos darauf gedrückt. Das innere Kind müsse man sich wie die kleinste Puppe einer Matrjoschka-Puppe vorstellen. Darin seien Erfahrungen aus der Kindheit gespeichert, und die würden auch das Verhalten des erwachsenen Menschen beeinflussen. Es gehe darum, die blauen Flecken des inneren Kindes zu kennen und zu heilen. Ein gutes Einvernehmen mit dem inneren Kind sei erforderlich, um Verhaltensstörungen zu vermeiden.

Joschka Breitner hat darüber den Ratgeber „Das innere Wunschkind“ geschrieben.

Der Gefangene im Kindergarten-Haus

Björn wohnt in der obersten Etage eines Altbaus, den er vor einem halben Jahr im Namen seines (allerdings toten) Mandanten Dragan Sergowicz erworben hat. Zu seiner Kanzlei braucht er nur ein Stockwerk tiefer zu gehen. Im Parterre befindet sich der Kindergarten, den Björn in Besitz nahm, weil es sonst für Emily keinen Kindergartenplatz gegeben hätte. Geleitet wird die Einrichtung von Dragans früherem Fahrer Sascha Ivanov, der zwischen seinem Arbeitsplatz und der Kanzlei des Rechtsanwalts wohnt.

Sascha ist der einzige Mafioso, der zumindest ahnt, dass Dragan nicht mehr lebt. Allen anderen konnte Björn bisher erfolgreich vortäuschen, der Mafiaboss sei untergetaucht und übermittele durch ihn seine Befehle.

Außer Björn weiß auch nur Sascha, dass Boris, das ebenfalls seit einem halben Jahr verschwundene Oberhaupt der konkurrierenden Mafia-Familie, im Keller des Altbaus eingesperrt ist. Alle anderen Mafiosi glauben, die beiden früher befreundeten und dann zerstrittenen Bosse hätten sich versöhnt und seien gemeinsam untergetaucht, um der Verhaftung wegen Mordes zu entgehen.

Erpressung

Boris ist aus dem Keller verschwunden! Das Schloss wurde von außen aufgebrochen.

Aus Furcht vor der Rache des Befreiten bittet Björn den für Security und Waffenhandel zuständigen Mafia-Officer Walter um Personenschutz für sich, Sascha, Katharina und Emily. Weil Walter aber nicht wissen darf, dass Boris unter dem Kindergarten gefangen gehalten wurde, erfindet Björn eine Geschichte. Derzufolge übernahm Boris es, die vom Holgerson-Clan mit einem Hubschrauber von der Kuppel einer Klosterkirche bei Frankfurt am Main gerissene Figur aus 24 Kilogramm Gold ein Jahr lang zu verstecken. Weil er nun mit Dragan zusammen untergetaucht ist und ohnehin nicht vorhatte, die wertvolle Beute zurückzugeben, fürchtet der beide Mafiabosse vertretende Rechtsanwalt angeblich Gewaltaktionen der geprellten Holgerson-Familie.

Björn und Sascha finden Boris in einem Spielhaus des Kindergartens. Er wurde mit dem Schlafmittel Midazolam ruhig gestellt. Erleichtert schaffen die beiden den Bewusstlosen zurück in den Keller. Wer holte Boris zwar aus dem Gefängnis, befreite ihn dann aber nicht und alarmierte auch nicht die Polizei?

Einen Teil der Antwort auf die Frage gibt ein anonymer Erpresserbrief mit Polaroids des bewusstlosen Boris im Spielhaus. Der Absender verlangt bis Freitagmorgen Boris‘ Kopf. Abgetrennt in einer Schachtel.

Zwei Pechvögel

Seit langem ärgert sich Björn über die Kerle, die nachts auf dem Kinderspielplatz im Park gegenüber grölen, saufen und Flaschen zertrümmern. Weil die Polizei nichts unternimmt, nutzt Björn seine Lüge über die Sache mit dem Holgerson-Clan und ruft Walter an. Im Park seien möglicherweise Mitglieder der Holgersons, sagt er und bittet Walter, die Typen zu „überprüfen“.

Zwanzig Minuten später verebbt der Lärm im Park. Am nächsten Morgen werden sechs gefesselt auf dem Boden liegende junge Männer gefunden, die nach ihrer Befreiung behaupten, sie seien zu acht gewesen.

Weil zwei der Kerle Ausweise auf den Namen Holgerson bei sich trugen, nahm Walter an, dass sich Björns Verdacht bestätigt habe und sperrte die beiden Verdächtigen im Keller seines Sicherheitsunternehmens ein. Damit hat Björn ein zusätzliches Problem.

Aber als der Erpresser außer Boris‘ Kopf am Freitag bereits am nächsten Morgen ein abgeschnittenes Ohr verlangt, soll einer der Holgersons das Gewünschte liefern. Weil bei der Vorbereitung allerdings beide Gefangenen an einer Überdosis Kokain sterben, müssen zwei Leichen beseitigt werden.

Am nächsten Morgen legt Sascha das in die Tageszeitung gewickelte Ohr, wie vom Erpresser gefordert, auf eine Mauer − wo es von einer Katze gefressen wird.

Kommissar Peter Egmann, der seinen Sohn Lukas in den von Sascha geleiteten Kindergarten bringt, erzählt seinem früheren Kommilitonen Björn, dass nachts zwei Angehörige des Holgerson-Clans von einem Lastwagen überfahren wurden. Mysteriös daran ist, dass die beiden Opfer zum Zeitpunkt des Unfalls bereits tot waren und einem der beiden Männer ein Ohr fehlte.

Racheplan

Der Lastwagen, mit dem die beiden Toten überfahren wurden, gehört zu einer Flotte, mit der ein Unternehmen seine verliehenen und von den Benutzern irgendwo abgestellten Elektroroller wieder einsammelt. Beim Betreiber Kurt Frieling handelt es sich um den 15 Jahre älteren Bruder der jungen Orthopädin Laura Frieling, die Björn als allein erziehenden Mutter des Kindergartenkindes Max kennt.

Einige Tage vor dem seltsamen Unfall wandte sich Kurt an Björn und erzählte ihm, dass er seit einem halben Jahr vergeblich nach seinem Vermieter suche. Bei dem Verschwundenen handelt es sich um Boris. Björn vermutet nun, dass Kurt der Erpresser ist. Aber warum verlangt der erfolglose Unternehmer Boris‘ Kopf?

Anhand eines Fotos erinnert sich Boris an Kurt. Der war vor 20 Jahren Stammgast in dem ersten von Boris und Dragan noch gemeinsam betriebenen Bordell. Ausgerechnet Annastasia, die Prostituierte, in die Kurt sich verliebt hatte, wurde dann Boris‘ Ehefrau, und der Mafiaboss erwartete von ihr Treue. Als sie ihn mit Dragan betrog, trennte er ihr den Kopf ab und gründete die mit seinem bisherigen Partner konkurrierende Verbrecher-Organisation.

Rache für Annastasia ist es also, was Kurt umtreibt. Das Geheimnis um den Gefangenen im Keller fand er durch seinen Neffen heraus, der dort Geräusche gehört hatte.

Lösungsansatz

Weil sich Björn und Sascha vorgenommen haben, keine weiteren Menschen zu töten, hecken sie einen Plan aus, wie sich Boris und Kurt gegenseitig umbringen könnten …

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Unter dem Titel „Das Kind in mir will achtsam morden“ verfasste Karsten Dusse eine Fortsetzung seines Debütromans „Achtsam morden“.

„Ich glaube nicht, dass wir das ohne achtsames Morden hinkriegen“, meldete sich mein inneres Kind.

Naturgemäß fehlt der Fortsetzung der Reiz des Neuen, nämlich des originellen Einfalls, Weisheiten der Ratgeberliteratur mit Elementen eines Kriminalromans zu verknüpfen. Dabei macht sich Karsten Dusse nicht etwa über die Ratschläge des Coaches Joschka Breitner lustig, sondern er nimmt sie ebenso ernst wie sein Ich-Erzähler Björn Diemel. In „Das Kind in mir will achtsam morden“ überzieht Karsten Dusse diese Idee noch stärker als in „Achtsam morden“. Viel zu häufig spricht Björn Diemel mit seinem inneren Kind.

In mehreren Passagen nimmt Karsten Dusse inkonsequente Klimaschützer aufs Korn. Ein Beispiel ist der Elektroroller-Verleih, der eine LKW-Flotte benötigt, um die Geräte wieder einzusammeln.

Die Thriller-Handlung ist eher lustig als spannend. Da spielt es auch keine Rolle, dass die Zusammenhänge unrealistisch sind, denn gerade die Schrägheit der Verwicklungen trägt zum Lesevergnügen bei.

„Das Kind in mir will achtsam morden“ versteht man auch, wenn man „Achtsam morden“ nicht gelesen hat. Karsten Dusse erläutert überhaupt eher zu viel als zu wenig. Er bietet eine leichte, kurzweilige und amüsante Lektüre mit viel Komik und vor allem Wortwitz wie im folgenden Beispiel:

In meiner Kindheit gab es noch keine „Siri“ und „Alexa“. Die Typen, die zu Hause das Licht an- und ausmachten, die Stereoanlage bedienten und jede noch so dumme Frage falsch beantworteten, hießen „Mama“ und „Papa“.

Den Roman „Das Kind in mir will achtsam morden“ von Karsten Dusse gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Karsten Dusse / Wilhelm Heyne Verlag

Karsten Dusse: Achtsam morden

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