Veit Etzold : Blutgott

Blutgott
Blutgott Ein Clara-Vidalis-Thriller Originalausgabe Knaur Taschenbuch, München 2020 ISBN 978-3-426-52408-4, 410 Seiten ISBN 978-87-26-39281-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Erwachsener, der sich "Blutgott" nennt, rekrutiert im Dark Net Jugendliche, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und deshalb in Deutschland nicht strafmündig sind. Er spornt sie dazu an, miteinander um die grausamsten Morde zu wetteifern. Juristische Folgen bräuchten sie nicht zu befürchten, erklärt er ihnen ...
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Kritik

Die Grundidee des Thrillers "Blutgott" ist bestürzend, denn den Paragrafen 19 des Strafgesetzbuches gibt es tatsächlich. Der Plot bleibt einfach. An Gewaltexzessen und Splatter-Effekten mangelt es nicht. Veit Etzold setzt auf eine Kombination von Brutalität und schonungslos ausgebreitetem Wissen über Abgründe der menschlichen Existenz.
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Mordserie

Mia Neumann, eine 19-jährige Studentin der Theaterwissenschaften in Gießen, wird im Mai 2019 im IC von Dortmund nach Frankfurt am Main von einer Gruppe Jugendlicher ermordet. Bei den Ermittlungen ziehen Henning Lang von der Bundespolizei Dortmund/Hagen und Maren Kaiser vom BKA in Wiesbaden den Profiler Dr. Martin Friedrich („MacDeath“) und dessen Ehefrau, die Pathopsychologin Clara Vidalis, vom LKA Berlin hinzu. Auf dem veröffentlichten Fahndungsfoto aus einer Überwachungskamera erkennt die Lehrerin Beate Zillner vom Gerhard-Mercator-Gymnasium Düsseldorf den 13-jährigen Schüler Ben Lorenz.

Der leugnet den Mord nicht, denn er hat keine juristischen Folgen zu erwarten. „Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist“, lautet der Paragraf 19 des Strafgesetzbuches. Bald stellt sich heraus, dass eine Person, die sich zunächst „BG666“, dann „Blutgott“ nennt, im Darknet Jungen für Bluttaten rekrutiert, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und deshalb strafunmündig sind.

So auch den 13-jährigen Noah Wiesner in Hannover, der in einer Telefonzelle den drei Jahre älteren Schüler Jonas Köster ermordet. Dorit und Jürgen Wiesner sind entsetzt über die Tat ihres Sohnes, der nach kurzem Polizeigewahrsam zu ihnen zurückkehrt und keine Strafverfolgung zu befürchten hat.

Am Kottbusser Tor in Berlin veranstalten acht strafunmündige Jungen statt eines Flash Mobs einen Slash Mob und überfallen eine Touristengruppe mit Beilen und Messern. Ein SEK der Polizei erschießt vier der Angreifer und nimmt nach einer Verfolgungsjagd weitere drei fest. Alle, auch der Anführer Hagen Hemker („Hagen der Henker“), sind jünger als 14 Jahre.

Black Rat und Slaughterman

Der freie Reporter Christoph Warner verspricht Florian Komsalis, dem Chefredakteur von Global News in Berlin, eine Sensationsstory über den „Todes-Influencer“. Unter dem Pseudonym „Black Rat“ berichtet er über „Slaughterman“, der sich als Erzdämon des Blutgottes bezeichnet, und Global News stellt ein Video ins Netz, auf dem zu sehen ist, wie sich Slaughterman die beiden kleinen Finger mit einer Gartenschere abschneidet. Die kleinen Zehen habe er sich bereits am Vortag abgetrennt, erklärt er. Auf die vier verbliebenen Finger sind die Wörter HATE und KILL tätowiert.

Während eines Open Air-Konzerts bringt er zwei Paare in ihren Zelten um und filmt dabei mit vorher aufgestellten Kameras.

Kurz nachdem Christoph Warner ein Interview mit Slaughterman angekündigt hat, ist sein abgetrennter Kopf in einem Video zu sehen.

Einige Zeit später kreuzigt Slaughterman während einer Gothic-Messe in Leipzig zwei Männer, denen er nach dem Annageln von Händen und Füßen die Unterschenkel mit einem Vorschlaghammer zertrümmert hat.

Einbrecher

Nachdem ein Einbrecher namens Ralle lange ein abgelegenes Haus südlich von Bad Saarow in Brandenburg observiert hat und zu dem Schluss gekommen ist, es sei niemand da, dringt er dort ein und hofft auf wertvolle Beute. Aber er wird vom Bewohner überrascht und die Kellertreppe hinuntergestoßen.

Als Ralle zu sich kommt, schmerzt alles an seinem Körper. Offenbar sind mehrere Knochen gebrochen. Er sitzt gefesselt auf einem Stuhl. Der Mann, der ihn überwältigt hat, trägt eine Maske und filmt, wie er seinem Opfer die Gesichtshaut abzieht. Auf dem Video, das er ins Netz stellt, sind die Tattoos auf seinen Fingern zu sehen: BLUT GOTT.

Snuff Movies

Der selbsternannte „Blutgott“, der wie der eine oder andere Manager in der globalen Wirtschaft ein virtuelles Team managt, zahlt den mörderischen Kindern Geld für die Taten. Die entsprechenden Bitcoins nimmt er durch den Verkauf von Snuff-Movies über Tor Shops im Dark Web ein.

Opfer (männlich, 30 bis 35 Jahre) gefesselt und gestreckt. Schlagen, peitschen, erniedrigen. Ich ließ ihn die eigenen Augäpfel essen, damit ich ihn nicht kastriere. Doch hab ich seine Eier wirklich drangelassen? Das erfährst du, wenn du den Film kaufst – ca. 34 Minuten.

Den Ermittlern gelingt es, einen der Käufer zu identifizieren. Es handelt sich um den angesehenen Staatssekretär Christoph Geißner.

Lady Báthory

Um an den Blutgott heranzukommen, wollen ihn die Ermittler im Juni mit dem Video einer angeblich noch nicht strafmündigen „Killer-Braut“ ködern.

Die Wahl fällt auf Noah Wiesners 16-jährige Schwester Marie. Das Mädchen ist dazu bereit, und die Eltern erklären sich mit dem Projekt einverstanden, weil sie hoffen, dass die Polizei auf diese Weise den Verbrecher aufspürt, der ihren Sohn zum Mörder gemacht hat. Sie sorgen auch dafür, dass Noah nichts von dem Vorhaben mitbekommt.

Mike Fischer, der eine Werbeagentur für Personal Storytelling betreibt, schreibt für Marie alias „Lady Báthory“ einen Text zur Selbstpositionierung. Als erste weibliche Bewerberin für die Killerarmee des Blutgottes verfügt sie über eine Unique Selling Proposition. Die Dreharbeiten im Keller der Charité übernimmt der Filmproduzent Florian Köhler. Von einer Maskenbildnerin entsprechend geschminkt, posiert Marie mit einer Kettensäge vor einzelnen Körperteilen. Das Blut stammt von Schweinen, aber die Leichenteile sind von einem Menschen, einem jungen Mann, der sich vor einen Zug geworfen hat.

Das gruselige Video im Dark Net erfüllt seinen Zweck als „Kommunikations-Arschbombe“: der Blutgott schaut sich die manipulierte Aufnahme an, und über die Datenmengenfrequenz des Videos lokalisiert ihn die Polizei in Bad Saarow am Scharmützelsee in Brandenburg.

Durch ein zweites Video mit Marie als „Lady Báthory“ ortet die Polizei den Blutgott noch genauer, und zwar in Diensdorf-Radlow, einer zu Bad Saarow gehörenden Gemeinde.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Zugriff

Am nächsten Morgen um 4 Uhr früh stürmt ein SEK das Haus des Blutgottes.

Im Keller liegt ein gefesselter Mann auf dem Boden, dem augenscheinlich die Gesichtshaut abgezogen wurde. Wegen des Blutes ist nicht viel zu erkennen. Während sich Clara Vidalis über den Schwerverletzten beugt, geht ihr Kollege Marc hinaus, um einen Rettungswagen zu rufen. Jemand tritt aus einem dunklen Nebenraum, den das SEK wegen des Mannes am Boden abzusichern vergessen hat, und hält der Hauptkommissarin eine Pistole mit aufgesetzter Mündung, point blank, an den Kopf. Aber als Marc zurückkommt, gelingt es ihm, den Verbrecher mit einem Kopfschuss zu töten, bevor dieser abdrücken kann.

Clara und Marc gehen davon aus, dass es sich bei dem Toten um den Bewohner des Hauses, also um den so genannten Blutgott handelt.

Erst nachdem der Schwerverletzte abgeholt wurde, fallen Clara die Tätowierungen an den Fingern des Toten auf: HATE und KILL, nicht BLUT GOTT. Es ist Slaugtherman, nicht der Blutgott!

Clara ahnt, wer der scheinbar Schwerverletzte ist. Sie versucht, die Besatzung des Rettungswagens zu alarmieren, kommt jedoch zu spät.

Ein LKW rammte soeben den Rettungswagen. Der Mann auf der Trage setzte sich auf, zog die Hautfetzen von seinem blutverschmierten Gesicht und erschoss mit einer bis dahin versteckten Pistole sowohl den Arzt als auch den Sanitäter. Der Fahrer des Rettungswagens hängt seit dem Aufprall bewusstlos über dem Lenkrad. Den LKW-Fahrer hatten Marie und Noah Wiesner an einer Raststätte überfallen und dann gezwungen, den Rettungswagen zu rammen.

[Der Blutgott] nickte Marie zu.
Sie begegnete seinem Blick mit blitzenden Augen.
Als wüsste sie was jetzt kam. Als wartete sie mit dunkler Vorfreude darauf.
Er sagte mit beinahe feierlicher Stimme: „Du brauchst keinen Bruder, wenn du mich hast, Bathory. Von mir kannst du noch unendlich viel lernen.“
„Nein mein BLUTGOTT, ich brauche ihn nicht.“
„Soll ich das für dich erledigen?“
„Ja, mein Blutgott“, sagte sie.
Der Blutgott hob die Waffe, kniff ein Auge in seinem blutverschmierten Gesicht zu und schoss. Wieder das Fauchen des Schalldämpfers. Das Projektil sauste durch die Morgenluft und traf Noah in der Schläfe. Er wurde zur Seite geworfen und fiel, sich mehrfach um die eigene Achse drehend, in den Straßengraben.
Ein zweiter Schuss durch die offene Tür des Lastwagens tötete den Fahrer. Er sackt in seinem Sitz zusammen, ein Kranz aus Blut und Hirnspritzern hinter sich.

 

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„Blutgott“ lautet der Titel des siebten Clara-Vidalis-Thrillers von Veit Etzold. Es geht um Jugendliche, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und deshalb in Deutschland nicht strafmündig sind, also auch keine gravierenden Folgen fürchten müssen, wenn sie Kapitalverbrechen begehen. Das nützt ein Influencer im Dark Net aus, der sich selbst Blutgott nennt und eine Gruppe von Jüngern dazu anhält, miteinander um die grausamsten Morde zu wetteifern.

Diese Grundidee ist bestürzend, denn den Paragrafen 19 des Strafgesetzbuches gibt es tatsächlich. Der Plot, den Veit Etzold daraus entwickelt, bleibt einfach. Weil wir als Leserinnen und Leser den Drahtzieher kennen, ist „Blutgott“ kein Whodunit-Krimi. Es gibt weder raffinierte Vernehmungen noch intelligente und systematische Ermittlungen, in deren Verlauf wir Schritt für Schritt mehr von den Zusammenhängen erkennen könnten.

Ein auktorialer Erzähler wechselt von Kapitel zu Kapitel die Handlungsstränge. Dabei versteht es Veit Etzold, Cliffhanger zu setzen und den Spannungsbogen zu halten. Von den Romanfiguren erfahren wir in „Blutgott“ kaum mehr als die Namen. Charaktere sind das keine. An Gewaltexzessen und Splatter-Effekten mangelt es dagegen nicht. Damit erfüllt Veit Etzold offenbar die Wünsche einer großen Fangemeinde.

Nach dem Vorbild beispielsweise von Don Winslow setzt Veit Etzold in der Clara-Vitalis-Reihe auf eine Kombination von Brutalität und schonungslos ausgebreitetem Wissen über Abgründe der menschlichen Existenz. In „Blutgott“ lernen wir eine Menge über die Momo- und die Blue Whale Challenge, Snuff Movies auf VHS-Kassetten, Red Rooms und Gore Sites. Aber Ausführungen wie zum Beispiel über die 1929 von Andreas Stihl auf den Markt gebrachte Baumfällmaschine Typ A mit Benzinmotor – einen Vorläufer der in „Blutgott“ verwendeten Kettensäge – retardieren. Sie gehen ohnehin selten in die Tiefe und wirken stattdessen wie Namedropping bzw. Bildungshuberei.

Den Thriller „Blutgott“ von Veit Etzold gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Alexander Kruuse Mettin (ISBN 978-3-86974-419-3).

Veit Etzold wurde 1973 in Bremen geboren. Nach dem Studium in mehreren Fachgebieten promovierte er 2005 in Medienwissenschaft über den Kinofilm „Matrix“ von Larry und Andy Wachowski („Matrix. Die Ambivalenz des Realen“). 2010 debütierte Veit Etzold mit der Veröffentlichung des Thrillers „Das große Tier“ als Schriftsteller. Zwei Jahre später begann er mit „Final Cut“ die Clara-Vidalis-Reihe. 2013 heiratete er die sieben Jahre jüngere Rechtsmedizinerin Saskia Guddat.

Die Clara-Vidalis-Reihe: (1) Final Cut; (2) Seelenangst; (3) Todeswächter; (4) Der Totenzeichner; (5) Tränenbringer; (6) Schmerzmacher; (7) Blutgott.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Droemer Knaur

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