Franziska Hauser : Die Gewitterschwimmerin

Die Gewitterschwimmerin
Die Gewitterschwimmerin Eichborn Verlag, Köln 2018 ISBN 978-3-8479-0644-5, 428 Seiten ISBN 978-3-7325-5766-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem Tod ihrer Mutter Adele denkt Tamara Hirsch über sich und ihre Herkunft nach. Die jüdische Familie Hirsch gehörte in der DDR zu den Privilegierten: Alfred und Adele Hirsch durften weite Auslandsreisen unternehmen und begegneten Berühmtheiten wie dem Dalai Lama. Doch darüber vernachlässigten sie die beiden Töchter Tamara und Dascha.
mehr erfahren

Kritik

Die Kapitel des Familienromas "Die Gewitterschwimmerin" sind mit Jahreszahlen von 1889 bis 2017 überschrieben, aber Franziska Hauser entwickelt das Geschehen in zwei gegenläufigen Erzählsträngen, die sich 1960 kreuzen. Die Darstellung bleibt episodenhaft und anekdotisch.
mehr erfahren

1889

Friedrich, der sechs Jahre alte Sohn des Schneiders Gustav Hirsch in Endingen am Kaiserstuhl, wird von den Mitschülern als „Judensau“ beschimpft.

1903

Der 20 Jahre alte Friedrich Hirsch verliebt sich in die gleichaltrige Christin Ilse, die jüngste und fröhlichste der drei Töchter eines Ministerialbeamten. Während Ilse eine Stelle als Kindermädchen in Paris annimmt, studiert Friedrich in München Mathematik, Physik, Chemie, Astronomie und Philosophie. Nach der Promotion muss er für ein Jahr zum Militär. Dann kehrt er fast gleichzeitig mit Ilse nach Endingen zurück. Ihre Ausbildung zur Opernsängerin bricht sie bald ab. Ihr Vater hätte lieber einen Christen als Schwiegersohn, aber nach seinem Tod tritt Ilse aus der Kirche aus und heiratet Friedrich standesamtlich. Er beginnt an der Oberrealschule Mathematik zu unterrichten und wird zum Professor ernannt.

1918

Die Schulferien nutzt Friedrich für Vortragsreisen im Auftrag der Friedensgesellschaft.

1932

Ilse und Friedrich Hirsch haben zwei Söhne: Alfred wurde 1912 geboren, sein Bruder Erwin ist acht Jahre jünger. Während die Eltern mit Erwin zu Verwandten fahren, bleibt der 19-jährige Alfred zurück und meldet sich unter falschem Namen bei einer NS-Veranstaltung als Redner an. Während er auf die Bühne steigt, verteilen sich seine kommunistischen Freunde im Publikum. Die Saalschlacht beginnt schneller als gedacht.

In der Hoffnung, die zwei Jahre jüngere Medizinstudentin Esther Apfelbaum beeindrucken zu können, besucht Alfred die Parteischule der KPdSU in Moskau.

1933

Nach seiner Rückkehr aus Moskau heiraten er und Esther auf dem Standesamt in Freiburg.

Im Auftrag einer kommunistischen Studentengruppe in Berlin leiten die beiden ein Kinder-Sport-Ferien-Lager in Südfrankreich. Als sie zurückfahren, erhalten sie eine Warnung von Alfreds Vater, der am 16. März 1933 festgenommen und bei der Vernehmung nach dem Aufenthaltsort seines älteren Sohnes gefragt wurde. Friedrich kam zwar bald wieder frei, wurde allerdings zwangspensioniert.

Erwin Hirsch wird im Krankenhaus in Tauberbischofsheim jahrelang gegen Knochentuberkulose behandelt.

1938/39

Als Friedrich Hirsch am 10. November 1938 einen Pass beantragen möchte, wird er stattdessen erneut festgenommen und ins KZ Dachau gebracht. Ilse ist verzweifelt: Ihr Ehemann ist im Konzentrationslager, ihr älterer Sohn musste untertauchen, und ihr jüngerer Sohn liegt noch immer im Krankenhaus in Tauberbischofsheim.

Während sich Ilse, Friedrich und Erwin im August 1939 nach Paris absetzen, harren Friedrichs Eltern in Endingen aus, denn sie verstehen sich als gute Deutsche und sehen keinen Grund, das Land zu verlassen. Aber sie werden abgeholt und nach Auschwitz gebracht [Buchkritik].

Ilse schickt eine Bewerbung ihres Ehemanns nach Penrith am Rand des Lake District. Dorthin hat man die Royal Grammar School aus Newcastle wegen der deutschen Luftangriffe verlegt [Buchkritik]. Friedrich fängt in Penrith als Lehrer an und unterrichtet, bis er noch im selben Jahr interniert wird. Der 56-Jährige meldet sich daraufhin zur britischen Armee, aber die Behörden ziehen es vor, dass er in den Schuldienst zurückkehrt.

Friedrich lernt Irene Summer kennen, eine 30-jährige Deutsche, die sich mit ihrer Mutter zusammen zum Suizid entschlossen hatte, um nicht nach Deutschland ausgewiesen zu werden. Sie schluckten Tabletten. Irene kam in den Armen ihrer toten Mutter wieder zu sich. Wegen des versuchten Selbstmords und der Beihilfe beim Suizid der Mutter verurteilte man sie zum Tod, aber drei Monate später wurde sie von König Georg VI. begnadigt. Seither arbeitet sie als Sekretärin in der Zahnpastafabrik in Penrith.

1940

Weil Alfred beim Geschlechtsverkehr nicht aufpasste, muss Esther sich einer Abtreibung unterziehen.

Die beiden schließen sich unter den Decknamen Rogér bzw. Yvette der Résistance an. Alfred entwirft und verteilt Flugblätter, Esther arbeitet für einen anderen Deutschen, der sich „Gaston“ nennt, als Sekretärin. Als sie in Paris von der Gestapo gesucht werden, setzen sie sich mit falschen Papieren nach Mende in der Region Okzitanien ab. Dort finden sie Ilse und Erwin, die mit einem Touristenvisum nach Frankreich reisten und in verschiedenen Lagern interniert wurden. Erwin darf das Lager sonntags verlassen und Privatunterricht geben. Zu seinen Schülerinnen gehört Sophie Freud, die 16 Jahre alte Enkelin des Wiener Psychoanalytikers.

1944

Alfred und Esther beziehen eine Gartenlaube bei Lyon.

1945

Nach dem Krieg nennt Gaston seinen richtigen Namen. Er heißt Otto. Während er mit Alfred nach Deutschland zurückfährt, bleibt Esther als Korrespondentin des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) in Paris. In Heppenheim haben Otto und Alfred gemeinsam Sex mit einer Zufallsbekannten. Konrad Adenauer begrüßt die beiden in Köln. Und in Berlin suchen sie Wilhelm Pieck auf.

Erwin Hirsch heiratet am 30. Mai 1945 in Pankow eine Frau, deren Namen wir nicht erfahren.

Sein Vater Friedrich wird im Januar 1946 in Newcastle als Lehrer verabschiedet, erhält aber erst ein halbes Jahr später eine Ausreisegenehmigung. Ilse besorgt ihm eine Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg.

1946

Weil Alfred fast erblindet ist, beantragt Esther für ihn eine Kur in Bad Elster. Dort verliebt er sich in die 13 Jahre jüngere Krankenschwester Adele, die Tochter eines Nürnberger Pfarrers, die mit dem Chefarzt verlobt ist.

Zurück in Berlin, stellt die „Tägliche Rundschau“ dem Journalisten ein Auto mit Fahrer zur Verfügung. Esther wohnt im Internat der Parteihochschule. Am Wochenende nimmt sie jeweils den von Alfred mit der Hand geschriebenen Teil eines Romanmanuskripts mit, um die Seiten für ihn abzutippen ‒ bis Alfred sich von ihr trennt, weil sie alles miterlebt hat, was er vergessen möchte.

Adele, seine neue Lebensgefährtin, wuchs im Kloster auf. Wenn die Oberin mit ihr in einer geschlossenen Kutsche nach Plauen fuhr, musste sich Adele ausziehen, und die schwer atmende Vorgesetzte kniete sich zwischen ihre Beine.

1949

Adele findet sich damit ab, dass ihr 38 Jahre alter Mann Bettnässer ist.

1951

Nachdem Adele 1951 in Berlin-Pankow die Tochter Tamara geboren hat, reist ihr Vater aus Nürnberg an, um das Kind heimlich zu taufen.

1952

Irmgard Petereit stellt sich bei Ilse und Friedrich Hirsch vor. Es handelt sich um eine der drei Töchter einer Magd und eines Stallknechts auf einem Gut in Benkheim in Ostpreußen. Der Großvater bezahlte ihr eine Schneiderausbildung, und danach kam sie als Haushälterin zu einem Offizier in Königsberg. Vor der anrückenden Roten Armee floh sie auf einem Schiff nach Dänemark, und das Rote Kreuz schickte sie zwei Jahre später nach Größchen bei Brandenburg, wo ihre Schwestern auf sie warteten.

Friedrich Hirsch überlässt Irmgard Petereit die Entscheidung, welchem seiner beiden Söhne sie den Haushalt führen möchte. Sie wählt Alfred.

1953

Adele Hirsch und Irmgard Petereit wurden beide 1925 geboren, sind jedoch grundverschieden.

Im Sommer lief Adele nackt durchs Haus, lag nackt auf der Terrasse und holte sogar nackt die Post aus dem Briefkasten. Alfred war dann auch nackt und sprühte sich schnaufend im Garten mit dem Wasserschlauch ab.
Irmgard verließ ihr Zimmer auch bei größter Hitze nie ohne sieben Kleidungsstücke.

Tamara Hirsch bekommt 1954 eine Schwester: Dascha.

1954

Drei Monate lang wird Dascha im Krankenhaus gegen eine Meningitis behandelt.

1956

Während Alfred und Adele in Tibet sind und vom Dalai Lama empfangen werden, kümmert Irmgard sich um die Töchter Tamara und Dascha.

1957

Irmgard ist schwanger. Sie weiß nicht, ob das Kind vom Malermeister Winnemond oder dessen Sohn gezeugt wurde. Ein Fleischermeister in Größchen wäre trotz des Kindes bereit, sie zu heiraten, aber Irmgard befürchtet, dass er nur eine billige Arbeitskraft sucht und zieht eine Abtreibung vor.

In den Sommerferien passt sie am Ostseestrand auf Tamara, Dascha und deren 1949 geborenen Cousin Phillip auf, während Alfred und Adele, Erwin und dessen Ehefrau am Nacktstrand liegen.

1958

Als Adele nachts aufwacht, ist Alfred nicht bei ihr im Bett. Sie hört ihn aus Tamaras Zimmer. Sexuell erregt kommt er zurück und fällt über Adele her.

1960

Als Tamara sieben Jahre alt war, führte ihr als Arzt praktizierender Onkel Anton erstmals eine gynäkologische Untersuchung bei ihr durch. Bei jeder Gelegenheit drückt er sie an sich, knetet ihren Po und schiebt ihr seine Zunge in den Mund.

Der Vater kommt weiterhin nachts zu ihr und bringt sie dazu, seinen erigierten Penis anzufassen. Er erklärt der Neunjährigen, was Masturbation bedeutet. Am nächsten Morgen setzt Tamara sich zu ihrer Mutter, die sich im Garten die Fußnägel lackiert und fragt sie: „Muss Papa uns so was zeigen, wie Masturbieren geht und so?“ Adele antwortet: „Ja, ja, Tamaschele, das hättest du wohl gerne!“

Als Alfred nach dem Orgasmus sofort einschläft und Adele unbefriedigt zurücklässt, steht sie auf, geht nackt zu Dascha ins Zimmer und masturbiert, während sie mit der anderen Hand den Schenkel des Kindes ergreift.

1962

Alfred kommt nachts zu seiner 11-jährigen Tochter und macht sich mit seiner Zunge zwischen ihren Beinen zu schaffen.

1963/64

Erwin und seine Frau arbeiten beide am Institut für Kernforschung in Dresden-Rossendorf.

Als Friedrich pensioniert wird, steckt ihm Erich Honecker persönlich den vaterländischen Verdienstorden in Gold an. Friedrich und Ilse ziehen in ein Schloss in Dresden, dessen bisheriger Besitzer, ein Zigarettenfabrikant, enteignet wurde und mit seiner Familie nur noch im Souterrain wohnen darf.

Als Ilse stirbt, nehmen Alfred und Adele nicht an der Trauerfeier teil, weil sie die dreiwöchige Lesereise in Südfrankreich nicht absagen wollen.

Silvester 1964 wird bei Manfred von Ardenne gefeiert.

1966

Adele trennt sich von Alfred, weil er sie mit einer anderen betrogen hat, aber als ihn die Geliebte ebenfalls verlässt, holt er seine Frau zurück.

1967

Beim Winterurlaub in Zakopane kommt die Mutter mit Onkel Anton zu Tamara ins Zimmer.

Sie zieht mein T-Shirt hoch. „Mensch, hast du hübsche Titten, Kindchen, zeig mal her! Göttlich, dein knackiger Arsch, Himmeldonnerwetter, lass mal anfassen.“ Onkel Anton hält den Kopf schief und grinst.

1968

Tamara studiert in Zwickau Puppentheater und erhält eine kleine Wohnung zugewiesen. Sie lernt zwei Studenten aus Ungarn kennen, die mit Streichhölzern um sie losen, aber Tamara nimmt beide mit in ihr Zimmer. Die freien Tage verbringt sie in Berlin. Als Anhalterin steigt sie einmal bei einem dicken Lada-Fahrer ein. Hinter Schönefeld biegt er in einen Wald ab. Tamara hebt einen Ast auf und schlägt ihn nieder. Dann läuft sie zur Straße zurück, und eine Autofahrerin nimmt sie mit zur Polizeidienststelle Zossen. Später erfährt ihr Vater von der Polizei, dass es sich bei dem Lada-Fahrer um einen verheirateten Abteilungsleiter einer großen Firma handelte. Durch Tamaras Notwehr erlitt er einen Hirnschaden und ist zum Pflegefall geworden.

1971

Tamara bringt den Bühnenarbeiter René als ihren „Neuen“ mit nach Hause. Ihre Schwester Dascha kommt nackt über die Treppe herunter und verführt ihn. Kurz darauf besucht die Mutter den Freund ihrer älteren Tochter, zieht sich unter dem Vorwand, es sei so heiß, immer weiter aus und schläft ebenfalls mit ihm.

Nachdem Dascha 60 Schlaftabletten mit Alkohol hinunterspülte, ihr aber rechtzeitig der Magen ausgepumpt wurde, fährt Irmgard mit der 17-Jährigen nach Bulgarien, um sie auf andere Gedanken zu bringen, aber dort wird Dascha von drei Männern vergewaltigt.

1972

Tamara geht mit einem Mann namens Ronald, der sich im Gartenhaus eines Bekannten einquartiert hat.

1974

Sie erhält ein Diplom als staatlich anerkannte Puppenspielerin der Deutschen Demokratischen Republik und ein Engagement beim Puppentheater Magdeburg. Als sie schwanger ist, kommt eine Mitarbeiterin der Jugendfürsorge zu ihr in die Dachkammer – und ermahnt sie, mit dem Rauchen aufzuhören.

Ronald ist weg. Es stellt sich heraus, dass er auf der Flucht in den Westen angeschossen wurde und einige Tage später in Westberlin seinen Verletzungen erlag.

1975

Tamara lässt sich nach der Geburt ihrer Tochter Henriette auf ein Liebesverhältnis mit einem Mann namens Hans ein.

Als ich mit Hans in der Hotelbadewanne sitze, das Kind in der Mitte, und sein Schwanz unbeteiligt im warmen Wasser schwimmt, erleichtert mich der Anblick. Mit meinem Vater hätte ich als Kind nicht in einer Wanne sitzen wollen.

Weil Daschas Ärzte befürchten, ein Kind könne den Zustand der psychisch kranken 21-Jährigen verschlimmern, führen sie eine Abtreibung bei ihr durch. Als die Eltern danach mit ihr zu ihrem Wochenendhaus am See fahren wollen, lässt Dascha sich auf der Autobahn aus dem Wagen fallen. Im Krankenhaus springt sie aus dem Fenster, aber ein Gebüsch bremst den Sturz ab. Gleich darauf schneidet sie sich unter der Dusche die Pulsadern auf. Sie wird erneut gerettet und schluckt daraufhin Tabletten.

Schließlich muss sie sich einer weiteren Abtreibung unterziehen.

1979

Tamara bekommt eine zweite Tochter, der sie den Namen Maja gibt.

1981/82

Die 12-jährige Tochter einer Vertrauten Adeles beschwert sich bei ihrer Mutter darüber, dass Adele ihr fortwährend an die Brüste fasse. Frau Grünstein meint daraufhin:

„Das musst du nicht so ernst nehmen, Kind. Das sind Künstler. Bei denen ist das normal.“ 

Später – als sie verheiratet ist, drei Kinder hat und als Anästhesistin im Krankenhaus arbeitet – wird die Grünspan-Tochter Tamara erzählen, dass sie als Kind mit Adeles Schamlippen spielen musste.

Als Dascha zum dritten Mal schwanger ist, hilft Tamara ihr, es vor den Ärzten zu verbergen, bis es für eine Abtreibung zu spät ist, denn sie hofft, dass ihrer Schwester die Verantwortung für ein Kind guttun würde. Aber gleich nach der Niederkunft im Jahr 1982 trennen die Ärzte Mutter und Kind. Daschas Zustand verschlechtert sich dramatisch.

1983

Margot Honecker gratuliert Friedrich Hirsch zum 100. Geburtstag.

Kurz darauf bricht er sich einen Oberschenkel, und als er auf der Intensivstation im Krankenhaus liegt, zieht Tamara im wortlosen Einverständnis mit ihm den Stecker der Geräte.

1984

Wegen ihrer Aufmüpfigkeit erhält Tamara kein Visum und muss zurückbleiben, als ihr Ensemble ein Gastspiel in Italien gibt.

Aber der Vater besorgt dann doch noch ein Visum für Frankreich, indem er behauptet, er wolle den Töchtern zeigen, wo er als Widerstandskämpfer im Einsatz war.

1986

Um nach sechs Jahren von ihrer Tablettensucht loszukommen, bringt Tamara die Töchter Henriette und Maja zu ihren Eltern und lässt sich in einer Kurklinik behandeln.

1989

Als abends das Gewitter losbricht, renne ich im Halbdunkel nackt durch den strömenden Regen. […] Ich kraule zur Mitte, lege mich auf den Rücken, schnappe nach Luft zwischen Regen und See, während mir die Wellen über den Kopf toben. Ich schwimme dem Blitz hinterher und rudere mit den Armen, damit er mich findet. „Hier bin ich! Komm her, verdammt!“ Ich schwimme gegen mein Leben.

Als Tamara ihre Schwester in der Psychiatrie besucht, findet sie Dascha angeschnallt vor. Sie hat bereits zwölf Elektroschock-Behandlungen hinter sich. Aufgebracht bindet Tamara sie los und nimmt sie mit. Aber im Auto greift Dascha ins Lenkrad und will gegen eine Mauer fahren. Tamara bleibt nichts anderes übrig, als sie in die Klinik zurückzubringen.

Dascha stirbt.

1991

Ein alkoholkranker Pianist, für dessen als Filmschauspielerin tätige Mutter Alfred Hirsch vor längerer Zeit ein Drehbuch schrieb, verbringt die Sommerferien mit Tamara in Alfreds Wochenendhaus am See.

Tamara findet es unerträglich, wenn sie hört, wie die Nachbarn und Eigentümer umliegender Wiesen über Bodenpreise und Bauvorhaben schwadronieren.

Die wollen meinen Lebensraum zerstören, weil sie zum Entspannen zu blöd sind.

1994

Während Alfred an einem neuen Theaterstück schreibt, erleidet er zwei Schlaganfälle und stirbt. Die Witwe mag Irmgard Petereit nicht weiterbeschäftigen und schickt sie nach Jahrzehnten zu den Schwestern nach Größchen zurück.

2011

Adele Hirsch streift beim Abbiegen den Außenspiegel eines geparkten Autos. Als die Polizei bei ihr klingelt, öffnet die 86-Jährige mit einem Glas Weinbrand in der Hand. Sie muss mit zum Revier. Dort bricht sie zusammen und stirbt.

Tamara räumt das Elternhaus aus und reißt vor allem die Nische heraus, in der sie als Kind von Onkel Anton bedrängt wurde.

„Warum bin ich geworden, wie ich nicht sein will?“, fragt sie sich.

Wenn das Haus aussieht, wie ich es haben will, wird dann auch mein Leben aussehen, wie ich es gern hätte?

Onkel Anton kommt mit seiner neuen Lebensgefährtin vorbei. Seine beiden Ehefrauen sind tot. Die erste war Adeles Schwester, die zweite deren Tochter. Tamaras Cousine heiratete also ihren Stiefvater und lebte dann mit ihm und der Mutter weiter zusammen, beinahe wie zuvor.

2012

Henriette fragt ihre Mutter:

„Warum bist du eigentlich so geworden, wie du nicht sein wolltest?“

2017

Tamara fuhr zum See, ging bei Gewitter baden und hoffte, der Blitz würde sie finden.

 

nach oben

Der Familienroman „Die Gewitterschwimmerin“ dreht sich um Antisemitismus, Nationalsozialismus und Widerstand. Im Mittelpunkt stehen teils starke, teils labile Frauen, die nicht bereit sind, sich anzupassen. Die jüdische Familie Hirsch, deren Geschichte Franziska Hauser in „Gewitterschwimmerin“ erzählt, gehört in der DDR zu den Privilegierten: Alfred und Adele Hirsch dürfen weite Auslandsreisen unternehmen und begegnen Berühmtheiten wie dem Dalai Lama. Doch darüber vernachlässigen sie die beiden Töchter Tamara und Dascha.

Im Vorwort erklärt Franziska Hauser, sie habe die tatsächliche Geschichte ihrer Familie als Grundlage für den Roman „Die Gewitterschwimmerin“ verwendet.

Nicht alle Personen sind mit meiner Ausführung einverstanden, haben aber freundlicherweise der Veröffentlichung in Form des freien literarischen Romans zugestimmt.

Die Kapitel sind mit Jahreszahlen von 1889 bis 2017 überschrieben, aber Franziska Hauser entwickelt das Geschehen in zwei gegenläufigen Erzählsträngen. Wenn diese sich 1960 kreuzen, spiegelt sich eine Szene, in der sich Adele die Fußnägel lackiert und ihre nachts vom Vater sexuell missbrauchte Tochter Tamara fragt: „Muss Papa uns so was zeigen, wie Masturbieren geht und so?“

Franziska Hauser wechselt die Perspektiven. Dabei lässt sie die Hauptfigur Tamara Hirsch als Ich-Erzählerin auftreten, die nach dem Tod ihrer Mutter Adele über sich und die Familie nachdenkt. Dieser Rückschau entsprechend sind Tamaras Kapitel in umgekehrter Chronologie angeordnet.

Die Darstellung bleibt episodenhaft und anekdotisch.

Nach Alfreds Tod im Jahr 1994 kündigt die Witwe der Haushälterin Irmgard Petereit, die 1952 bei der Familie zu arbeiten anfing. Dazu heißt es in „Die Gewitterschwimmerin“:

Irmgard packte ihre Sammelteller ein und ließ sich nach 51 Jahren (sic!) zurückbringen zu den Schwestern.

Schlimmer sind historische Fehler in „Die Gewitterschwimmerin“, die offenbar auch beim Lektorat nicht aufgefallen sind. Eine englische Schule wird wegen deutscher Luftangriffe bereits 1939 von Newcastle nach Penrith verlegt (Seite 141). Und im August 1939 werden Friedrich Hirschs Eltern von Endingen nach Auschwitz deportiert (Seite 124).

Der Roman „Die Gewitterschwimmerin“ von Franziska Hauser wurde für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert.

Franziska Hauser wurde am 9. Februar 1975 in Berlin-Pankow als Tochter einer Puppenspielerin und eines Dokumentarfilmregisseurs geboren. Der Schriftsteller Harald Hauser (1912 ‒ 1994) war ihr Großvater. Während des Studiums an der Weißensee Kunsthochschule Berlin arbeitete sie als Ausstattungsassistentin am Berliner Ensemble. Mit einem Stipendium studierte sie schließlich bei Arno Fischer an der Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung in Berlin-Weißensee. 2015 debütierte Franziska Hauser mit dem Roman „Sommerdreieck“. Im selben Jahr erschien ihr Fotobildband „Sieben Jahre Luxus“.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Bastei Lübbe AG

Vladimir Nabokov - Lolita
"Lolita" löste einen Skandal aus, obwohl Vladimir Nabokov keinen pornografischen, sondern einen ironischen, tragikomischen und melancholischen Roman geschrieben hat, und das in einer fantasievollen, witzigen und geschliffenen Sprache.
Lolita

 

 

 

Deutscher Buchpreis 2018
(Vorstellung des Romans der Preisträgerin und zehn weiterer Bücher der Finalisten)


Literaturagenturen