Uwe Johnson : Zwei Ansichten

Zwei Ansichten
Zwei Ansichten Originalausgabe Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1965 Taschenbuch Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1992 ISBN 978-3-518-38683-5, 243 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Januar 1961 lernen sich die in Ostberlin tätige Krankenschwester D. und der holsteinische Fotograf B. kennen. B. kauft einen roten Sportwagen und will D. damit beeindrucken, aber das Fahrzeug wird ihm in der Nacht vor dem Treffen in Berlin gestohlen. Der Mauerbau im August trennt D. und B. vollends. Anfang 1962 lässt D. sich von B. zur Republikflucht verhelfen, bleibt aber nach dem Gewinn ihrer Freiheit eigenständig.
mehr erfahren

Kritik

Plot und Aufbau des Romans von Uwe Johnson sind denkbar karg und entdramatisiert. Nicht nur durch das Zusammenspiel von übersteigerter Sachlichkeit und fehlender Anschaulichkeit wirkt "Zwei Ansichten" spröd und distanziert. Dazu trägt vor allem die eigenwillige, nicht leicht zu verstehende Sprache bei. Die Absätze sind lang, die Szenenwechsel übergangslos. Das erschwert die Lektüre.
mehr erfahren

Der rote Sportwagen

Als B.s Mutter ein zweites Mal heiratete und der Vater das einzige Strandhotel im Ort gegen einen Dorfladen im Landesinneren von Holstein tauschen musste, lebte B. noch ein dreiviertel Jahr als Oberschüler bei seiner Großmutter. Dann absolvierte er in einer Drogerie eine Ausbildung zum Fotografen. Nach dem Wehrdienst fing er als freier Pressefotograf für die Kreiszeitung zu arbeiten an und richtete sich in einer möblierten Bude über dem Kino einer mittelgroßen Stadt in Holstein ein.

Als es dem 24-Jährigen 1961 gelingt, seine Zeitungsfotos für einen Sammelband der Stadtverwaltung ein zweites Mal zu verkaufen, erwirbt er von einem Touristen, der mit seinem ausländischen roten Sportwagen ins Schleusenbecken gefahren war und den er beim Fotografieren der Bergung kennenlernte, das Unfallauto. Für den Kaufpreis und die Kosten der Instandsetzung reichen allerdings seine Ersparnisse nicht, und er muss einen Kredit aufnehmen. Sein bisheriges, zehn Jahre altes Auto schenkt er seiner Ex-Freundin.

Ein wenig Unschicklichkeit war ihm bewusst, wenn er mit dem Karren vorfuhr bei Grundsteinlegung und Scheunenbrand und Verkehrsunfall, und dem Besitzer der Zeitung war nicht recht, dass sein Erzeugnis in den Verdacht kam, damit sei solche Masse Geld zu schneiden.

Mit dem roten Sportwagen möchte er D. beeindrucken, eine 20-jährige Ostberliner Krankenschwester, die er im Januar 1961 kennenlernte, als er eine holsteinische Schulklasse beim Pflichtbesuch in Berlin begleitete und fotografierte.

Er wurde fünfundzwanzig Jahre alt im August 1961.
Leider kam ihm dieser Wagen im gleichen Monat abhanden. Er hielt sich damals in Westberlin auf, und als er am zweiten Morgen, erst halb gewaschen, ans Fenster ging und seinen massigen schwitzenden Rumpf über die Straße hängte, war der Platz unter dem dünnen Neongeflecht des Hotels leer.

Um die Verabredung mit D. an einer Straßenecke in Ostberlin trotz des Fahrzeugdiebstahls einhalten zu können, mietet B. ein Auto. Aber die Grenzposten schicken ihn zurück, weil das Kfz in Berlin-West zugelassen ist.

Vom südlichen Flughafen in Berlin fliegt B. nach Hamburg und kehrt in die mittelgroße Stadt in Holstein zurück. Um für ein neues Auto sparen zu können, bewirbt er sich erneut bei dem Drogisten, der sein Lehrmeister war, und der stellt ihn wieder ein, obwohl B. damals kündigte.

Das Paket mit Schallplatten für D. kommt aus Ostberlin zurück, denn diese Ware ist in der DDR verboten.

D.

D.s in Potsdam lebende Mutter ist enttäuscht darüber, dass ihre Tochter keine der Gelegenheiten zur Republikflucht nutzte, obwohl ihr der Staat den Zugang zur Oberschule und damit zum gewünschten Medizinstudium verwehrte, weil der verstorbene Vater als Kriegsverbrecher gilt.

In der großen Klinik in Ostberlin, in der D. nun als Krankenschwester angestellt ist, wurde ihr zwar ein Bett im Personalhaus des Kombinats angeboten, aber sie wohnt lieber heimlich in einem möblierten Zimmer bei einer „humpeligen Witwe“, um nicht ständig überwacht zu werden.

Manchmal besorgt D. in einer Westberliner Apotheke Präparate, die es im Osten nicht gibt.

Sie stieg aus und holte beiläufig aus der Schuhspitze die Zettel und Rezepte, die die Ärzte ihrer Anstalt wortlos auf den Schwesterntisch legten, und besorgte die westlichen Präparate in Apotheken, die sie wechselte, schon mit ein bisschen Unruhe im Nacken, denn auch solche Einfuhren waren von den ostdeutschen Behörden verboten, dem Absatz der eigenen Medizinen zuliebe, und zwar strenger. Sie stieg aus und besah die Filme, für die Leute mit ostdeutschem Ausweis kein Westgeld bezahlen mussten; sie stieg aus, um bloß spazieren zu gehen, entzückt von den mit vielen Sorten, reichlich versehenen Schaufenstern, oft befremdet von der Ähnlichkeit, die die Fassaden darüber einhielten mit Häusern in Ostberlin, eigentlich darum verlegen, die Herkunft der Unterschiede zu begreifen. Sie war ausgestiegen mit einem jungen Westdeutschen und eine Nacht geblieben. Sie hatte geleugnet je auszusteigen. Sie war nicht über die Verhältnisse hinaus verlogen.

Der Westdeutsche B., mit dem die 20-Jährige im Januar 1961 eine Woche lang zusammen war, versucht sie auf der Station anzurufen, ohne zu ahnen, dass sie dadurch in politische Schwierigkeiten kommen könnte.

Am 13. August 1961 beginnt die DDR mit dem Bau einer Mauer quer durch Berlin. Der Staat gibt sich als Besitzer seiner Bürger zu erkennen und zäunt seinen Besitz ein.

Zwei Polizisten suchen D. auf und vernehmen sie, weil sich ihr jüngster Bruder in den Westen abgesetzt hat. Daraufhin wird ihr im September das Zimmer gekündigt und sie muss um ein Bett im Schwesternheim des Krankenhauses bitten.

Obwohl sie sich dadurch der Beihilfe zur Republikflucht schuldig macht, schickt sie ihrem Bruder seine in einem Bilderbuch versteckte Geburtsurkunde nach München. Seine Absicht, dort zu studieren, kann er erst einmal nicht verwirklichen. Stattdessen wird er Bauhilfsarbeiter.

Fluchthilfe

B. erhält eine polizeiliche Vorladung in der Landeshauptstadt. Sein Auto wurde von einem jungen Mann aus Württemberg gestohlen, der seiner Verlobten zur Flucht aus Ostberlin  verhelfen wollte, indem er mit ihr im Sportwagen gegen den Schlagbaum raste. Allerdings gelang es ihm nicht, die Schranke zu durchbrechen. Stattdessen fuhr er den Wagen zu Schrott und wurde verhaftet.

Nachdem B. die Adresse der wohlhabenden Eltern des jungen Mannes erfahren hat, fährt er nach Württemberg und sucht sie auf. Sie ersetzen ihm den Sportwagen und bieten ihm sogar eine Reisekostenerstattung an, aber auf dem Rückweg wird sich B. darüber bewusst, dass er sich nicht mehr über eine von der DDR kontrollierte Grenze wagen kann, weil man ihn möglicherweise wegen Beihilfe zu einem missglückten Republikflucht-Versuch festnehmen würde. Für Reisen nach Westberlin muss er von nun an das Flugzeug nehmen.

Während eines Aufenthalts in Westberlin kontaktiert ihn das Ehepaar, in dessen Wohnung er im Januar D. kennenlernte. Sie essen und zechen im Ratskeller, bis B. der Frau helfen muss, den stark betrunkenen Mann ins Hotel zurückzubringen. Dort fällt der Ehemann quer übers Doppelbett.

B. zog die Frau von der Bettkante hinter das Fußteil auf den staubmuffigen Teppich und zwängt sie aus den Kleidern, bis er ihr seinen lebendigsten Teil beibringen konnte, atemlos mit geschlossenem Mund auf ihrem, unbekümmert, ob sie nun Halbschlaf oder Betrunkenheit vorgab. Vom Bett kam undichtes Suffgebrabbel. B. hatte doch seine Not, das zu überhören, und musste mit schwer verfehlbarem Überdruss noch eingehen auf die Umarmungen und Vertraulichkeiten, die die Frau, nun entschlossen, auf dem knackenden Hotelkorridor fortsetzen wollte […].

Das Geld, das B. in Württemberg bekommen hat, erlaubt es ihm, im Oktober für mehrere Monate nach Berlin zu fliegen. Er fotografiert die Mauer, aber keine Zeitung druckt seine Aufnahmen.

Während seines Aufenthalts in Westberlin steht B. des Öfteren bei einer gleichaltrigen Kneipenwirtin an der Theke.

Einmal schreibt er D. einen Brief, lässt dann aber das adressierte Kuvert in der Kneipe liegen. Im Dezember reicht ihm die Wirtin ein drei Wochen zuvor in Westberlin abgestempeltes und an die Kneipe geschicktes Anwortschreiben.

„Dann hilf mir rüber, ich will jetzt kommen. Es muss aber was sein wo nicht geschlossen wird. Nimm mir nicht übel, die Angst.“

B. fragt die Wirtin um Rat. Bald darauf nehmen Leute konspirativ Kontakt mit ihm auf, und er bezahlt für Fluchthilfe.

Nachdem ihn die Wirtin mehrmals wegen D.s Flucht vertröstet hat, fliegt B. Anfang 1962 nach Hamburg und von dort weiter nach Stuttgart, um in einer württembergischen Kfz-Fabrik einen fabrikneuen Sportwagen abzuholen.

Auf dem Rückweg nach Hamburg, wo er D. am Flughafen erwartet, stirbt der Motor des noch nicht eingefahrenen Autos ab. B. muss eine Werkstatt suchen und warten, bis der Sportwagen repariert ist. Wegen der Verzögerung verpasst er D. in Hamburg und fliegt von dort trotz seiner Erschöpfung nach der langen Autofahrt noch am selben Tag nach Westberlin.

An der Straßenkreuzung oberhalb der Kneipe lief er bei rotem Licht gegen ein langes übermächtiges Tier von Autobus, und hatte es um die Kurve schwenken sehen. Im Fallen war er ganz zufrieden.
[…] Ich habe ihn aufheben helfen und bin mit dem heulenden Krankenwagen zur Unfallstation gefahren.

Im Krankenhaus wird zum Glück nur eine Gehirnerschütterung diagnostiziert.

Befreiung

Vor ihrer für Januar 1962 geplanten Republikflucht besucht D. noch einmal ihre Mutter in Potsdam. Der fällt auf, dass sie mit etwas beschäftigt ist und vermutet, D. sei ungewollt schwanger.

D. wird konspirativ zu einer Mietwohnung gebracht, in der sich auch ein junger Eisenflechter versteckt, dessen Ehefrau mit dem zweijährigen Kind bereits in Westberlin auf ihn wartet. Sein Fluchtversuch scheiterte jedoch, und er wartet nun als sogenanntes „U-Boot“ auf eine neue Möglichkeit.

Die Fluchthelfer statten D. nicht nur mit einem gefälschten österreichischen Pass voller Visa-Stempel und Einreisevermerke aus, sondern auch mit Westzigaretten sowie Westberliner Busfahrscheinen und Kinokarten. Sie soll die Rolle einer österreichischen Krankengymnastin namens F. spielen, die zweieinhalb Jahre älter ist als D., als Touristin mit dem Flugzeug nach Westberlin kam und weiter nach Kopenhagen reist.

Unbehelligt fährt D. alias F. mit dem Zug an die Ostsee und nimmt die Fähre nach Gedser auf Seeland, wo sie eine Fahrkarte nach Hamburg kauft. Von dort fliegt sie nach Westberlin. Nach der geglückten Republikflucht muss sie sich von der Polizei erkennungsdienstlich behandeln lassen und schriftlich erklären, dass sie freiwillig in den Westen gekommen ist.

In der ersten Woche wird sie von einem jungen Ehepaar mit kleinem Kind aufgenommen, das häufig Gäste bewirtet.

Sie erzählte höflich, ein wenig befangen, von Ostberlin. Später nahm sie mir ein Versprechen ab. ‒ Aber das müssen Sie alles erfinden, was Sie schreiben! sagte sie. Es ist erfunden.

Anstandshalber besucht sie B. im Krankenhaus. Der macht ihr einen Heiratsantrag, und weil der Patient sich nicht aufregen darf, verspricht D., es sich zu überlegen.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Die Handlung des Romans „Zwei Ansichten“ von Uwe Johnson spielt 1961/62, zur Zeit des Mauerbaus in Berlin. Die DDR sperrt ihre Bürger ein, und für Westdeutsche bedeuten die Grenzen Einschränkungen in der Reisefreiheit. Westberliner dürfen zweieinhalb Jahre lang (bis zum Passierscheinabkommen vom Dezember 1963) gar nicht mehr in den Ostteil der Stadt. Am Ende gelingt der in Ostberlin tätigen Krankenschwester D. mit Hilfe des westdeutschen Fotografen B. die Flucht in den Westen. Die beiden haben sich im Januar 1961 kennengelernt. Während Romeo und Julia wegen einer Familienfehde nicht zusammenkommen, werden D. und B. durch verfeindete Staaten daran gehindert. Anders als bei William Shakespeare gibt es aber auch keine tragfähige Liebe zwischen der Ost- und dem Westdeutschen.

Uwe Johnson betont die Kluft zwischen D. und B., indem er beiden Romanfiguren jeweils fünf Kapitel widmet, zwischen ihnen konsequent abwechselt und die Handlung zweigleisig entwickelt. D. und B. treten also (mit Ausnahme der kurzen Schlussszene) nicht gemeinsam, sondern nur getrennt auf.

In „Zwei Ansichten“ werden Personennamen mit Initialen abgekürzt. Es liegt nahe, bei B. an Bundesrepublik und bei D. an DDR zu denken, aber Uwe Johnson wies diese Vermutung zurück.

Die Atmosphäre spiegelt den Mief und das Spießertum zu Beginn der Sechzigerjahre, also vor den Achtundsechzigern.

Plot und Aufbau des Romans „Zwei Ansichten“ sind denkbar karg und entdramatisiert. Der Erzähler beobachtet abwechselnd D. und B. und beschränkt sich dabei mehr oder weniger auf von außen Wahrnehmbares, versucht also nicht, sich in die Hauptfiguren hineinzudenken oder ihre Charaktere auszuleuchten. Gegen Ende zu bringt er sich zweimal kurz in der Ich-Form selbst ins Spiel (siehe Inhaltsangabe).

Wann immer möglich, bevorzugt Uwe Johnson Abstraktes und vermeidet Konkretes. So ist von einer mittelgroßen Stadt in Holstein die Rede, von einer württembergischen Kfz-Fabrik und einer Autowerkstatt derselben Marke:

[…] quälte er den Wagen über die Kreuzungen, bis er eine Werkstatt fand, die das Symbol seines Fabrikats über der Tür hatte.

Nicht nur durch das Zusammenspiel von übersteigerter Sachlichkeit und fehlender Anschaulichkeit wirkt „Zwei Ansichten“ spröd und distanziert. Dazu trägt vor allem die eigenwillige, nicht leicht zu verstehende Sprache bei. Katharina Teutsch kritisiert in ihrer Rezension des Romans zutreffenderweise die „verquälte Sprachverliebtheit“ des Autors. Wenn Uwe Johnson schon mal eine wörtliche Rede einfügt, lässt er die Anführungszeichen weg. Die Absätze sind lang, die Szenenwechsel übergangslos. Das erschwert die Lektüre noch mehr.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Uwe Johnson (Kurzbiografie)

Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob
Uwe Johnson: Jahrestage

António Lobo Antunes - Ich gehe wie ein Haus in Flammen
António Lobo Antunes verzichtet darauf, die Leser durch eine Identifikationsfigur zu fesseln. Es gibt nicht einmal einen Erzählstrang in "Ich gehe wie ein Haus in Flammen". Die inneren Monologe der verschiedenen Hauptfiguren ergeben einen poetischen, polyphonen Trauergesang.
Ich gehe wie ein Haus in Flammen