Marta Karlweis : Der Zauberlehrling

Der Zauberlehrling
Der Zauberlehrling (1912) Die Uhr auf dem Fenstersims (1925) Die Geschichte einer kärtnerischen Baronin (1935) Herausgeber und Nachwort: Johann Sonnleitner DVB Verlag, Das vergessene Buch, Wien 2021 ISBN 978-3-903244-02-3, 264 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die drei Novellen spielen im Fin de Siècle in Wien bzw. der österreichischen Provinz. Es geht um eine Gesellschaft im Umbruch. Die Bohemiens Georg und Sebald scheitern sowohl menschlich als auch als Künstler. Es sind unorganisierte Stürmer, die mehr wollen als sie können und sich nicht zuletzt durch unkontrollierte Begierden von ihren großen Absichten ablenken lassen.
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Kritik

"Der Zauberlehrling" ist die längste und komplexeste der drei Novellen. "Die Uhr auf dem Fenstersims" und "Die Geschichte einer kärtnerischen Baronin" sind aber auf dem gleichen literarischen Niveau. Marta Karlweis vertieft sich in gesellschaftliche und psychologische Konflikte. Ihre Sprache ist der Zeit entsprechend auch schon mal schwülstig, aber immer geschliffen und anspruchsvoll.
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Der Zauberlehrling

Tag 1

Der 30-jährige Dichter Georg Hübner kann sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts  in Wien nur eine Mansardenwohnung leisten, obwohl er aus einer gediegenen Familie stammt. Der Wiener Medizinprofessor Dr. Heinrich Hübner ist ein Onkel von ihm und war nach dem frühen Tod der Eltern auch sein Vormund. Leopold Kautzner, ein weiterer Onkel, ist in Linz als Advokat zugelassen. Die beiden älteren Herren trauern den alten Verhältnissen nach und sind sich einig, dass es der Jugend an Disziplin fehle.

Bei einer Dampferfahrt auf dem Wolfgangsee von Strobl nach St. Gilgen mit dem aus Bayern stammenden Maler Ludwig Seydler lernte Georg die Architektenwitwe Cäcilie Steinbach und ihre beiden 25 bzw. 17 Jahre alten Töchter Katharina („Kitty“) und Elisabeth („Lotte“) kennen.

Die Geschichte beginnt, als die rothaarige Katharina den erfolglosen Dichter in seiner Dachkammer besucht. Um sie zu verführen, redet er ihr ein, sie habe eine große Begabung für die Schauspielkunst; er verspricht, Bühnenstücke für sie zu schreiben und malt ihr aus, wie sie gemeinsam die Welt erobern.

Nachdem er mit ihr im Bett war und einen Fiaker für sie gerufen hat, geht er aufgewühlt ins Café Central, wo er nicht nur auf Ludwig Seydler trifft, sondern auch auf den Schauspieler Erwin Lenk, den Anarchisten Maxim Sauermann aus Warschau und den tschechischen Komponisten Waclav Wondratschek. Der Musiker hätte gern ein Opernlibretto von ihm, aber Maxim Sauermann meint, mit Kunst sei es nicht getan, man müsse mit dem Revolver in der Hand handeln und sich den russischen Revolutionären anschließen.

Tag 2

Am nächsten Tag begegnet Georg den Schwestern Katharina und Elisabeth auf der Straße. Elisabeth erinnert sich, wie der Dichter beim Vortrag eines Gedichts vor Ergriffenheit selbst blass wurde und nennt ihn deshalb in Anspielung an eine Ballade von Johann Wolfgang von Goethe „Zauberlehrling“ („Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“)

Die schwarzhaarige 17-Jährige kommt Georg wie eine engelsgleiche Lichtgestalt vor. Naiv und unbekümmert erzählt sie ihm, wie sie einer ganzen Reihe von Freundinnen in unangenehmen Situationen beisteht. Das Mitgefühl des sensiblen Mädchens ist stark ausgeprägt, und Elisabeth spürt auch, wie unglücklich Georg ist, weil er keinen klaren Weg vor sich hat.

Während Ludwig Seydler den Dichter zeichnet, meint er:

„Ihr Schicksal vollzieht sich mit einer gewissen todsicheren Naturnotwendigkeit. Aber was die Sache für mich so interessant macht, ist, dass es sich aus Ihnen heraus auf die Menschen Ihrer Umgebung projiziert und die niederträchtige Kraft hat, diese sofort aus selbstständigen Individuen zu Figuren Ihrer Lebenskomödie zu machen. So dass man den Verlauf dieser Komödie einfach an den Menschen ablesen kann, die Sie in Ihre Nähe rufen oder von sich abstoßen – nicht? Also, auf das Rufen verstehen Sie sich, das weiß ich. Ob Sie aber zupacken können, festhalten, binden – und abstoßen, was nicht für Sie taugt – das ist eben die Frage […].“

Tag 3

Am Tag darauf ist Georg zu einem Kostümgartenfest der Salonière Cäcilie Steinbach eingeladen. Er geht als Werther und denkt dabei vielleicht auch an dessen große Liebe Charlotte („Lotte“). Mit Abscheu beobachtet Georg, wie der Gast Dr. Fery von Karinski seiner „Lotte“ nachstellt.

Katharina will nun tatsächlich zum Theater und tanzt auf dem Kostümfest mit dem Schauspieler Erwin Lenk, von dem sie sich Unterstützung verspricht. Gegenüber Georg, mit dem sie zwei Tage zuvor geschlafen hat, verhält sie sich distanziert. Außerdem rät sie ihm davon ab, sich ihrer jüngeren Schwester zu nähern.

„Und merk‘ dir: lass die Elisabeth! Du tust ihr und dir nur weh!“

Cäcilie Steinbach überredet den Dichter, den Gästen in der Bibliothek ein Märchen zu erzählen.

Das Märchen von der Stille

Georg erzählt von der Frau eines Holzfällers in einer abgeschiedenen Waldgegend. Als bei der einsamen Frau die Wehen einsetzen, glaubt sie eine Lichtgestalt zu sehen, die ihr einen Ring für den Sohn übergibt und die Patenschaft für ihn übernimmt.

Als der in der Stille aufgewachsene Junge älter ist, trifft er am Waldrand auf ein freches rothaariges Mädchen, das ungeduldig einen Kuckuck fragt, wie lange es noch dauern wird, bis ein Mann um sie wirbt. Der Junge folgt ihr zum Elternhaus. Sie küssen sich und schlafen miteinander, aber plötzlich verzerrt sich das Gesicht der Rothaarigen, und sie stirbt in den Armen ihres Liebhabers. Augenscheinlich hat sie den Anblick der Lichtgestalt, also seiner Patin, nicht ertragen.

Nachdem er sie samt dem Ring begraben hat, eilt er in die nächste Stadt, und nichts ist dem an Stille gewöhnten Mann laut genug. Er verdingt sich als Geselle eines Kesselschmieds. Von den derben Leuten, die zum Meister gehören, unterscheidet sich dessen weißgekleidete, sanfte und heitere Tochter.

An dieser Stelle unterbricht Georg seine Erzählung.

Was wird geschehen? Ihr könnt es euch an den Fingern abzählen. Das befleckte Blut des wilden Gesellen wird sich rühren, und er wird die schmutzige Hand ausstrecken nach der lieblichen Weißen. Und die süße Ahnungslose wird Erbarmen haben mit diesem Hunger, den sie nicht versteht, und sein Weib werden. Wird ihm dieses reine Opfer helfen, ihn reinigen und retten? Nein. […] die stille Gabe ihres Wesens die süße Innigkeit ihres Lebens wird er zerschlagen mit dem Hammer auf einem hohlen Kessel. Mit Lärmen und Dröhnen wird er ihr friedliches Wirken erwürgen. Keinen Augenblick der Stille wird er mehr ertragen, ja er wird ruheloser und ruheloser werden seit dem Augenblick, da ihn die HIngabe der Weißen nicht erlösen konnte.

Georg heiratet die engelsgleiche Tochter des Meisters, aber er liebt weder sie noch die Kinder, die sie zur Welt bringt. Erst als sie vor Kummer krank wird, bereut er sein Verhalten. In der Hoffnung, sie mit dem Ring retten zu können, reitet er auf dem Weg zum Grab der Rothaarigen ein Pferd zu Tode. Aber er kommt zu spät zurück. Seine Frau ist bereits gestorben.

Georg sieht das Entsetzen in Elisabeths Gesicht. Katharina lacht und geht mit Erwin Lenk hinaus.

Kurz darauf beobachtet Georg einen jungen als Till Eulenspiegel kostümierten Mann, der offenbar Elisabeth folgt. Und er denkt:

Komisch! Ich bin doch auch noch jung? Und die Zukunft gehört schon einem anderen! ‒ Warum?

Die Uhr auf dem Fenstersims

Als die 18-jährige Bettine den erfolglosen Maler Sebald in Wien besucht, bringt sie ihre sieben Jahre ältere, seit fünf Jahren mit dem Bankier Joris verheiratete Freundin Luisa mit. Bettine wundert sich, dass Luisa und Sebald sich nicht längst kennen, denn Sebald ging mit Neffen des gestorbenen Generals von Pachofen zur Schule und ist des Öfteren bei dessen Witwe Gabriele von Pachofen auf ihrem Gut bei Dürnstein in der Wachau zu Gast. Luisa Joris wiederum ist eine Nichte der Generalswitwe.

Sebalds frühere Geliebte, die Bildhauerin Gundl, heiratete einen anderen Mann, weil sie Sebald nicht länger ertrug. Als der Künstler nun erfährt, dass Gundl verwahrlost aus Paris zurückgekehrt sei und versucht habe, sich mit Leuchtgas zu vergiften, nimmt ihn das schwer mit.

Luisa umsorgt ihn. Damit sie ungehindert zu ihm hinauf kann, steckt sie der böhmischen Portiersfrau Geld zu. Dass sie von anderen Damenbesuchen erfährt, hält sie nicht davon ab, ihm auch weiter Essen zu bringen.

Als ihr der Hausarzt zu einer Luftveränderung rät, fährt sie zu ihrer Tante Gabriele von Pachofen. Ihr Ehemann nutzt die Gelegenheit, um ebenfalls zu verreisen, und Luisa nimmt an, dass ihn seine Geliebte Tini Obermeier begleitet. In Dürnstein erfährt sie allerdings, dass Tini Obermeier in Wien gesehen wurde.

Während Luisa noch bei ihrer Tante zu Besuch ist, kommt unerwartet auch Sebald nach Dürnstein. Luisa geht nachts zu ihm. Bevor sie mit ihm schläft, nimmt sie seine Armbanduhr vom Nachttisch und legt sie aufs äußere Fensterbrett.

Ihr Mann trennt sich von seiner Geliebten. Tini Obermeier heiratet verärgert einen Russen und verlässt mit ihm Wien. Das Ehepaar Joris versöhnt sich.

Die Geschichte einer kärtnerischen Baronin

Die Generalswitwe Gabriele von Pachofen, die auf ihrem Gut bei Dürnstein nur Frauen beschäftigt und selbst tatkräftig bei der Feldarbeit mitmacht, versammelt nach dem Zerfall der Doppelmonarchie junge Leute um sich. Während in der Stadt Not herrscht, mangelt es auf dem Land nicht an Nahrungsmitteln, und die Gutsbesitzerin bewirtet ihre Gäste großzügig.

Die jungen Menschen zeigten sich, wenn nicht für eine schrankenlose Freiheit, so doch für jene dumpf aufwühlenden, halb missverstandenen Ideen aus dem Osten begeistert, der Krieg erschien ihnen als das böse Werk böser alter Männer, nun aber sei das Reich der Jugend angebrochen, das heilige. Väter und Mütter hingegen, denen die Zertrümmerung des Reiches mehr als Ehren und Besitz geraubt hatte, sahen eine ungeheure Kluft aufgerissen zwischen sich und ihren Kindern und die Bitterkeit in ihren verlassenen Herzen überwog fast den Schmerz.

Einmal erzählt sie ihren jungen Gästen „Die Geschichte einer kärtnerischen Baronin“.

Sie handelt von zwei Jagdgehilfen des Barons von Trautenberg. Weil beide Cousins Josef Robas hießen, unterschied man sie, indem man den einen den Weißen und den anderen den Schwarzen nannte. Die zwei Männer hassten sich, und der Baron hätte sie längst hinausgeworfen, wenn da nicht seine gutmütige Ehefrau gewesen wäre. Gisela („Gisi“) von Trautenberg setzte sich immer wieder für die beiden Streithähne ein und nahm sich vor, sie zu besseren Menschen zu machen.

Gabriele von Pachofen, die während des Kriegs als Pflegerin in einem Lazarett in der Nähe des Guts des Barons von Trautenberg tätig war, hörte eines Tages, dass die Baronin in einer hochgelegenen Jagdhütte von einem Robas erschossen worden sei. Es stellte sich dann allerdings heraus und wurde vor Gericht bestätigt, dass Gisela von Trautenberg nicht durch einen einen Schuss, sondern durch Gift ums Leben kam.

Wieder einmal hatte die Baronin versucht, die beiden in Streit geratenen Cousins zu besänftigen. Der Schwarze, der auf Heimaturlaub von der Front war, warf dem Weißen vor, er habe sich absichtlich in den Arm schießen lassen, um nicht länger kämpfen zu müssen. Der Weiße wiederum argwöhnte, dass der Schwarze Gift in den auf dem Tisch bereit stehenden Becher Kaffee gemischt haben könnte. Gisela von Trautenberg wollte ihm demonstrieren, dass sein Verdacht ungerechtfertig war und trank den Becher in einem Zug aus.

Da warf sich der Schwarze entsetzt vor ihr auf die Knie, und der Weiße starrte die beiden entgeistert an. Die Baronin starb unter Krämpfen.

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Alle drei in dem Buch „Der Zauberlehrling“ abgedruckten Novellen bzw. Erzählungen von Marta Karlweis spielen im Fin de Siècle, die erste vor dem Ersten Weltkrieg in Wien, die beiden anderen unmittelbar nach dem Ende der Doppelmonarchie in Wien und der österreichischen Provinz. Es geht um eine Gesellschaft im Umbruch, um den Gegensatz zwischen den Älteren und Etablierten, die noch der Tradition verhaftet sind und jungen Menschen, die erst noch ihren Weg suchen.

Georg und Sebald, zwei mittellose Wiener Künstler, der eine Dichter, der andere Maler, gehören zur Wiener Bohème bzw. zu den Caféhaus-Literaten. Beide scheitern sowohl menschlich als auch beruflich. Bei Georg werden die inneren Widersprüche besonders deutlich. Er ist ein unorganisierter Stürmer, der mehr will als er kann und sich nicht zuletzt durch unkontrollierte Begierden von seinen großen Absichten ablenken lässt.

Elisabeth – deren Kosename Lotte an „Die Leiden des jungen Werther“ denken lässt – nennt ihn „Zauberlehrling“ und spielt damit auf Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“ (1797) an, deren Motiv wiederum auf Lukian von Samosata („Der Lügenfreund oder der Ungläubige“) zurückgeht. Unbewusst nimmt sie damit vorweg, dass Georg die Kontrolle über sich und die Situation vollends verliert. Das geschieht, als er sich in die 17-Jährige verliebt, sie begehrt und zugleich wie eine Marienerscheinung anbetet. Das schlägt sich in dem romantischen Schauermärchen nieder, das er bei einem Kostümfest erzählt.

Auch in der dritten Novelle erzählt die Hauptfigur eine Schauergeschichte. Gabriele Baronin von Pachofen deklariert sie allerdings nicht als Märchen, sondern behauptet, die Ereignisse hätten tatsächlich während des Ersten Weltkriegs stattgefunden. Bemerkenswert ist, dass die Novelle mit dem Vortrag der Baronin endet und Marta Karlweis die Rahmenhandlung, also die Situation, in der erzählt wird, nicht noch einmal aufgreift.

Die Figur der Baronin von Pachofen spielt sowohl in „Die Uhr auf dem Fenstersims“ als auch in „Die Geschichte einer kärtnerischen Baronin“ eine wichtige Rolle. Der Herausgeber Johann Sonnleitner vermutet deshalb, dass Marta Karlweis bei diesen Novellen an Episoden eines Romans gedacht haben könnte.

„Der Zauberlehrling“ ist die längste und komplexeste der drei Novellen. „Die Uhr auf dem Fenstersims“ und „Die Geschichte einer kärtnerischen Baronin“ sind aber auf dem gleichen literarischen Niveau.

Marta Karlweis vertieft sich in gesellschaftliche und psychologische Konflikte. Ihre Sprache ist der Zeit entsprechend auch schon mal schwülstig, aber immer geschliffen und anspruchsvoll.

„Der Zauberlehrling“ von Marta Karlweis wurde von April bis September 1912 in mehreren Folgen in „Süddeutsche Monatshefte“ veröffentlicht. Die erste Buchausgabe erschien 1913 im selben Verlag. Damit debütierte Marta Karlweis als Schriftstellerin. Die beiden anderen Novellen waren zunächst jeweils in „Neue Freie Presse“ zu lesen, „Die Uhr auf dem Fenstersims“ 1925, „Die Geschichte einer kärtnerischen Baronin“ 1935.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © DVB Verlag

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