Bodo Kirchhoff : Nachtdiebe

Nachtdiebe
Nachtdiebe Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M 2023 ISBN 978-3-627-00310-4, 156 Seiten ISBN 978-3-627-02319-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Quint arbeitet als Rundfunksprecher in Frankfurt am Main. Seine Frau Christine übersetzt literarische Werke. Wenn sie beide keine Zeit für ihren kleinen Sohn Julian haben, springt die Anthropologie-Studentin Helen als Kindermädchen ein – bis Christine argwöhnt, dass ihr Mann sie mit der jungen Frau betrügt und Helen sich daraufhin fluchtartig nach Tunis absetzt. Dort sucht Quint nach ihr und gerät in einen Mahlstrom von Erlebnissen ...
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Kritik

Mit der düsteren Novelle "Nachtdiebe" knüpft Bodo Kirchhoff an E. T. A. Hoffmann und die Schwarze Romantik an. Wir ahnen bald, dass etwas Schreckliches geschehen wird. So entsteht Spannung. Als Ich-Erzähler lässt Bodo Kirchhoff einen Vater Ende 40 auftreten, einen Getriebenen, der in Tunis jede Selbstsicherheit verliert. Die Grenze zwischen der Realität und der erzählerischen Fantasie verschwimmt in der morbiden Novelle.
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Das Kindermädchen

Frankfurt am Main 1990/91. Quint arbeitet als Radiosprecher. Er ist Ende 40. Seine zehn Jahre jüngere Ehefrau Christine, die Tochter eines US-amerikanischen Konsulatsangestellten namens Henderson, übersetzt literarische Werke. Wenn beide keine Zeit haben, auf ihren kleinen Sohn Julian aufzupassen, übernimmt das die Anthropologie-Studentin Helen, die noch bei ihren Eltern wohnt und Ethnologin werden möchte.

Quint und Helen haben Sex. Als Christine argwöhnt, dass sie von den beiden betrogen wird, verlässt Helen überstürzt das Land. Sie fliegt nach Tunis, wo Mahbaba lebt, der als Werkstudent in Frankfurt die Waschmaschine der Eltern reparierte und ihr seine Adresse gegeben hat.

Im Flugzeug sitzt sie neben Melrose Haddouch, die ebenfalls einen US-amerikanischen Vater hat, dazu eine preußische Mutter mit einem Faible für alles Französische. Eigentlich wollte Melrose Filmschauspielerin werden, aber als daraus nichts wurde, arbeitete sie als Stewardess – und lernte bei einem Nachtflug Monsieur Haddouch kennen, den Besitzer des Hotels „Bonaparte“ in Tunis. Bald nach der Hochzeit verunglückte er mit seinem Jaguar. Melrose taufte das geerbte Hotel in „Petit Hôtel de la Tranquillité“ um. Nun nimmt sie Helen auf.

Reise nach Tunis

Als Quint Ende September 1991 eine Postkarte von Helen aus Tunis bekommt, fliegt er mit Julian hin, während Christine beruflich mit einem russischen Schriftsteller in Paris zu tun hat.

Quint, der sich als Helens Onkel ausgibt, fragt in der Medina von Tunis herum, bis er auf das „Petit Hôtel de la Tranquillité“ stößt, von dessen Wirtin er allerdings erfährt, dass Helen seit eineinhalb Wochen verschwunden ist.

Reparaturen im Hotel werden von Mahbaba vorgenommen. Dann gibt es noch einen seltsamen Kerl namens Tawfik, der Gerüchten zufolge von Madame Melrose adoptiert wurde oder sogar ihr leiblicher Sohn ist.

Außer Quint und Julian wohnt noch ein aus Deutschland stammender Gast im Hotel, der allerdings nichts zu bezahlen braucht. Er heißt Branzger und ist kaum älter als Quint, benutzt allerdings einen Hirtenstab als Gehhilfe. Den Zusammenbruch der DDR habe er im Gefängnis verbracht, sagt er, und als Julian nach dem Grund fragt, behauptet er, zu viele Fragen gestellt zu haben. Als politischer Häftling wurde er nach der Befreiung in Talkshows eingeladen. Bei der ersten kam er nach einem Nacktmodell und vor einem Rekordhalter beim Treppensteigen dran. Das ertrug er nicht, und sobald er über genügend Geld verfügte, floh er nach Tunis und bezeichnet sich seither als Exilanten. In Dresden gehöre ihm ein Grundstück aus dem Familienbesitz, behauptet er, das müsse er nur noch einklagen.

Und ich bin Doktor des Erzählens. Hätte ich Visitenkarten oder einen Telefonbucheintrag, würde dort Dr. Nar. Branzger stehen.

Anders als Quint beherrscht Branzger die Technik des Papierflieger-Faltens – und er beeindruckt damit Julian. Das habe er im Gefängnis gelernt, sagt Branzger, dort habe man Papierflieger benutzt, um Nachrichten auszutauschen.

Während der Haft wollte er sich ein Schiff mit acht Segeln als Rücken-Tattoo stechen lassen, nach der Dreigroschenoper, aber als der nach der qualvollen Prozedur in den Spiegel schaute, sah er stattdessen eine Schüssel mit acht dampfenden Knödeln.

Branzger will mit Helen in einem Restaurant gegessen haben. Nun schlägt er Quint ein gemeinsames Abendessen vor, und Madame Melrose ist gern bereit, sich um Julian zu kümmern. Im Restaurant, wo Branzger vom Wirt und vom Koch wie ein alter Bekannter begrüßt wird, bittet er Quint um 100 Mark. Davon bezahlt er dann die Rechnung und verteilt den Rest als Trinkgeld.

Botschaften

Quint und Melrose treiben es miteinander, während Julian im selben Zimmer schläft.

Unter der Tür hat jemand Papierblätter durchgeschoben. Sie sind mit Maschine beschrieben. Stammen die Texte von Helen? Nur sie kennt einige der erwähnten intimen Einzelheiten.

Es heißt, sie habe gesehen, wie Quint mit Julian in Tunis eintraf und von Melrose in ihrem alten Hotelzimmer einquartiert wurde. Sie werde ihn weiter beobachten, und was im Inneren des Hauses geschieht, erfahre sie von Mahbaba.

Auf einem Blatt Papier steht:

Ich will eines Morgens aufwachen und frei sein, ohne Erinnerungen, ohne Herkunft, ohne Fingerabdrücke. Und ich bin nicht ohne Hoffnung, was das betrifft. Ich werde frei sein, befreit von allem, auch frei von mir. Solange es den Tod gibt, gibt es Hoffnung!

Später taucht die Nachricht auf, Christine sei Quint und Julian offenbar nachgereist und habe ein Zimmer im Hotel El Afrika genommen. Quint geht sofort hin und fragt an der Rezeption nach seiner Frau, aber sie hat weder eingecheckt noch gebucht.

Zuspitzung

Branzger baut auf dem Flachdach des Hotels ein Zelt auf und macht sein Zimmer frei, damit Madame Melrose einen zahlenden Gast aufnehmen könnte. Quint reißt Julian mehrmals von der ungesicherten Dachkante zurück, wenn der kleine Junge Papierfliegern nachschaut. Aber als Julian mit Branzger im Zelt auf dem Dach übernachten möchte, erlaubt er es.

Am nächsten Morgen ist das Zelt leer. Weder Branzger noch Julian sind auf dem Dach. Endlich taucht Branzger auf und berichtet, er habe mit Julian einen Turm besteigen wollen, um von dort oben Papierflieger segeln zu lassen, aber unterwegs seien sie in der Menschenmenge getrennt worden.

Während er Quint zugewandt an der Dachkante steht, klärt er ihn darüber auf, dass nur die Postkarte, die Quint in Frankfurt erhielt, von Helen stammte. Die Texte auf den Papierblättern habe er sich ausgedacht, sagt Branzger, mit der Maschine getippt und unter Quints Zimmertür durchgeschoben. Helen sei einen Tag nach dem Absenden der Karte mit ihm am Meer gewesen, und weil er nicht schwimmen könne, sei sie allein hinausgeschwommen. Die Strömung habe sie mitgerissen.

Als er dann auch noch behauptet, Julian sei gar nicht in der Menschenmenge von ihm weggerissen worden, sondern er habe den begeisterten Jungen aufgefordert, einem Papierflieger nachzulaufen, stößt Quint den Geschichtenerzähler. Branzger kippt nach hinten und stürzt in die Tiefe. Quint sieht seine Leiche im Gestrüpp hinter einem Abtritt. Dort wird man sie nicht so schnell finden, und Zeugen scheint es keine zu geben.

Auf der verzweifelten Suche nach Julian führt Tawfik den Deutschen in der Medina herum.

Plötzlich wird Quint von Bauchkrämpfen gepackt und muss sich erleichtern. Zum Abwischen hat er nichts als die letzten zwei Papierblätter. Aber danach fühlt er sich besser, gewissermaßen entschlackt.

Als er zurück zum Hotel kommt, steht Christine am Empfang. Sie habe nach der Ankunft in Tunis während der Fahrt zum Hotel El Afrika zufällig Julian auf der Straße gesehen, erklärt sie, und der habe sie hierher gelotst.

Quint eilt aufs Dach. Beim Abtritt liegt kein Toter. Hinter ihm taucht Julian auf.

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Wie Bodo Kirchhoff selbst im Nachwort schreibt, hat er die Novelle „Nachtdiebe“ aus seinem 1992 veröffentlichten Roman „Der Sandmann“ herausgeschält.

Die Geschichte spielt in der Medina von Tunis. „Erzähl vom Ungeheuer“, bettelt der kleine Julian immer wieder. Ein dubioser „Exilant“ aus der untergegangenen DDR, der sich als Doktor des Erzählens bezeichnet, als Dr. Nar. Branzger, ködert das Kind mit gekonnt gefalteten Papierfliegern.

Mit „Nachtdiebe“ knüpft Bodo Kirchhoff an E. T. A. Hoffmann und die Schwarze Romantik an. Mehrmals weist uns Bodo Kirchhoff auf die ungesicherte Kante des flachen Hoteldachs hin – und wir ahnen bald, dass etwas Schreckliches geschehen wird. So entsteht Spannung.

Als Ich-Erzähler lässt Bodo Kirchhoff einen Vater Ende 40 auftreten, einen Rundfunksprecher, dessen Ehe kriselt, einen Getriebenen, der in Tunis jede Selbstsicherheit verliert. Die Grenze zwischen der Realität und der erzählerischen Fantasie verschwimmt in der morbiden Novelle.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: ©

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