Pierre Lemaitre : Die Farben des Feuers

Die Farben des Feuers
Couleurs de l'incendie Verlag Albin Michel, Paris 2018 Die Farben des Feuers Übersetzung: Tobias Scheffel Klett-Cotta, Stuttgart 2019 ISBN 978-3-608-96338-0, 479 Seiten ISBN 978-3-608-11554-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Mittelpunkt des 1927 bis 1933 in Paris spielenden Romans steht eine starke Frau. Madeleine Péricourt sorgt für ihren querschnittgelähmten Sohn und gibt nicht auf, als von Neid und Habsucht getriebene korrupte Intriganten erreichen, dass sie aus dem Groß- ins Kleinbürgertum abstürzt. Ihr raffinierter Racheplan funktioniert zwar, aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen ...
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Kritik

"Die Farben des Feuers", das ist eine spannende, unterhaltsame Mischung aus Familien- und Gesellschaftsroman mit Versatzstücken von Krimis und Satiren. Pierre Lemaitre überrascht uns mit immer neuen Wendungen. In der von ihm dargestellten raffgierigen Gesellschaft versucht jede(r) jede(n) zu betrügen.
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Fenstersturz

Der Pariser Bankier Marcel Péricourt wird 1927 zu Grabe getragen. Seine Frau Léopoldine war bereits kurz nach der Geburt des Sohnes gestorben, und Édouard hatte sich dann 1920 vor den Wagen seines Vaters geworfen. Von der Familie lebt nur noch Édouards ältere, inzwischen 36 Jahre alte Schwester Madeleine. Sie erzieht ihren siebenjährigen stotternden Sohn Paul allein, denn nach der Scheidung von ihrem kriminellen Ehemann Henri d’Aulnay-Pradelle – der seit Jahren eine Haftstrafe verbüßt – hat sie nicht noch einmal geheiratet. (Alle diese Romanfiguren kennen wir bereits aus dem Roman „Wir sehen uns dort oben“ von Pierre Lemaitre.)

Marcel Péricourt war eine zentrale Figur der Finanzwelt des Landes gewesen, und sein Tod, das spürte jeder auf unbestimmte Weise, symbolisierte einen umso besorgniserregenderen Epochenwechsel als die Dreißigerjahre eher düstere Aussichten eröffneten.

Unter den Trauergästen befindet sich sogar der Staatspräsident. Als der Zug das Stadtpalais der Familie Péricourt passiert, springt Paul aus einem Fenster in der zweiten Etage auf den Sarg seines Großvaters. Im Krankenhaus stellt sich heraus, dass sich Paul die Wirbelsäule gebrochen hat und querschnittgelähmt bleiben wird.

Testamentseröffnung

Marcel Péricourt hat seine Tochter Madeleine Péricourt als Alleinerbin eingesetzt und für seinen Enkel ein Depot mit sicheren Staatsanleihen angelegt, das bis zu Pauls Volljährigkeit von dessen Mutter verwaltet werden soll.

Die Geldsumme, die der Bankier seinem langjährigen, 1909 zum Generaldirektor mit Prokura beförderten Mitarbeiter Gustave Joubert vermacht hat, empfindet dieser im Vergleich zu seinem Einsatz für die Bank als Almosen. Der 51-jährige kinderlose Witwer fühlt sich auch von Madeleine Péricourt zurückgesetzt, denn sie lehnte die von ihrem Vater angestrebte Eheschließung mit ihm ab.

Schlimmer noch kommt es für Charles Péricourt, den 13 Jahre jüngeren Bruder des Verstorbenen, denn er befindet sich in finanziellen Schwierigkeiten und hätte dringend ein paar hunderttausend Francs mehr gebraucht.

Charles Péricourt ist seit 1906 Abgeordneter. Als Mitglied des Zuteilungsausschusses für den Wohnungsbau begünstigte er die Firma Bousquet & Frères, und mit dem Schmiergeld ist er bei Sables et Ciments de Paris eingestiegen. Um die Geschäfte zu fördern, zwingt er Bauunternehmen, die eine Chance haben wollen, vom Zuteilungsausschuss berücksichtigt zu werden, die Baustoffe von Sables et Ciments de Paris zu kaufen. Um dieses System am Laufen zu halten, muss er allerdings eine Reihe von Beamten und Politikern bestechen. Das ist teuer, und ohne die erwartete Geldspritze nach dem Tod des Bruders befindet sich Charles Péricourt in einer unangenehmen Lage, von der weder seine Frau Hortense noch die Zwillingstöchter Rose und Jacinthe etwas ahnen.

Haus Péricourt

Gustave Joubert kommt täglich in das Stadtpalais der Péricourts, um Madeleine über die Bankgeschäfte zu unterrichten. Sie hört ihm allerdings kaum zu und unterschreibt alles, was er ihr vorlegt, ungelesen. Für sie zählt nur noch Paul.

Weil Madeleine sich um nichts anderes mehr kümmert, ergreift ihre Gesellschafterin Léonce Picard die Initiative und organisiert den Haushalt. Doch obwohl sie sich nun wie eine Verwalterin engagiert, denkt Madeleine nicht an eine Gehaltserhöhung.

Andererseits bezieht André Delcourt ein Gehalt, ohne etwas dafür zu leisten, denn als Pauls Hauslehrer hat er nichts mehr zu tun. Das gelähmte Kind zeigt keinerlei Interessen, und eine Wiederaufnahme des Unterrichts wäre sinnlos. Anders als Léonce wohnt André sogar im Haus Péricourt, und wenn Madeleine danach ist, schleicht sie sich über die Dienstbotentreppe zu ihm in die Dachkammer hinauf.

Schließlich verschafft sie dem jungen Mann, der sich als „homme de lettres“ sieht, die Möglichkeit, für die Zeitung „Soir de Paris“ zu schreiben.

Als Paul am 3. Februar 1928 im Bad stürzt, lässt Madeleine sich von Léonce überzeugen, dass eine Krankenschwester eingestellt werden muss. Trotz der Vorbehalte gegen „Polacken“ fällt die Wahl auf eine junge Polin, die kein Wort Französisch spricht. Und Wlładysława Ambroziewicz – kurz: Vladi – bringt frischen Wind ins Haus Péricourt.

Unter dem Einfluss der resoluten Analphabetin entwickelt Paul neue Lebensfreude und begeistert sich für Schallplatten der Sopranistin Solange Gallinato. Als die 46-Jährige am 12. September 1928 erstmals nach langer Zeit in Paris auftritt, bringt Paul seine Mutter dazu, über ihre Beziehungen Karten für das ausverkaufte Konzert zu besorgen. Wegen der vielen Treppen in der Oper Garnier tragen zwei Männer Paul im Rollstuhl in den Saal. Nach dem Konzert spricht Solange Gallinato mit ihrem jungen Bewunderer, und von da an schreiben sie sich Briefe.

Intrigen

Gustave Joubert verbündet sich mit Charles Péricourt und sorgt dafür, dass Madeleine nicht nur ihr eigenes Erbe, sondern auch das ihres Sohnes in rumänische Erdölaktien investiert. Er rechnet damit, dass es sich bei den nicht zuletzt durch Madeleines Kauf angeheizten Kursen um ein Strohfeuer handelt. Während Madeleine beim Kurssturz am 9. Juli 1929 alles verliert und sogar am 30. Oktober die Péricourt-Villa an Joubert verkaufen muss, verdienen die beiden Intriganten durch billig erworbene irakische Erdölaktien ein Vermögen.

Mit dem Geld kauft Gustave Joubert nach dem Zusammenbruch der Bank das bankrotte Maschinenbauunternehmen Souchon in Clichy und beginnt, mit der Werkstatt für Luftfahrtentwicklung „Renaissance Française“ ein Düsentriebwerk für Flugzeuge zu entwickeln.

Madeleine muss nun sparen, aber sie schmiedet einen ebenso komplexen wie raffinierten Racheplan, den sie 1933 mit bezahlten bzw. gezwungenen Helferinnen und Helfern in die Tat umsetzt. Dabei zielt sie nicht nur darauf ab, Gustave Joubert und ihren zum Vorsitzenden einer neuen parlamentarischen Kommission gegen Steuerhinterziehung avancierten Onkel Charles Péricourt zu ruinieren, sondern auch den erfolgreichen Journalisten André Delcourt, der im Herbst Herausgeber einer neuen reaktionären Tageszeitung mit dem Titel „Der Liktor“ werden soll, denn inzwischen weiß sie, dass Paul von seinem früheren Hauslehrer sexuell missbraucht wurde.

Am Ende könnte Madeleine über Joubert, Péricourt und Delcourt triumphieren, aber sie tut es nicht:

Sie fühlte sich schwach, ihr war flau in der Brust. Sie konnte nur noch das Ruinenfeld zur Kenntnis nehmen, auf dem sie jetzt würde leben müssen.

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Mit „Die Farben des Feuers“ knüpft Pierre Lemaitre an seinen Roman „Wir sehen uns dort oben“ an, aber die Fortsetzung versteht man auch unabhängig davon.

Es handelt sich um eine unterhaltsame Mischung aus Familien- und Gesellschaftsroman mit Versatzstücken von Krimis und Satiren. Die Geschichte, die Pierre Lemaitre in „Die Farben des Feuers“ erzählt, spielt 1927 bis 1930 bzw. 1933 in Paris, also zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, ökonomischer Umwälzungen, gesellschaftlicher Konflikte und des Aufstiegs faschistischer Regime sowohl in Italien als auch in Deutschland. Die zeitgeschichtliche Szenerie dient allerdings nur als Kulisse.

In der von Pierre Lemaitre dargestellten Gesellschaft betrügt jede(r) jede(n). Beispielsweise versucht ein Reporter Charles Péricourt mit Wissen über einen durch minderwertiges Baumaterial verschuldeten Arbeitsunfall zu erpressen. Der korrupte Politiker und Unternehmer beschwert sich daraufhin bei Jules Guilloteaux, dem Direktor der Zeitung „Soir de Paris“. Der verspricht, den Reporter zurückzupfeifen – unter der Bedingung, dass Péricourt für Zeitungsanzeigen zahlt.

Im Mittelpunkt des Romans „Die Farben des Feuers“ steht eine starke Frau. Madeleine Péricourt sorgt für ihren querschnittgelähmten Sohn und gibt nicht auf, als von Neid und Habsucht getriebene korrupte Intriganten erreichen, dass sie aus dem Groß- ins Kleinbürgertum abstürzt. Madeleines raffinierter Racheplan funktioniert zwar, aber am Ende begreift sie, dass sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen lässt und blickt auf ein Ruinenfeld.

Mit Ironie und immer wieder neuen Wendungen sorgt Pierre Lemaitre in „Die Farben des Feuers“ einfallsreich für Spannung und intelligente Unterhaltung.

Als Erzähler tritt eine nicht greifbare unbeteiligte Figur auf, die sich mitunter direkt an die Leserinnen und Leser wendet:

Wir werden hier dem Leser zuliebe etwas tun können, was Joubert nicht machen konnte: abkürzen.

Um diese Fieberhaftigkeit zu begreifen, ist es sicher von Nutzen, dem Leser zu erklären, was sich während der drei Jahre zugetragen hatte, seit Gustave Ende 1939 dank des irakischen Erdöls und unter den bekannten Umständen unverschämt reich geworden war.

Bestimmt fragen Sie sich (wie übrigens auch Madeleine), welch seltsamer Grund einen Arbeiter wie Dupré dazu veranlassen konnte, einen solchen Vorschlag anzunehmen.

Einige Handlungselemente basieren übrigens auf Tatsachen. Darauf weist Pierre Lemaitre im Nachwort hin:

Die Renaissance française von Gustave Joubert ist natürlich eine Anleihe beim Redressement français (1925 – 1935) von Ernest Mercier, die Praktiken der Banken-Union Winterthur bei den Steuerhinterziehungen der Basler Handelsbank (1932), die Machenschaften des Soir de Paris bei „L’abominable vénalité de la presse française“ („Die abscheuliche Käuflichkeit der französischen Presse“, einer Rehe von Artikeln, die Boris Souvarine 1923 in L’Humanité veröffentlichte). Die Figur Jules Guilloteaux lehnt sich an Maurice Bunau-Varille an, den Chef des Matin.

Dem 1927 bis 1930 spielenden ersten Teil des Buches hat Pierre Lemaitre ein Zitat von Jakob Wassermann aus „Der Fall Maurizius“ vorangestellt:

Es gab, genau besehen, nicht Gute und Böse,
Ehrliche und Schwindler, Lämmer und Wölfe,
es gab nur Bestrafte und Unbestrafte,
das war der ganze Unterschied.

Der Titel „Die Farben des Feuers“ stammt aus dem Gedicht „les lilas et les roses“ (1941) von Louis Aragon.

Den Roman „Die Farben des Feuers“ von Pierre Lemaitre gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Torben Kessler (ISBN 978-3-7424-1030-6).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

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