Sandra Lüpkes : Die Schule am Meer

Die Schule am Meer
Die Schule am Meer Originalausgabe Kindler Verlag, Hamburg 2020 ISBN 978-3-463-40722-7, 569 Seiten ISBN 978-3-463-40722-7 (eBook, Rowohlt Verlag)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Schule am Meer, ein reformpädagogisches Landerziehungsheim auf der Insel Juist, gab es tatsächlich von 1925 bis 1934. Auch einige der Romanfiguren wurden damals lebenden Personen nachempfunden. Sandra Lüpkes ergänzt sie durch fiktive Charaktere und erzählt vor dem historischen Hintergrund eine erdachte Geschichte.
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Kritik

Sandra Lüpkes hätte die politische Entwicklung in "Die Schule am Meer" stärker beleuchten können. Die Darstellung ist weitschweifig; nicht alle Episoden wären nötig gewesen, und einige Erzählfäden weisen lose Enden auf. Das liegt nicht zuletzt an der Vielzahl der Romanfiguren.
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1925

Im Sommer 1925 folgt Anni Reiner ihrem Ehemann Dr. Paul Reiner, der zu den Gründern der privaten „Schule am Meer“ auf der Nordseeinsel Juist gehört. Anni reist mit ihrer Mutter Philippine Hochschild, der Witwe des 1912 gestorbenen Industriellen Zacharias Hochschild, und den drei Töchtern Renate, Eva und Ruth.

Paul Reiner hat zwar für seine Schwiegermutter unter seinem Namen ein Zimmer reservieren lassen, aber in dem Hotel sind einem Schild zufolge weder Hunde noch Juden erlaubt, und Therese Hermine Alma Gerken, die Tochter des Hoteliers, macht auch in diesem Fall keine Ausnahme. Philippine Hochschild bleibt nichts anderes übrig, als sich während ihres Besuchs auf Juist mit den spartanischen Verhältnissen im Internat zu begnügen.

Die von Martin Luserke geleitete Schule, die sich der Reformpädagogik verschrieben hat und Kinder ungeachtet ihres religiösen Glaubens, ihrer Herkunft und der politischen Überzeugung der Eltern aufs Abitur vorbereitet, ist schon bald verschrien. Die Schule am Meer sei ein Hort von Juden, Kommunisten und Polygamisten, heißt es.

Bald nach Anni Reiner trifft der erfolgreiche Dirigent und Pianist Eduard Zuckmayer ein, der 35-jährige Bruder des sechs Jahre jüngeren Schriftstellers Carl Zuckmayer. Weil ihn das Konzept der Schule am Meer überzeugt, engagiert er sich als Musikpädagoge auf Juist.

1926

Im Herbst 1926 werden in der Schule am Meer bereits 38 Jungen und 12 Mädchen unterrichtet.

Kea Joosten leitet Küche und Hauswirtschaft. Martin Luserke und Paul Reiner fiel die Köchin im Gasthaus Neptun in Norddeich auf, und sie überredeten die 29-Jährige im Sommer 1925, zu ihrer neuen Einrichtung zu wechseln. Die beiden akzeptierten auch Keas Bedingung, ihre Nichte Marje kostenlos bis zum Abitur zu unterrichten.

Nachdem sich Marje gut ein Jahr lang als hervorragende Schülerin bewährt hat, will Keas Schwester Fenna van Freeden ihre Tochter plötzlich von der Schule am Meer abmelden. Die Elfjährige soll in der Wäscherei des Hotels anfangen, in dem Fenna als Spülhilfe arbeitet. Therese Gerken verlangt, das Kind von der „Judenschule“ zu nehmen und droht Fenna andernfalls mit der Entlassung. Das wäre für Fenna, ihren Mann und die Kinder vernichtend, denn seit Ubbo von Freeden im Krieg psychisch zerbrochen ist, muss Fenna allein den Lebensunterhalt für die Familie bestreiten.

Sobald Kea das erfahren hat, eilt sie ins Hotel und lässt sich nicht aufhalten. Der Kellner Gustav Wenniger, der gerade nackt mit Therese Gerken im Bett liegt, kann sich noch hinter aufgehängten Mänteln seiner Geliebten verstecken, als eine Frau die Tür aufreißt und Therese anherrscht. Kea? Gustav Wenniger dachte, sie sei während des Krieges an Grippe gestorben. Das hat sein Freund Deerk Akkermann behauptet.

Das Geschrei lockt Thereses Vater herbei. Gustav Wenniger muss niesen, versucht sich an einem Mantel festzuhalten und taumelt nackt vor die anderen Personen im Zimmer. Der alte Gerken beschimpft den Kellner als Mitgiftjäger und wirft ihn hinaus.

Therese entging nicht, dass Kea und Gustav sich erstaunt ansahen, und sobald die Männer weg sind, fragt sie Kea, woher sie Gustav kenne. Und Kea erzählt.

1914 arbeitete sie als Bedienung in einem Gasthaus in Aurich. Als sie ein neues Bierfass anstechen musste, folgten ihr zwei Männer in den Keller, und während Deerk Akkermann Schmiere stand, wurde die 19-Jährige von seinem Freund Gustav Wenniger vergewaltigt. Als sie merkte, dass sie schwanger war, riet Deerk Akkermann ihr zur Abtreibung und behauptete, Gustav sei im Krieg gefallen. Kea bekam das Kind, Marje, und ihre Schwester Fenna, die bereits mehrere Kinder hatte, gab es als ihres aus.

Mit diesem Geständnis erreicht Kea, dass Therese nichts unternimmt und ihre Tochter – die weiterhin Fenna für ihre Mutter hält – in der Schule am Meer bleiben darf.

Gustav Wenniger löst den ebenfalls gerade erst entlassenen Gemeindediener Harm Goordes ab.

1927

Unter den Schülern ist Maximilian Mücke, den alle nur Moskito rufen. Seine Eltern leben in Bolivien, wo der Vater ein Zinn-Bergwerk besitzt. Moskitos ältere Schwester Gundula studiert in Berlin und ist die Braut eines 28-jährigen Jurastudenten, der die Kanzlei seines Onkels in Potsdam übernehmen soll.

Im Dezember 1927 taucht der Gemeindediener Gustav Wenniger mit dem Vater seines Freundes Deerk Akkermann, einem Kommissar aus Aurich, in der Schule am Meer auf. Sie gehen einem Hinweis nach, demzufolge Gregor Bernhard von dem Musikpädagogen Eduard Zuckmayer sexuell missbraucht worden sei. Der 17-jährige Schüler bestätigt zwar, dass er missbraucht wurde, weist aber darauf hin, das es vor dem Umzug auf die Insel Juist geschah und der Täter der Leiter der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald war. Aus Protest gegen Gustav Wyneken verließen einige Wickersdorf und wechselten zur Schule am Meer, darunter die Ehepaare Martin und Annemarie Luserke, Helene und Rudolf Aeschlimann, Paul und Anni Reiner, Fritz und Christel Hafner.

1928

Die Inselbewohner Tido Fisser und Heinrich Haase erschießen beide Hunde der Schule am Meer mit der Begründung, sie seien nicht vorschriftsmäßig angeleint gewesen.

Anne Reiner erleidet eine Totgeburt.

1929

In diesem Winter ist die Insel Juist wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Um Lebensmittel zu besorgen, wandern der 14-jährige Moskito und sein Freund Volkmar übers zugefrorene Watt nach Norddeich: ein gefährliches Unterfangen, das Volkmar beinahe mit dem Leben bezahlt hätte.

Die 18-jährige Küchenhilfe Helga Margarete Luisa Breeden stirbt.

Paul Reiner erbricht Blut. Der Arzt Dr. Hensell vermutet als Ursache ein geplatztes Magengeschwür und hält eine Operation für notwendig. Anni denkt an ihren Schwager in Zürich, einen angesehenen Internisten, aber wie soll man den Patienten von der durch den Winter isolierten Insel herunterbekommen und durch ganz Deutschland transportieren?

Anni Reiner gelingt es, dafür eine Maschine der Seeflug-Versuchsanstalt (SEVERA) auf Norderney zu bekommen. Weil das Deutsche Reich aufgrund des Versailler Vertrags keine Militärflugzeuge haben dürfte, wird dort die Marinefliegerei heimlich betrieben. Deerk Akkermann ist Flugdienstleiter auf Norderney, und sein Freund Gustav Wenniger für die Flugerlaubnis auf Juist zuständig. Die beiden verlangen von Anni Reiner ein Vermögen, das diese durch ihre Familie aufzubringen vermag.

Mit dem Geld kauft Gustav Wenniger das heruntergekommene Tanzcafé von Thereses Vater und renoviert es.

Nachdem sich Kea Joosten ertränkt hat, nimmt Fenna ihre Nichte Marje von der Schule und überredet Gustav Wenniger, sie als Hilfskraft im Tanzcafé zu beschäftigen. Aber Therese wirft die 14-Jährige noch vor der Eröffnung hinaus, und weil Fenna ihre Nichte auch nicht aufnehmen kann, kehrt diese als Küchenhilfe in die Schule am Meer zurück. In ihrer Freizeit versucht Marje, auch den Unterrichtsstoff aufzunehmen.

Mit der Wiederöffnung des Tanzcafés feiern Therese und Gustav Wenniger zugleich Hochzeit. Erst nach der Trauung klärt der alte Gerken seinen unerwünschten Schwiegersohn – den jüngsten Sohn eines Schweinebauern – darüber auf, dass Therese an einer Erbkrankheit leidet: an einer Hyperthyreose wie ihre im Alter von 34 Jahren gestorbene Mutter. Jeden Monat bekommt sie eine Injektion.

1930

Walter Jockisch, der 1929 mit seiner Verlobten, der Literaturübersetzerin Gisela Günther, nach Juist kam, um sich die Schule am Meer anzusehen, wird nach dem bestandenen Lehrerexamen eingestellt. (Walter Jockisch und Gisela Günther heiraten am 16. August 1933.)

Zur Einweihung der neu gebauten Theaterhalle der Schule am Meer mit einer Premiere der Shakespeare-Komödie „Wie es euch gefällt“ kommen Moskitos Eltern aus Bolivien. Auf der Rückreise wollen sie wegen der politischen Entwicklung im Deutschen Reich nicht nur ihre Tochter Gundula, deren Ehemann Johannes und den zweijährigen Enkel Anton mit nach Bolivien nehmen, sondern auch Moskito. Aber der 17-Jährige beschließt, bis zum Abitur auf Juist zu bleiben.

Im 15. Ehejahr eröffnet Paul Reiner seiner Frau, dass er aufgrund einer Krebserkrankung bald sterben werde.

1933

Paul Reiner starb am 2. November 1932, bald nach der Geburt der jüngsten Tochter Karin.

Staatliche Schulen entlassen jüdische Lehrkräfte, und Privatschulen, die jüdische Lehrerinnen oder Lehrer beschäftigen, müssen mit einer Streichung der Zuschüsse rechnen. Als Anni Reiner merkt, wie sich die Stimmung im Lehrerkollegium gegen sie wendet, kündigt sie von sich aus. Weil das Elternhaus aus Sorge vor einer Enteignung verkauft wurde, kann Anni nicht mehr nach Frankfurt am Main zurück. Glücklicherweise erwarb sie 1930 ein Anwesen in Brissago am Lago Maggiore. Dorthin kann sie sich nun zurückziehen.

Gustav Wenniger, der nicht ahnt, dass Marje seine Tochter ist, wurde bereits vor einiger Zeit von seiner Ehefrau mit Fenna in flagranti erwischt. Therese besteht zwar darauf, dass Fenna entlassen wird, sorgt aber zugleich dafür, dass die Tante die Nichte Marje als Küchenhilfe der Schule am Meer ablöst, damit diese sich aufs Abitur vorbereiten kann.

Ohne sich von ihrem Ehemann zu verabschieden, verlässt Therese die Insel und reist nach Wien, zu ihrer Psychiaterin Dr. Else Frenkel, in die sie sich verliebt hat.

Abitur, März 1934

Trotz des Abiturs bleibt Marje auf Juist und fängt als Köchin im Kurhaus zu arbeiten an, um Fenna unterstützen zu können. Inzwischen weiß sie, dass Fenna nicht ihre Mutter, sondern ihre Tante ist.

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Die Schule am Meer, ein privates, als Internat geführtes reformpädagogisches Landerziehungsheim auf der Nordseeinsel Juist, gab es tatsächlich von 1925 bis 1934. Auch einige der Romanfiguren wurden damals lebenden Personen nachempfunden. Sandra Lüpkes ergänzt sie durch fiktive Charaktere und erzählt vor dem historischen Hintergrund eine erdachte Geschichte.

Es hätte sich angeboten, die politische Entwicklung in „Die Schule am Meer“ stärker zu beleuchten. Sandra Lüpkes hat es vorgezogen, nur den Antisemitismus hervorzuheben und kurz die Bücherverbrennung anzureißen. Weiter geht sie auf die Weltwirtschaftskrise, den Untergang der Weimarer Republik und die Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht ein. Mit der in der Schule am Meer praktizierten Reformpädagogik  setzt sich die Autorin ebenso wenig auseinander.

Sandra Lüpkes entwickelt die Handlung chronologisch, beendet aber einige Kapitel mit einem Cliffhanger und holt das Ausgesparte dann etwas später in der Rückschau nach. Passagen, die aus der Perspektive des (fiktiven) Schülers Maximilian Mücke („Moskito“) geschildert werden, heben sich durch das Präsens von anderen ab.

Die Darstellung ist weitschweifig; nicht alle Episoden wären nötig gewesen, und einige Erzählfäden weisen lose Enden auf. Das liegt nicht zuletzt an der Vielzahl der Romanfiguren, von denen keine tiefgehend charakterisiert wird.

Die Handlung beginnt mit der gleichzeitigen Anreise von Anni Reiner und Therese Gerken, die sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kennen und endet mit der ebenfalls nicht abgesprochenen Abreise der beiden im selben Zug der Inselbahn. Das ergibt eine Art Rahmen, der wiederum eingebettet ist in einen Prolog und einen Epilog, die 1962 im Tessin spielen

Den Roman „Die Schule am Meer“ von Sandra Lüpkes gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Gabriele Blum.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020

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