Ottessa Moshfegh : Lapvona

Lapvona
Lapvona Penguin Press, New York 2022 Lapvona Übersetzung: Anke Caroline Burger Hanser Berlin / Carl Hanser Verlag, München 2023 ISBN 978-3-446-27584-3, 336 Seiten ISBN 978-3-446-27827-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Das mittelalterliche Dorf Lapvona gehört dem unverantwortlichen Tyrannen Villiam, der abgeschieden von den Bauern, aber auf deren Kosten in seinem Schloss lebt und die Menschen ausbeutet, um seinen Luxus zu finanzieren. Innerhalb eines Jahres avanciert der 13-jährige Marek ohne eigenes Verdienst vom Pflegesohn des armseligen Schafhirten Jude zum Erben und Nachfolger des Fürsten ...
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Kritik

Den opulenten Roman "Lapvona" kann man als Groteske, Schauermärchen oder Schelmenroman lesen. Ottessa Moshfegh erzählt von bösartigen, grausamen bzw. dumm-infantilen Menschen in einer ungerechten, sinnlosen Welt. Ihr Menschenbild wirkt nihilistisch, misanthropisch und pessimistisch.
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Lapvona

Das Dorf Lapvona gehört Villiam, dem Fürsten, der mit seinem Hofstaat in einem Schloss aus Stein wohnt. Kaum jemand hat ihn gesehen, denn die Zugbrücke wird nur selten geöffnet. Verheiratet ist Villiam mit Dibra, die aus einer adligen Familie in Karpov stammt, einem von blonden Hünen bewohnten Gebiet im Norden, das seit dem Tod des Vaters von Dibras Bruder Ivan mit einer starken Armee beherrscht wird. Südlich von Lapvona lebt dagegen ein lockeres und lebensfrohes Volk.

An Ostern fällt wieder einmal eine Räuberbande in Lapvona ein. Die Bösewichte erschlagen zwei Männer, drei Frauen ‒ und zwei Kinder, deren Mutter Vuna es gelingt, einem der Räuber den linken Fuß mit einer Axt zu spalten, worauf Nachbarn ihn überwältigen, zum Marktplatz zerren, verprügeln und an den Pranger stellen. Nachts schneidet ihm Vunas Schwiegervater Grigor, der 64 Jahre alte Großvater der beiden toten Kinder, ein Ohr ab. Ein paar Tage später wird der Fremde am Galgen auf dem Marktplatz gehenkt.

Die Dorfbewohner ahnen nicht, dass die Räuber von Villiam geschickt werden, und zwar immer dann, wenn er vom Dorfpfarrer Pater Barnabas erfährt, dass sich die Unzufriedenheit unter den Bauern wieder einmal vergrößert hat. Barnabas, der kaum lesen und schreiben kann und die Bibel nur abschnittweise kennt, verbringt viel Zeit auf dem Schloss und lässt sich dort mit Wein und Delikatessen bewirten.

Marek

Zu den Zeugen des Raubüberfalls in diesem Frühjahr gehört Marek, der verwachsene 13-jährige Sohn des Schafhirten Jude, des ältesten Junggesellen in Lapvona.

Judes Eltern waren im See ertrunken, als sie mit ihrem kleinen Boot hinausfuhren, um Karpfen zu angeln und von einem Unwetter überrascht wurden.

Marek hat er erzählt, dass dessen Großeltern mütterlicherseits Räubern zum Opfer gefallen seien:

„Erst haben sie deinem Großvater die Kehle durchgeschnitten, dann haben sie deine Großmutter vergewaltigt. Und dann haben sie auch ihr die Kehle durchgeschnitten. Deine Onkel haben sie gefesselt und in einen Brunnen geworfen. Da sind sie ertrunken. Dabei waren sie noch kleine Jungen.“
„Was haben sie mit meiner Mutter gemacht?“
„Sie haben ihr die Zunge rausgeschnitten, damit sie nichts verraten konnte, aber sie ist weggerannt“, antwortete Jude. „Sie konnte von Glück sagen, dass sie entkommen ist. Ich habe sie halb tot im Wald gefunden. Die arme Agata.“

Ohne Zunge hätte ihm Agata gar nichts berichten können. Die Geschichte ist gelogen, ebenso wie die Behauptung, Agata sei bei Mareks Geburt gestorben. Um es glaubwürdiger zu machen, hat Jude sogar ein Grab unter einer Schwarzpappel angelegt.

Wahr ist dagegen, dass Jude das Neugeborene Ina überlassen hatte, einer als Hexe verschrienen blinden Einsiedlerin, die trotz ihrer eigenen Kinderlosigkeit bis ins hohe Alter mehrere Generationen im Dorf mit ihren Brüsten nährte. Ihre Milch ist längst versiegt, aber Marek besucht sie noch immer jede Woche, legt sich zu ihr und nuckelt an den Brustwarzen der Greisin.

In Wirklichkeit stammte Agata aus einem Räuberdorf im Westen. Nachdem sie dort von ihrem Bruder vergewaltigt worden war, schnitt ihr der Vater die Zunge ab und verstieß sie als Hure. Im Wald fiel die schwangere Zwölfjährige Jude in die Hände. Der missbrauchte das Mädchen, bis es Marek gebar und floh, noch bevor die Placenta verbrannt werden konnte. Weder Jude noch Marek ahnen, dass Agata seit damals im Nonnenkloster auf dem Berg lebt.

In Wirklichkeit hieß sie gar nicht Agata — so hatte nur Jude sie genannt, nach seiner Mutter. Ina wusste, dass Marek der Sohn von Agatas Bruder war, und sie wusste auch, dass dieser Bruder am vergangenen Osterfest vor den Augen des ganzen Dorfs überwältigt, an den Pranger gestellt, aufgehängt und ausgeweidet worden war. Die Vögel hatten ihr alles erzählt.

Mareks Missbildungen sind wohl eine Folge der Kräuter, die Agata sich während der Schwangerschaft von Ina besorgt hatte, um das Kind wegzumachen.

„Klippenvögel“

Jude und Villiam sind blutsverwandt; sie stammen von einem gemeinsamen Urgroßvater ab. Begegnet sind sich die beiden allerdings noch nie, und der Fürst ahnt auch nichts von seiner Verwandtschaft mit dem Schafhirten.

Niemand hatte Jude je verraten, was sein Großvater angestellt hatte, dass er aus der Familie verstoßen worden war.

Marek ist manchmal mit dem Fürstensohn Jacob zusammen, wenn dieser die Langeweile auf dem Schloss nicht mehr erträgt und sich beispielsweise mit Pfeil und Bogen auf dem Weg macht, um Vögel zu töten, die er dann ausstopft.

Jacob war ein Jahr älter als Marek und groß und stark. […] Eine Art Freundschaft verband sie, voller Sticheleien und Beleidigungen.

Als Jacob von „Klippenvögeln“ hört, verlangt er von Marek, ihn hinzuführen. Nach einem anstrengenden Marsch zu den Klippen hinauf herrscht er Marek ungeduldig an: „Jetzt zeig mir, wo diese Vögel sind!“ Marek hebt einen Stein auf und schleudert ihn auf Jacob. Der weicht dem Stein geschickt aus und will sich auf den Angreifer stürzen, rutscht jedoch mit seinen neuen roten Lederstiefeln auf den Felsen ab und stürzt in die Tiefe.

Auf den Klippen gab es keine Klippenvögel und keine Nester.
Marek hatte Jacob grundlos dort hochgelockt. Ein Witz, hatte er gedacht. Die einzigen Vögel, die so weit oben nisteten, waren Geier.

War Jacobs Tod wirklich Mareks Schuld? War es nicht Hochmut vom kleinen Prinzen gewesen, dass er den Berg in solch rutschigen Schuhen bestiegen hatte, war es nicht perverse Gier gewesen, dass er einen wilden Vogel fangen, umbringen und mit Sägemehl ausstopfen wollte?

Marek berichtet Jude von Jacobs Tod, behauptet jedoch, der Fürstensohn sei durch einen Windstoß von den Klippen geweht worden. Jude durchschaut die Lüge und erzählt nun seinerseits eine: Angeblich weissagte Ina, dass ein böser kalter Wind aus dem Norden nacheinander drei Menschen töten werde und er einer von ihnen sei. Erschrocken gesteht Marek daraufhin die Wahrheit. Zu zweit steigen sie auf die Klippen, und Jude birgt Jacobs Leiche von einem Felsvorsprung.

Tausch

Sie bringen den Toten ins Schloss, und Marek wirft sich vor dem Fürsten auf den Boden:

„Ich bin der Schuft, der Jacob ermordet hat!“, heulte die Kreatur.

Jacobs 14-jährige Dienerin Lispeth weist den Schlossherrn darauf hin, dass der verkrüppelte Junge mit seinem Vater gekommen sei, und Villiam staunt über die Ähnlichkeit seines Spiegelbildes mit diesem stinkenden Schafhirten, der die Leiche noch immer auf der Schulter trägt.

„Sieht diese Puppe nicht genau aus wie Jacob?“, fragte Villiam ernstlich beeindruckt. […] „Ist das ein Auge, was da raushängt?“, fragte er schmunzelnd.

Statt auf die rhetorische Frage einzugehen, weist Jude auf die Blutsverwandtschaft hin. Ihre Großväter seien Brüder gewesen, klärt er Villiam auf. Das bringt diesen auf eine Idee: „Ich nehme deinen Sohn, und du kannst meinen haben.“

Ohne noch einmal ein Wort mit dem Jungen zu wechseln, den er 13 Jahre lang großzog, verlässt Jude das Schloss mit der Leiche über der Schulter.

Marek war nicht mehr sein Sohn und war es ja in Wirklichkeit auch nie gewesen. Ja, Agata war schon geschwängert zu Jude gekommen.

Hungersnot in Lapvona

Um das Luxusleben im Schloss zu finanzieren, lässt Villiam die Frühjahrsernte von Lapvona wie gewöhnlich im Norden verkaufen, den Bauern dann aber ausrichten, die gesamte Fracht sei von Räubern abgefangen worden.

Während es im Schloss an nichts fehlt und der Fürst mit Pater Barnabas nach Belieben zum Schwimmen im kühlen Stausee oberhalb des Schlosses geht, werden die Dorfbewohner in Lapvona aufgrund einer Hitze- und Dürreperiode im Sommer von einer Hungersnot heimgesucht. Wassermangel verschärft die Not.

Als der blinde Greis Klim tot umsinkt, schleppt Jude ihn fort, weil ihn die anderen sonst in ihrer Verzweiflung essen würden. Er bringt ihn zu Ina, die er entkräftet in ihrer Hütte vorfindet.

„Bring den Blinden rein und koche ihn.“
„Du bist doch verrückt, Ina. Ich habe ihn gerettet“, sagte Jude.
„Er ist tot“, erwiderte Ina. „Und du liegst im Sterben. Das rieche ich.“
„Ich esse keinen Menschen, nein“, sagte Jude.
„Dann koch ihn für mich. Ich habe Hunger.“

„Zieh ihm die Kleider aus und verbrenn sie im Feuer. Dann hackst du ihn in Stücke.“

Jude denkt, dass alle Frauen Hexen seien und er ihre böse weibliche Macht nie verstehen werde. Aber aus Mitleid mit der Greisin tut er, was sie verlangt. Schließlich isst er ebenfalls vom Menschenfleisch.

Als Marek einige Zeit später in Inas Hütte kommt, findet er Überreste eines Toten vor und nimmt an, dass es sich um Jude handelt. Deshalb schleppt er die Leichenteile zum vermeintlichen Grab seiner Mutter und verscharrt sie. Dass er keine älteren Gebeine in der Erde vorfindet, lässt ihn glauben, dass Gott seine Mutter zu sich in den Himmel geholt habe.

Nach dem heißen Sommer regnet es im Herbst zu viel, und der ausgetrocknete Boden kann das Wasser nicht aufnehmen.

Jude, der seine ganze Herde eingebüßt hat, will keine neuen Lämmer mehr. Stattdessen zieht er sich in die Höhle zurück, in der Ina ihre Jugend verbrachte und geht betteln.

Ina hat sich nicht nur von der Hungersnot erholt, sondern auch ihr Augenlicht zurückgewonnen.

Ina behauptete, das sei der Wirkung ihrer Wundermittel zu verdanken. In Wirklichkeit hatte Ina ihre alten, blinden Augen gegen die von Dibras Pferd ausgetauscht.
Die Pferdeaugen zeigten ihr alles doppelt so groß […].

Dibra

Der Fürst heiratete Dibra nur, weil er einen Erben haben wollte. Sein damals 17 Jahre alter Kutscher Luka hatte sie aus Kaprov nach Lapvona gebracht. Da war sie 16 Jahre alt. Villiam weiß seit über einem Jahrzehnt, dass Dibra ihn mit Luka betrügt und Jacob nicht sein Sohn war. Dessen Tod löste deshalb bei ihm keine Trauer aus, aber nicht nur Dibra leidet darunter, sondern auch Luka, der sich nicht zu seiner Vaterschaft bekennen konnte.

Jetzt, nach 15 Jahren Ehe, hat Villiam genug von dem „Theater“ und befiehlt deshalb dem Kutscher, einen Sänger aus Krisk zu holen, nachdem er die Räuber benachrichtigen ließ. Luka wird die Reise nicht überleben.

Sobald Luka tot war, konnte er weiter den nichts ahnendenTölpel spielen, und Dibra müsste sich sehr anstrengen, ihren Schmerz zu verbergen.Sie würde in Trauer ertrinken, und Villiam könnte ihr Schauspiel endlich mal genießen.Wer weiß, wie sich ihre Verzweiflung äußern würde — vielleicht würde sie ja wahnsinnig werden? Eine trauernde Mutter war langweilig, aber das gebrochene Herz einer Ehebrecherin? Das könnte sehr unterhaltsam sein.

Als Luka ausbleibt, ahnt Dibra Schlimmes. Nachts reitet sie los, um nach ihm zu suchen. Am Morgen kommt ihr Pferd zurück – allein und mit ausgestochenen Augen.

Agata

Um nicht zu verhungern, floh Agata im Sommer aus dem Nonnenkloster.

Seit sie vor dreizehn Jahren blutend und viel zu jung in die Abtei gekommen war, hatte man sie stets grausam behandelt. Die Nonnen ließen sie die schlimmste Arbeit im Kloster verrichten — Latrinen säubern, Tiere schlachten, nachts bei den Hunden schlafen.

Der Weg der Flüchtenden kreuzte sich erneut mit dem Judes, und wie vor 13 Jahren auch schon, vergewaltigte er sie auch dieses Mal.

Er musste sie besitzen. Er sprang auf und sprintete los. Agata ließ die kleine Ledertasche fallen, die sie in der Hand hatte, raffte ihren Rock und rannte über die Blumenwiese vor ihm weg. Aber Jude holte sie mit Leichtigkeit ein. „Agata!“

Zuflucht fand sie im Schloss. Dort fiel nicht nur Marek auf, dass sie ihm ähnlich sieht. Ist seine Mutter von den Toten zurückgekehrt?

Agata konnte auch nicht schlafen. Sie hatte Marek sofort erkannt: Er war ihrem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten. Unglaublich, dass das Kind durchgekommen war. Es war das reinste Wunder. Auf Inas Rat hin hatte sie jeden Tag Rainfarntee getrunken und sich die giftigen Blüten in die Scheide gestopft, um das Ding in ihr zu vergiften. Sie hatte sich selbst in den Bauch geboxt und war die höchsten Bäume im Wald hochgeklettert und heruntergesprungen, wenn Jude mit seinen Lämmern zu tun und sie nicht festgebunden hatte. Aber Marek war unverwüstlich gewesen wie ein Blutegel. Sie dachte damals oft, dass es ihre eigene Stärke war, die ihn am Leben erhielt. Sie war immer davon ausgegangen,dass er nach ihrer Flucht eingegangen war, dass er ohne sie nicht überleben konnte. Sie hatte es nicht auf dem Arm halten wollen, dieses knorrige kleine Wesen, das sich neun Monate lang von ihr genährt und sie krank gemacht hatte. Sie verabscheute es. Und sie verabscheute Marek immer noch. Er sah wirklich genauso aus wie ihr Bruder, der, der es ihr angetan hatte.

Grausamkeit lag ihr im Blut. Ja, Marek war ihr Sohn, aber er war ein Bankert, ein Makel. Das Produkt einer Vergewaltigung war nicht mehr als das Beweisstück eines Verbrechens.

Villiam und Dibra waren sich zwar aus dem Weg gegangen, aber Witwer zu sein, gefällt dem Fürsten auch nicht.

„Und“, fragte Villiam, „wen soll ich als Nächstes zur Frau nehmen?“

Pater Barnabas, der die Frage für den Ausdruck einer Laune hält, macht bei der vermeintlichen Posse mit und schlägt die Nonne vor. Aber der Fürst meint es ernst und lässt Agata rufen.

Villiam hielt die Überprüfungsprozedur kurz. „Ausziehen. Hinlegen.“

Sie ist schwanger. Statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wer die Nonne geschwängert hat, träumt Villiam von einer Jungfernzeugung wie in der Bibel und sieht sich als Pflegevater eines Christkindes.

Bald darauf findet die feierliche Hochzeit statt.

Villiam stellt Ina als Dienerin seiner Frau und Hebamme ein. Nicht nur Ina und Agata leben jetzt im Schloss, sondern auch Jude, der inzwischen den Kutscher und Pferdepfleger Luka ersetzt hat. Für Marek ist das alles verwirrend.

Erst war seine Mutter von den Toten zurückgekommen, aber offensichtlich nicht ihm zuliebe. Dann war auch sein Vater wiederauferstanden. Mareks kindlicher Verstand konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.

Jude vertraut Grigor an, dass er Jacob gegen Marek eingetauscht habe, der gar nicht sein leiblicher Sohn sei. Stolz verrät er Grigor, dass er das an Weihnachten erwartete Christkind gezeugt habe.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Das vergiftete Geschenk

Eine der Wachen liefert ein am Tor abgegebenes Geschenk von Ivan für seinen Schwager Villiam ab: eine Flasche Wein. Pater Barnabas ahnt, dass der Wein vergiftet ist und Ivan den Tod seiner Schwester rächen will. Um Schaden abzuwenden, versteckt er die Flasche im Keller.

Kurz darauf bedrängt er die Dienerin Lispeth, die ihn jedoch zurückweist:

„Lieber sterbe ich, als mich mit Euch ins Bett zu legen.“
„Ach, was bist du doch für ein tugendhaftes Mädchen“, sagte der Priester und tätschelte ihr den Rücken. „Ich wollte nur deine Willensstärke testen. Ich wünsche dir einen gesegneten Weihnachtsabend im Keller. Ich habe eine besonders gute Flasche Wein da unten bereitgestellt.

Am Abend bringt Lisbeth die Flasche Wein dem Fürsten.

„Der Priester sagt, sie sei besonders gut.“

Um Mitternacht hatte Villiam die halbe Flasche Wein, Ivans Giftgeschenk, ausgetrunken und lag jetzt tot in seinem Schlafzimmer auf dem Boden, neben Lispeth, die von einem einzigen Tropfen auf ihrer Zunge gestorben war, so empfindsam war sie, und so willens, dem elendigen Leben den Rücken zu kehren.

Pater Barnabas entdeckt die Toten und hält das alles für einen Albtraum.

Ich bilde mir das alles nur ein, dachte Barnabas. Er ging zurück auf sein Zimmer, verriegelte die Tür, fest entschlossen, sich ins Bett zu legen und an einem schönen neuen Tag wieder aufzuwachen, das Grauen seiner Halluzinationen weggewischt vom Schlaf. Doch Fäuste donnerten an seine Tür. Verrückt vor Furcht, glaubte er, es sei der Teufel höchstpersönlich, der draußen anklopfte, seine Höllenhunde hechelnd hinter ihm. Und deswegen erhängte Barnabas sich, an seinem Bettlaken, das er über den Deckenbalken warf.

Das Ende

Marek war innerhalb eines Jahres vom Sohn eines armseligen Schafhirten zum Fürsten von Lapvona aufgestiegen.

Weil allerdings Ivan nach der Ermordung seines Schwagers die Macht in Lapvona übernommen hat, braucht Marek sich um nichts zu kümmern. Ivans Männer haben die Kirche im Dorf zerstört und mit den Steinen einen großen Brunnen mit einer Fontäne auf dem Marktplatz errichtet.

Als Ina nach Wochen zum ersten Mal das Zimmer verlässt, das sie sich mit Agata und dem Christkind teilt, nutzt Marek die Chance, endlich nach seiner Mutter zu sehen.

Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
„Mutter?“, rief er wieder.
Agata schwieg. Marek ging zu ihrem Bett und hob den Gazevorhang. Ein starkes Parfüm stieg ihm in die Nase. Das Bett war mit Rainfarn bedeckt, Berge von Blumen in verschiedenen Stadien des Vergehens.
„Mutter“, wiederholte er und fasste unter den Blumen nach ihrer Schulter. Er schob die trockenen Blüten beiseite und schüttelte sie. Aber sie wollte einfach nicht aufwachen. Er wischte den Rainfarn aus ihrem Gesicht. Es war hohl und grau, ihre Augen schwarze Höhlen. Aus ihrer knochigen Nase kroch eine Made. Marek ließ den Gazevorhang los. Wäre sie nicht schon einmal gestorben, hätte es ihn jetzt vielleicht traurig gemacht, dass sie nicht mehr lebte. Stattdessen ärgerte ihn ihr halb verwester Leichnam. Gott hatte sie nicht zu sich in den Himmel genommen. Der Teufel ließ sie einfach verrotten.

Marek hebt den Säugling aus der Wiege, versteckt ihn unter seiner Jacke und verlässt das Schloss. Er steigt auf die Klippe und stößt dort auf Jacobs Überreste.

Es war nicht sein Geist, auch nicht sein Grab, nur sein Skelett. Die Knochen waren reines Weiß und zu einem Haufen zusammengeschoben. Der Schädel fehlte.

Vermutlich legte Jude den Toten als Opfer ab, um Gott zu besänftigen, und Geier trugen die Leiche nach oben. Dort angekommen, nimmt Marek den Säugling aus der Jacke.

Das Kind war so perfekt und klein. Es zu werfen, wäre einfach. […]
„Hab keine Angst“, sagte Marek. „Der Tod ist nicht das Ende. Du wirst auferstehen.
Die Vögel im Himmel sind Engel. Du musst nicht bei diesen Ungeheuern auf der Erde wohnen. Dort oben hast du es viel besser. Du wirst schon sehen, du wirst schon sehen.
Im Himmel bist du so frei und glücklich, dass du singst.“

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Ottessa Moshfegh lässt den Roman in Lapvona spielen, einem fiktiven mittelalterlichen Dorf, das einem unverantwortlichen Tyrannen gehört, der abgeschieden von den Bauern, aber auf deren Kosten in seinem Schloss lebt und die Menschen ausbeutet, um seinen Luxus zu finanzieren. Sobald der korrupte Dorfpfarrer bei der Beichte von Bewohnern den Eindruck gewinnt, es könne Unwillen gegen die Willkürherrschaft entstehen, lässt der Fürst das Dorf von einer Räuberbande überfallen und ein paar Menschen erschlagen.

Hat Ottessa Moshfegh bei Villiam an moderne Autokraten oder Diktatoren gedacht, an eine politische Elite, die abgehoben vom Volk regiert? Die Hitze- und Dürreperiode im mittelalterlichen Lapvona assoziieren wir jedenfalls mit dem gegenwärtigen Klimawandel. Aber Ottessa Moshfegh scheint es nicht darum zu gehen, uns vor aktuellen Gefahren zu warnen. Sie erzählt ein barockes Schauermärchen über bösartige, grausame bzw. dumm-infantile Menschen in einer ungerechten, sinnlosen Welt. Ihr Menschenbild wirkt nihilistisch, misanthropisch und pessimistisch.

Man kann „Lapvona“ als Schelmenroman lesen, denn der Protagonist Marek avanciert in Ottessa Moshfeghs opulenter Groteske ohne eigenes Verdienst vom Pflegesohn des armseligen Schafhirten Jude zum Erben und Nachfolger des Fürsten Villiam.

Ottessa Moshfegh entwickelt die düstere, mit Abscheulichkeiten gespickte Farce als auktoriale Erzählerin und wechselt mühelos zwischen den Handlungssträngen. Eingeteilt hat sie ihren Roman „Lapvona“ in fünf nach Jahreszeiten benannten Kapiteln: Frühling – Sommer – Herbst – Winter – Frühling.

Auf dem Buchtitel ist ein Ölgemälde aus dem 17. Jahrhundert zu sehen: „Agnus Dei“ von Francisco de Zurbaran.

Den Roman „Lapvona“ von Ottessa Moshfegh gibt es in der amerikanischen Originalfassung auch als Hörbuch, gelesen von der Autorin selbst, einer 1981 in Boston/Massachusetts als Tochter eines iranischen Geigers und einer kroatischen Bratschistin geborenen amerikanischen Schriftstellerin und Drehbuchautorin.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Hanser Berlin / Carl Hanser Verlag

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