Orhan Pamuk : Die Nächte der Pest

Die Nächte der Pest
Veba Geceleri Yapı Kredi Yayınları, Istanbul 2021 Die Nächte der Pest Übersetzung: Gerhard Meier Carl Hanser Verlag, München 2022 ISBN 978-3-446-27084-8, 694 Seiten ISBN 978-3-446-27339-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach der Ermordung des Generalinspekteurs für das Gesundheitswesen des Osmanischen Reichs erhält Damat Dr. Nuri Bey 1901 den Auftrag, die Pestepidemie auf der osmanischen Mittelmeerinsel Minger zu bekämpfen. Seine Ehefrau Pakize Sultan, eine Nichte des in Istanbul herrschenden Sultans, begleitet ihn. Major Kâmil Pascha, der für ihre Sicherheit verantwortlich ist, proklamiert einige Monate später Mingers Unabhängigkeit ...
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Kritik

In "Die Nächte der Pest" tut Orhan Pamuk so, als habe nicht er, sondern eine Historikerin das Buch geschrieben. Dieser originelle, parodistische Ansatz ist problematisch, denn es fehlt nicht nur an einer Identifikationsfigur, sondern trotz des orientalischen Einfallsreichtums auch an lebendig inszenierten Episoden. Bei einem Geschichtswerk wird das so erwartet, aber in der Belletristik nicht.
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Schiffsreise

Sultan Murat V. wird 1876, drei Monate nach seiner Thronbesteigung, entmachtet und von seinem jüngeren Bruder Abdülhamit im Amt ersetzt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1904 wird Murat ein Gefangener im Çırağan-Palast in Istanbul bleiben. Dort kommt 1880 auch die jüngste seiner drei Töchter zur Welt: Pakize Sultan. Ihr Bruder Mehmet Selahattin Efend war bei der Thronbesteigung bzw. Absetzung und Inhaftierung des Vaters bereits 15 Jahre alt. Als Pakize 19 Jahre alt ist, heiraten sie und ihre beiden älteren Schwestern Hatice und Fehime in einer gemeinsamen Feier im Yıldız-Palast.

Im April 1901 schiffen sich Pakize Sultan und ihr 38-jähriger Ehemann, der Quarantänearzt Damat Dr. Nuri Bey, auf dem Dampfer „Aziziye“ ein, der sie von Istanbul nach China bringen soll. In Izmir nimmt der russische Kapitän den Christen Stanislaw Bonkowski Pascha mit, der in Paris Chemie und Pharmazie studiert hatte. Der 60 Jahre alte Generalinspekteur für das Gesundheitswesen des Osmanischen Reichs, der soeben in Izmir erfolgreich eine Pestepidemie bekämpft hat, soll nun auf der nahe Kreta gelegenen Mittelmeerinsel Minger eingesetzt werden, wo ebenfalls die Pest ausgebrochen ist. Nachdem er vor Minger von Bord gegangen ist, um seine Aufgabe zu erfüllen, fährt die „Aziziye“ weiter.

Während eines Zwischenaufenthalts in Alexandria erhalten Pakize Sultan und ihr Mann die Nachricht, dass Stanislaw Bonkowski Pascha ermordet wurde. Nuri Bey soll deshalb an dessen Stelle die Leitung der Pestbekämpfung auf Minger übernehmen – und parallel dazu das Verbrechen aufklären. Die „Aziziye“ bringt den Arzt, die Prinzessin und ihren Leibwächter Major Kâmil Pascha zurück zur Insel.

Minger

Damat Nuri Bey und Pakize Sultan werden in einem Hotel in der Hauptstadt Arkaz untergebracht.

Die Mittelmeerinsel wird von 80.000 Menschen bewohnt. Die Anzahl der Muslime und orthodoxen Christen hält sich die Waage. Seit fünf Jahren regiert der albanisch-stämmige Gouverneur Sami Pascha die osmanische Provinz. Seine Ehefrau zieht es vor, in Istanbul zu leben, aber Sami Pascha tröstet sich auf Minger mit Marika, der Witwe eines griechischen Geschichtslehrers. Wichtige Rollen beim Machterhalt kommen dem Geheimdienstchef Mazhar Efendi und dem Garnisonskommandanten Mehmet Pascha zu.

Am 1. Mai 1901 nimmt die Quarantäne-Kommission die Arbeit auf. Geleitet wird sie von dem griechischen Arzt Dr. Nikos und dessen Assistenten Dr. Ilias. Geschäftsleute sträuben sich aus finanziellen Gründen gegen Quarantäne-Maßnahmen. Noch gefährlicher ist, dass sich die Religionsgemeinschaften gegenseitig vorwerfen, die Pest eingeschleppt zu haben oder sie zumindest zu verbreiten. Als ihre maßgeblichen Repräsentanten stehen sich Konstantinos Efendi, das Oberhaupt der Griechisch-Orthodoxen Gemeinde, und Hamdullah Efendi, der Scheich des Halifiye-Derwisch-Klosters, gegenüber.

Staatsgründung

Ramiz, der Bruder des Scheichs, ist mit Zeynep verlobt, der 17-jährigen Tochter des Gefängniswärters Bayram Efendi. Aber kurz nachdem ihr Vater an der Pest gestorben ist, löst sie die Verlobung und heiratet vor Nurettin Efendi, dem Imam der Kör-Mehmet-Pascha-Moschee, den 14 Jahre älteren Rückkehrer Major Kâmil Pascha, der auf Minger geboren wurde. Emine und Satiye, die Mütter der beiden, sind seit Jahren miteinander befreundet.

Als Dr. Ilias an einem in der Garnisonsküche zubereiteten vergifteten Nusstörtchen stirbt, fällt der Mordverdacht auf Ramiz.

In einer eigenmächtigen Aktion schließt Major Kâmil Pascha am 22. Juni das von Dimitris Efendi geleitete Post- und Telegrafenamt in Arkaz. Dadurch werden die Inselbewohner von der Kommunikation mit der Außenwelt weitgehend abgeschnitten. Dazu kommt eine Blockade von Minger durch französische und britische Schiffe, die eine Ausbreitung der Pest über die Insel hinaus verhindern soll.

In der angespannten Lage gewinnt der Gouverneur Sami Pascha den Oberpriester Konstantinos Efendi und Scheich Hamdullah für ein gemeinsames Auftreten auf dem Balkon des Regierungsgebäudes. Von dort wollen sie zum Volk sprechen.

Aber bevor es dazu kommt, überstürzen sich die Ereignisse: Sami Pascha wird nach Aleppo versetzt und soll sich auf den Weg machen, während sein Nachfolger Ibrahim Hakkı Pascha auf Minger eintrifft. Aber der abgesetzte Gouverneur sorgt dafür, dass die Neuankömmlinge erst einmal fünf Tage nach Kızkulesi „in Quarantäne“ gebracht werden.

Ramiz und seine Bande befreien den neuen Gouverneur und bringen ihn zum Regierungsgebäude. Dort kommt es zu einer Schießerei, bei der Ibrahim Hakkı Pascha tödlich getroffen wird. Der am Unterarm verletzte Major Kâmil Pascha nutzt die Revolution und ruft an diesem 28. Juni 1901 beherzt die Unabhängigkeit von Minger aus.

Sami Pascha übernimmt das Amt des Regierungschefs, und die bisherigen Leiter bestimmter Fachgebiete steigen zu Ministern auf, Damat Nuri Bey zum Quarantäneminister, Dr. Nikos zum Gesundheitsminister, Nizami Bey zum Stiftungsminister und so weiter. Während der Feldwebel Hamdi Baba den Befehl über die Quarantänesoldaten von Major Kâmil Pascha übernimmt, erhält der Staatsgründer den Ehrentitel Kommandant und das Amt des Staatspräsidenten.

Der verwundete Aufständische Ramiz und zwei seiner Komplizen werden öffentlich gehängt.

Aufklärung des Doppelmords

Wer ermordete Stanislaw Bonkowski Pascha und Dr. Ilias? Die Küchenjungen der Garnison wurden bereits einer Bastonade unterzogen. Dabei gestand ein 16-Jähriger, er habe das Gift in die Nusstörtchen gemischt. Geplant war, damit sowohl den Chemiker Bonkowski als auch den Arzt Ilias zu töten. Durch einen Zufall lief Bonkowski Pascha vorzeitig einem Verschwörer über den Weg, der ihn in ein Haus lockte, wo der Christ erstochen wurde. Die Anweisungen zur Herstellung des Giftes hatte der Küchenjunge von dem Apotheker Nikiforo bekommen, der wiederum im Auftrag des Sultans Abdülhamit handelte.

Königin von Minger

95 Tage nach Bayram Efendi stirbt dessen schwangere Tochter Zeynep ebenfalls an der Pest. Und der Witwer Kâmil Pascha erliegt kurz darauf der Seuche.

Das durch den Tod des Staatspräsidenten entstandene Machtvakuum führt einen Monat nach der Unabhängigkeitserklärung zur Anarchie. Ministerpräsident Sami Pascha flieht. Nimetullah Efendi, der engste Gefolgsmann des Scheichs Hamdullah, übernimmt das Amt des Regierungschefs. Sein Vorgänger wird aufgegriffen, zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Damat Dr. Nuri Bey gehört zu den von den neuen Machthabern inhaftierten Männern. Aber der Ministerpräsident Nimetullah Efendi bietet einen Deal an: Wenn Pakize Sultan formell die Ehefrau des 72-jährigen Scheichs Hamdullah wird und mit ihm für ein Pressefoto posiert, wird Nuri Bey unmittelbar nach der gerichtlichen Verurteilung begnadigt.

Als Scheich Hamdullah an der Pest stirbt, gibt der nun selbst zum Scheich avancierte Nimetullah nach 24 Tagen das Regierungsamt mit der Begründung auf, er habe es nur stellvertretend für Scheich Hamdullah ausgeübt. Er sorgt noch dafür, dass Damat Nuri Bey neuer Ministerpräsidenten und die 21-jährige Pakize Sultan Königin von Minger werden.

Am 5. Dezember 1901 warnt der Geheimdienstminister Mazhar Efendi die Königin und den Regierungschef vor einem drohenden Landungsversuch eines britischen oder französischen Schiffs. Unter diesem Vorwand lässt er das Paar auf die erneut vor Minger ankernde „Aziziye“ bringen. Und dieses Mal gelangen Pakize Sultan und Damat Nuri Bey wirklich nach China, während sich Mazhar Efendi selbst zum neuen Staatspräsidenten ernennt und bis 1932 im Amt behaupten kann.

1947 wird Minger von den Vereinten Nationen als unabhängiger Staat anerkannt.

„Die Nächte der Pest“

Im Schlusskapitel des Buches gibt sich die Autorin Mîna als Urenkelin von Pakize Sultan und Damat Nuri Bey zu erkennen.

Das Ehepaar bekam in Hongkong zwei Kinder: den Sohn Süleyman und die Tochter Melike, Mînas Großmutter. 1926 verließ die Familie China und zog nach Frankreich. Mînas 1928 in Marseille geborene Mutter ließ sich im Alter von 18 Jahren auf eine arrangierte Ehe ein und heiratete in London den Sohn einer Schottin und eines reichen irakischen Geschäftsmannes. Während eines Aufenthalts des Ehepaars auf Minger kam dort 1949 Mîna zur Welt.

Ursprünglich wollte Mîna nur die 113 Briefe editieren, die Pakize Sultan zwischen 1901 und 1913 an ihre Schwester Hatice Sultan geschrieben hatte. Das dazu geplante Vorwort wuchs sich 2016 bis 2021 zum vorliegenden historischen Werk aus. Der Titel „Die Nächte der Pest“ stammt aus einem der Briefe der Urgroßmutter.

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In „Die Nächte der Pest“ tut Orhan Pamuk so, als habe nicht er, sondern eine Historikerin das Buch geschrieben. Zu diesem Spiel gehört, dass die (fiktive) Autorin Mîna behauptet, den „geschichtsversessenen Schriftsteller Orhan Pamuk“ zu kennen.

Im Deutschen bedeutet „Geschichte“ nicht nur das, was in einem Roman erzählt werden kann („Story“), sondern auch die tatsächliche Vergangenheit („History“). Und „Die Nächte der Pest“ liest sich ähnlich wie ein historisches Werk. Immer wieder wird auf (fiktive) Quellen und divergierende Meinungen von (fiktiven) Historikern verwiesen. Die Darstellung ist entsprechend sachlich, nüchtern und detailliert – obwohl Orhan Pamuk seinen orientalischen Einfallsreichtum kaum bremst. Das droht mitunter, zu einer Aufzählung von Ereignissen, Regierungsbeschlüssen und -maßnahmen zu werden. Raum für eine Ausleuchtung der Charaktere bleibt da ebenso wenig wie in einer historischen Abhandlung. Dieser originelle, parodistische Ansatz ist problematisch, denn es fehlt nicht nur an einer Identifikationsfigur, sondern auch an lebendig inszenierten Episoden. Bei einem Geschichtswerk wird das so erwartet, aber in der Belletristik nicht.

Die 79 Kapitel des Buches von Orhan Pamuk drehen sich um eine Pestepidemie 1901 auf der (fiktiven) osmanischen Mittelmeerinsel Minger.

Bei der Seuchenbekämpfung fallen selbstverständlich Bezüge zur aktuellen Covid-19-Pandemie auf. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pest werden in Frage gestellt. Händler, die um ihre Einnahmen fürchten, wehren sich gegen Ladenschließungen; Schuldige werden gesucht, Andersdenkende angefeindet. Auf Minger zerbricht darüber die staatliche Ordnung.

Damit sind wir bei einer weiteren Parallele: Minger scheint auch ein Miniaturbild der Türkei zu sein. Gewiss ist es kein Zufall, dass Orhan Pamuk dem Staatsgründer den Namen Kâmil gegeben hat, denn dabei denken wir an Kemal Atatürk, den Begründer der Republik Türkei. Man kann „Die Nächte der Pest“ denn auch als Plädoyer für eine Nationenbildung über religiöse und ethnische Unterschiede hinweg lesen, für eine Gesellschaft, in der Christen, Juden und Muslime friedlich zusammenleben.

Zweifellos ist „Die Nächte der Pest“ ein Aufruf zur Freiheit. Die letzte Zeile lautet denn auch:

Es lebe Minger! Es leben die Mingerer! Es lebe die Freiheit!

Nach der Veröffentlichung des Romans „Veba Geceleri“ / „Die Nächte der Pest“ in der Türkei musste sich der Nobelpreisträger Orhan Pamuk vor Gericht verantworten. Man warf ihm Respektlosigkeit gegenüber Kemal Atatürk und der türkischen Fahne vor.

Den Roman „Die Nächte der Pest“ von Orhan Pamuk gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Thomas Loibl und Juliane Köhler.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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