Orhan Pamuk : Istanbul

Istanbul

Orhan Pamuk

Istanbul

Originalausgabe: Istanbul Yapi Kredi Yayinlari, Istanbul 2003 Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt Übersetzung: Gerhard Meier Carl Hanser Verlag, München 2006 ISBN: 978-3-446-20826-1, 432 Seiten, 24.90 € (D) Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 2008 ISBN: 978-3-596-17767-7, 432 Seiten, 9.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In seinem autobiografischen Buch "Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt" verbindet Orhan Pamuk auf elegante Weise Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend mit Beschreibungen der Stadt und ihrer Bewohner aus einer sehr persönlichen Perspektive.
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Kritik

"Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt" kann man als Autobiografie und als Reiseführer lesen. Empfehlenswert ist das Buch nicht zuletzt aufgrund einer anschaulichen Darstellung und einer gepflegten Sprache.
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Orhan Pamuk wird am 7. Juni 1952 als Sohn einer Industriellenfamilie in einer kleinen Privatklinik in Istanbul geboren. Sein Großvater hatte Bauwesen studiert, eine Fabrik gegründet und ein Vermögen erworben, war jedoch 1934 mit zweiundfünfzig Jahren an Blutkrebs gestorben. Ein Jahr vor Orhans Geburt zogen seine Eltern mit seinem achtzehn Monate älteren Bruder, seine verwitwete Großmutter, die Geschwister seines Vaters mit ihren Familien, die Köchin der Großmutter und andere Dienstboten in ein neu gebautes fünfstöckiges Wohnhaus, das Pamuk Apartmani. Orhans Vater Gündüz Pamuk (1925 – 2002) und dessen jüngerer Bruder Aydin studierten wie ihr Vater Bauwesen, während Orhans Onkel Özhan nach dem Medizinstudium nach Amerika auswanderte. Orhans Tante heiratete einen Assistenten der juristischen Fakultät der Universität Istanbul und wohnt jetzt mit ihm in der obersten Etage des Pamuk Apartmani.

Obwohl in jedem Stockwerk ein Klavier steht, wird keines davon benutzt. Stattdessen sind die Musikinstrumente mit Familienfotos vollgestellt, sodass Orhan als Kind glaubt, es sei die übliche Funktion eines Klaviers, als Stellfläche für Bilder zu dienen.

Wohnzimmer waren nicht darauf ausgerichtet, den Familienmitgliedern eine gemütliche Umgebung zu bieten, sondern sollten vielmehr durch ihren betont musealen Charakter ständig für etwaige Besuche bereitstehen, und dahinter steckte zweifellos der Drang nach westlicher Lebensart. (Seite 18)

Gündüz und Aydin Pamuk übernehmen sich fortwährend mit ihren Bauprojekten und melden mehrmals Konkurs an. Auf diese Weise schmilzt das von ihrem Vater aufgebaute Familienvermögen zusammen.

[…] durch die Pleiten meines Vaters und meines Onkels, die Aufteilung des Familienbesitzes und die fortwährenden Streitereien meiner Eltern [begannen sich] sowohl unsere Groß- als auch unsere Kleinfamilie sich an allen Ecken und Enden aufzulösen […] (Seite 26)

Der Vater ist immer seltener zu Hause, bleibt oft längere Zeit fort, und selbst wenn er anwesend ist, empfindet Orhan Pamuk ihn nicht als Machtzentrum. Das wird eher von seiner Mutter gebildet, die sich während der Abwesenheit ihres Mannes mitunter zu ihrer in einem anderen Stadtteil von Istanbul wohnenden Mutter oder zu anderen Verwandten flüchtet. Dass ihr Mann sie betrügt, weiß sie.

Orhan entwickelt sich zum Tagträumer.

Unglücklich war ich […] keineswegs als Kind […] Um es einmal mit spöttischem Unterton zu sagen: Ich war ein braves, kluges Kind, das nicht nur in der Familie und im Bekanntenkreis, sondern einfach von jedermann „lieb“ und „hübsch“ gefunden und andauernd geküsst und geherzt wurde. Da ich stets mit Lob und Liebkosungen überschüttet wurde, beim Osthändler einen Apfel geschenkt bekam („Den musst du aber vorher waschen“, sagte meine Mutter), vom Kaffehändler getrocknete Feigen („Die hebst du dir zum Nachtisch auf!“) und von einer auf der Straße getroffenen Verwandten ein Bonbon („Sag schön danke!“), schien es mir ratsam, die Absonderlichkeiten meiner zweiten Welt lieber für mich zu behalten. (Seite 34f)

Um der Lehrerin positiv aufzufallen, hebt Orhan Pamuk bei fast jeder Frage den Finger, doch er kann sein Wissen selten unter Beweis stellen, weil sie lieber schwächere Schüler aufruft. Schließlich beginnt Orhan sich im Unterricht zu langweilen, schaut aus dem Fenster und hängt seinen Gedanken nach.

Bis zum zehnten Lebensjahr stellt er sich Gott als eine auf dem Kopf stehende Frau im weißen Gewand vor. Im Pamuk Apartmani sind nur die Hausangestellten religiös. Familienmitglieder sieht Orhan kein einziges Mal beten. Bei einem muslimischen Opferfest wird im Hinterhof des Pamuk Apartmani ein Widder angebunden und am Morgen des Festes vom Metzger des Viertels geschlachtet. Wie es sich gehört, verteilt man das Fleisch an die Armen. Anschließend sitzt Familie Pamuk zusammen, verzehrt ein zuvor beim Metzger besorgtes schmackhafteres Fleisch und trinkt dazu Bier.

Während der religiöse Gedanke jenes Festes darin bestand, dass man zum Beweise seiner Gottesfürchtigkeit anstelle eines Kindes ein Tier zum Opfer brachte und dadurch von seinen Schuldgefühlen befreit wurde, aß man bei uns vielmehr anstelle des geschlachteten Tieres ein Fleisch besserer Qualität und machte sich eher noch mehr schuldig. (Seite 215)

Mit anderen Kindern kommen Orhan und sein Bruder außer in der Schule nur selten zusammen. Die beiden streiten und raufen häufig. Dabei unterliegt der Jüngere gewöhnlich dem Älteren. Trotzdem vermisst Orhan seinen Bruder, als dieser mit achtzehn zum Studium nach Yale geht.

Etwa mit sieben Jahren entdeckte Orhan Pamuk seine Freude am Zeichnen. Es macht ihm Spaß, im Handumdrehen etwas schaffen zu können, für das man ihn bestaunt, und die Eltern fördern sein Talent. Um seinen künstlerischen Neigungen weiterhin nachgehen zu können, beginnt Orhan Pamuk nach dem Abitur am englischsprachigen Robert College an der Technischen Universität von Istanbul Architektur zu studieren.

Im Alter von neunzehn Jahren verliebt er sich in ein zwei Jahre jüngeres Mädchen, dessen Namen er in „Istanbul“ nicht preisgibt. Stattdessen spricht er von seiner „schwarzen Rose“. Sie besucht ihn regelmäßig in seinem Atelier und lässt sich von ihm malen, während ihre Mutter annimmt, sie nehme am Theaterkurs des französischen Konsulats teil. Als der Vater der „schwarzen Rose“ herausfindet, dass sie einen Freund hat, macht er ihr klar, dass er keinen Künstler als Schwiegersohn haben möchte und schickt sie auf ein Internat in der Schweiz, um der Sache ein Ende zu machen.

Orhan Pamuk pflegt erst um 4 Uhr morgens schlafen zu gehen, steht aber gewöhnlich auch erst gegen Mittag auf.

Mit dreiundzwanzig erklärt er seiner Mutter, dass er sein Studium abbrechen werde und weder Architekt noch Maler, sondern Schriftsteller werden wolle. Die Mutter reagiert entsetzt.

In seinem autobiografischen Buch „Istanbul“ verbindet Orhan Pamuk auf elegante Weise Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend mit Beschreibungen der Stadt und ihrer Bewohner aus einer sehr persönlichen Perspektive.

Von Istanbul als meinem Schicksal handelt nun dieses Buch. (Seite 14)

Der geneigte Leser, der gemerkkt hat, dass ich mich bemühe, durch mich über Istanbul und durch Istanbul über mich zu berichten […] (Seite 334)

Der Niedergang der Groß- und Kleinfamilie Pamuk spiegelt den Verfall der Stadt Istanbul.

Die Schwarzweißatmosphäre, die mit dem melancholischen Charakter der Stadt unauflöslich verbunden ist und von den Istanbulern, weil sie darin ihr Schicksal sehen, immer wieder von neuen kreiert wird, lässt sich am besten verstehen, wenn man an einem Wintertag aus einer wohlhabenden europäischen Stadt mit dem Flugzeug in Istanbul eintrifft und sich sofort in das Menschengewühl im Zentrum der Stadt an der Galata-Brücke stürzt und dort mit ansieht, in was für farblosen, ausgebleichten, mausgrauen Kleidern die Leute herumlaufen. Beim Anblick der Istanbuler, die im Gegensatz zu ihren reichen, stolzen Vorvätern kaum einmal ein kräftiges Rot, Orange oder Grün tragen, mag es dem Fremden erscheinen, als verdanke sich diese Unscheinbarkeit irgendeiner besonderen Moralauffassung. Dem ist natürlich nicht so, es herrscht nur die tiefe Melancholie vor, die einem eine Moral der Bescheidenheit geradezu nahelegt. Das seit hundertfünfzig Jahren auf der Stadt lastende Gefühl des fortwährenden Scheiterns manifestiert sich in zahllosen Schwarzweißperspektiven, und eben auch in der Kleidung. (Seite 56f)

Obwohl Orhans Großmutter Geschichte unterrichtet hatte, wäre nicht einmal sie auf die Idee gekommen, sich „Sehenswürdigkeiten“ in Istanbul anzuschauen. Die Bewohner achten nicht darauf.

Neben den großen Moscheen und geschichtsträchtigen Bauten erinnern […] an allen Ecken und Enden der Stadt auch zahllose Gewölbe, Brunnen und kleinere Moscheen – wie vernachlässigt, unbeachtet und zwischen Betonklötzen eingepfercht sie auch sein mögen – die zwischen ihnen lebenden Millionen von Menschen schmerzlich daran, dass sie Überbleibsel eines großen Reiches sind.
Im Unterschied zu Westeuropa werden allerdings in Istanbul vom Untergang eines großen Reiches zeugende Geschichtsdenkmäler nicht wie Museumsstücke behandelt und stolz zur Schau gestellt, sondern man lebt ganz einfach mitten unter ihnen. (Seite 120)

Die Spannung zwischen der Scham über den Niedergang und der Bewunderung für den Westen bleibt nicht ohne Folgen für die Atmosphäre in der Stadt und das Befinden der Bürger. Das Lebensgefühl in Istanbul ist eine kollektive Melancholie und Tristesse, die im Türkischen als „hüzün“ bezeichnet wird.

Erfolgsgier und Individualismus, wie etwa Balzac sie mit Figuren wie Rastignac für das moderne Stadtleben salonfähig gemacht hat, sind von „hüzün“ meilenweit entfernt. Der Istanbuler „hüzün“ lässt jede Art von Eigeninitiative, die sich den Werten und Lebensformen der Gemeinschaft entgegenstellt, unweigerlich verkümmern und propagiert eine Moral des Sichbegnügens, des Konformismus und der Bescheidenheit. (Seite 124)

Alteingesessene Istanbuler prahlen nicht mit ihrem etwaigen Reichtum. Das tun nur zugewanderte Großgrundbesitzer und Industrielle aus der Provinz. Die bringen auch noch andere Sitten mit nach Istanbul:

Familienzwistigkeiten nicht vor Gericht, sondern praktischerweise gleich mit der Waffe auszutragen, war eine Spezialität der fast immer vom Schwarzmeer stammenden Reederfamilien. Sie hatten meist klein angefangen und waren dann im Bemühen um staatliche Transportaufträge miteinander in Konkurrenz geraten, doch statt sich westlichem Firlefanz wie dem freien Wettbewerb zu widmen, heuerten sie lieber Banden an, um sich gegenseitig einzuschüchtern, und wenn sie dieses Treibens einmal überdrüssig waren, dann betrieben sie wie mittelalterliche Fürsten untereinander Heiratspolitik. (Seite 227)

Am 29. Mai 1953 jährte sich zum 500. Mal „der Fall Konstantinopels“, wie es in Europa heißt, bzw. „die Eroberung Istanbuls“, wie die Türken sagen. Die westlich orientierten Türken machten nicht viel Aufhebens davon. Weder Staatspräsident Celâl Bayar noch Ministerpräsident Adnan Menderes nahmen an der 500-Jahr-Feier teil. Trotz dieser Zurückhaltung schürten Nationalisten die Stimmung, die zugleich durch den Zypern-Konflikt angeheizt wurde. Ein Sprengstoffanschlag auf das Geburtshaus des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk in der nordgriechischen Stadt Thessaloniki am 6. September 1955 lieferte den Auslöser für ein Pogrom am 6./7. September 1955 in Istanbul und anderen türkischen Städten. Die Übergriffe richteten sich vor allem gegen Griechen, aber auch andere Minderheiten blieben nicht verschont. Es gab Vergewaltigungen, Zwangsbeschneidungen, Schlägereien, Plünderungen, Verwüstungen und Friedhofsschändungen.

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Orhan Pamuk schildert Istanbul nicht nur aus seiner Sicht, sondern er lässt auch andere Autoren zu Wort kommen und zitiert zum Beispiel aus „Stadtbriefen“, die Ahmet Rasim von 1895 bis 1903 in Zeitungen veröffentlichte und dann in einem Buch zusammenfasste. Außerdem sehen wir Bilder von Anton Ignaz Melling, die 1819 in dem Band „Voyage pittoresque de Constantinople et des rives du Bosphore“ gedruckt wurden.

„Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt“ kann man als Autobiografie und als Reiseführer lesen. Für Istanbul-Besucher ist das Buch von Orhan Pamuk ein Muss. Wer nicht an allen Einzelheiten interessiert ist, mag die eine oder andere Passage überschlagen. Auch für Leserinnen und Leser, die keine Reise nach Istanbul planen, sind viele der Eindrücke über das Leben in der Stadt und vor allem auch die Erinnerungen des Nobelpreisträgers an seine Kindheit und Jugend interessant. Lesenswert ist „Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt“ nicht zuletzt aufgrund einer anschaulichen Darstellung und einer gepflegten Sprache. Illustriert ist das Buch mit schwarz-weißen Familienfotos.

„Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ulrich Noethen (Der Hörverlag, München 2006, ISBN: 978-3-86717-059-8).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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