Claudia Petrucci : Die Übung

Die Übung
L'esercozio La nave di Teseo, Mailand 2020 Die Übung Übersetzung: Mirjam Bitter Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022 ISBN 978-3-8031-3343-4, 304 Seiten ISBN 978-3-8031-4333-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Literaturwissenschaftler Filippo führt seit dem zweiten Herzinfarkt seines Vaters widerwillig die Bar seiner Eltern, und seine Lebensgefährtin Giorgia sitzt an der Kasse eines Supermarkts. Dort taucht unerwartet ihr früherer Schauspiellehrer auf. Mauro überredet sie, unter seiner Regie auf die Bühne zurückzukehren. Bei der Premiere bricht sie zusammen und wird in die Psychiatrie gebracht ...
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Kritik

Claudia Petrucci veranschaulicht in ihrem eindrucksvollen Debütroman "Die Übung", wie wir auch im Alltag Masken tragen und Rollen spielen. Sie zeigt, was geschehen kann, wenn jemand einen anderen Menschen nach seinen eigenen Vorlieben und Vorstellungen zu verändern oder gar neu zu erfinden versucht. Es geht um Sein und Schein, Identität, Liebe, Manipulation und Fremdbestimmung.
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Unerfüllte Träume

Filippo und Giorgia („Giò“) sind seit drei Jahren ein Paar und wohnen zusammen in Lambrate, einem Stadtteil von Mailand. Während Filippo die Bar seiner Eltern betreibt, sitzt Giorgia an der Kasse eines Supermarkts.

Giorgia hasst Supermärkte, und sie weiß, dass ich sie auch hasse; sie hat sie schon vor ihrer Arbeit hier gehasst, ich erst, seit sie hier eingestellt wurde. Und doch haben wir diesen Supermarkt herbeigesehnt wie ein Kind, haben ihn in den quälenden Monaten ihrer Arbeitslosigkeit aufmerksam beobachtet, haben uns gefragt, wohin uns ihre dreistufigen Bewerbungsgespräche führen würden.

Filippo Bonini studierte Literaturwissenschaft. Danach arbeitete er in einer Pressestelle, schrieb für mehrere Zeitungen und hatte Zukunftsträume, aber nach dem zweiten Herzinfarkt seines Vaters vor zwei Jahren drängte ihn die Mutter, die verwaiste Bar zu übernehmen.

Sechs Monate der verzweifelten Suche nach einem Job, der es mir erlaubt hätte, mich meiner Verantwortung zu entziehen. Am Ende fand ich mich trotz aller Bemühungen dort wieder: in der Bar meiner Eltern.

Es gab in den vergangenen zwei Jahren keinen einzigen Tag, an dem ich nicht Lust gehabt hätte, alles hinzuschmeißen. Wenn ich es nicht getan habe, dann nur wegen Giorgia und einem Existenzminimum für uns zwei. Noch immer tue ich es nur ihretwegen.

Wollen und Nicht-Können sind die Achsen, um die ihr Leben kreist.

Giorgia weiß, dass ich nicht glücklich bin.

[Giorgia] weiß, dass ich ganz andere Träume hatte – bevor wir zusammengezogen sind, haben wir immer darüber gesprochen, oft bei ihr zu Hause, auf ihrem Bett, im Mehrbettzimmer einer WG. Lange vor Lambrate und dem Supermarkt war die Fülle unserer Möglichkeiten unser Lieblingsthema. Ich sagte, dass ich mich freuen würde, wenn sie ihr Studium wieder aufnimmt, ihren Abschluss macht.

Die Wende

Vor Giorgia an der Supermarkt-Kasse steht eines Tages der Theaterregisseur Mauro Franzese, ihr früherer Schauspiellehrer an der Akademie, den sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Weil die anderen Kunden drängeln, lässt sich Mauro nur Giorgias Telefonnummer auf den Kassenbon schreiben.

Zu Hause berichtet sie Filippo, dass sie Mauro getroffen habe.

„Meinen Schauspiellehrer. Ich hab dir doch erzählt, dass ich mal Theater gespielt habe, oder nicht?“
„Vielleicht, ich weiß es nicht.“

Zehn Tage später verabreden sich Mauro und Giorgia in einem Café, während Filippo seine Eltern besucht. Mauro erklärt, er habe eine Rolle, die nur Giorgia spielen könne, aber sie weist ihn darauf hin, dass sie seit drei Jahren nicht mehr auf der Bühne gestanden ist.

Nachdem Giorgia ein paar Tage darüber nachgedacht hat, erzählt sie Filippo davon. Er begleitet sie zur Leseprobe in Mauros Haus und lernt dabei nicht nur den Regisseur, sondern auch dessen bei ihm wohnende sieben Jahre jüngere Halbschwester Amelia kennen. Er komme nach seiner Mutter Valeria, erklärt Mauro, Amelia nach ihrer. Weil sich der Vater wegen Amelias Mutter scheiden ließ, darf Valeria nicht wissen, dass er mit dem Geld, das er von ihr bekommt, Amelias Zahnmedizin-Studium finanziert.

Giorgia erklärt Mauro:

„Es gibt einen Augenblick auf der Bühne […], wenn die Identifikation anfängt und alles andere aufhört. Du weißt, dass ich nur deshalb hier bin, oder?“
Sich endlich hingeben zu können. Die Krankheit anzunehmen, sich von ihr beherrschen zu lassen. Das Potenzial der Krankheit – teilweise identisch mit derjenigen, die alle angesteckt zu haben scheint –, sie zu etwas zu machen, was sie nicht ist, von jeglichen Wurzeln befreit. Sehr bald wird es keine Vergangenheit mehr geben, an die sie sich klammern könnte, keine Mütter, Väter, keine Erinnerungen oder Menschen, die dem Aufprall standhalten werden, und Giorgia wird die Freiheit spüren, nicht mehr als sie selbst zu existieren.

„Ich leide nicht unter diesem Ich-Mangel, diesem Fehlen von mir als Individuum, das ist ein abstraktes Konzept, letztlich wertlos. Was bin ich denn? Man zwingt mich, mir eine Frage zu stellen, auf die es keine Antwort gibt. Wonach sollte ich mich sehnen? Nach meiner schrecklichen Kindheit, nach der Familie, die ich nicht hatte? Ich will, was alle wollen: mich auflösen.“

Der Zusammenbruch

Am vierzehnten Mai, dem letzten Tag, den wir als treue Versionen unserer selbst verbringen werden, wacht Giorgia glücklich auf.

Bei der Premiere bricht Giorgia auf der Bühne zusammen. In der psychiatrischen Klinik, in der sie eingeliefert wird, diagnostizieren die Ärzte eine Paranoide Schizophrenie. Nach einigen Monaten lässt ihre Tante Mariella Brentani sie entmündigen, in die private Heilanstalt Anastasio verlegen und übernimmt die Kosten. Signora Mariella hatte früher das Sorgerecht für ihre Nichte, aber Filippo hört nun zum ersten Mal von ihr.

Mauro weiß, wo ihre Villa steht, denn als Giorgia vor fünf Jahren zu ihm in die Akademie gekommen war, hatte sie noch bei ihrer Tante gewohnt. Die beiden Männer fahren zu der Adresse, und Mariella Brentani erinnert sich an den Regisseur. Sie empfängt die Besucher.

Filippo glaubt, dass Giorgias Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen seien. Das erzählte sie ihm. Aber nun erfährt er, dass Mariella Brentanis Schwester Milena sich das Leben nahm, als Giorgia fünf Jahre alt war. Zwei Jahre später verschwand der Vater, und das verwaiste Mädchen kam zur Tante. Giorgias Eltern hatten sich an der Universität kennengelernt, der Vater studierte Philosophie, die Mutter Architektur. Milena war psychisch krank und nicht in der Lage, sich um ihre kleine Tochter zu kümmern, aber deren Großeltern brachten es nicht über sich, Milena zwangsweise in die Psychiatrie einweisen zu lassen.

„Wir hätten eine Entmündigung anstreben sollen. Wir hatten nicht den Mut dazu. Wir dachten immer, dass der Respekt vor Milena wichtiger wäre als alles andere. Allein die Vorstellung, vor Gericht ziehen zu müssen, um die Kontrolle über ihr Leben zu bekommen, war für meine Eltern entsetzlich.“

Als Giorgia 15 Jahre alt war, stellte sich heraus, dass sie genetisch vorbelastet ist. Mit dem Schauspielkurs bei Mauro fing sie nur an, weil der Psychiater ihr riet, sich Freizeitaktivitäten zu suchen.

Giorgia scheint Filippo und Mauro nicht zu erkennen; sie starrt nur vor sich hin und spricht kein Wort, befindet sich in einem anhaltendem katatonischen Zustand.

In der ersten Zeit hegte ich noch die Hoffnung, dass Giorgia mit der richtigen Behandlung wieder ins Leben zurückkehren würde. Nachdem man sie in die Heilanstalt Anastasio verlegt hatte, musste ich der Wirklichkeit ins Auge sehen. Die Medikamente können zwischen Monströsem und Kostbarem nicht unterscheiden, sie schläfern zwar das Monster ein, reißen dabei aber alles andere gleich mit nieder, einschließlich Giorgia selbst: Alles ist vorbei, niedergemäht, sie erinnert sich weder an mich noch daran, wer sie ist, noch an sonst irgendetwas.

Erwachen

Mauro und Amelia führen Filippo in ihre Kreise ein. Vor allem Mauros Sozialleben ist hyperaktiv.

Mein Sozialleben beschränkt sich auf das in seinem Freundeskreis.

Bei einem ihrer gemeinsamen Krankenbesuche im Dezember finden sie Giorgias Bett verlassen vor und erfahren, dass die Patientin schon zum dritten Mal in dieser Woche im Garten spazieren geht. Aber sie achtet weder auf die ihr folgende Pflegerin, noch auf Filippo und Mauro.

Einige Zeit später wird Filippo von einem Blick Giorgias überrascht. Sie sieht nicht durch ihn hindurch, sondern schaut ihn an und spricht:

„Habt Ihr irgendeinen Auftrag von Eurem Herrn, mit meinem Gesicht zu verhandeln? Jetzt seid Ihr aus dem Text gekommen. Doch will ich den Vorhang wegziehn, und Euch das Gemälde weisen. Seht, Herr, so sah ich in diesem Augenblick aus. Ist die Arbeit nicht gut?“
Bevor ich die Bedeutung erfassen kann, antwortet eine Stimme.
„Vortrefflich“, sagt Mauro, „wenn sie Gott allein gemacht hat.“

Weil der Text aus dem ersten Aufzug der Komödie „Was ihr wollt“ von William Shakespeare stammt, vermutet Mauro, dass sich Giorgia in der Rolle der Gräfin Olivia wähnt. Er und Filippo berichten es dem Chefarzt. Der erwägt, die Patientin in eine Therapiegruppe mit Psychodrama-Ansatz einzugliedern, warnt aber Filippo vor zu viel Optimismus.

„Wir sprechen nicht von Besserung, wir sprechen von einer Zustandsveränderung. Giorgia ist von einer nicht-kommunikativen und im Wesentlichen unüberschaubaren Psychose in eine strukturierte Psychose übergegangen. In anderen Worten, ihre Welt folgt Normen, die wir zumindest erahnen können. Das verschafft uns einen unerwarteten Vorteil.“

Rollenspiele

Die neue Entwicklung bringt Mauro auf die Idee, Giorgia zu „rekonstruieren“, ihr gewissermaßen eine Rolle auf den Leib zu schreiben.

„Die Geschichte besteht aus einem langen Tag aus Giorgias Leben, eine Summe ihres Daseins in vierundzwanzig Stunden: Begegnungen mit Menschen, die sie liebt und mag, ihre Gedanken, ihre Bewegungen vom Aufwachen bis zum Schlafengehen. Wenn wir Glück haben, wird sie sich in die Rolle einfinden und sie durch eigene Schlussfolgerungen selbständig erweitern.“

Filippo trägt mit konkreten Erinnerungen dazu bei, und sobald das Skript fertig ist, beginnt Mauro, es Giorgia vorzulesen.

„Giorgia ist einunddreißig Jahre alt, schlank, große, dunkle Augen. An einem Morgen im Januar erwacht sie sehr früh.“

Als Giorgia nach einem Monat noch immer nicht darauf reagiert, geraten die beiden Männer im Krankenzimmer in Streit.

„Sag’s, Filippo: Es ist meine Schuld, dass Giorgia krank geworden ist.“
„Glaubst du, ich weiß nicht, warum du das tust? Du willst dein Spielzeug zurück, nicht wahr? Du willst sie.“

Der Schrei lässt uns erstarren. Er zerrt uns mit Gewalt wieder in dieses Zimmer. Der Schrei kommt von Giorgia.

Zwei Wochen danach ruft der Chefarzt an: Giorgia hat nach Filippo gefragt; sie möchte ihn sehen. Noch einmal zwei Wochen später darf Filippo sie abholen und zu einem Besuch bei seinen Eltern mitnehmen. Als Nächstes laden Mauro und Amelia Giorgia und Filippo zusammen mit vier anderen Freunden ein.

Mauro und Filippo beschließen, das Skript zu überarbeiten.

Die neue Giorgia ist all das, was sie hätte sein können und nicht gewesen ist. Ich arbeite an dem Skript und denke, dass ich mir wünschen würde, jemand täte das auch mit mir: mich von Anfang an umschreiben, entschlossener, größer, selbstsicherer.

Die neue Giorgia des Skripts ist ein glücklicher, starker Mensch, sie liebt mich, und ihre Liebe wird erwidert, sie träumt davon, eine große Schauspielerin zu werden […].

In der geänderten Rolle wird Giorgia zu einer selbstsicheren Frau, und Mariella Brentani lässt sich schließlich vom Chefarzt überzeugen, dass ihre Nichte nicht länger stationär behandelt werden muss. Der Chefarzt schlägt dann auch vor, Giorgias Entmündigung aufzuheben, und nachdem sich Mariella Brentani selbst vergewissert hat, dass der Zustand ihrer Nichte stabil ist, stimmt sie zu.

Sie wolle wieder zu arbeiten anfangen, erklärt Giorgia und fügt hinzu, dass sich auch Filippo um einen Job bemühen soll.

„Einen neuen Job?“, wiederhole ich.
„Ja, du willst ja wohl nicht dein ganzes Leben lang allein in dieser Bar herumstehen. Du hast keine Zukunft, wenn du dortbleibst. Du musst dich wieder ins Spiel bringen, du kannst nicht verlangen, dass ich alles mache.“
„Dass du was alles machst?“
„Dass nur ich darüber nachdenke, wie wir unsere Situation verbessern könnten.“

Als Giorgia und Filippo eine Probe des Dramas „Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie“ von Frank Wedekind besuchen, beobachten sie, dass Mauro als Regisseur vergeblich versucht, Amelia verständlich zu machen, wie er sich die Rolle der Wendla Bergmann vorstellt, die von Melchior Gabor geschlagen werden möchte. Giorgia flüstert: „Ich glaube, ich verstehe, wo das Problem liegt.“ In der Pause tuschelt sie mit Mauro. Danach zeigt sie, wie sie die Szene spielen würde und provoziert ihren Bühnenpartner, bis dieser heftig zuschlägt.

Bald darauf beklagt sich Amelia bei Filippo darüber, dass Giorgia ihre Rolle in „Frühlings Erwachen“ haben wolle.

„Sie hat zu Mauro gesagt, dass er mich ersetzen sollte, dass ich dem nicht gewachsen sei. Sie hat gesagt, ich sei nicht einmal halb so gut wie sie oder etwas in der Art.“
[…] „Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist. […] Früher hätte Giorgia so etwas nie gemacht. Seit sie aus der Klinik entlassen wurde, ist sie ein anderer Mensch.“

Filippo wirft Giorgia vor, unfair gegenüber Amelia zu sein, aber sie lässt die Kritik an sich abprallen und entgegnet, dass sie die Rolle besser spielen könne „als irgendwer sonst“.

„Du hättest mich gerne, wie ich vorher war.“
[…] „Ich erinnere mich noch daran, wie ich vorher war“, sagt sie auf meinem Mund, ihr Atem ist warm und süß. „Mehr tot als lebendig, in meinem Körper gefangen, gelähmt. Willst du mich etwa so, Filippo?“

Der Bruch

Filippo erkennt Giorgia nicht wieder und wendet sich verzweifelt an Mauro.

„Filippo, ich kann dir nicht folgen“, platzt Mauro heraus. „Wo ist das Problem? Giorgia geht es gut, sie wurde entlassen, die ärztlichen Kontrolluntersuchungen bestätigen einen außergewöhnlichen Heilungsprozess, und du tauchst verschwitzt wie ein Schwein um Mitternacht bei mir zu Hause auf, um […] rumzujammern.“

Mauro durchschaut, dass sich Filippo die frühere, die unsichere Giorgia zurückwünscht.

„Aber was war Giorgia vorher, wenn nicht ein Produkt deiner Einbildungskraft?
[…] Wir sind es, die den Menschen um uns herum bestimmte Identitäten zuschreiben“, sagt er. „Die vorherbestimmten Verhaltensmuster, erinnerst du dich? Wir behandeln Menschen wie Figuren in einem Theaterstück, wir basteln sie uns zusammen anhand einer detaillierten Liste dessen, was sie tun können und was nicht, eine Liste des Unrechts, das wir bereit sind zu erleiden, wenn es uns von ihnen zugefügt wird, der Schwächen, die wir als ihnen eigen ertragen können. Unsere Charakterisierungen sind detailliert und streng, und je näher die Figur uns – denn wir sind immer die Hauptfigur der Geschichte – ist, desto anspruchsvoller sind wir.“

„Die Figur handelt innerhalb eines Paradigmas von Verhaltensweisen, sie hat Grenzen; sie muss welche haben, sonst wäre es unmöglich, die Rolle zu spielen. Echte Menschen dagegen haben keine Grenzen, sie können sich quer durch alle Paradigmen bewegen.“

„Es gibt keinerlei Unterschied zwischen dem, was wir zu kennen glauben, und dem, was wir kennen: Was wir zu kennen glauben, ist alles, was wir kennen.“

„Das ist eine Sache der Vereinfachung, äußerster Vereinfachung, eine Strategie, die wir anwenden, ohne uns dessen bewusst zu werden. Wir sind nicht in der Lage, die Last der unendlichen Möglichkeiten zu ertragen, deshalb vereinfachen wir ununterbrochen; wir entscheiden uns für eine Möglichkeit, die intuitiv zu uns zu passen scheint; wir vereinfachen. Wir glauben nur an die eine, für die wir uns willkürlich entschieden haben. Bis zur Verleugnung der Tatsachen glauben wir daran.“

Als Giorgia beschließt, sich von Filippo zu trennen, beklagt er sich bei Mauro.

„Das … All das passt nicht zu ihr.“
„Was sollte denn zu ihr passen?“ Mauro macht einen Schritt nach vorne. „Die Hälfte einer armseligen Wohnung, ein Job als Supermarktverkäuferin? Du?“

„Ich dachte, du wärst vielleicht derjenige, den Giorgia wirklich braucht, einer ohne Ansprüche, einer, der sie zu nichts zwingt. Aber schau dich doch an: Es ist nicht mal ein Jahr vergangen, und schon bist du bereit, sie wieder in deiner Existenz zu parken, sie in einem Supermarkt wegzusperren. Was auch immer, Hauptsache, du musst nicht auf deine Version der Wirklichkeit verzichten, Hauptsache, du musst den Lauf der Dinge nicht ändern. Dir gefällt dein Leben so, wie es ist, wie es vor sich hin fault, und du hast keine Sekunde gezögert, Giorgia mit nach unten zu ziehen, du hast nicht darüber nachgedacht, dass sie etwas Besseres hätte haben können.“

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Der Begriff Person (bzw. Persona) bedeutete in der Antike die Theaterrolle bzw. -maske. Claudia Petrucci veranschaulicht in ihrem Debütroman „Die Übung“, wie wir auch im Alltag Masken tragen und Rollen spielen. Sie zeigt, was geschehen kann, wenn jemand einen anderen Menschen nach seinen eigenen Vorlieben und Vorstellungen zu verändern oder gar neu zu erfinden versucht.

„Die Übung“ dreht sich um Sein und Schein, Identität, aber auch um Liebe, Manipulation und Fremdbestimmung. Die Lektüre wirft Fragen auf, die in „Die Übung“ allerdings unbeantwortet bleiben, weil Claudia Petrucci sich nicht anmaßt, die Antworten zu kennen.

Ob es möglich ist, einer Frau bestimmte Rollen aufzudrängen, so wie es Claudia Petrucci darstellt? Vielleicht sollte man es als Gedankenexperiment betrachten. Auf jeden Fall handelt es sich bei „Die Übung“ um einen faszinierenden Plot.

Jede der vier Romanfiguren weist widersprüchliche Charakterzüge auf. Das macht sie lebendig und interessant.

Claudia Petrucci entwickelt die eindrucksvolle Geschichte aus der Sicht des Ich-Erzählers Filippo Bonini, konterkariert dessen Subjektivität jedoch durch Dialoge, in denen andere Ansichten vertreten werden. Erst im Epilog wechselt die Autorin zur dritten Person Singular.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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