Gershon Shaked : Immigranten

Immigranten
Manuskript: New York 1989 – Jerusalem 2001 Mehagrim Tel Aviv 2002 Immigranten Übersetzung: Ruth Achlama Jüdischer Verlag, Frankfurt/M 2005 ISBN 978-3-633-54214-7, 350 Seiten Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, Wien 2020 Hg. und Nachwort: Karl Müller Vorwort: Mark H. Gelber ISBN 978-3-901602-87-0, 360 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Avner Rosen und sein Freund Rubi Weinstock sind die Söhne jüdisch-österreichischer Familien, die es geschafft haben, den Nationalsozialisten zu entkommen. In Tel Aviv verdienen die Väter ihr Geld als Fuhrmann bzw. Schrotthändler. Während Avner in Zürich Medizin studiert, Chirurg in der Onkologie wird und sich habilitiert, absolviert Rubi eine Theaterausbildung in Wien und feiert dann als Regisseur Erfolge.
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Kritik

"Immigranten" ist Entwicklungs- und Immigranten-Roman zugleich. Gershon Shaked schreibt ohne jede Effekthascherei sachlich-nüchtern, ernst und ruhig. Er nimmt uns mit in die Gedankenwelt vor allem seiner beiden in Israel sozialisierten Hauptfiguren, Kinder von Holocaust-Überlebenden, die in Europa und Amerika mit Antisemiten konfrontiert werden.
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Erster Teil

Avners Eltern

Die 18-jährige Bettina („Betti“) Salzmann lebt mit ihren Eltern in Lemberg, als Moische Chaim Ben Leibusch Rosenbaum aus Przemyśl 1928 um ihre Hand anhält. Jakob Janek und Chaja Eva Salzmann stimmen der Verbindung erst zu, als der 28-Jährige sich bereit erklärt, ein zum Familienunternehmen gehörendes Textilgeschäft zu leiten. Rosenbaum ist froh, als die Filiale nach ein paar Jahren bankrott ist. Mit dem 1929 geborenen fünfjährigen Sohn Avner wandern Bettina und Moische Rosenbaum 1935 mittellos nach Palästina aus, wo im Jahr darauf ihre Tochter Sarit zur Welt kommt.
Moische Rosenbaum transportiert in Tel Aviv mit einem Pferdefuhrwerk Waren, während Bettina Rosenbaum als Krankenkassen-Angestellte arbeitet.

1940 freundet sich Moische Rosenbaum mit dem Schrotthändler Jizchak Weinstock an. Auch die beiden Söhne sind bald unzertrennlich, und die Väter streiten sich ständig, ob Avner oder Rubi erfolgreicher sei.

Sein Vater, Moische Chaim Rosenbaum, von allen „der Roiter“ genannt – ein Beiname, der ihm, seinem Sohn, als Kind sehr unangenehm gewesen war – hatte mit den Weinstocks zusammengearbeitet, seit sich die beiden Familien Mitte 1940 begegnet waren. Rosens Vater war 1935 aus Polen ins Land gekommen, nachdem das kleine Damenbekleidungsgeschäft, das er mit Hilfe seines Schwiegervaters in Lemberg eröffnet hatte, in Konkurs gegangen war. Er war ohne einen Heller mit Frau und Kind, seinem Leibusch, in Tel Aviv eingetroffen und hatte sofort jedwedem Verdienst nachgejagt, um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Zunächst bezog die Familie eine Wohnung in der Maccabi-Siedlung, einem Viertel an der Grenze zwischen Jaffa und Tel Aviv, das seine Steuern an die Stadt Jaffa abführte. Positiv in Erinnerung geblieben ist ihm der Umstand, dass der Fußballplatz des Arbeitersportvereins Hapoel ganz in der Nähe lag, sodass er mit seinen Freunden dort Fußball spielen konnte, wann immer der Platz frei war.

Schulzeit

Anders als Rubi versucht Avner, in der Schule und auch anderswo zu verheimlichen, dass sein Vater Fuhrmann ist. Wenn er nach dem Beruf seines Vaters gefragt wird, erklärt er, der sei in der Transportbranche tätig. Im Neuen Gymnasium, das Avner ab 1944 und Rubi vom darauf folgenden Jahr an besuchen, sind fast alle anderen Schüler die Söhne von Beamten, Kaufleuten und Ärzten.

Anfang 1946 wird Amira Lipetz Avners Freundin. Die Schülerin des Herzlija-Gymnasiums gilt als ebenso klug wie schön, und ihre Familie zählt zu den reichsten in Tel Aviv. Kalman Aharon Lipetz stammt aus Ungarn, seine Ehefrau Mascha aus Polen. Vor dem Purim-Ball des Jahres 1946 am Herzlija-Gymnasium stellt Amira ihren neuen Freund den Eltern vor und auch ihrem älteren Bruder, der an der Amerikanischen Universität in Beirut Jura studiert. Avner, der eine enge Zwei-Zimmer-Wohnung gewohnt ist und sich mit seiner Schwester ein Zimmer mit einem Vorhang als Sichtblende teilt, ist überwältigt von den zahlreichen prunkvoll ausgestatteten Räumen der Familie Lipetz. Ein Chauffeur bringt ihn und Amira zum Ball.

Trotz des Reichtums fühlt sich Amira als Sozialistin und behauptet, nichts gegen einfache Leute zu haben. Nur Avners Freund Rubi kann sie wegen seiner schlechten Kleidung nicht ausstehen, und als sie beim Purim-Ball aufeinander treffen, kommt es zu einem heftigen Streit der beiden. Amira, die sich als Prinzessin verkleidet hat, schreit ihn an:

„Was soll ein Lump wie du unter uns? Wenn man mich fragte, würde ich empfehlen, dich hier hochkant rauszuschmeißen.“

Und Rubi feuert zurück:

„Mein Vater ist ein ehrlicher Schrotthändler, manchmal sammelt er auch Lumpen und Papier, aber er betrügt nicht die Regierung, unterschlägt keine Steuern und beschäftigt keine arabischen Arbeiter, mästet sich überhaupt nicht auf Kosten des jüdischen Jischuws. Deine jetzige Kleidung passt viel besser zu dir als deine Jugendbewegungsmaskerade. Du bist die geborene israelische Prinzessin, dazu ausersehen, in Buenos Aires Tango, in London Foxtrott und in Brasilien Samba zu tanzen. Jede Verbindung zwischen dir und uns ist rein zufälliger Art.“

Zürich

Im September 1951 zieht Avner nach Zürich, um dort Medizin zu studieren. Finanziell möglich ist dies, weil seine Mutter von ihren Eltern in Lemberg ein Nummernkonto in der Schweiz geerbt hat. Amira folgt ihm ein halbes Jahr später und fängt ein Pharmazie-Studium an. Um ohne Gerede der Nachbarn zusammen wohnen zu können, heiraten die beiden.

Bei der Autopsie einer jung Verstorbenen arbeitet Avner Rosen, wie er sich nun nennt, mit dem Kommilitonen Peter Müller aus Stuttgart zusammen, der offen zugibt, dass seine Eltern Bertha und Friedrich – eine Grundschullehrerin und ein Gymnasialdirektor – überzeugte Nationalsozialisten waren und Juden hassten. Über seinen Vater sagt Peter Müller:

Er war ein alternder Schuldirektor, der Goethe liebte, Rilke las und sich sicher war, daß Hitler alles recht getan hatte. In der Judenfrage habe er, auf Betreiben von Streicher und Rosenberg und auch unter dem Einfluss des etwas verschrobenen Intellektuellen Goebbels, möglicherweise geirrt. Die Juden seien begabte Menschen und hätten dem Reich nützen können, meinte er. Seine Ablehnung der antijüdischen NS-Politik war pragmatisch, nicht ethisch begründet. Er bedauerte, dass man Geistesgrößen wie Einstein und Oppenheimer Roosevelt und seinen Juden in die Arme getrieben hatte. Hätte man sie in Deutschland gelassen, wären die Deutschen heute die Herren der Welt, glaubte Friedrich Müller steif und fest: „Mit eigenen Händen haben wir dafür gesorgt, daß diese klugen Köpfe zu Hauptfeinden des Reichs wurden. Sie haben den Alliierten zum Sieg verholfen, indem sie für sie die Atombombe entwickelten. Wäre der Krieg nicht rechtzeitig aus gewesen, hätte diese Bombe ganz Deutschland dem Erdboden gleichgemacht.“

Peter Müllers acht Jahre jüngere Freundin Mirjam ist die Tochter eines Juden und einer zum Judentum konvertierten Schweizerin. Als sich die beiden Medizinstudenten mit ihren Frauen treffen und Avner beobachtet, wie der Stuttgarter Amira anmacht, beendet er abrupt den Kontakt mit ihm:

„Ich verstehe, Sie sind hinter jüdischen Frauen her. Sie haben von Ihren Eltern den Appetit auf jüdisches Fleisch geerbt, und ich sehe, das sechzehnjährige Mädchen hat Ihren Hunger nicht gestillt.“

Arztkarriere

1958 erhält Avner Rosen eine Assistenzarztstelle zur Fachausbildung am Hadassa-Krankenhaus in Tel Aviv, und Amira eröffnet mit finanzieller Unterstützung ihrer Eltern eine Apotheke. Im Jahr darauf wird ihre Tochter Lilach in Tel Aviv geboren. Aber in der Ehe beginnt es zu kriseln.

Wegen der Rezession in Israel wandern Amiras Eltern Mascha und Kalman Aharon Lipetz 1965 in die USA aus.
Nach der Facharztausbildung wechselt Avner als Chirurg zum Haschomer-Krankenhaus in Tel Aviv.

Sein Vater Moische Chaim Rosenbaum stirbt im Januar 1968 mit fast 68 Jahren nach mehreren Herzinfarkten. Daraufhin emigriert Avners Schwester Sarit in die USA, um dort Klavier zu studieren. (Sie heiratet später einen amerikanischen Internisten.)

Im März 1970 fliegt die Familie Rosen nach New York, wo Avner ein Weiterbildungs-Angebot des Memorial Sloan Kettering Cancer Center bekommen hat. Amiras Eltern haben für die Neuankömmlinge rechtzeitig eine luxuriöse Wohnung in Manhattan gekauft. Amira, die inzwischen zwei Apotheken in Tel Aviv besitzt, hat diese verpachtet, und der Vater kauft ihr in New York auf den Namen ihres eingebürgerten Bruders einen Drugstore.

Die Ehe ist nicht mehr zu retten. Bevor Avner nach Israel zurückkehrt, lassen er und Amira sich scheiden. Lilach entscheidet sich für den Vater und lässt sich auch weder von der Mutter noch den Großeltern umstimmen; sie fliegt mit ihrem Vater nach Tel Aviv. Dort arbeitet Avner nun als leitender Chirurg der onkologischen Station des Haschomer-Krankenhauses und lehrt auch weiter an der Universität.

Im September 1979 kehrt Avner Rosen von einem zweiten Fortbildungs-Aufenthalt aus den USA zurück, wird stellvertretender Leiter der onkologischen Station des Haschomer-Krankenhauses und ordentlicher Professor.

 

Zweiter Teil

Rubis Eltern

Jizchak Weinstein lebt mit seiner Mutter Selda in Wien, während der Vater im Ersten Weltkrieg an der Front ist. Selda Weinstein verdient mit Näh- und Schneiderarbeiten etwas Geld. Beispielsweise liefert sie Frau Rubiczeck ein Brautkleid für die Hochzeit der Tochter. Drei Monate lang wartet sie vergeblich auf die Bezahlung. Dann schickt sie ihren 16-jährigen Sohn los, aber Jizchak gelingt es nicht, das Geld einzutreiben.

„Guten Morgen, kleiner Jude. Was möchte der kleine Jude? Der kleine Jude möchte Geld haben?“ …
„Frau Rubiczeck“ – er bemühte sich sehr, Wienerisch zu sprechen, weder Jiddisch noch Hochdeutsch: „Sie sind drei Monate mit der Zahlung in Verzug. Mutter sagt, auch wir müssten was zum Leben haben. Es ist unschön und unfair, Frau Rubiczeck. Ich möchte sehr bitten.“ […]
„Geh deine jüdische Mutter vögeln. Sollen doch alle Dreckjuden krepieren. Verkaufen uns Lumpen und saugen uns das Mark aus den Knochen.“ […]
Frau Rubiczeck schrie: „Der Judenbengel will mich schlagen, Hilfe, Hilfe!“ Und als ein paar neugierige Nachbarn an den Türen erschienen, brach sie erst in gekünsteltes Wimmern, dann in heiseres Lachen aus.
Eine Nachbarin, zahnlos und mit einem Kochlöffel in der Hand, kam ein Stück die Treppe herauf. Ein Alter zog sich den Gürtel aus der Hose und humpelte auf ihn zu, die Hose nur noch von den Hosenträgern gehalten.

Nachdem Jizchak gedemütigt zurückgekehrt ist, geht Selda Weinstein selbst los – und bringt bald darauf den Geldbetrag mit.

Später heiratet Jizchak Weinstein Manya Dina Blumenkranz, und die beiden bekommen einen Sohn, den sie Re’uven („Rubi“) nennen. Der erinnert sich als Erwachsener an ein Erlebnis 1938 in Wien:

Mutter ist zum Friedhof gegangen, und er ist allein. Draußen ist es dunkel. Jäher Lärm aus dem zweiten Stock. Er starrt ins Dunkle und beginnt zu wimmern. Möbel werden hinausgeworfen, danach kommen Aufschreie eines Mannes und einer Frau. Ein Körper fällt aus dem Fenster. Was ist den Sonnenfelds passiert? Dann Stimmen an der Tür. Klingeln. Klopfen. „Wer ist da?“ Die draußen antworten: „Aufmachen!“ Er macht nicht auf. Sie hauen mit irgendwas gegen die Tür. Etwas splittert. Vier Männer stürzen herein. Der Vater von Swoboda. Groß und schlank wie sein Sohn. Furchterregender langer Schnauzbart. Der zweite ist der Hausmeister, Herr Riebentaler. Die beiden anderen tragen braune SA-Uniformen. Mutter hatte Vater immer erinnert: „Vergiss nicht, Riebentaler was zuzustecken. Wer weiß, wann wir ihn noch mal brauchen werden.“ Jetzt ist auch er da mit Swoboda und zwei SA-Leuten. (Später stellte sich heraus, dass Swoboda zu den führenden Parteimitgliedern im Viertel gehörte.)
Swoboda sagt: „Der kleine Bengel geht mit meinem Sohn zur Schule. Der Vater des Bengels ist dort, wo er hingehört. Die Mutter des Bengels treibt sich woanders rum.“ „Die Möbel sind gut“, sagt Riebentaler, „sollte man benutzen oder verkaufen.“
Die beiden SA-Männer begutachten die Möbel: Biedermeier-Anrichte, Flügel, Rauchtisch, Esstisch für zwölf Personen, Stühle mit Ledersitzen, Ledersessel. Rotes Kinderzimmer. Schlafzimmer mit Doppelbett, Regal, Schminktisch und Spiegel. Swoboda überlegt und entscheidet dann: „Nicht rauswerfen. Runterbringen.“
Einer der SS-Leute geht hinunter. Kehrt mit zwei bedauernswerten Zivilisten, offenbar Juden, zurück. „Arbeitet ein bisschen fürs Reich!“, schreit er sie an, und sie gehorchen, transportieren die Möbel, die Bilder und den Kronleuchter ab. Swoboda betritt die Küche. Geschirr, das ihm gefällt, lässt er fortschaffen, den Rest schleudert er mit großem Vergnügen zu Boden. […]
Rudi Weinstock sieht aus seiner Zimmerecke, wie die Wohnung ausgeräumt wird. Swoboda kommt auf ihn zu und tritt ihn mit dem Stiefel. „Geht mit meinem Sohn zur Schule, der Itzig. Hält sich für ein Genie, der Judenbengel. Hat meinem Sohn ab und zu einen Gefallen getan. Hat ihn Hausaufgaben abschreiben lassen, der Itzig. Sitzen bei uns und lassen einen nicht vorankommen. Man muss sie erledigen, solange sie noch klein sind. Dreckige Judenferkel.“ Warum dreckig? Warum schmutzig? Er wäscht sich doch fast täglich. Swoboda ist schmutziger und Riebentaler viel schmutziger. Jude ja, aber warum dreckig? Ein Gedanke, der ihn seither verfolgt. Schließlich sagt Riebentaler: „Lasst ihn. Ein Saujude, aber ein Kind. Ein Judenbengel. Schöne Augen hat er. Ist harmlos. Auch seine Eltern sind nicht die schlimmsten. Wenigstens nicht geizig wie die anderen. Denken bloß wie all die anderen, sie wären unsere Herren.“
Swoboda hebt ihn hoch und setzt ihn aufs Fensterbrett. Rudi sieht auf dem erleuchteten Hof Möbel der Sonnenfelds verstreut. Swobodas Hände halten ihn. Er versucht, sich an den Fensterflügeln festzuklammern. Er wimmert: „Andis Vater, was hab ich denn getan?“ Swoboda platzt schier vor Lachen. Er sieht aus wie eine Bulldogge, die an einem Knochen leckt. Die beiden SA-Leute lachen ebenfalls: Dieser zappelnde Junge ist lustig. Riebentaler kommt. Nimmt ihn herunter. Swoboda lässt ihn, tritt aber erneut mit dem Nagelstiefel zu und sagt abschließend: „Gib ihm eins in die Eier, da, wo er beschnitten ist, damit er’s weiß, dieser Judenbengel!“ Er hockt allein in seiner Ecke. Weint nicht mehr. Zusammengekauert. Macht die Augen zu, will nichts sehen, will nichts hören.

Zu diesem Zeitpunkt hat die SS bereits seinen Vater abgeholt. Rubi hält ihn später, als die Familie bereits in Tel Aviv lebt und die Eltern einen Schrotthandel betreiben, für einen schwachen Mann. Aber Mosche Leiser Wachtmann, der mit Jizchak Weinstein im KZ war, berichtet Rubi von einer mutigen Tat seines Vaters. Am 8. Januar 1939 wurden die Häftlinge trotz der Kälte noch in der Unterwäsche ins Freie getrieben, weil jemand die Wasserhähne in der Dusche abgebrochen hatte. Der Blockkommandant Friedrich Holz ließ sich einen Stuhl bringen, setzte sich vor die angetretenen Häftlinge, und als es zu schneien begann, orderte er ein Zeltdach für sich. Er wollte warten, bis sich der Schuldige meldete. Ein Häftling sackte tot zusammen. Als zwei weitere umkippten, befahl Friedrich Holz, sie von seinen Hunden im Zwinger zerfleischen zu lassen. Dann trat Jizchak Weinstein vor und behauptete, die Wasserhähne abgebrochen zu haben. Der Kommandant durchschaute die Lüge allerdings rasch.

„So“, sagte Holz, „der Saujude ist der Verbrecher, der Reichseigentum vernichtet. Was macht man mit so einem Saujuden? Vielleicht werfen wir ihn den Hunden vor?“ Dein Vater stand da und schwieg, senkte nur den Kopf, als erwarte er einen letzten Gnadenstoß. „So“, sagte Holz, „der Saujude ist ein anständiger Mensch, der seine Genossen schützen möchte.“
Dein Vater schwieg, sagte kein Wort. „Das deutsche Volk weiß Anständigkeit zu schätzen, sogar den Anstand unanständiger Saujuden“, sagte Holz. „Also denn, soll der Saujude in die Baracke gehen, wir wissen, dass er nichts abgebrochen und nichts zerstört hat. Drei Saujuden haben schon für die Tat bezahlt. Der anständige Saujude soll lieber in der Baracke sitzen, damit die anderen Saujuden von ihm lernen können, was deutsche Anständigkeit ist – die ehrt sogar jüdische Anständigkeit.“

Nach der Freilassung aus dem KZ flieht Jizchak Weinstein nach Jugoslawien und wartet dort auf seine Frau Manya. Ein illegales Einwandererschiff bringt sie nach Palästina. Ihr Sohn Rubi kommt im Rahmen der Kinder- und Jugend-Alijah nach und wird dort in ein Kinderdorf aufgenommen, während die Eltern einen Schrotthandel eröffnen.

Max Reinhardt Seminar

Ab 1945 besucht Rubi Weinstein das Neue Gymnasium in Tel Aviv. Dort engagiert er sich in der Theater-AG.

1953 zieht er nach Wien und beginnt eine Theaterregie-Ausbildung am Max Reinhardt Seminar im Palais Cumberland. Moritz Süßer, ein Wiener Jude, der mit seinem Vater im KZ Buchenwald war, stellt ihm eine Wohnung zur Verfügung.

Um seine jüdische Herkunft zu vertuschen, nennt Rubi sich in Wien Rudolf Wein, und später nimmt er in den USA den Künstlernamen Ray Carmi an.

Rubis Lehrer Kurt Simonsohn war stellvertretender Verwaltungsdirektor in Mauthausen. Von Isabella Rosenfeld, seiner ersten Ehefrau, einer Jüdin, hatte er sich scheiden lassen, um nicht unangenehm aufzufallen. Als der Sohn Joseph 17 Jahre alt war, suchte er 1946 nach seiner Mutter, zog zu ihr in die USA, nannte sich nun Joe Simmons und wurde Journalist.

Mit einer Inszenierung des Shakespeare-Stücks „König Lear“ in Wien schließt Rubi sein Studium Mitte 1956 erfolgreich ab und erhält das Angebot, am Zürcher Schauspielhaus Strindbergs Stück „Der Vater“ zu inszenieren. Für die Rolle der Tochter wird Rubis Lebensgefährtin Margaret Simonsohn engagiert, die Tochter aus Kurt Simonsohns zweiter Ehe mit der Französin Geneviève.

Als die beiden vor der Premiere im Zürcher Restaurant „Zum lustigen Jäger“ essen, ist zufällig auch das Ehepaar Amira und Avner Rosen da. Seit dem Eklat beim Purim-Ball in Tel Aviv sind zehn Jahre vergangen. Margaret spürt, dass Rubi und Amira sich nicht gleichgültig sind, und als ihr Lebensgefährte in der Runde ankündigt, er werde nach Israel zurückkehren, ahnt sie, dass es die Trennung ist.

Liesel

Bevor Rubi Wien verlässt, will er noch Elisabeth („Liesel“) Wagner in Kärnten besuchen. Im Alter von 16 Jahren war sie von seinen Eltern als Haushaltshilfe in Wien angestellt worden und hatte sich liebevoll um ihn gekümmert, als er noch ein Kind war. Zufällig handelt es sich bei dem Förster, den er nach dem Ort Heckendorf fragt, um Liesels Bruder Franz Weiß. Der will nicht glauben, dass er Jude ist, hat aber Respekt vor den Israelis.

„Wenn Sie schon hier sind, erzählen Sie mir mal was über die Israelis. Ich habe sie manchmal in der Wochenschau im Kino gesehen.“
„Die Israelis sind Juden, von denen haben Sie sicher gehört.“
„Ich weiß, Liesel erzählt immer, sie hätte bei guten Juden gearbeitet. Aber wir glauben ihr nicht. Und ich glaube auch nicht, dass die Israelis Juden sind. Die Juden sind furchtsam wie Schafe, dreckig und verlogen. Man weiß ja, sie sind gut im Finanzgeschäft, aber für den Krieg taugen sie nicht. Außerdem sind nicht mehr viele übrig. Wir haben fast alle erledigt.“

Franz Weiß lotst den Besucher zu seiner Schwester, die als Dorfbriefträgerin arbeitet und ihren Ehemann längst hinausgeworfen hat. Als sie ihn zum Essen im Dorfgasthof einlädt, hört Rubi am Nebentisch ihren Bruder, der mit anderen Männern Bier trinkt.

„Dieser Bursche von Liesel ist gar kein Jude, er ist Israeli. Ihre Väter sind Juden, aber sie selbst sind eine neue Rasse. Schau ihn dir an, er sieht überhaupt nicht jüdisch aus. Du hast genauso wie ich in der Wochenschau gesehen, wie sie die Araber geschlagen haben.“

Theaterkarriere

Am 1. Oktober 1956, einen Tag nachdem israelische Fallschirmjäger über dem Sinai abgesprungen sind, trifft Rubi in Tel Aviv ein. Dort teilt er sich eine Wohnung mit seiner Jugendfreundin Zafrira Sohari, der Tochter des Mapai-Funktionärs Jekuti’el Sohari und dessen Frau Amalia. Zafrira ist inzwischen als Kulturoffizierin und Schulleiterin tätig und noch immer in ihn verliebt. Rubi schläft mit ihr, täuscht ihr aber keine größeren Gefühle vor und geht auch nicht darauf ein, als ihre Familie zur Eheschließung drängt.

Rubi inszeniert in Wien Arthur Millers Theaterstück „Der Tod eines Handlungsreisenden“ und denkt dabei an seine Eltern.

Sein Handlungsreisender geht jeden Morgen weg, um Schrott zu erwerben und abzusetzen, und kehrt jeden Abend elend, erniedrigt und halb tot zu seiner Frau zurück, die ihn auffordert, billig ein- und teuer zu verkaufen. Wer hat mehr dazu beigetragen, seinen Handlungsreisenden in den Tod zu treiben: der Deutsche, der ihn demütigte, oder seine Frau, die ewig enttäuscht über ihn war, weil er teuer kaufte und billig verkaufte?

Als der Hauptdarsteller Robert Rieberg wegen eines Fiebers wenige Stunden vor der Premiere ausfällt, springt Rubi selbst ein – und wird auf der Bühne gefeiert. Zwei Theater möchten ihn als Schauspieler engagieren, aber er lehnt die Angebote ab, denn er fühlt sich als Regisseur.

Rubi lehnte ab. Er wolle nicht Schauspieler werden. Er habe diese Aufgabe ja nur als Notlösung übernommen. Er sei ein Regisseur, der ausnahmsweise eine Schauspielrolle übernommen habe, und nicht ein Schauspieler, der sich auch als Regisseur versuche. Es übersteige seine gesundheitlichen und sonstigen Kräfte, immer von neuem eine Figur zu verkörpern und ihre Bürde zu schultern. Er zöge es vor, Welten zu schaffen, die andere ausfüllten.

Im Gegensatz zu ihm nimmt Margaret Simonsohn drei Rollenangebote an und zieht für die Spielzeit nach Salzburg, während Rubi in London zu tun hat. Dort freundet er sich mit einer Schauspielerin an, beschränkt die Beziehung aber aus Liebe zu Margaret aufs Platonische. Umso schlimmer ist es für ihn, als er nach Wien zurückkommt und Margaret ihm gesteht, dass sie ihn mit dem Treblinka-Überlebenden Max Großmann betrogen habe.

Zur Silvesterfeier verabredet sich Rubi mit der Schauspielerin Anna Hoffer und trifft im Saal der Hofburg auf Margaret in Begleitung ihres Kollegen Christian Hardt. Auch Margarets Eltern Geneviève und Kurt Simonsohn nehmen an dem Fest teil.

Während er in New York unter Vertrag steht, trifft Rubi 1978 zufällig Amira. Der Eklat beim Purim-Ball des Jahres 1946 am Herzlija-Gymnasium in Tel Aviv ist nicht vergessen, aber seit damals hat Rubi nicht aufgehört, Amira heimlich zu begehren, und sie fühlt sich trotz ihrer früheren Vorurteile ebenso zu ihm hingezogen. Die beiden lassen sich nun auf eine Liebesbeziehung ein.

Auf die Nachricht von der ernsten Erkrankung seiner Mutter fliegt das Paar sofort nach Tel Aviv.

Ausklang

Am 1. Dezember 1979 bringt Rubi seine Mutter Manya Weinstock zu seinem Freund ins Haschomer-Krankenhaus. Die Diagnose lautet: Darmkrebs. Prof. Avner Rosen operiert sie am 14. Dezember. Drei Monate später, am 2. März 1980, muss Manya Weinstock erneut ins Krankenhaus. Rubis Vater Jizchak Weinstein bricht am 15. März vor dem Krankenbett seiner Frau zusammen: ein Schlaganfall. Manya stirbt am 4. April, Jizchak zwei Wochen später. Am Grab des Vaters erleidet Rubi einen Herzinfarkt und muss im Krankenhaus behandelt werden.

Zwei Monate später heiraten Rubi und Amira. Kurz darauf geben sich Avner und die Krankenschwester Ziona das Ja-Wort.

Im Juli 1983 erfährt Rubi von dem Philosophie-Professor Na’aman Ran, dass Moritz Süßer in Wien im Monat davor gestorben sei. Am 10. August erhält er ein Telegramm von Margaret Simonsohn-Teitelbaum mit der Nachricht vom Tod ihres Vaters, und noch am selben Tag trifft die Mitteilung von Elisabeth Wagners Tod ein.

Rubi bucht den nächsten Flug nach Wien, nimmt dort an der Trauerfeier für Kurt Simonsohn teil und fährt dann mit einem Leihwagen nach Heckendorf, wo er gerade noch rechtzeitig eintrifft, um sich in den Leichenzug für Liesel einzureihen.

Hilde Weiß, die Tochter des Försters Franz Weiß, übergibt ihm danach auf Wunsch ihrer verstorbenen Tante ein Fotoalbum mit Bildern aus seiner Kindheit in Wien.

Die Frau übergab ihm das Album und ging zu ihren Brüdern, die im Begriff standen, den Friedhof zu verlassen. Einer sagte hörbar laut zu ihr: „Dann ist das anscheinend Liesels Judenbengel. Der ist hergekommen, weil er dachte, Liesel hätte ihm ein paar Millionen hinterlassen. Sag ihm, hier wär nichts zu holen, für ihren Judenbengel ist nichts übriggeblieben.“

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Gershon Shaked hat seinen Roman „Immigranten“ genau in der Hälfte unterteilt. Die beiden Teile – man könnte auch von zwei Romanen sprechen – sind nicht als Gegensätze konzipiert und spiegeln einander auch nicht, sondern sie variieren ein Thema. Protagonist der ersten Hälfte ist Avner Rosen, die zweite dreht sich um Rubi Weinstock. Wie der (gleichaltrige) Autor sind beides Söhne aus jüdisch-österreichischen Familien, die als Kinder nach Palästina gelangen.

Sie sind Söhne aus (verfolgten) Emigranten- bzw. Immigranten-Familien („Mehagrim“) und tragen die Last familiärer jüdischer Geschichte und gespannter Vater- und Mutterbeziehungen mit sich. (Karl Müller im Nachwort)

Avner Rosen wird Professor und Chirurg in der Onkologie. Die Romanhälfte, die um ihn kreist, wirkt klar durchdacht und strukturiert. Im zweiten Teil von „Immigranten“ ist das anders. Da erinnert sich der Theaterregisseur Rubi Weinstock daran, wie seine Eltern starben, an seine Kindheit, die Schulzeit, Liebesbeziehungen und an Stationen seiner Karriere. Dementsprechend springt Gershon Shaked zeitlich vor und zurück, wechselt mitunter ohne Übergang zwischen Gegenwart und Erinnerung.

Nicht zuletzt durch die Zweiteilung von „Immigranten“ kommt es mehrmals zu Wiederholungen. Aus anderen Romanen kennen wir Szenen, die aus verschiedenen Perspektiven dargestellt werden, sodass sich die Passagen spiegeln, ergänzen oder korrigieren. Das ist in „Immigranten“ nicht der Fall; da stören die Wiederholungen, weil sich daraus nichts Neues ergibt und sie auch keiner Rhythmisierung dienen.

Als auktorialer Erzähler tritt Gershon Shaked nicht auf, und er kommentiert auch weder die Ereignisse noch das Verhalten seiner Romanfiguren. Er schreibt ohne jede Effekthascherei sachlich-nüchtern, ernst und ruhig. Flotter lesen ließe sich der Roman „Immigranten“, wenn Gershon Shaked die Absätze kürzer gehalten und beispielsweise bei jedem Sprecher-Wechsel in wörtlich wiedergegebenen Dialogen eine neue Zeile angefangen hätte.

Gershon Shakeds Buch ist Entwicklungs- und Immigranten-Roman zugleich.

Der Roman kombiniert […] Elemente des Immigrantenromans, Kindheits- oder Jugendromans, Familien- und Generationenromans, Erziehungsromans, Post-Holocaustromans und vielleicht anderer […]. (Mark H. Gelber im Vorwort)

Aufschlussreich ist „Immigranten“ vor allem, weil Gershon Shaked die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aus einer in Deutschland ungewohnten Perspektive darstellt. Er nimmt uns mit in die Gedankenwelt vor allem seiner beiden in Israel sozialisierten Hauptfiguren, die in Europa und Amerika mit Antisemitismus konfrontiert werden.

Neben den beiden Protagonisten, die Kunst und Wissenschaft repräsentieren, stellt uns Gershon Shaked in „Immigranten“ eine Reihe weiterer Figuren vor, Frauen und Männer, Arme und Reiche, Juden und Nicht-Juden aus verschiedenen Generationen. Da prallen auch Juden und Antisemiten aufeinander. Fremdheit, Unverständnis und Vorurteile gibt es auf allen Seiten. In seinem Roman „Immigranten“ vertieft Gershon Shaked die Klüfte nicht, sondern plädiert zwischen den Zeilen für Völkerverständigung.

Gershon Shakeds Familie stammt aus Belz in Galizien. 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, floh sie nach Wien. Dort wurde Gerhard Mandel (später: Gershon Shaked) am 8. Juli 1929 geboren. Seinen Vater Aharon Mandel nahmen 1939 die Nationalsozialisten fest und sperrten ihn für einige Zeit zunächst im KZ Dachau, dann im KZ Buchenwald ein. Mit einem Kinderzertifikat gelangte der zehnjährige Sohn 1939 nach Palästina, wohin auch seine Eltern Aharon und Esther Mandel als illegale Immigranten auswanderten.

Nach der Promotion über hebräische Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalem im Jahr 1964 studierte Gershon Shaked an der Universität Zürich Germanistik, Anglistik und Romanistik. 1959 erhielt er einen Lehrstuhl für hebräische und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Hebräischen Universität Jerusalem. International beachtet wurde vor allem sein 1996 veröffentlichtes Buch „Geschichte der modernen hebräischen Literatur. Prosa von 1880 bis 1980“.

Nach einer Herzoperation im Sha’arei Tzedek Hospital in Tel Aviv starb Gershon Shaked am 28. Dezember 2006.

„Immigranten“ blieb der einzige Roman des Literaturwissenschaftlers. Der Originaltitel „Mehagrim“ bedeutet sowohl Emigranten als auch Immigranten.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © The Estate of Gershon Shaked

Claire Keegan - Das Abschiedsgeschenk
Die Protagonistin erzählt nicht in der Ich-Form, sondern in der 2. Person Singular, also aus einer Distanz zu sich selbst. Vieles wird nur ange­deu­tet, manches bleibt unklar. In der Erzählung "Das Abschiedsgeschenk" von Claire Keegan kommt es auf die Zwischentöne an.
Das Abschiedsgeschenk