Melanie Raabe : Die Wälder

Die Wälder
Die Wälder Originalausgabe btb Verlag, München 2019 ISBN 978-3-442-75753-4, 428 Seiten ISBN 978-3-641-21303-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine 17-Jährige verschwindet 1999 aus dem Heimatdorf im Wald, und eine Clique von vier Kindern glaubt, Gloria sei von dem furchterregenden Schrotthändler Wolff entführt und ermordet worden, aber die Eltern nehmen sie nicht ernst. 20 Jahre später wollen die vier Freunde endlich die Wahrheit aufdecken, aber Tim stirbt, bevor sein Plan realisiert werden kann ...
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Kritik

Mutmaßungen, Befürchtungen und Vorahnungen der Romanfiguren, aber auch Andeutungen, Informationshäppchen, rhetorische Fragen, Cliffhanger, falsche Fährten und immer neue überraschende Wendungen treiben die Spannung in dem Thriller "Die Wälder" von Melanie Raabe hoch. Dazu kommt eine dichte düstere und bedrohliche Atmosphäre.
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Die Kinder

Als Gloria nach dem Tod ihrer Großmutter kurz vor ihrem 18. Geburtstag am 22. November 1999 aus ihrem Dorf verschwindet, glauben die sieben Jahre jüngeren Freunde Peter, Eddie, Winnie und Kante, dass sie entführt worden sei. Peter sah Gloria zuletzt mit dem unheimlichen Schrotthändler Wolff aus einem Nachbardorf am Rand der Wälder. Als die Kinder in Wolffs schwarzen Volvo schauen, entdecken sie eine Verpackung der von Gloria gern konsumierten Zimtkaugummis. Daraufhin beschließen die Kinder, in Wolffs Haus nach Spuren zu suchen. Peter dringt durch ein Kellerfenster ein und findet nicht nur eine Pistole, sondern auch Kleidungsstücke, die Gloria gehören. Beinahe wird Peter von Wolff ertappt. Seine Komplizen werfen mit einem Stein ein Fenster ein, um den Bewohner abzulenken und dem Einbrecher die Flucht zu ermöglichen, aber Wolff erkennt Peter.

Die Kinder laufen zu Winnies Eltern. Dort sitzen auch Wolff und Eddies Eltern. Sie nehmen die Kinder nicht ernst, die den Schrotthändler beschuldigen, Gloria entführt und ermordet zu haben. Stattdessen verbieten sie den Freunden jeden zukünftigen Kontakt miteinander, versichern Wolff, dass er den Schaden ersetzt bekomme und bedanken sich bei ihm dafür, dass er keine Anzeige erstattet.

Peter hielt Gloria für seine Cousine. Erst jetzt hört er das Gerücht, dass es sich um seine Halbschwester handele. Seine Mutter Rita Kirsch hat wieder zu trinken angefangen. In einem halbwegs lichten Moment fragt er sie nach Gloria, und sie gibt zu, dass es ihre Tochter ist. Nach dem Tod der Großmutter, bei der Gloria zuletzt aufwuchs, hielt sie nichts mehr im Dorf. Rita meint, Peter solle froh sein, dass er von einem kultivierten US-Soldaten gezeugt worden sei, während Gloria einen gewalttätigen Vater habe. Peter denkt an die schweren Stiefel des Schrotthändlers, die er schon einmal im Flur stehen sah und erinnert sich daran, wie seine Mutter von Wolff schwer misshandelt wurde.

Kurz darauf ziehen Winnie und ihre Eltern fort. Die Clique löst sich auf.

Tims Plan

Nina Schwarz, eine Krankenhausärztin Anfang 30, stammt aus dem Dorf im Wald. Als Kind wurde sie von ihren Freunden „Winnie“ gerufen. Ihr Vater führte die Arztpraxis im Dorf, aber vor 20 Jahren zogen Andrea und Manfred Schwarz mit ihrer Tochter in die Stadt. Nina wohnt inzwischen, 2019, mit einer Frau namens Jessie in einer Wohngemeinschaft.

Rita Kirsch ruft an und teilt Nina mit, dass ihr Sohn Tim, Ninas Jugendfreund, tot sei. Tim, in der Clique damals „Peter“ genannt, reiste als Fotograf viel durch die Welt, kehrte aber vor kurzem ins Heimatdorf zurück. Nina wirft sich vor, seine Nachricht auf der Mailbox wegen der beruflichen Hektik vergessen und noch nicht abgehört zu haben. Er habe das „letzte Puzzleteil“ gefunden und wolle mit ihr darüber reden, heißt es da. Nina weiß, was er meint. Sie und die drei Freunde sind seit damals überzeugt, dass Gloria von Wolff entführt, vergewaltigt und ermordet wurde. Peter hatte schon als Kind erfahren, dass der Schrotthändler eine Jagdhütte besaß und hörte nie auf, nach diesem „letzten Puzzleteil“ zu suchen. Inzwischen entdeckte er nicht nur die Hütte, sondern fand dort auch einen Button, den er an Gloria gesehen hatte.

In einem Brief an Nina beschrieb er seinen Plan, wie er in dieser Hütte die Wahrheit aus Wolff herausprügeln wollte. Aber dazu hatte er keine Gelegenheit mehr.

Nina setzt sich mit David Schuster – dem „Eddie“ ihrer Clique in der Kindheit – in Verbindung. Der bei der Polizei tätige 31-jährige Jurist hat ebenfalls einen Brief mit Tims Plan erhalten und weiß darüber hinaus, dass der gemeinsame Jugendfreund durch einen „goldenen Schuss“ starb. Nina hält das für unmöglich, denn Tim war seit langem clean. Kam er Wolff zu nah?

David hält Tims Plan für Irrsinn. Auf keinen Fall will er seine Karriere durch kriminelle Handlungen gefährden.

Wenige Tage später erfährt Nina, dass nun auch Tims Mutter Rita tot ist.

Fahrt in die Wälder

Tim fand heraus, dass Wolff hin und wieder in der Stadt zu tun hatte und dann jeweils gut zahlende Mitfahrer suchte. Für 3. November 2019, Punkt 19 Uhr, vereinbarte Tim kurz vor seinem Tod unter falschem Namen im Internet einen Treffpunkt beim Bahnhof.

Wolff wundert sich, dass statt eines Mannes eine Frau mitfahren möchte. Nina erklärt ihm, zur Sicherheit gebe sie sich bei der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit stets als Mann aus. Sie heiße Jessika, lügt sie und gibt ihm ein Kuvert mit dem vereinbarten Geldbetrag. Weil ihre Mitbewohnerin gerade verreist und deshalb nicht auf Ninas Hund Bill Murray aufpassen kann, hat Nina das Tier in einer Transportbox dabei und stellt diese neben sich auf die Rücksitzbank des schwarzen Volvo.

Aus Toms Brief weiß Nina, dass der Feldweg zu Wolffs Jagdhütte im Wald 158 Kilometer nach der letzten Tankstelle von der Straße abzweigt.

Lange bevor sie die Stelle erreichen, wird Wolff durch einen auf der durch die Wälder führenden Straße stehenden Mann zu einer Vollbremsung gezwungen. Der Anhalter deutet auf ein Auto mit geöffneter Motorhaube und behauptet, eine Panne zu haben. Wolff nimmt ihn mit. Es ist David.

Der Freund ahnte, dass Nina allein handeln würde. Als er sich entschloss, sie zu beschützen, war es bereits für die Abfahrt um 19 Uhr am Bahnhof zu spät. Deshalb beeilte sich David mit seinem Auto, Wolff zuvorzukommen und ihn dann unterwegs durch eine vorgetäuschte Panne anzuhalten.

Trailer-Park

Wolff biegt schon weit vor der Jagdhütte ab, fährt in den Wald und hält bei einer nicht fertig gebauten Talbrücke, unter der sich ein Trailer-Camp befindet. Nina und David befürchten, er habe sie in eine Falle gelockt, aber er holt eine große Tüte aus dem Kofferraum und verteilt Lebensmittel an die hier Wohnenden.

Ein fünfjähriger Junge namens Nicu erbeutet eine Tafel Schokolade und klettert damit auf einen Kastanienbaum. Aus zweieinhalb Metern Höhe stürzt er und bleibt leblos auf dem Boden liegen. Nina rennt hin und schafft es, das Kind wiederzubeleben. Als Wolff den von Nina geretteten Jungen in die Arme nimmt, begreifen Nina und David, dass es sich um Vater und Sohn handelt.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
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Die Jagdhütte

Sie fahren weiter. Kurz nach dem Abzweig zur Jagdhütte muss Wolff erneut bremsen, diesmal wegen Rehen auf der Straße. Nina betäubt Wolff mit einer Injektion in den Hals. Bei der Jagdhütte wartet bereits jemand, der ebenfalls einen Brief von Tim bekommen hat: Henri Kramer, damals „Kante“ gerufen. Der Architekt lebt mit seinem Ehemann, einem englischen Drehbuchautor, in London.

Die drei Freunde fesseln Wolff auf einen Stuhl. Als er zu sich kommt, fordern sie ihn auf, ihnen zu sagen, was er vor 20 Jahren mit Gloria machte. Wolff beteuert, der damals 17-Jährigen nur geholfen zu haben, aus dem Dorf zu verschwinden. Dabei brachte er sie für ein paar Tage in seiner Jagdhütte unter. Nina, David und Henri glauben ihm nicht. Aber Wolff behauptet, seine Unschuld beweisen zu können und nennt Nina die PIN zum Entsperren seines Smartphones: 221181. Dann soll sie in der Kontaktliste Sam Schmidt suchen und anrufen, obwohl es 4.38 Uhr ist. Nina erkennt die Stimme sofort. Es ist Gloria! Sie wurde am 22. November 1981 geboren, und ihr zweiter Vorname lautet Samantha. Gloria ist Wolffs Tochter. Er zeugte sie mit Tims Mutter Rita.

David durchtrennt die Fesseln des Mannes, den sie offenbar zu Unrecht für einen Mörder hielten. Im nächsten Augenblick springt Wolff auf und rennt davon. David verfolgt ihn in der Dunkelheit, bis die Silhouette des Gejagten plötzlich verschwindet. Nina und Henri kommen mit einer Taschenlampe nach. Erst jetzt erkennt David den Abgrund vor ihm.

Sobald es hell wird, finden die Freunde ihren Verdacht bestätigt: Wolff liegt tot in der Schlucht.

Auf dem Rückweg reißt Billy sich kläffend los und führt sie zu einer Stelle, an der eine skelettierte Leiche verscharrt ist. Gloria! Er hat sie also doch umgebracht!

David ruft die Polizei. Bei ihren Aussagen verschweigen die drei Freunde nur die Betäubungsspritze und die Gewalt, mit der sie Wolff zum Reden brachten.

Zurück im Dorf

Im Dorf trifft Nina auf Michelle Gehrke, eine dort aufgewachsene 20-jährige Schauspielschülerin, die sich nach Tims Rückkehr mit ihm anfreundete und nun seinen Anweisungen folgt, als „Tims Geist“ Fragen der Freunde zu beantworten. Nina erfährt von ihr, dass Tim unheilbar an Krebs erkrankt war und sich Drogen besorgte, um mit einer Überdosis Schluss zu machen.

Es stellt sich heraus, dass es sich bei der nahe der Jagdhütte verscharrten Leiche um die eines Mannes mit künstlichem Kniegelenk handelt. Es sind also nicht Glorias Knochen. Der Schrotthändler erschoss wohl vor 20 Jahren seinen Geschäftspartner Greibe, der ihn betrogen hatte.

Nina, David und Henri nehmen an der Urnenbestattung des Freundes teil. Beim Leichenschmaus in der Dorfgaststätte lernen sie Roman und Petra Sorokin kennen, die vor zwei Jahren ihren Zirkus aufgaben. Als sie vor 20 Jahren im Dorf gastiert hatten, war ihnen ein Tiger ausgekommen. Tim – damals noch der knapp elfjährige „Peter“ – hatte behauptet, im Wald einen Tiger gesehen zu haben, aber niemand glaubte ihm.

Nina verlässt die Gaststätte, um frische Luft zu schnappen. An Tims Grab steht eine Frau. Es ist Gloria. Sie habe das Dorf gehasst und nach dem Tod ihrer Großmutter nur noch weg gewollt, sagt sie. Ihre Mutter habe sich nie um sie gekümmert, ihr Vater habe ihr geholfen, spurlos zu verschwinden.

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Eine 17-Jährige verschwindet 1999 aus dem Heimatdorf im Wald, und eine Clique von vier Kindern glaubt, Gloria sei von dem furchterregenden Schrotthändler Wolff entführt und ermordet worden, aber die Eltern nehmen sie nicht ernst. 20 Jahre später wollen die vier Freunde endlich die Wahrheit aufdecken.

Aus diesem Plot hat Melanie Raabe mit „Die Wälder“ einen Thriller gemacht, bei dem sie von der ersten Seite an durch Mutmaßungen, Befürchtungen und Vorahnungen der Romanfiguren, aber auch Andeutungen, Informationshäppchen, rhetorische Fragen, Cliffhanger, falsche Fährten und immer neue überraschende Wendungen die Spannung hochtreibt. Das geschieht in ungewöhnlich dichter Folge und ergibt eine gut durchdachte Konstruktion, mit der wir als Leserinnen und Leser zu unserem Vergnügen manipuliert werden. Eine dichte düstere und bedrohliche Atmosphäre ergänzt die Suspense.

Melanie Raabe entwickelt die Geschichte in „Die Wälder“ auf zwei Zeitebenen im Abstand von 20 Jahren: 1999 und 2019. Soweit die Ereignisse in der Gegenwart (2019) stattfinden, wechselt die Autorin zwischen den Perspektiven von Nina und David. Die Zahl der Charaktere bleibt leicht überschaubar.

Die Handlung beginnt 1999 in einem Dorf, während der 2019 spielende Teil in einer Stadt einsetzt. In „Die Wälder“ geht es jedoch nicht um die Dichotomie von ländlicher Idylle und urbaner Zivilisation. Die Wälder sind hier auch nicht als Gegensatz des Großstadt-Dschungels zu verstehen, sondern eher als Metapher für Unfassbares und Verdrängtes, Düsteres, Unheimliches und Bedrohliches.

Die Gegenwart ist von der Vergangenheit geprägt. Erst als Erwachsenen gelingt es Nina, David und Henri, Fragen zu klären, die sie seit der Kindheit umtreiben.

Leider ist es Melanie Raabe in „Die Wälder“ nicht gelungen, den über fast alle Seiten hinweg hochgehaltenen Spannungsbogen am Ende noch in eine Klimax zu steigern. Die Idee mit „Tims Geist“ ist alles andere als überzeugend, und spätestens an dieser Stelle erschlafft die Spannung.

Zu kritisieren sind auch unbeantwortete Fragen und Handlungsfäden, die einfach fallen gelassen werden. Was hat es mit den Menschen im Trailer-Park unter einer unfertigen Brücke auf sich? Wer richtet die große Trauerfeier für Tim im Dorf aus, und wieso weiß der Wirt der Dorfgaststätte, in dessen Saal sie stattfindet, wenige Stunden vor der Bestattung noch nichts davon? Als Nina eine Gelegenheit dazu hat, zu erfahren, was aus Gloria geworden ist, stellt sie kaum Fragen, obwohl das Thema sie seit 20 Jahren umtreibt.

Weil aber die Schwächen durch Stärken mehr als ausgeglichen werden, handelt es sich bei „Die Wälder“ von Melanie Raabe um einen lesenswerten Thriller.

Den Thriller „Die Wälder“ von Melanie Raabe gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Anna Schudt und der Autorin.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020

Melanie Raabe: Die Falle
Melanie Raabe: Die Wahrheit

Henning Mankell - Der Sandmaler
"Der Sandmaler" ist eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und Gesellschaftskritik, eher ein Jugendbuch als ein Roman für Erwachsene. Henning Mankell prangert nicht nur den Kolonialismus an, sondern auch die Ausbeutung afrikanischer Länder durch die Reiseindustrie; er veranschaulicht sowohl den Überlebenskampf der Afrikaner als auch die Ignoranz und Rücksichtslosigkeit der Touristen.
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