Tonio Schachinger : Echtzeitalter

Echtzeitalter
Echtzeitalter Originalausgabe Rowohlt Verlag, Hamburg 2023 ISBN 978-3-498-00317-3, 365 Seiten ISBN 978-3-644-01446-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Wir begleiten Till Kokorda vom 14. bis 18. Lebensjahr. Er besucht das Marianum in Wien, eine Lehranstalt, die Kindern reicher Familien vorbehalten ist, die sich das Schulgeld leisten können. Ein strenger Pauker bläut den Schülern mit Reclam-Heftchen Literatur ein. Till versucht, die Regeln einzuhalten und nicht aufzufallen. Richtig zum Leben erwacht er erst, wenn er sich in die mittelalterliche Welt eines Computerspiels vergraben kann.
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Kritik

Bei "Echtzeitalter" handelt es sich um eine Coming-of-Age-Geschichte und einen Bildungs- bzw. Pennäler-Roman über den Konflikt zwischen schulischem Bildungsterror und individueller Entwicklung. Tonio Schachinger verzichtet auf formale Besonderheiten, und statt durchgehend zu inszenieren, setzt er auf eine herkömmliche Art des Erzählens.
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Dolinar

Till Kokorda ist 14 Jahre alt und besucht das Marianum in Wien, eine Lehranstalt, die Kindern reicher Familien vorbehalten ist, die sich das Schulgeld leisten können …

[…] Kindern, die schon mit elf wissen, dass sie mehr erben werden, als ihre Lehrer je verdienen könnten.

Die Tradition der Eliteschule wird besonders von Tills aus Kärnten stammendem Deutsch- und Klassenlehrer Dolinar hochgehalten. Der Pauker glaubt, mit Demütigungen und Strafen für Disziplin sorgen zu müssen. Statt Literatur aus dem 20. oder gar 21. Jahrhundert müssen die Schüler Reclam-Heftchen lesen, zum Beispiel „Brigitta“ von Adalbert Stifter, und wehe, sie können Dolinars Detailfragen zu Nebensächlichkeiten nicht beantworten.

Sie sagen „Egipten“, weil der Dolinar überzeugt ist, dass „Ägüpten“ falsch sei, und als er mit jemandem spricht, der ihn vom Gegenteil überzeugt, und daraufhin festlegt, dass ab jetzt „Ägüpten“ die richtige Aussprache sei, folgen sie ihm, und als der Dolinar nach zwei Wochen zurückrudert und verlauten lässt, dass seine Quelle nicht zuverlässig gewesen sei, sagen sie eben wieder „Egipten“.

Viele [der Schüler] kommen irgendwann zu dem Ergebnis, dass sie Sprache als Ganzes nicht mögen. Sprache ist Arbeit, Sprache ist Unterricht. Sprache ist das unauflösliche Dilemma zu reden wie ein Österreicher, aber sprechen zu sollen wie ein Deutscher […].

Der Turnlehrer Betsch erzählt dagegen, dass er Ende der Achtzigerjahre, als er noch am Kollegium Kalksburg unterrichtete, eine Schulklasse vor die Wahl zwischen Fuß- und Basketball stellte und der zwölfjährige Daniel Kehlmann aufbegehrte:

„Ich brauche eine dritte Option neben Fußball und Basketball, die mir erlaubt, dem nachzugehen, was in meinem Leben wichtig sein wird, und ich kann zu diesem Zeitpunkt bereits ausschließen, dass Ballsport dafür in Betracht kommt.“

Seit der Scheidung seiner Eltern Helga und Michael Kokorda wohnt Till bei der Mutter. Der Vater stirbt, als Till die vierte Klasse des Marianums besucht.

Age of Empires 2

Am Marianum versucht Till die Regeln einzuhalten und nicht aufzufallen. Richtig zum Leben erwacht er erst, wenn er sich als „Tiiiko“ in die mittelalterliche Welt des Echtzeit-Strategiespiels „Age of Empires 2“ (AoE 2) von Microsoft vergraben kann. Helga Kokorda beobachtet besorgt, wie ihr Sohn vor dem Bildschirm die reale Welt vergisst.

Wüsste Tills Mutter, dass es bei Computerspielen nie um Gewalt geht, sondern immer um Immersion, und brächte sie diese Erkenntnis damit in Verbindung, wie sie es empfindet, in ein Kunstwerk einzutauchen, in einen Haneke-Film oder ein Händel-Oratorium, dann könnte sie vielleicht nachvollziehen, warum Till sich zu etwas hingezogen fühlt, das ihm jeden Abend garantiert, was Kunst nur in ihren besten Momenten schafft.

Im Alter von 15 Jahren gehört Till nicht nur zu den weltweit zehn besten Spielern, sondern ist auch der jüngste von ihnen. Er zeigt seiner Mutter ein YouTube-Video, in dem der T90Official Tristan Berry einen seiner Spielauftritte lobend kommentiert.

Tatsächlich ist Till aber außerstande, sich vorzustellen, wie wenig von dem, was er sagt, bei seiner Mutter ankommt. So wie sie sich nicht vorstellen kann, was er alles weglässt und vereinfacht.
[…]
Aber mit jeder Sache, die Till erwähnt, muss er fünf weitere erklären, mit jeder Regel fünf ausnahmen. Während er das Gefühl hat, alles viel zu sehr zu vereinfachen, kennt seine Mutter sich immer weniger aus.

Im August fährt Till zur GamesCom nach Köln und lernt dort Tristan Berry persönlich kennen.

Feli

Till wird im September 16 Jahre alt, und sein sechstes Jahr am Marianum beginnt.

Er freundet sich mit den zwei Jahre jüngeren Schülerinnen Felicité („Feli“) und Josefina („Fina“) an – und verliebt sich in Feli.

Nachdem Feli sich eines Abends betrunken und wohl auch Drogen konsumiert hat, bringt Till sie nach Hause. Die Familie muss ungeheuer reich sein, denn sie wohnt in einer Villa mit Garten am Schwarzenbergplatz. Felis Mutter Alicia Exner-Diouf, deren Vorfahren aus dem Senegal stammen, fotografiert Tills Schülerausweis und droht ihm mit einer Anzeige, statt sich bei ihm zu bedanken.

Die Kulturabteilung der Stadt Wien schreibt im Februar 2018 einen Literaturwettbewerb für Schülerinnen und Schüler aus: „[w]Orte erzählen Geschichte[n]“. Die 100 besten Texte sollen auf der Website der Stadt veröffentlicht werden, die besten 20 auch als Buch. Bei der Pressekonferenz zur Ankündigung des Wettbewerbs fragt ein Journalist, ob es richtig sei, dass die Werbeagentur eines ehemaligen Pressesprechers der SPÖ-Wien den Auftrag für die PR erhalten habe und das Honorar das 75-fache des Preisgeldes betrage.

Feli, die sich im Gegensatz zu Till nicht für Computerspiele, sondern für Literatur interessiert, gewinnt den ersten Preis. Till schrieb auch etwas, und ohne sein Wissen reichte Feli es beim Wettbewerb ein. Weil sein Text unter den besten 100 ist, erfährt Dolinar davon und reagiert darauf in der nächsten Deutschstunde:

„Verstehst du, was ich sage, Kokorda?“
Till blickt auf.
„Das glaube ich nicht! Sonst würdest ned nach irgendan Schas schreiben über irgendein deppertes Videospiel!“ Er wedelt mit ein paar ausgedruckten Zetteln. „Hier sollst du anwesend sein, Kokorda, hier! Und ned in deinem depperten Informatiksaal und ned bei irgendwelchen Trutscherln aus der Lassner-Klasse. Und ganz sicher ned bei deinem bleden“ – der Dolinar sieht kurz hinunter – „Age of Empires“.
[…] Was hast du Texte zu schreiben für irgendwelche bleden Wettbewerbe, wenn du […] einen Fetzen auf die letzte Deutschschularbeit hast. Einen Fetzen auf Faust! […]“

Mit 15 gewinnt Feli den Exil-Schüler-Literaturpreis. Einer ihrer Texte wird in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht – und sorgt für einen Skandal, weil Feli dem Marianum Rassismus unterstellt. Darüber ereifert sich auch der vor vielen Jahren aus Ungarn geflohene Großvater des Mitschülers Palffy, ein Altmarianist:

Österreich ein rassistisches Land? Dass er nicht lache. […] Umso frecher, findet er, wenn ausgerechnet dem Marianum Rassismus vorgeworfen werde […]. Am Marianum ist egal, ob jemand Tscheche, Ungar, Spanier, Ägypter, Jugoslawe oder Türke ist, solange er sich das Schulgeld leisten kann. Das Marianum macht alle Schüler zu Österreichern, egal, woher sie kamen. Palffys Opa ist der beste Beweis dafür, denn er hat die letzte, die ultimative Stufe der Integration erreicht: über andere Ausländer zu schimpfen.

Prof. Clemens Exner-Ewarten, Felis Großvater, der zur gleichen Zeit wie Palffy das Marianum besuchte, weist darauf hin, dass Schüler wie Palffy auf Anweisung der Lehrerschaft ausgegrenzt wurden, denn es hieß, „die Ungarn seien Diebe und Delinquenten, wenn nicht sogar Kommunisten“.

Es war die Hölle!

Till fliegt für zehn Tage nach Schanghai zu einer Gaming-Messe, und sein Team wirft nicht nur das beste chinesische Team beim Halbfinale aus dem Turnier, sondern gewinnt auch das Finale.

Als Till 18 Jahre alt wird, erbt er von seinem Vater unter anderem zwei Wohnungen in Wien. Er zieht in eine der beiden geerbten Wohnungen, und während des Corona-Lockdowns wohnt auch Feli bei ihm. Für den Online-Unterricht ist das Marianum nur unzureichend ausgerüstet.

Trotzdem schließt Till die Schule mit der Matura ab und ist glücklich.

Er weiß nicht, dass es keine Happy Ends gibt.

Zufällig begegnet er auf der Straße seinem früheren Mitschüler Palffy. Der meint, im Nachhinein betrachtet, sei es schon cool gewesen, was Dolinar ihnen beigebracht habe. Till entgegnet:

„Spinnst du? Es war die Hölle, du Idiot!“

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Bei „Echtzeitalter“ handelt es sich um einen Bildungs- bzw. Pennäler-Roman und eine Coming-of-Age-Geschichte von Tonio Schachinger (*1992).

Ebenso wie Hermann Hesse („Unterm Rad“) und Robert Musil („Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“) thematisiert Tonio Schachinger in „Echtzeitalter“ den Konflikt zwischen dem schulischen Bildungsterror und der Individualität, zwischen den gesellschaftlichen Zwängen und der persönlichen Entwicklung. Tonio Schachinger Protagonist Till Kokorda, dessen Selbstfindungsprozess wir vom 14. und 18. Lebensjahr begleiten, flüchtet allerdings nicht in Fantasie und Literatur, sondern sucht seinen Rückzugsort im Computerspiel.

Tonio Schachinger baut auch die Pandemie und satirische Darstellungen der politischen Verhältnisse in Österreich (Korruption, Ibiza-Affäre) in seinen Roman „Echtzeitalter“ mit ein.

Beim Marianum des Romans dachte er wohl an das traditionsreiche Theresianum in Wien. Bei Tristan Berry (*1993) handelt es sich übrigens um eine reale Person.

Erstaunlich ist, dass Tonio Schachinger für „Echtzeitalter“ mit dem Deutschen Buchpreis 2023 ausgezeichnet wurde, denn er verzichtet auf formale Besonderheiten, und statt durchgehend zu inszenieren, setzt er auf eine herkömmliche Art des Erzählens. Unüblich ist allenfalls das Präsens.

Leseprobe:

Jetzt können sie schon vormittags fernsehen.
Sie sehen alle sieben Staffeln Seinfeld.
Sie sind sich näher, als es je zwei Menschen sein konnten.
Feli beginnt, Till hin und wieder Gutenachtgeschichten zu erzählen. Till hört auf, sich nach dem Sex sofort eine Unterhose anzuziehen. Und er möchte, dass Feli ihm die Chance gibt, sie von Computerspielen zu überzeugen.
Feli willigt ein. Till dampft seine Gedanken, was Feli gefallen könnte, über mehrere Tage zu einer Shortlit aus drei Titeln ein: Outer Wilds, Disco Elysium und Zelda: Breath of the Wild.
Er zeigt Feli kurze Trailer von allen drei und lässt sie entscheiden. Feli entscheidet sich, weil ihr das eine zu dark und andere zu spacig ist, für Zelda, das Spiel, das so heißt wie ihre Katze.
Till sucht seine Switch, schließt sie an, öffnet seinen alten Spielstand und zeigt Feli, wie man sich bewegt. Er drückt ihr den Controller in die Hand.
Sie geht ein bisschen herum und gibt ihm den Controller zurück.
Till startet ein neues Spiel und gibt ihr den Controller wieder.

Leider haben sich auch Grammatikfehler („Graffitis“) und Sprachschnitzer eingeschlichen, die offenbar vom Lektorat übersehen wurden. Mit dem Satz „In der vierten Klasse stirbt Tills Vater.“ meint Tonio Schachinger beispielsweise nicht, dass Michael Kokorda in der Schule stirbt, sondern dass Till die vierte Klasse besucht, als der Vater stirbt.

Den Roman „Echtzeitalter“ von Tonio Schachinger gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Johannes Nussbaum.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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"Unstimmigkeit unserer Existenz durch irgendeine Art von Selbstüberforderung, die zur Selbstentfremdung führt", das ist nur eines der Themen des ideenreichen, unerschöpflichen Romans "Stiller" von Max Frisch.
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