Helga Schubert : Vom Aufstehen

Vom Aufstehen
Vom Aufstehen Ein Leben in Geschichten Originalausgabe dtv Verlagsgesellschaft, München 2021 ISBN 978-3-423-28278-9, 222 Seiten ISBN 978-3-423-43897-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 80-jährige Schriftstellerin Helga Schubert blickt zurück, auf den Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung, das Leben in der DDR, die Wiedervereinigung und ihr erschreckendes Verhältnis zur Mutter. Das meiste dürfte autobiografisch sein.
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Kritik

Unter dem Titel "Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten" hat Helga Schubert 29 Erzählungen zusammengestellt, die bruchstückhaft ein Leben veranschaulichen. Die Kapitel sind unterschiedlich, sowohl im Stil als auch in der Qualität. Larmoyant ist keines.
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Im Krieg

Helgas Großvater mütterlicherseits war der älteste Sohn einer Bauernfamilie in Groß Tychow zwischen Kolberg, Belgard und Köslin in Hinterpommern, aber statt den Hof zu übernehmen, absolvierte er ein Lehrerseminar, gründete mit einer Elsässerin eine Familie, zeugte mit ihr eine Tochter und wurde Schulrektor in Berlin.

Wenige Wochen vor dem Zweiten Weltkrieg heiratete die inzwischen 25 Jahre alte Tochter, die zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger war. Am 7. Januar 1940 brachte sie in Berlin eine Tochter zur Welt. Sie war enttäuscht, denn sie hatte sich einen Sohn gewünscht.

Helga war noch keine zwei Jahre alt, als der Vater am 5. Dezember 1941 an der Wolga fiel. Er wurde nur 28 Jahre alt.

Wegen der Luftangriffe verließ die Mutter mit der Tochter 1944 Berlin und zog zu den Verwandten in Groß Tychow, aber Anfang 1945 mussten sie von dort vor der Roten Armee fliehen. Die Mutter schlug sich mit Helga nach Greifswald durch, zu den Schwiegereltern.

Meine Mutter hatte im Krieg alles verloren bis auf ihre Handtasche mit einem Taschentuch, wie ihre verhasste Schwiegermutter auf der Straße allen Leuten erzählte, als meine Mutter 1945 auf der Flucht aus Hinterpommern bei ihr ankam.

Bei der Ankunft in Greifswald litt die Fünfjährige an Scharlach, Ruhr und einer Mittelohrvereiterung.

Meine Mutter setzte sich mit ihrer Pistole an das Bett ihres Kindes und sagte zu ihm:
Wenn du jetzt stirbst, erschieße ich mich.
Aber ihr Schwiegervater legte die Tochter seines toten Sohnes auf einen Bollerwagen und zog sie zu seinem Freund ins Krankenhaus, einem Arzt, der sie am Ohr operierte unter Äthernarkose.

Der Schwiegervater meiner Mutter gab seiner Frau und meiner Mutter Gift und forderte sie auf, sich zu vergiften, sobald die Russen in der Tür stünden.

Nach dem Krieg zog die Witwe mit Helga zurück nach Berlin.

Nun war der Krieg zu Ende und meine Mutter eine einunddreißigjährige Witwe mit einem fünfjährigen Kind.
Sie zog zu ihren Eltern nach Berlin und arbeitete die nächsten neunundzwanzig Jahre bis zu ihrer Rente Tag für Tag.

Sie gab ihr Gehalt für Bücher aus; sie hatte im Krieg fast alles verloren. Nur die Handtasche mit einem Taschentuch und ich Fünfjährige waren ihr auf der Flucht geblieben.

Nie mehr gehörte ein Mann zu ihnen.

Ich glaube, das war die Zeit, als sie mich wie von Sinnen mit einem Bügel schlug, weil ich meinen Mantel nicht an den Garderobenhaken im Treppenflur gehängt, sondern über den Stuhl im Wohnzimmer gelegt hatte.

Die Großeltern in Greifswald

In den Sommerferien 1947 durfte Helga erstmals die Sommerferien bei ihrer Großmutter, einer 60-jährigen Schuldirektorin, in einer Greifswalder Obstbausiedlung verbringen.

Die Großmutter hatte zwei Jahre nach ihrem Sohn Gerd – Helgas Vater – auch den anderen Sohn verloren.

1945, bei der kampflosen Übergabe von Greifswald an die Rote Armee, war Helgas Großvater Dr. Karl K. mit dem SS-Führer Dr. Heinz K. verwechselt worden. Als die Sowjets im Speziallager Nr. 9 Fünfeichen in Neubrandenburg den Irrtum bemerkten, ließen sie den 58-jährigen Physik- und Mathematik-Lehrer laufen, wortwörtlich: zu Fuß kehrte er ins 70 Kilometer entfernte Greifswald zurück – und starb dort bald darauf an Typhus.

Das Leben in der DDR

1975 begleitet Helga ihren in Ostberlin aufgewachsenen 14-jährigen Sohn, der Förster werden möchte, zu einem Bewerbungsgespräch.

Haben Sie Verwandte ersten Grades im Westen? Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie gleich noch im Stehen danach frage, sagte der Direktor des Instituts für Forstpflanzenzucht Waldsieversdorf (es war im Sommer 1975).
Aber falls Sie Verwandte ersten Grades in der BRD (BRD, sagte er) haben, dann brauche ich Ihnen von meiner Sekretärin gar nicht erst einen Kaffee machen zu lassen, dann hat es gar keinen Zweck […].
Nein, sagte ich:
Ich habe keinen Bruder, keine Schwester, und als mein Vater starb, war ich ein Jahr. Ich habe eine Mutter, die lebt auch in der DDR, ich habe nur ein Kind, das steht hier, der Vater dieses Kindes lebt auch in der DDR, wir sind geschieden, und mein neuer Ehemann lebt auch in der DDR.
Dann ist gut, setzen Sie sich doch bitte, sagte der Direktor erleichtert und ließ mir Kaffee kommen.

Am Ende wird Helgas Sohn als Zehnter auf die Warteliste für die beiden in zwei Jahren angebotenen Mechanisator-Lehrstellen gesetzt.

Die Wiedervereinigung

Am 9. November 1989 sieht Helga das Brandenburger Tor erstmals von der anderen Seite.

Ich drehte mich um:
Oben an der Säule war ein Schild angebracht:
Platz vor dem Brandenburger Tor.
Für mich war es achtundzwanzig Jahre lang der Platz hinter dem Brandenburger Tor.

Die Mutter auf dem Sterbebett

Helgas Verhältnis zur Mutter war zeitlebens schwierig.

Schweigend standen die beiden Frauen nebeneinander in der Küche beim Brotschneiden.
Da sagte meine Mutter […] zu ihrer Tochter, die noch stillte, ganz ruhig:
Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.
Das hatten beide bis zum Tod meiner Mutter nicht vergessen.
Und die Tochter meiner Mutter vergisst es bis heute nicht.

2016 sitzt die Tochter am Bett der 101 Jahre alten Mutter.

Wir wollen noch ein bisschen leben, sagte meine Mutter zu mir, als sie mit hunderteins auf der Intensivstation lag, den weichen Sauerstoffschlauch im Nasenloch, die Infusion mit Elektrolyten im Arm, nach der Morphiumspritze gegen die Atemnot, das Fenster geöffnet […].

Bevor die Mutter stirbt, sagt sie zur Tochter:

Ich habe drei Heldentaten vollbracht, die dich betrafen. Erstens: Ich habe dich nicht abgetrieben, obwohl dein Vater das wollte. Und für mich kamst du eigentlich auch unerwünscht. Wir haben deinetwegen im fünften Monat geheiratet. Zweitens: Ich habe dich bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen im Treck bis Greifswald geschoben, und drittens: Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten. Dein Großvater verlangte nämlich von mir, dass ich mich vergifte oder erschieße. Gift und Pistole legte er vor mich auf den Tisch. […] Dann muss ich ja mein Kind vorher töten, habe ich zu ihm gesagt, das kann ich nicht. Da habe ich dich am Leben gelassen. Du warst eben dein ganzes Leben ein Sonntagskind, sagte meine Mutter zu mir, sechs Tage vor ihrem Tod.

Vom Aufstehen

Mehrmals kommt die 80-jährige Autorin auf ihren Ehemann H. zu sprechen, mit dem sie seit mehr als 50 Jahren zusammen lebt. Die Eheschließung am 24. Juni 1976 in Ostberlin war für sie beide die zweite gewesen. Inzwischen ist der alte Mann auf einen Rollstuhl angewiesen, und mehrmals am Tag kommen Pflegekräfte in die Wohnung.

Helga Schubert denkt:

[…] ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz.
Mein unveräußerlicher.
Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben.

Ich komme beim Älterwerden ganz langsam in der Gegenwart an. […]
Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an […].

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Unter dem Titel „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ hat Helga Schubert 29 Erzählungen zusammengestellt. Titelgebend ist die letzte.

Es heißt, „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ sei eine Hommage an Ingeborg Bachmann und deren siebenteiligen Zyklus „Das dreißigste Jahr“ (1961): „Ich sage dir: Steh auf und geh!“

Die 80-jährige Schriftstellerin blickt zurück, auf den Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung, das Leben in der DDR, die Wiedervereinigung und ihr Verhältnis zur Mutter. Das meiste dürfte autobiografisch sein.

Die Geschichten, die bruchstückhaft ein Leben veranschaulichen, sind unterschiedlich, sowohl im Stil als auch in der Qualität. Da gibt es banale Kapitel ebenso wie lebenskluge, nachdenkliche und bestürzende. Larmoyant ist keines. Die Sprache mancher Kapitel ist lakonisch-poetisch, und Absätze rhythmisieren das Lesen.

Helga Schubert vermeidet generell Personennamen. In einigen Erzählungen ersetzt sie sogar ein zu erwartendes „ich“ durch eine Formulierung wie „die Tochter meiner Mutter“. Das führt zu hölzernen, umständlichen und schwierig zu lesenden Textpassagen, wie zum Beispiel:

Ihre Tochter, die von meiner Mutter nicht vergiftet wurde, wie es der Schwiegervater 1945 vorschlug, das wäre dann so ein Goebbels-Kind gewesen.

Ja, ihre Tochter:
Sie war meiner Mutter fremd geblieben. Nach dem Tod ihrer Schwiegermutter schien ihr Geist geradewegs in diese Tochter hineingefahren zu sein.
Meine Mutter sagte versehentlich immer öfter Mutti zu ihrer Tochter, denn so hatte sie ihre Schwiegermutter immer genannt.
Eine Weile hatte meine Mutter ja gedacht, dass ihre Tochter die Hände, die Füße, den Gang, die Schultern, das Lachen vom Ehemann meiner Mutter geerbt haben könnte, aber mehr und mehr musste sie erleben, wie sie zu einem Ebenbild seiner Mutter, ihrer Schwiegermutter, wurde:
Dieses Besserwisserische, Rechthaberische, auch das Sparsame, das hat sie alles nicht von mir, sagte sie.

Einmal, als ihre Tochter zwanzig Jahre alt war und meine Mutter sechsundvierzig, sie noch in einer gemeinsamen Wohnung wohnten mit dem ersten Mann und dem neugeborenen Kind der Tochter, die mitten in den Prüfungen im Studium war und nur 150 Mark Stipendium bekam, wollte meine Mutter wieder etwas Geld borgen von ihrer Tochter […].

Helga Schubert räsoniert in „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ auch über das Schreiben dieser Erzählungen:

Was hier ist, ist überall, was nicht hier ist, ist nirgends, soll Buddha gelehrt haben. Dieser Satz macht auch beim Schreiben Hoffnung, denn wenn er stimmt, ist nichts unwichtig, wenn ich es nur genau genug betrachte. Im kleinsten könnte ich die Gesetze des Lebens erkennen und die Lebensläufe und die Konflikte auch für Menschen weit entfernt zur gleichen Zeit oder in Jahrhunderten vergleichbar machen, verständlich.
Aber dazu gehören das Hinsehen und das Erschrecken, dass in der Welt der Menschen nichts einfach gut oder böse ist, dass jeder, auch die, die schreibt, gut und böse ist, erschöpft und wach, verzeihend und nachtragend, hasserfüllt und liebend, verletzend und verwundbar.
Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel. Die guten Geschichten sind wie das Leben tragikomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie, aus der Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis. Und alles in dem Moment, in dem ich mich auf eine Sicht eingelassen hatte.
Nichts ist klar so oder so, erfahre ich beim Schreiben oder spätestens beim Lesen.

Ist es nicht anmaßend, sich so ernst zu nehmen? Woher kommt die Überzeugung, gerade diese Begebenheit könnte auch nur einen einzigen Leser, eine einzige Leserin aufhorchen lassen? Woher kommt die Kraft, um die Aufmerksamkeit dieser anderen Menschen zu bitten, ihre Zeit und ihr Interesse zu beanspruchen?
Wissen sie nicht alles, sind sie nicht schon erwachsen, lebenserfahrener, sind sie nicht raffinierter im Geschmack, werden sie sich nicht langweilen, werden sie nicht spotten, heimlich oder ganz offen, werden sie die Geschichtenschreiberin nicht einfach verscheuchen?
Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.

„Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ von Helga Schubert gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ruth Reinecke.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © dtv Verlagsgesellschaft

Helga Schubert (kurze Biografie)

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