Robert Seethaler : Das Café ohne Namen

Das Café ohne Namen
Das Café ohne Namen Originalausgabe: Claassen / Ullstein Buchverlage, Berlin 2023 ISBN 978-3-546-10032-8, 288 Seiten ISBN 978-3-8437-2901-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Alter von 31 Jahren versucht der Gelegenheitsarbeiter Robert Simon etwas Neues und eröffnet 1966 am Wiener Karmelitermarkt ein Café ohne Namen. Einfache Leute aus dem Glasscherbenviertel werden seine Stammgäste. Nach zehn Jahren muss Robert Simon aufgeben, weil Immobilien-Spekulanten das Gebäude kaufen und seinen Pachtvertrag kündigen.
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Kritik

In seinem Roman "Das Café ohne Namen" geht es Robert Seethaler weder um Gesellschaftskritik noch um eine Milieustudie. Stattdessen bietet er mehr oder weniger zeitlose Miniaturporträts von einfachen Menschen. Robert Seethaler setzt nicht auf "Action" und vermeidet jede inhaltliche oder stilistische Effekthascherei.
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Robert Simon

Robert Simon wurde 1935 in Wien geboren.

An dem Tag, als er mit einem Stück Brot und einem Schreibheft in der Hand zum ersten Mal die Volksschule in der Malzgasse betrat und auf seinen Platz zwischen dreiundvierzig anderen Kindern gesetzt wurde, war der Krieg in vollem Gange, und nicht einmal drei Jahre später verwandelten die Alliiertenbomber an einem frühen Morgen das Schulgebäude mitsamt dem darunterliegenden Luftschutzkeller in einen schwarzen, rauchenden Haufen.

Der Vater fiel im Krieg. Drei Monate später starb die Mutter an einer Blutvergiftung, und Robert kam in ein Heim der Barmherzigen Schwestern für Kriegswaisen. Nachdem er dann noch einige Zeit in einem Wohnheim der Volkshilfe gewohnt hatte, nahm ihn die Kriegerwitwe Martha Pohl als Untermieter auf.

Seit sieben Jahren schlägt sich Robert Simon mit Gelegenheitsarbeiten auf dem Karmelitermarkt in der Leopoldstadt durch. Im Spätsommer 1966 schließt der 31-Jährige mit dem Hauseigentümer Kostja Vavrovsky einen Pachtvertrag und übernimmt das ehemalige Marktcafé, ein düsteres, heruntergekommenes Lokal. Das Angebot bleibt beschränkt:

Kaffee. Limonade. Himbeersoda, Bier und Wein aus Stammersdorf und Gumpoldskirchen, rot und weiß. Zum Essen gibt es Schmalzbrot mit oder ohne Zwiebel, frische Gurken und Salzstangen.

Mila

Bald darauf bemerkt der mit Robert Simon befreundete Fleischermeister Johannes Berg eine junge Frau, die vor Erschöpfung auf der Straße zusammenbricht.

Mila Szabica, die Tochter von Apfelbauern aus der Südsteiermarkt, kam vor einigen Jahren nach Wien, um als Hilfsnäherin bei der Feintextilfabrik in Floridsdorf anzufangen. Vor einigen Wochen wurde sie entlassen. Die Chinesen seien im Anmarsch, erklärte der Prokurist auf einer Betriebsversammlung, da könne man nichts machen. Seither sucht Mila vergeblich nach Arbeit. Vor der Metzgerei am Karmelitermarkt wird sie ohnmächtig. Der Fleischermeister hilft ihr auf, überquert mit ihr die Straße und ruft in das Café ohne Namen:

„Simon, ein Soda! Und ein paar Salzgurken dazu.“

Johannes Berg schlägt Robert Simon vor, die Arbeitslose als Kellnerin einzustellen, und so geschieht es.

Rasch lernt Mila die Stammgäste des Cafés kennen: René Wurm, einen Ringer vom Heumarkt, der seine besten Zeiten hinter sich hat, den Fischhändler Frank Wessely, Harald Blaha, einen frühpensionierten Gaswerkskassier, Rose Gebhartl, die auf eine Herrenbekanntschaft hofft, die verwitwete Milch- und Käsehändlerin Heide Bartholome und ihren 15 Jahre jüngeren Lebensgefährten Mischa Troganjew, einen Maler, der eigentlich Wjatscheslaw Michailowitsch Troganjew heißt und aus Russland stammt.

Sie bestellten noch eine Runde, und als Mila sich über den Tisch beugte, um die Gläser abzustellen, legte Wessely seine Hand auf ihren Arm.
„Lass das“, sagte René leise.
Wessely zog seine Hand zurück. Mit ein paar schnellen Bewegungen räumte Mila die Gläser ab und ging.
„War doch nur Spaß“, sagte Wessely. „Man wird doch ein bisschen Spaß machen dürfen, oder?“
„Kann mich gar nicht mehr halten vor Lachen.“
„Wollt ihr was sehen?“, rief Harald Blaha. „Dann passt einmal auf!“ Er zog an seinem Unterlid und stach mit dem Zeigefinger tief in den Hohlraum unter seinem Auge.
„Lass es stecken“, rief Wessely.
„Ja, lass es drin“, sagte René.
„Es ist immer dasselbe“, sagte Blaha. „Wenn jemand was für die Stimmung macht …“
„Ein Glasauge ist noch lange keine Stimmung“, sagte René.

Eine von zwei regelmäßigen Besucherinnen des Cafés, deren Namen wir nicht erfahren, deren Gespräche wir aber mehrmals belauschen, meint:

Wir sind in Wien, da ist jeder nette Mensch verdächtig.

Im Winter 1969/70 fällt die Heizung bei minus 17 Grad aus. Robert Simon schaut mit Kostja Vavrovsky nach dem Heizkessel, und dem Hauseigentümer gelingt es, ihn wieder ans Laufen zu kriegen, aber nun lässt sich die Heizung nicht mehr drosseln, und die Hitze wird bald unerträglich. Also geht Robert Simon am 7. März 1970 erneut in den Keller und macht sich am Heizkessel zu schaffen – bis das alte Gerät zerbirst. Robert Simon überlebt die Explosion, verliert dabei aber drei Finger der rechten Hand.

Eineinhalb Jahre nachdem Mila sich erstmals auf einen Spaziergang mit dem Ringer René Wurm eingelassen hat, zieht er bei ihr ein, und sie wird schwanger. Daraufhin heiraten die beiden in der Leopoldskirche. Das Kind kommt allerdings tot zur Welt.

Toni Morandino, bei dem René Wurm seit 12 Jahren unter Vertrag steht, will den Ringer nicht länger beschäftigen, der unlängst entgegen der Abmachung seinem 1938 geborenen Gegner Bernie „Bonecrasher“ Preston (eigentlich: František Fraštenský) unterlag.

Dreißig Sekunden noch. René warf sich nach vorne und bekam die Seile zu fassen. Während er sich hochzog, spürte er, wie Bernie ihn von hinten mit einem Kreuzgriff umklammerte und den Kopf an seine Schulter presste. Er spürte seine Bartstoppeln am Hals und seinen warmen Atem im Ohr. „Jetzt du“, flüsterte Bernie Preston mit böhmischem Akzent. „Sonst zu spät.“

Jascha

Eines Tages kommt eine junge Frau mit einer verletzten Taube ins Café, aber Robert Simon kann nichts für den Vogel tun: er ist bereits tot.

Jascha sitzt nun jeden Abend im Café. Sie sei Mitte der Sechzigerjahre als 15-Jährige mit ihren Eltern aus Jugoslawien nach Wien gekommen und habe die Stadt von Anfang an gehasst, behauptet sie, aber bald darauf verheddert sie sich in ihren Erklärungen. Ungeachtet dessen verliebt Robert Simon sich in Jascha.

„Was seid ihr Männer eigentlich für Idioten“, sagte Mila. „Sie kommt fünfmal die Woche, besäuft sich und bezahlt keinen Groschen dafür. Sie ist dürr wie ein Grashalm, hat dreckige Fingernägel und redet wirres Zeug. Hast du die Tabletten gesehen?“

Mila ist überzeugt, dass Jascha in die Kasse greift und weist Robert Simon darauf hin, dass Jascha auch bei größter Hitze lange Ärmel trägt. Mila findet sie eines Abends in der Toilette und ruft ihren Chef.

Auf dem Boden neben der Kloschüssel saß Jascha und blickte ihn mit ausdruckslosen Augen an. Ihr linker Arm lag ausgestreckt in ihrem Schoß, der Ärmel ihrer Bluse war hochgekrempelt, der Unterarm war von der Ellenbeuge bis zum Handgelenk überzogen von frischen, halbfingerlangen Schnitten, aus denen Blut sickerte. Der Boden war gesprenkelt mit kreisrunden Blutstropfen. In ihrer Rechten hielt sie eine Rasierklinge.

Wenn er später in seinem Leben an Jascha zurückdachte, kam sie ihm unwirklich vor, und er fragte sich, ob er sie nicht erfunden hatte.

Ausklang

Kostja Vavrovsky verkauft das Gebäude am Karmelitermarkt, in dem sich das Café ohne Namen befindet. Als er mit den unterzeichneten Papieren nach Hause geht, bricht er auf der Marienbrücke mit einem Herzanfall zusammen. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus lässt er Robert Simon kommen.

„Im Grunde hab ich mit dem Haus nichts zu schaffen gehabt“, hatte er ihm erklärt. „Hab’s bloß geerbt, nicht verdient. Jetzt ist es weg. Ich hab’s ja versucht. Hab alles getan, was ich konnte, auch wenn’s nicht viel war. Aber Schulden sind wie der Krebs.“

Die neuen Eigentümer kündigen sogleich den Pachtvertrag. Am 31. Juli 1976 lädt Robert Simon zu einem Abschiedsfest ein. Am Tag darauf stürzt die Reichsbrücke ein, die als einzige Wiener Donaubrücke den Zweiten Weltkrieg überstand.

Drei Wochen nachdem Robert Simon die Schlüssel des Cafés abgegeben hat, besucht er die demente Kriegerwitwe Martha Pohl im Pflegeheim.

Vor ein paar Wochen hatte er noch gedacht, sie blicke ihn an, wenn er mit ihr sprach. Geredet hatte sie auch da schon nichts mehr.

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In seinem Ende der Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre spielenden Roman „Das Café ohne Namen“ erzählt Robert Seethaler von einer kleinen Gaststätte am Wiener Karmelitermarkt, dessen Stammgäste einfache Leute aus der Gegend sind. Seine Eltern und Großeltern stammen aus dem Karmeliterviertel, das bis zur Gentrifizierung ein Glasscherbenviertel war. Dass der Protagonist Robert Simon, der den gleichen Vornamen und die gleichen Initialen wie der Autor hat, sein „Café ohne Namen“ in Robert Seethalers Geburtsjahr 1966 eröffnet, ist gewiss kein Zufall.

Mit Robert Simon präsentiert der Schriftsteller keine tragische Heldenfigur, sondern einen Gelegenheitsarbeiter, der mit der Eröffnung eines bescheidenen Cafés etwas Neues versucht und ihm nicht nachtrauert, als er es nach zehn Jahren aufgeben muss, weil Immobilien-Spekulanten das Gebäude kaufen und seinen Pachtvertrag kündigen.

In seinem Roman „Das Café ohne Namen“ geht es Robert Seethaler weder um Gesellschaftskritik noch um eine Milieustudie. Stattdessen bietet er mehr oder weniger zeitlose Miniaturporträts von einfachen Menschen. Robert Seethaler setzt nicht auf „Action“ und vermeidet jede inhaltliche oder stilistische Effekthascherei. Hin und wieder erlaubt er sich tragikomische Einsprengsel. Er schreibt ruhig, unsentimental und bewusst unspektakulär.

Den Roman „Das Café ohne Namen“ von Robert Seethaler gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

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