Robert Seethaler : Der letzte Satz

Der letzte Satz
Der letzte Satz Originalausgabe Hanser Berlin, Berlin 2020 ISBN 978-3-446-26788-6, 126 Seiten ISBN 978-3-446-26875-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Wir beobachten Gustav Mahler an zwei aufeinander folgenden Tagen frühmorgens auf seiner Schiffsreise von New York nach Cherbourg wenige Wochen vor seinem Tod am 18. Mai 1911. Am Ende seines Lebens denkt der Kranke wehmütig über seine Versäumnisse nach.
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Kritik

Der vor allem aus Erinnerungen und Reflexionen der Hauptfigur komponierte Roman "Der letzte Satz" von Robert Seethaler dreht sich am Beispiel eines Künstlers um Versäumnisse und Verunsicherung, Verfall und Tod.
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Tag 1 der Rahmenhandlung

Gustav Mahler verlässt mit seiner Frau Alma und der sechsjährigen Tochter Anna New York und kehrt auf der „Amerika“ nach Europa zurück.

Die Rahmenhandlung beginnt am sechsten Tag auf See. Während Alma und Anna unter Deck frühstücken, liegt Mahler in Decken eingehüllt auf dem Sonnendeck. Ein Schiffsjunge hat den Auftrag bekommen, nach dem „Herrn Direktor“ zu schauen und ihm beispielsweise Tee zu bringen.

Der Tee war heiß, und er trank langsam. Das war das Einzige, was er heute zu sich nehmen würde. Er fühlte schon lange keinen Hunger mehr, vielleicht würde er morgen wieder essen.

Erinnerungen

Gustav Mahler geht davon aus, dass dies seine letzte Reise sein wird. Wehmütig lässt er sein Leben Revue passieren.

Er war […] eine Legende: der größte Dirigent seiner Zeit und vielleicht aller Zeiten, die noch kommen mochten. Doch diesen Ruhm bezahlte er mit dem Desaster eines sich selbst verzehrenden Körpers.

Im Frühjahr 1897 wurde der Komponist und Dirigent zum Wiener Hofoperndirektor ernannt.

In der ersten Saison dirigierte er hundertneun Aufführungen, in der letzten waren es immer noch an die fünfzig. Vor seiner Zeit hatten die Sänger und Sängerinnen steif und ungerührt an der Rampe gestanden und ins Publikum hinunter gesungen. Nun mussten sie lernen, sich als Teil eines umfassenden Ganzen zu begreifen und dementsprechend einzuordnen. Der neue Direktor verlangte nicht mehr und nicht weniger, als dass sie ihren Körper und ihre Persönlichkeit (beziehungsweise das, was sie dafür hielten) in Bewegung setzten und zu spielen begannen. Wer das nicht wollte oder konnte, wurde in den Chor eingegliedert oder gefeuert. Er vertrieb die Claqueure, verdunkelte den Zuschauerraum und legte den kompletten Orchesterraum tiefer, um die Sicht auf die Bühne zu verbessern.

Vier Jahre später, am 7. November 1901, begegnet Gustav Mahler bei einem Wiener Gesellschaftsabend im Salon der Schriftstellerin Bertha Zuckerkandl-Szeps der 19 Jahre jüngeren Alma Schindler. Am 9. März 1902 lassen sie sich in der Karlskirche in Wien trauen.

Zwei Tage nach der Hochzeit besteigt das Ehepaar einen Zug und reist nach Sankt Petersburg, wo Gustav Mahler im Saal der Adelsversammlung drei Konzerte dirigieren soll. Während der mehrtägigen Fahrt leidet er unter Migräne.

Zu diesem Zeitpunkt ist Alma bereits schwanger. Am 3. November 1902 bringt sie Maria zur Welt. Eineinhalb Jahre später, am 15. Juni 1904, folgt die Tochter Anna.

Als Gustav Mahler im Sommer 1906 mit Maria auf dem Rücken weit auf den Wörther See hinaus schwimmt, gerät Alma außer sich.

Im Mai 1907 reicht der Hofoperndirektor sein Demissionsgesuch ein. Im Monat darauf unterschreibt er einen Vier-Jahres-Vertrag mit der Metropolitan Opera in New York.

Kurz nachdem Anna sich von einer Scharlach-Erkrankung erholt hat, stirbt ihre viereinhalbjährige Schwester Maria am 12. Juli 1907 in Maiernigg an Diphterie.

Im Winter danach reist Gustav Mahler auf der „Auguste Victoria“ über den Atlantik, um sein Engagement an der Metropolitan Opera anzutreten.

Als Gustav Mahler mit seiner Familie 1910 von seiner dritten Saison in New York zurückkommt, legen sie vor der Weiterreise einen Zwischenaufenthalt in Paris ein, denn Almas Stiefvater Carl Moll hat anlässlich des bevorstehenden 50. Geburtstags des Musikers bei Auguste Rodin eine Büste in Auftrag gegeben, und Mahler muss deshalb dem Bildhauer Modell sitzen, was er nur widerwillig tut.

Im Sommer 1910 stellt er Alma auf dem Weg nach Toblach zur Rede, denn er hat einen Liebesbrief an sie gelesen, der irrtümlicherweise an ihn adressiert war. [Bei dem Absender, den die Romanfigur Gustav Mahler nur den „Baumeister“ nennt, handelte es sich um Walter Gropius.]

„Wirst du ihn wiedersehen?“, fragte er unvermittelt.
„Und wenn es so wäre?“, sagte sie. „Ich bin eine Frau. Er ist ein Mann. So einfach ist das. Davon hast du natürlich keine Ahnung. Mit solchen Dingen beschäftigt sich ein Genie nicht. Damit will man nichts zu tun haben, wenn man immer nur nach dem Höchsten strebt.

Alma Mahler fühlt sich schon lange als Opfer eines Genies, glaubt, der berühmte Musiker beachte sie viel zu wenig, obwohl sie alles für ihn aufgab. (Während der Schiffsreise im folgenden Frühjahr denkt Gustav Mahler, dass Alma ihn verlassen hätte, wenn nicht mit seinem baldigen Tod zu rechnen wäre.)

Drei Wochen nachdem er sich Almas Vorwürfe anhörte, fährt Gustav Mahler Rat suchend mit dem Zug nach Leiden in den Niederlanden, wo Sigmund Freud mit seiner Familie Urlaub macht. Aber der Psychoanalytiker meint nur:

„An Ihrer Persönlichkeit wurde vielleicht ein bisschen gerüttelt. Ansonsten sind Sie putzmunter und vor allem kein kleines Kind mehr.“

„Und besorgen Sie sich einen Pullover. Es zieht in diesen Waggons, vor allem an den Fensterplätzen.“

Am 12. September 1910 leitet Gustav Mahler die Uraufführung seiner 8. Sinfonie in einer für 4000 Besucherinnen und Besucher ausgelegten Festhalle [die heute Teil des Deutschen Museums ist]. Schon die technische Vorbereitung war ein Kraftakt: Damit der Boden nicht knarrte, riss man das Parkett heraus und ersetzte es durch Beton. Für die 180 Musiker, acht Gesangssolistinnen und -solisten, 500 Chorsängerinnen und -sänger sowie 350 Kinder der Münchner Singschule wurden Podien gebaut. Zur Verärgerung Gustav Mahlers prägte der Konzertagent Emil Gutmann im Vorfeld die werbeträchtige Bezeichnung „Sinfonie der Tausend“.

Bei seiner letzten Atlantiküberquerung in westlicher Richtung auf der „Kaiser Wilhelm II.“ arbeitet Gustav Mahler fast die ganze Zeit in der Kabine.

Eine Neuinszenierung von Tschaikowskys Pique Dame an der Metropolitan Opera musste vorbereitet, über vierzig Konzerte mit den Philharmonikern mussten programmiert, entsprechende Partituren studiert und Instrumentalisten gefunden werden.

Tag 2 der Rahmenhandlung

Gustav Mahler lässt sich noch vor Sonnenaufgang zum Deck hinauftragen.

[…] immer häufiger hatte er sich in letzter Zeit von fremden Menschen tragen, waschen, anziehen und ins Bett bringen lassen müssen […]

Nach einiger Zeit meldet ihm der Schiffsjunge, seine Ehefrau dränge darauf, dass er ins Warme komme. Mahler lässt ausrichten, dass er noch eine halbe Stunde an Deck bleiben wolle.

Aber kurz darauf bricht er zusammen.

Ein halbes Jahr später

Ein halbes Jahr später, im Herbst 1911, sieht der inzwischen in den Docks arbeitende Schiffsjunge auf einer fünf Monate alten, zum Feuermachen in einem Café herumliegenden Zeitung ein Foto des von ihm auf der „Amerika“ betreuten Passagiers und bittet den Wirt, ihm zu übersetzen, was da steht. Es heißt, der Mann, ein Musiker, sei gestorben.

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Wer erwartet, in „Der letzte Satz“ mehr über Gustav Mahler zu erfahren, wird enttäuscht sein. Robert Seethaler strebt weder ein Porträt noch eine Biografie des Komponisten und Dirigenten an, und auf die Musik geht er überhaupt nicht ein. Dazu lässt er die Romanfigur Gustav Mahler sagen:

„Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“

Obwohl es in „Der letzte Satz“ um existenzielle Fragen geht, geschieht in der Rahmenhandlung äußerlich so gut wie nichts. Der Roman besteht im Wesentlichen aus Reflexionen und Erinnerungen des Protagonisten Gustav Mahler. (Dabei fügt Robert Seethaler mitunter auch noch Erinnerungen in die Rückblenden ein und verschachtelt sie.) Wir beobachten Gustav Mahler an zwei aufeinander folgenden Tagen frühmorgens auf seiner Schiffsreise von New York nach Cherbourg wenige Wochen vor seinem Tod am 18. Mai 1911. Am Ende seines Lebens denkt der Kranke über seine Versäumnisse nach, und Robert Seethaler hält sich dabei konsequent an die subjektive Perspektive seiner Hauptfigur.

Ein Vergleich mit Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ und Luchino Viscontis – mit Musik aus Gustav Mahlers 3. und 5. Sinfonie untermalter – Verfilmung „Tod in Venedig“ drängt sich auf. Bei der Hauptfigur, dem Künstler Gustav Aschenbach, soll Thomas Mann an Gustav Mahler gedacht haben. Diese Novelle dreht sich ebenso wie „Der letzte Satz“ um Versäumnisse und Verunsicherung, Verfall und Tod. Hier wie dort ist der Künstler einsam und lebensfremd. Luchino Visconti erklärte:

„Das wirkliche Thema des Films ist die Suche des Künstlers nach Vollendung und die Unmöglichkeit, je Vollendung zu finden; in dem Augenblick, in dem der Künstler zur Vollendung findet, erlischt er.“

Formal und stilistisch gibt es allerdings zwischen der Novelle „Der Tod in Venedig“ bzw. dem Film „Tod in Venedig“ und dem Roman „Der letzte Satz“ keine Ähnlichkeit.

Wenn sich Gustav Mahler daran erinnert, wie er Auguste Rodin Modell für eine Büste saß, wirkt das in „Der letzte Satz“ wie ein Sketch im Kleinkunsttheater, und als er bei Sigmund Freud Rat sucht, reduziert Robert Seethaler das auf eine lächerliche Warnung des Psychoanalytikers vor Zugluft während der Bahnfahrt. Das ist das Gegenteil eines Aufpumpens mit Bedeutsamkeit. Aber der schmale Roman wirkt deshalb auch eher wie eine Fingerübung.

Den Roman „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Matthias Brand.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Hanser Berlin

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Raoul Schrott - Das schweigende Kind
Mit dem Thema Kindesentzug und väterliches Besuchsrecht setzt Raoul Schrott sich ausschließlich literarisch auseinander. Die Sprache, die er für "Das schweigende Kind" gewählt hat, ist anspruchsvoll, geschliffen und pathetisch.

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